Die Geschichte des kleinen Kometen

Derzeit befindet sich der kleine Komet in einem starken Wandel, Zeit einmal inne zu halten und mal zu schauen, was ist der kleine Komet überhaupt? Wie bin ich zum kleinen Kometen geworden?

Die Suche nach einem Nickname

Es war einmal, Anfang der 2000er Jahre, da spielte mein Mann ein kleines Onlinespiel. Damals standen unsere Computer noch im Schlafzimmer. Neugierig auf das Spiel fragte ich, was ich brauche, um mitzuspielen. „Einen Namen mit dem du dich anmeldest.“

Aha, einen Namen sollte ich mir ausdenken. Dazu stellte ich noch ein paar Fragen, fand die Aufgabe schwierig und entschied mich schließlich, den Namen einer Figur aus Herr der Ringe zu nehmen. Ich las das Buch gerade. Das Spiel selbst war simpel, ein MMORPG mit einer schlichten grafischen Oberfläche. Der Community Aspekt war toll und so starteten wir mit einer kleinen Gruppe auf einem neuen Server von vorne. Die Chance für einen neuen Namen. Inspiriert davon, wie kreativ andere in ihrer Namensgebung waren, wollte auch ich einen neuen haben.

Warum kleiner Komet? Der Namen passte zu keinem, der mir bisher begegnet war, es war eine spontane Eingebung im Halbschlaf, schlicht, nicht mehr. Ich hatte das Gefühl, der Name passt und ich nutzte ihn für das Spiel. Es funktionierte, man nannte mich einfach Komet oder auch Kometchen und wir hatten eine gute Zeit.

In einer andere Spielewelt loggte ich mich mit demselben Namen ein und so wurde es meine Online-Identität. Vielleicht war ich dort sogar zuerst der kleine Komet, ich weiß es nicht mehr genau.

Damals trennt ich noch ganz klar zwischen Online und Offline und nutzte ganz selbstverständlich die Abkürzung „RL“ für Real Life. Als fände die Wirklichkeit ausschließlich außerhalb des Computers statt. Dabei begegneten mir doch ganz reale Menschen und ich schloss auch Freundschaften. Mit einer Freundin telefonierte ich, während sie darauf wartete, dass ihr Bruder sie abholen würde. Sie war an Krebs erkrankt und würde zurück zu ihrer Familie ziehen. Danach hörten wir nie wieder von ihr.

Inzwischen ist das, was ich online tue, für mich selbstverständlich Teil meines ganz realen Lebens.

Autorin

Als Mama von zwei kleinen Kindern nutzte ich meine Freizeit gerne zum Schreiben. Ich vernetzte mich in Schreibforen und hatte damals schon die Absicht auch zu veröffentlichen. Mein Mann meinte, ich bräuchte dazu eine Webseite und die Idee gefiel mir. Geschickt stellte er mir dazu zahlreiche Fragen, beauftragte einen Webdesigner und schenkte mir eine Seite zu meinem Geburtstag, die ich dann nur noch mit Inhalten befüllen brauchte. Es war diese Seite hier in anderem Design, als statische Webseite. Der kleine Komet als Autorenwebseite war geboren. Das war am 23. März 2007.

Wiederauferstehung

Im selben Jahr begann ich mein Psychologiestudium … Keine Zeit mehr zum Schreiben, außer eben Lernskripte und schließlich meine Bacherlor- und Masterarbeit. Nach dem Abschluss 2012 änderten sich die Dinge langsam. Ich las wieder mehr, fing auch wieder an zu schreiben und entdeckte Blogs für mich, zunächst für die Wissenschaftskommunikation. Dann keimte der Wunsch auf, auch persönlich zu bloggen, zunächst mal über Bücher.

Wieder holte ich meinen Mann ins Boot. „Klar kann man ein WordPress aufsetzen“, sagte er, recherchierte und machte. Die Dateien der alten Seite wurden gesichert und am 6. Februar 2016 ging die Seite als Blog online, gestern vor sechs Jahren.

Mein digitales Zuhause

Auf den Beginn des persönlichen Blogs folgte die Anmeldung auf Sozialen Netzwerken, zunächst Twitter, später Instagram und auch auf Facebook eröffnete ich eine Seite. Zunächst hatte ich auf Twitter einen seriösen Namen wählen wollen. Sich mit Stephanie Braun anmelden ist schwierig, so heißen einfach zu viele. Daher wurde ich kreativ und nannte mein Twitter-Handle „StephKatBr“, total seriös und eingängig oder? Absolut nicht, mündlich war der Name nicht weiter zu geben.

