Xeldar

(c) Stephanie Katharina Braun – Für Alexander

Es war ruhig in den Monte Dragoni – so wie immer. 

Die Sonne stand hoch am Himmel und ihre Strahlen erleuchteten die Drachenhöhle hoch oben im Berg.

Dort hockte Xeldar auf seinem Schatz. Er liebte es, wenn sein Gold und die Edelsteine im Sonnenlicht funkelten.

Da türmten sich Juwelen von Prinzessinnen auf Bergen von Gold aus königlichen Schatzkammern und obenauf sogar eine Kaiserkrone.

Plötzlich legte sich ein dunkler Schatten über die Krone.

Verärgert wandte Xeldar sich zum Höhleneingang. Wagte eine Wolke ihn zu stören?

Doch der Himmel war weiterhin strahlend blau und die Sonne lachte ihn an. Sein Blick fiel auf den gegenüberliegenden Felsen.

Zornig stieß er eine Rauchwolke aus.

Dort hatte es sich ein fremder Drache bequem gemacht.

Xeldar eilte hinaus.
Im Freien stieß er sich ab und flog lautlos wie ein Vogel durch die Lüfte.


Seit ewigen Zeiten schon lebte Xeldar in den Monte Dragoni und nie hatte es auch nur ein Drache gewagt, seine Ruhe zu stören. Die einzige Gesellschaft, die ein Drache für gewöhnlich zu schätzen weiß, ist die Anwesenheit von Gold und Juwelen.

Xeldar umkreiste den Fremden.

Jener schien ihn nicht zu bemerken, sondern zu schlafen.

Diese Missachtung erzürnte Xeldar umso mehr.

Er hüllte ihn in eine Rauchwolke und zog seine Kreise enger um den Eindringling.

Langsam regte sich der andere Drache, streckte seine Glieder, erhob sich schwerfällig und sah sich um.

Der Rauch verzog sich und gab den Blick auf Xeldar frei.

Der fremde Drache breitete seine Schwingen aus und erhob sich in die Lüfte.

Dies war für Xeldar der rechte Moment für seinen Angriff.

Im Sturzflug fegte er auf den anderen herab. Einen Feuerstrahl zum Gruß.

Das Feuer erhitzte den Drachenpanzer, verletzte ihn aber nicht.
Der Fremde gewann an Höhe. Xeldar griff erneut an.

Er bekam dessen Schwanz zu packen und krallte sich hinein.

Der Andere schrie, mehr vor Zorn, als vor Schmerz. Er umklammerte Xeldar und gemeinsam sanken sie zu Boden.

Ein fürchterlicher Kampf entbrannte, zu Boden und in den Lüften.

Beide Drachen waren stark, ebenso ihre Panzer, die sie schützten.

Am verwundbarsten ist bei Drachen der Hals und genau dort gelang es Xeldar, den anderen zu treffen.

Verletzt lag der Fremde am Boden.

Xeldar triumphierte und scharrte im weichem Sand.

Er konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass der andere hier auf seinem Boden liegen blieb. So begrub er den Lebendigen.

Schließlich flog er blindlings davon.

Nach einiger Zeit spürte er, dass auch er nicht unverletzt geblieben war. Die Wunde an seinem rechten Flügel zwang ihn zur Landung.

Er begab sich in eine nahe gelegene Höhle, um dort zu ruhen.

Etwas Klebriges verfing sich an seinem Hornkamm.

Genervt mühte der Drache sich frei zu kommen, aber es wurde nur schlimmer. Dünne Fäden blieben an ihm haften, doch der starke Drache vermochte nicht, sie zu zerreißen.

Eine lachende Stimme gellte an sein Ohr. „Hahaha, da ist uns ja ein riesiger Drache ins Netz gegangen. Seht euch das an Freunde!“

Ja, dagegen ist unsere Riesenfliege gar nichts!“

Wo war er? Wer waren diese Fremden? Was war eine Riesenfliege?

Der Drache fühlte sich zum ersten Mal in seinem Leben hilflos. Drachen waren niemals hilflos. Einzig ein anderer Drache vermochte stärker zu sein, so wie er, Xeldar, heute der Stärkere gewesen war.

Er fauchte und im Scheine seines Feuers erkannte er die Lebewesen, die über ihn lachten.

So etwas hatte er noch nie gesehen.

Körperlose Wesen, die nur aus acht langen dünnen Beinen bestanden. Wozu so viele Beine, wenn sie so wenig zu tragen hatten?

Willkommen großer Drache. Ihr seid in die Falle getappt und nun gefangen in unserem Spinnennetz. Seht dort drüben die Riesenfliege, wie sie zappelt. Immer weiter verstrickt sie sich dabei in das Netz. Sie sollte unser Festmahl sein. – Nun seid Ihr da! Aber ich fürchte, Ihr eignet Euch nicht. Wir könnten Euch befreien. Aber was wird dann?“

Verwirrt lauschte der Drache.

Es war nicht unsere Absicht, Euch zu fangen, allerdings wissen wir nichts über Eure Absichten. Was führt Euch hierher?“

Glaubten sie, er wolle sie fressen? So wie er für sie zu groß war, so waren sie ihm zu klein. Diese dünnen Beinchen schmeckten sicher nicht.

Xeldar wollte nur eins, dieses klebrige Zeug loswerden.