Und so wurde ich auch auf Twitter zum kleinen Kometen. Auf BarCamps fiel ich dadurch auf, dass ich so viel twitterte und nicht selten fiel der Satz „Ach du bist der kleine Komet, wie schön, dich zu treffen.“ Zunächst war es mir unangenehm so aufzufallen, aber die Menschen versicherten mir, dass sie meine Tweets gerne lasen und so machte ich weiter. Ich wurde zum twitternden Kometen.

Ich bin also der kleine Komet und diese Seite ist Mein Zuhause im Netz. Ihr könnt mich hier besuchen und natürlich auch mit mir in Kontakt kommen. Über die Sozialen Netzwerke treffen ich andere Personen, manchmal führen mich Links dann zu ihren Webseiten. Social Media sind für mich wie Bars, Cafés oder auch Parks. Dorthin kann ich ausgehen, um Menschen zu treffen. Ich kann ihnen einfach nur zuhören, mit ihnen ins Gespräch kommen oder einfach an ihnen vorbei gehen. Manchmal sehen andere mich und sprechen mich an. Ich mag das und online fällt es tatsächlich manchmal leichter ins Gespräch zu kommen.

Meine Welt der Geschichten

Auch der Untertitel meines Blogs war als Idee einfach so da, erschien mir passend und so ist der kleine Komet das, was er schon immer war.

Ich bin der kleine Komet. Diese Webseite ist mein digitales Zuhause, wo ihr mich besuchen kommen könnt. Gemeinsam tauchen wir ein in meine Welt der Geschichten. Diese Geschichten können aus Büchern, Filmen oder Serien stammen. Es geht auch um erlebte Geschichten, wie Besuche von Events oder Geschichten aus meinem Alltag, wie ich sie euch immer samstags in „Meine Woche“ erzähle. Dann gibt es noch die Geschichten, die ich selbst geschrieben habe. Kurzgeschichten (auch von Gastautor*innen) oder einen Blogroman findet ihr hier auf der Seite.

Ab 2022 erscheinen hoffentlich endlich meine eigenen Bücher. Als Autorenname werde ich meinen Klarnamen Stephanie K. Braun nutzen und sie im Selbstverlag unter dem Label Kleiner Komet veröffentlichen.

In meinen Workshops geht es dann um eure Geschichten. Im Frühling 2020 habe ich mich von Mélina Garibyan und Astid Nierhoff zur Digital Storytelling Facilitatorin ausbilden lassen. Aktuell arbeiten wir mit dem LVR-Museum Bonn zusammen, wo es zum einen ein von uns entwickeltes Konzept für Schulklassen gibt und zum anderen finden im Frühling 2022 Workshops von uns im Rahmen der Ausstellung „Leben am Limes statt.“

Ich bin überzeugt davon, dass uns allen die Fähigkeit zu eigen ist, Geschichten zu erzählen. Wir sind umgeben von Geschichten, leben, hören, lesen und erzählen sie oft. Fähigkeiten können weiterentwickelt werden. Komm gerne in einen meiner Workshops und probiere dich aus.

Gibt es auch einen großen Kometen?

Kleiner Komet hat etwas niedliches, sagte Julia von Doppel(t)spitze und stimmte meinen Überlegungen zu, dass es nicht ideal sei, meine systemische Beratung auch noch hier zu integrieren. Dabei geht es doch auch hier um Geschichten, ganz persönliche Geschichten von Menschen.

Ich arbeite im Systemischen mit narrativen Methoden und bei einigen Lektüren der letzten Monate habe ich mich gefragt, ob ich das jetzt für meine Weiterbildung als systemische Beraterin, für meine Storytelling Workshops oder doch als Autorin lese. Manches passte so herrlich in alle drei Bereiche. Perfekt, dachte sich der kleine Komet, hörte auf die Dinge so klar voneinander zu trennen und freute sich über die Verbindungen.

Während der kleine Komet noch immer sehr verspielt ist, passt der Komet in die Systemische Beratung. Ein Komet erscheint am Himmel, hat eine andere Perspektive auf die Welt, begleitet eine Weile und verschwindet wieder. Vielleicht kann ich ein Komet in der Beratung sein, vielleicht weniger distanziert als fern am Himmel, erreichbarer. Es ist ein Bild mit dem ich spielen und gleichzeitig professionell sein kann. So kam das Beratungsangebot zu seinem Namen „SuiseiNo-Beratung.“ „Suisei“ ist japanisch und bedeutet Komet, der Partikel „no“ macht es dann zu Komets Beratung.

Mich macht es glücklich, wenn ich selbst weiterhin ich sein darf, trotz Trennung verschiedener Angebote.
Ich bin und bleibe Stephanie, der kleine Komet, die Psychologin und systemische Beraterin, Autorin und Storytelling Facilitatorin.

Schau dich gerne noch weiter hier um oder auch bei Komets Beratung.

(Herzlichen Dank an dieser Stelle an Sven und Julia von Doppel(t)spitze für die Inspiration, die zu diesem Beitrag geführt hat. Ich habe selten so klar vor Augen, woher die Inspiration kam.)

Gefangen im Kunstraum

Eine Geschichte für Jonas
Ein lustiger Moment, viele Ideen, ein Versprechen

Gefangen im Kunstraum, eine Geschichte für Jonas von Stephanie Braun

Die letzte Schulstunde vor dem Wochenende ging langsam zu Ende, aber in Gedanken war Jonas bereits nicht mehr in der Schule. Er würde nachher mit seinem besten Freund in den Kletterwald fahren. Beinahe wäre alles wegen seiner blöden Verletzung am Handgelenk gescheitert, aber alles war verheilt und er konnte mitfahren.

So völlig in Gedanken, verpasste er den Moment, als er seinen Tisch aufräumen sollte. Erst als die anderen Kinder sich bereits an der Tür sammelten, bemerkte er, dass er aufhören sollte zu malen. Rasch nahm er seinen Wassereimer und die Pinsel mit zum Waschbecken. Während er die Pinsel auswusch, dachte er wieder an den Wald. Wie hoch sie wohl klettern würden?

Das Waschbecken im Kunstraum war in einer Art Wandschrank versteckt und so erlebte Jonas eine Überraschung, als er sich vom Becken abwandte: Seine Klasse war bereits vollständig verschwunden, die Lehrerin ebenfalls. Er ließ den leeren Eimer fallen und lief zur Tür. Sie war abgeschlossen.

Er rüttelte am Griff, aber sie ließ sich nicht öffnen. „Verdammt“, fluchte er. „Ich bin noch hier drin!“ Vom Flur her vernahm er keine Geräusche. „Hallo!“, rief er und klopfte an die Tür. Das Lehrerzimmer lag gar nicht so weit vom Kunstraum entfernt, er musste nur laut genug rufen. Eine Weile lang rief er, bis ihm langsam die Stimme versagte. Das durfte nicht wahr sein, sie konnten ihn doch nicht eingeschlossen haben. Hatte die Lehrerin denn nicht nachgezählt? Sie hätte es doch merken müssen. Doch dann fiel ihm ein, dass sie zu Beginn der Stunde erzählt hatte, dass sie zu einer Fortbildung müsse und sie sich bitte alle beeilen sollten. Das hatte er offensichtlich nicht getan.

Ratlos wandte er der Tür den Rücken zu und ließ sich langsam zu Boden gleiten. Dort hockte er und grübelte. Wenn ihn niemand hörte, wie sollte er hier wieder raus kommen? Sein Schulranzen stand in der Klasse, darin befand sich zwar sein Smartphone, aber das nützte ihm jetzt wenig. Es war Freitag, sollte er jetzt das ganze Wochenende hier verbringen? Irgendwann würde seine Mutter sich Sorgen machen, aber sie arbeitete heute lange. Dann knurrte auch noch sein Magen. „So eine verdammte Scheiße!“, schrie er und hämmerte erneut verzweifelt gegen die Tür.

Niemand hörte ihn. Er würde hier verhungern, dachte er und ihm kamen die Tränen. Doch dann hörte er ein seltsames Geräusch. Es kam vom Fenster. Der Junge sprang auf. Die Fenster! Das war die Lösung! Wenn sie sich öffnen ließen, konnte er auf den Schulhof hinausklettern.

Nachdem er seinen Blick dem Fenster zugewandt hatte, waren seine Sorgen auf einen Schlag vergessen. Auf der Fensterbank hockte eine Eule, nicht irgendeine Eule, eine Schneeeule. Vorsichtig näherte sich Jonas dem Tier. Sie sah aus wie Hedwig, die Eule von Harry Potter. Erst neulich hatte er noch einmal den ersten Film gesehen.

Aufmerksam beobachtete die Eule, wie der Junge sich näherte. Sie rührte sich nicht, schien keine Angst zu haben. In dem Moment als Jonas fast am Fenster angekommen war, flog sie hoch, drehte eine Runde durch den Kunstraum und landete auf dem Tisch, auf dem noch Jonas Bild lag. Mit Wasserfarben hatte er Pferde gemalt. Eines war noch ganz weiß, das andere hatte bereits ein braunes Fell. Er war nicht besonders zufrieden mit seinem Werk gewesen.