Ich war auf der Suche nach einem Nachtlager. Wenn ich gewusst hätte, dass diese Höhle bewohnt ist, wäre ich nicht hier her gekommen. Ich liebe meine Ruhe.“

Soso, Ihr lebt also allein?“
„Genau. Wenn ihr die Freundlichkeit hättet, mich zu befreien, bekommt ihr Eure, und ich meine Ruhe zurück.“

Die Spinnen schwiegen für einen Moment, schienen zu überlegen, was zu tun sei, dann sprachen sie: „Wann haben wir schon mal einen Drachen zu Besuch. Er soll noch bleiben, wir wollen mehr von ihm wissen.“

Was wollt ihr wissen?“ Irgendwie gefielen ihm diese Wesen.

Niemandem drohte Gefahr und so entspannten sich alle. Selbst die Riesenfliege gab auf, sich befreien zu wollen und lauschte im Angesicht des Todes der gewaltigen Stimme des Drachen.

Wo lebst du, riesiger Drache? Was machst du so? Wer sind deine Freunde?“

Das sind viele Fragen auf einmal. Ich werde sie beantworten, während Ihr vielleicht so freundlich wärt, mich von diesem klebrigen Zeug zu befreien.“

Sogleich machten sich die Krabbeltierchen ans Werk. Trotz der harten Schuppen, kitzelten sie ihn dabei ein wenig. Aber es war angenehm und seine Laune besserte sich.


„Nun denn, Drachen leben allein. Irgendwann werde ich mir für eine Zeitlang ein Drachenweibchen suchen. Aber das hat noch Zeit. Ich lebe in einem großen Gebirge. Dort habe ich ausreichend Platz und eben meine Ruhe. Einen riesigen Schatz habe ich dort. Fragt gar nicht erst, ich werde Euch nicht sagen wo. Es sind herrliche Edelsteine darunter, Goldschmuck und vieles mehr.“

Ein Schatz zu haben, wäre großartig, aber so ganz allein?

Da ist uns die Familie der größte Schatz.

Eine schreckliche Vorstellung, so alleine zu sein.

Ihr könnt doch mit niemandem reden. Seid Ihr da nicht schrecklich einsam?“

Bisher hatte Xeldar sich nie einsam gefühlt. Ja, nicht einmal gewusst, was das war. Reden, wozu sollte das gut sein?

Aber je länger er hier in diesem Netz gefangen hing und sich mit den Beinchen unterhielt, umso wohler fühlte er sich.

Vielleicht lag das auch einfach nur daran, dass sie ihn fast befreit hatten.

Sagt mal, Drache. Was treibt Ihr denn den ganzen Tag so allein in Eurem riesigen Gebirge?“

Xeldar hatte immer viel zu tun. „Ich bewache meinen Schatz!“

Vor wem denn, wenn keiner da ist?“

Oh, selten, aber manchmal verirrt sich jemand in mein Gebirge. Gerade heute kämpfte ich gegen einen anderen Drachen. Ich sage euch, das war ein Kampf.“

Zu gerne hätte er ihnen von seinem Sieg berichtet, sie wären sicher stolz auf ihn gewesen, aber sie ließen ihn nicht. Gerade krabbelten sie über seine Schnauze und baten ihn still zu halten, damit sie seinen Kopf befreien konnten.

Ein seltsames unbekanntes Gefühl überkam ihn, während er so stumm da hockte und an diesen fremden Drachen dachte.

Und sonst macht Ihr gar nichts? Ist das nicht langweilig?“
„Langweilig, bei solch einer Pracht? Nein. Aber von Zeit zu Zeit mache ich mich auf, um weitere Stücke für meinen Schatz zu rauben und mir Nahrung zu suchen. Leider habe ich keine solch praktischen Netze, die mir diese Arbeit abnehmen.“
„Und wer bewacht Euren Schatz, wenn Ihr nicht da seid Drache?“

Das war eine gute Frage mit der Xeldar sich selbst schon oft gequält hatte. Diese kleinen Tierchen waren schon zu beneiden. Sie hatten einander, konnten sich helfen und miteinander reden. Dieses Gespräch gefiel ihm immer mehr.

Vielleicht sollte er …

Die Spinnen rissen ihn aus seinen Gedanken: „Edler Drache, Ihr seid frei.“

Habt Dank liebe Spinnen, aber nun habe ich es eilig. Ich muss dringend noch etwas erledigen.“

Vorsichtig verließ Xeldar die Höhle, erhob er sich in die Luft und winkte zum Abschied mit seinem Schwanz. Den Schmerz in seinem Flügel hatte er bereits vergessen.

Er suchte mit den Augen die Gegend ab, unsicher woher er gekommen und wie weit er geflogen war.

Würde er zu spät kommen?

Was hatte den fremden Drachen in sein Reich geführt?

War er nicht selbst in das Reich der Spinnen eingedrungen?

Hätte er den Drachen nicht wenigstens nach seinen Absichten fragen müssen?

Viele quälende Fragen später, erreichte er endlich die sandige Stelle, scharrte mit den Füßen und hatte bald den fremden Drachen befreit.

Dankbar erhob sich der Verletzte.

Xeldar half ihm in seine Höhle, versorgte seine Wunden und so wurde er der erste Drache mit einem Gefährten.


Gemeinsam erlebten sie viele Abenteuer, in denen oftmals auch Spinnen eine entscheidende Rolle spielten.
Denn kleine Spinnen können Vieles, was riesige Drachen nicht können. Außerdem liebten sie es, gemeinsam auf dem mächtigen Rücken Xeldars zu fliegen.

(c) Stephanie Katharina Braun

***

Hörfassung von Beatrice Amberg

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