Die Schneeeule blieb direkt unterhalb des Blattes sitzen, schien das halbfertige Bild zu betrachten. Auf einmal breitete sie die Flügel aus und glitzernder Staub rieselte über das Blatt. Es leuchtete hell und Jonas musste kurz den Blick abwenden. Als er wieder hinsah, erkannte er sein eigenes Bild kaum wieder. Anstatt zwei unfertigen Pferden, die nicht besonders gut gelungen waren, sah er zwei magische Wesen vor sich, die, er konnte seinen Augen kaum trauen, sich auch noch bewegten. Aus dem noch weißen Pferd war ein Einhorn geworden, das braune Pferd hatte nun einen menschlichen Oberkörper und Kopf. Dieser wandte sich ihm nun zu, kam aus dem Bild heraus und eine freundliche Stimme sprach: „Komm näher, Menschenfreund.“ Verwirrt schüttelte Jonas den Kopf. „Du brauchst keine Angst zu haben“, bat der Kopf mit freundlicher Stimme. „Ich habe keine Angst“, erklärte Jonas mit zitternder Stimme. Wieso sprach er mit seinem eigenen Bild? Wurde er verrückt?

Da wandte sich ihm auch das Einhorn zu. „Komm ruhig näher. Wir können nicht ganz aus dem Bild heraus, aber du kannst zu uns kommen.“ Das brachte Jonas zum Lachen. Er sollte in sein eigenes Bild hinein? Niemals. Waren das die ersten Anzeichen des Verhungerns? Wo war die Eule?

Er sah sich suchend um, sie war verschwunden. Er war alleine im Kunstraum, nur er und seine Zeichnung, die inzwischen lebendig geworden war. Bildete er sich das nur ein, oder ragten dort wirklich ein Einhorn- und ein Menschenkopf aus dem Blatt Papier? Vorsichtig streckte er die Hand aus, um zu fühlen …

Doch da verschwand der Kunstraum um ihn herum. Stattdessen stand er auf einem Waldboden, die Hand am Kopf eines Einhornes. Vor Schreck hielt er sich am Horn fest. „Das ist aber sehr unhöflich“, schnaubte das Einhorn und Jonas zog schnell seine Hand zurück. Dabei wäre er beinahe rückwärts über eine Wurzel gestolpert, hätte ihn nicht ein Huf im Rücken sanft abgefangen.

„Was ist hier los?“, stammelte der Junge. „Willkommen in unserem Zauberwald“, erklärte der Zentaur, das Michwesen aus Mensch und Pferd feierlich, während er ihm den Huf seines rechten Armes freundschaftlich auf die Schulter legte. Kurz wunderte sich Jonas, dass er keine Hände hatte. Das Einhorn setze sich in Bewegung, lief einmal um die beiden herum, bis es auf der anderen Seite von Jonas zu stehen kam. So hatte er freie Sicht auf seine Umgebung, einen dichten Wald.

Der Zauberwald sah dann doch recht gewöhnlich aus, nachdem das Einhorn die Sicht auf das Grün um sie herum freigegeben hatte: Bäume, Sträucher und Bodengewächse. Jonas atmete tief ein, die Luft war nicht anders als in den Wäldern, die er bisher kannte. Und doch spürte er, dass hier alles anders war, magischer. „Komm“, sprach der Zentaur. „Setz dich auf den Rücken des Einhorns.“ Während er das sagte, knickte das Einhorn die Beine ein und legte sich neben den Jungen. So konnte er leicht aufsteigen, doch er zögerte. Nachdem er einen leichten Stups vom Zentauren bekommen hatte, legte er die Hand auf das weiße Fell. Es war ganz weich und flauschig. Automatisch begann er das Einhorn zu streicheln. „Das ist ja lieb von dir, aber so zu liegen ist nicht so bequem für mich, wie es aussieht. Also, hoch mit dir oder du läufst zu Fuß. Glaub mir, ich bin schneller als du.“

Endlich gehorchte der Junge, schwang vorsichtig ein Bein über den Rücken des Fabelwesens und setzte sich. Seine Finger glitten erneut über das weiche Fell, während das Einhorn sich erhob. Er saß tatsächlich auf dem Rücken eines echten Einhorns! Schon ging es los, im Galopp durch den Wald, einem Wald ohne feste Wege. Zwischen Bäumen hindurch, unter Ästen hinweg. Jonas zog den Kopf lieber ein. Der Zentaur lief mal vor, mal neben, dann wieder hinter ihnen. Sie sprachen nicht miteinander. Ohne zu wissen wohin es ging, genoss der Junge den Ritt bis sie auf einmal anhielten.

Der Zentaur forderte ihn auf, abzusteigen und ihm geduckt zu folgen. Er selbst bot einen seltsamen Anblick. War er zuvor in aufrechtem Gang auf seinen vier Hufen neben ihnen hergelaufen, neigte er nun den Oberkörper, knickte in den Beinen ein und bewegte sich krabbelnd auf allen Sechsen vorwärts. Doch nachdem Jonas einen strengen Blick für sein aufkeimendes Lachen erntete, ließ er sich selbst auf die Knie nieder und folgte ihm. Währenddessen hatte das Einhorn nervös einige Blätter von den Bäumen gezupft, nun folgte es ihnen, ebenfalls in einer scheinbar unnatürlichen Bewegungsweise. Sie mussten nur ein kleines Stück krabbeln bis sie einen nur durch wenige Sträucher geschützten Abgrund erreichten. Bevor er das letzte Stückchen heran kroch, ermahnte der Zentaur den Jungen mit Blicken und Gesten sich nicht von unten sehen zu lassen.

Bei dem sich bietenden Anblick wäre dem Jungen beinahe ein Schrei der Überraschung entfahren. Eine Herde von Zentauren hielt sich unten in der Ebene auf. Sie standen in kleinen Gruppen, einige einzeln und andere liefen umher. Es waren so viele, dass er sie gar nicht zählen konnte. Sie waren so unterschiedlich, ihre Pferdekörper ebenso vielfältig wie Pferde eben sein können und die menschlichen Oberkörper erst. Eine Herde von Zentauren hätte er sich niemals so bunt vorgestellt. Sogar im Haar trugen die meisten von ihnen bunte Strähnen und um die Hälse geflochtene Ketten. Woraus mochten sie gemacht sein? Er konnte es nicht erkennen, sie waren zu weit weg, nur die vielen bunten Farben leuchteten ihm entgegen. Sein Blick wanderte umher, bis es an einem schneeweißen Wesen hängen blieb. Keine bunten Farben. Stattdessen befand sich dieser Zentaur in einem Käfig, lag zusammengekauert am Boden, den Kopf abgewandt, dass er ihn nicht sehen konnte.

„Ist das deine Familie“, erkundigte er sich bei seinem Begleiter. „Ja“, seufzte der Zentaur. „Das war einmal meine Familie.“

„War?“ Wie konnte eine Familie nicht mehr die eigene Familie sein? Jonas verstand das nicht. Seine Eltern waren getrennt und doch waren sie noch immer seine Eltern. Er hatte eine Mutter und einen Vater. Sie gehörten zu seiner Familie und daran würde sich auch nichts ändern!

„Ja, wir waren eine Familie.“ Es fiel dem bisher so stark wirkenden Wesen schwer zu sprechen, daher übernahm das Einhorn: „Es ist meine Schuld“, sagte es. „Noch vor wenigen Monden gehörte er zu seiner Familie, war Teil der Herde. Er war der Prinz der Zentauren. Doch dann wurde er verstoßen.“

„Verstoßen? Was hast du denn getan?“ Um von der eigenen Familie verstoßen zu werden, musste man doch etwas schreckliches getan haben, dachte der Junge. Er bekam ein wenig Angst. Ob er sich in Gefahr befand? Doch die beiden waren so vertrauenserweckend, so lieb. Nein, er konnte sich nicht vorstellen bei ihnen in Gefahr zu sein. Anderseits konnte er auch nicht begreifen, worin das Problem bestand. „Nichts hat er getan“, sprach das Einhorn weiter. „Nichts, außer sich mit mir anzufreunden.“

„Wegen eurer Freundschaft?“ Beinahe hätte er diese Frage geschrien, doch das Einhorn bremste ihn mit einer Hufbewegung und ermahnte ihn zur Ruhe. „Aber du bist ein Einhorn!“

„Eben“, bestätigte dieses. „Ich bin ein Einhorn und die Zentauren denken, ich hätte ihn verzaubert, damit er mit mir Zeit verbringen mag.“

„Hast du?“, fragte Jonas, bereute die Frage aber im nächsten Moment, denn der Zentaur blickte ihn traurig an. „Du denkst also auch schlecht über uns?“

„Nein“, versicherte der Junge schnell. „Ich versuche zu verstehen, was hier los ist.“

„Das kann ich dir erklären“, sprach der Zentaur wieder mit ruhiger Stimme. „Die Zentauren dort unten halten sich für die Herren der Wälder. Einst vor ewigen Zeiten war dies das Gebiet der Einhörner. Es ist eine lange und grausame Geschichte, die ich dir ersparen möchte. Jedenfalls leben nur noch sehr wenige Einhörner hier in den Wäldern. Eines von ihnen hast du kennen gelernt. Ein weiteres befindet sich dort unten, in Gefangenschaft.“

Jonas schaute erneut zu dem weißen Wesen. Jetzt erst erkannte er, dass es kein Zentaur, sondern ein Einhorn war, welches dort im viel zu kleinen Käfig eingesperrt lag.

„Es ist meine Schwester“, seufzte das Einhorn. „Sie haben sie gefangen genommen, fordern die Rückkehr ihres Prinzen für ihre Freilassung.“

„Doch wenn ich zurückkehre werden sie verlangen, dass ich die Einhörner nie wieder sehe, oder noch Schlimmeres …“

„Aber ihr könnt deine Schwester doch nicht dort eingesperrt lassen“, Jonas war geschockt. „Das wollen wir doch auch gar nicht“, erklärte ihm der Zentaur. „Wir wollen meine Schwester befreien, doch dafür brauchen wir deine Hilfe. Wie benötigen deine Hände.“

„Meine Hände?“

„Ja“, sagten beide im Chor.

„Sieh genau hin. Erkennst du, wie der Käfig verschlossen ist?“

Jonas strengte sich an, konnte es aber nicht erkennen. Das Einhorn erklärte es ihm: „Sie haben meiner Schwester den Schweif abgeschnitten und die Tür des Käfigs damit verknotet. Natürlich kann niemand mit Hufen einen Knoten binden. Doch der grässliche Zwerg, der bei ihnen in Diensten steht, der kann es. Eine Schere kann er ebenso bedienen. Ach, was hasse ich diesen Winzling!“

„Warum hast du eigentlich keine Hände“, wandte er sich an den Zentauren. „Ich dachte, ihr habt einen menschlichen Oberkörper. Also, warum dann Hufe und keine Hände?“

„Kennst du Zentauren mit Hände“, kam die hoffnungsvolle Gegenfrage. Jonas schüttelte den Kopf und der Zentaur seufzte enttäuscht. „Der Legende nach hatten wir mal Hände, wahrscheinlich bis zum großen Krieg. Dann wurden wir verflucht. Einige sagen, es waren die Einhörner, andere meinen eine Hexe, die einst in einen von uns verliebt gewesen und zurückgewiesen wurde, habe diesen verhängt. Es gibt noch einzelne andere Geschichten. Allen gemein ist, dass die Magie Schuld am Verlust unserer Hände ist und wir seitdem sechs Hufe haben.“

„Also wollt ihr von mir, dass ich dort hinunter gehe und mit meinen Händen den Knoten öffne, um das Einhorn zu befreien?“

Beide nickten eifrig, erfreut, dass er ihren Plan verstanden hatte.

„Und wie bitte soll ich ungesehen dort hingelangen?“

„Einhornmagie“, lautete die absolut naheliegende Antwort.

„Aha, und warum kann deine Einhornmagie nicht den Knoten öffnen?“ Statt einer Antwort funkelte das Einhorn ihn nur böse an.

„Ok, was macht deine Magie mit mir? Mich unsichtbar.“

Erneut nickte das Einhorn zufrieden, neigte den Kopf und berührte Jonas Brust sanft mit dem Horn. Jonas wartete, doch es passierte gar nichts, kein Glitzer, kein Regenbogen, auch kein kribbelndes Gefühl.

„Es hat geklappt, ich kann dich nicht mehr sehen“, freute sich der Zentaur. „Dein Ernst?“, erkundigte sich Jonas skeptisch, blickte an sich herunter, bewegte seine Arme und schüttelte den Kopf. „Ich kann mich noch wunderbar sehen.“

„Es wäre doch seltsam, wenn du dich selbst nicht mehr sehen könntest, oder?“, erkundigte sich das Einhorn und klang mit diesem ironischen Unterton wie Jonas Sportlehrer.

„Es gibt eine ganz wichtige Regel, die du beachten musst. Du darfst kein Lebewesen berühren, sonst bricht der Zauber und du wirst für alle sichtbar.“ Besorgt schaute Jonas den Abgrund hinunter zu den zahlreichen Zentauren an denen er vorbei zum Käfig musste. Wie sollte ihm das nur gelingen, ohne einen von ihnen zu berühren?

„Wir zeigen dir, wo du hinunter kommst. Sobald du am Käfig bist, sorgen wir dort drüben auf der anderen Seite für Ablenkung. Ihr kommt denselben Weg zurück und meine Schwester findet dann zu unserem geheimen Treffpunkt. Mach dir keine Sorgen, sie wird dich tragen.“

Zu seiner Überraschung gab es tatsächlich einen nicht all zu steilen Pfad hinunter ins Tal. Der Abgrund in den er wenige Augenblicke zuvor geblickt hatte, war eher eine Wand gewesen, die er niemals hätte hinunter und schon gar nicht gemeinsam mit einem Einhorn hinaufklettern können. Es sei denn das Einhorn hätte dafür einen Zauber gehabt.

Mit klopfendem Herzen ging Jonas den Pfad entlang. So ganz konnte er der Unsichtbarkeit noch nicht trauen. Je näher er den Zentauren kam, desto nervöser wurde er. Um den Käfig zu erreichen, musste er zwischen ihnen hindurch gehen. Wie sollte er den Käfig bloß öffnen, ohne dass sie ihn bemerkten?

Sobald er unten angekommen war, verlangsamte er seine Schritte. Den Blick fest auf sein Ziel gerichtet ging er weiter. Schritt für Schritt auf die ersten Zentauren zu. Einer drehte sich um, sah genau in seine Richtung und reagierte gar nicht, drehte sich einfach weiter. Langsam bekam Jonas ein wenig Vertrauen in seine Unsichtbarkeit. Nur noch wenige Schritte und er müsste an dem ersten Zentauren vorbei. Dieser stand einfach da und schaute sich um, schien nichts besonderes zu tun. Langsam einen möglichst großen Abstand einhaltend ging der Junge an ihm vorbei. Der Zentaur war so groß, dass er nicht über seinen Rücken drüber schauen konnte. Es geschah nichts.

Doch schon bald befand sich eine Gruppe diskutierender Zentauren vor ihm. Der kürzeste Weg führte mitten durch diese Gruppe. Sie standen relativ weit voneinander entfernt, ganz anders als er es von Menschen kannte. Das war seine Chance, einfach durchzugehen. All seinen Mut zusammen nehmend, trat er mitten in die Gruppe hinein. Plötzlich bewegte sich der Zentaur zu seiner Linken, er sprang eilig auf Seite und wäre beinahe mit einem anderen zusammengestoßen. Noch einmal gut gegangen, musste er nur vorsichtig sein, dann konnte er es schaffen. Nachdem er die Gruppe passiert hatte, sah er eine freie Fläche vor sich. Erleichtert atmete er auf und beschleunigte seine Schritte. Beinahe wäre er zu unachtsam gewesen und hätte einen heran galoppierenden Zentauren übersehen. In letzter Sekunde wich er aus und blickte erschrocken dem pinkfarbenen Schweif nach.

Von oben hatte der Weg nicht so weit, wenn auch schwierig ausgesehen. Als Jonas endlich den Käfig erreichte war er nass geschwitzt. Seine Hände rieb er an der Hose trocken. Nun galt es den Knoten zu lösen, das Einhorn zu befreien und zurück zu gehen. Alles ganz einfach. Nahe dem Käfig stand ein Wächter, doch der konnte ihn ja nicht sehen. Auch das Einhorn konnte ihn nicht sehen. Niemand sah ihn oder das was er tat. Oder doch? Würde jemand sehen, wenn er den Knoten löste? Die Schweifhaare würden sich ja bewegen. Es durfte niemand gucken. Jonas sah sich besorgt um. Niemand sah in seine Richtung, also wagte er es.

Vorsichtig streckte er die Hände aus. Der Knoten war ziemlich dick und fest. Er würde es schaffen, er musste. Kräftig packte er zu und zog. Hinter ihm erklang Lärm. Kurz fürchtete er, dass ihn jemand entdeckt hatte, doch niemand beachtete ihn. Das muss die Ablenkung sein, dachte er und mühte sich weiter. Das Einhorn im Käfig wurde auf ihn oder vielmehr die Bewegungen aufmerksam. Es drehte den Kopf und beobachtete den Knoten, der sich endlich langsam löste. Jonas hatte es geschafft. Am liebsten hätte er laut losgejubelt, aber das durfte er nicht. Schnell musste er den Käfig öffnen. Die Tür ging nach außen auf, so dass der Junge Platz machen musste. Er ging langsam rückwärts, achtete dabei nicht darauf, wohin er ging, stolperte und rempelte einen Zentauren an. „Mist“, fluchte er. Der Käfig war offen, aber der Zauber verflogen. Während das Einhorn sich aus dem offenen Gefängnis befreite, beugte sich ein verwunderter Zentaur über Jonas: „Nanu, was bist du denn für ein seltsamer Zwerg.“

„Ich bin kein Zwerg. Ich bin ein Mensch.“

„Soso, ein Mensch“, murmelte der Wächter. Er schien nicht zu bemerken, dass die Tür zum Käfig offen stand. Stattdessen konzentrierte er sich auf den seltsamen Menschen. „Was willst du hier, Mensch?“, fragte er und betonte das Wort Mensch dabei sehr seltsam. „Warum hasst ihr die Einhörner?“, stellte Jonas eine Gegenfrage. Woher er den Mut nahm und nicht einfach wegrannte, wusste er selbst nicht.

„Einhörner? Warum wir Einhörner hassen, möchtest du wissen? Einhörner sind gefährliche Wesen, wir hassen sie nicht, wir fürchten sie. Wir müssen uns vor ihnen und ihrer Magie schützen.“

„Aber Einhörner sind ganz friedliche Wesen“, erklärte Jonas.

„Soso, sind sie das?“

„Ja, das sind sie. Friedlich und wunderschön.“

„Wunderschön? Ja, das sind sie wohl. Das hier im Käfig ist besonders hübsch. Manchmal reden wir auch. Es scheint sehr intelligent zu sein. Sag es keinem weiter, aber ich hab es schon ein wenig lieb gewonnen.“

„Aber, wenn du das Einhorn magst, wie kannst du es dann einsperren?“

„Na na. Erstens habe nicht ich das Einhorn eingesperrt. Ich passe hier nur auf! Zweitens habe ich dir doch gerade erklärt, dass Einhörner gefährlich sind.“

„Warum sind denn Einhörner gefährlich?“, erkundigte sich Jonas, der das Problem noch immer nicht verstand. „Weil sie Magie haben und ihr nicht?“

„Magie? Ja ja, das ist so eine Sache. Man weiß nie, was passiert, wenn sie einen mit ihrem spitzen Horn berühren.“

„Mich hat eben ein Einhorn berührt und ich bin unsichtbar geworden. Dabei habe ich gar nichts gespürt.“

„Unsichtbar?“ Der Zentaur überlegte. „Das klingt interessant. Hat es sehr weh getan?“

„Nein, ich habe gar nichts gespürt“, versicherte ihm der kleine Junge.

Der Zentaur schwieg eine Weile und dachte nach. Jonas begann ebenfalls nachzudenken, darüber wie er entkommen sollte. Ihm fiel nichts ein, sichtbar hatte er keine Chance durch die Menge zu kommen. Er war sich sicher, nicht jeden einzelnen Zentauren in ein Gespräch verwickeln zu können.

„Es tut wirklich nicht weh, wenn wir zaubern“, erklang eine freundliche helle Stimme. Das Einhorn war aus dem Käfig heraus gekommen, stand nun im Gras und streckte die Beine abwechselnd aus. „Wenn du möchtest, zeige ich es dir.“

Der Zentaur wich zurück. Im nächsten Augenblick näherte er sich wieder. „Wie bist du entkommen? Mensch, warst du das?“ Er verfiel in ein verzweifeltes Gejammer, dass er das Einhorn wieder einfangen und einsperren müsse. Dabei sei es doch so ein schönes und nettes Geschöpf. Er wollte nicht, er fürchtete sich. So tat er gar nichts, stand nur da und jammerte. Anstatt weg zu laufen, näherte sich das Einhorn. Der Zentaur lief ebenfalls nicht weg. „Ich glaube“, sprach das Einhorn. „Ich glaube, ich mag dich auch ein wenig leiden. Langsam verstehe ich meinen Bruder, auch wenn ich ziemlich sauer bin, dass er mich in diese Lage gebracht hat. Ohne ihn wäre ich nicht hier eingesperrt gewesen. Doch in den letzten Tagen habe ich euch beobachtet, besonders dich, der du hier vor meinem Käfig gehockt hast. Ihr seid uns gar nicht so unähnlich. Einige eurer Probleme könnten wir euch sogar mit unserer Magie erleichtern, wenn ihr uns nur lassen würdet.“

„Die Jahre des Krieges liegen lange zurück“, sprach der Zentaur, ohne jemanden direkt anzusprechen. „Vielleicht wird es Zeit für neue Zeiten.“ Bei diesen Worten blickte er das Einhorn hoffnungsvoll an. „Doch was können wir zwei schon tun?“, fragte er.

„Reden wir mit meinem Bruder und seinem Freund, deinem Prinzen“, schlug das Einhorn vor. Der Zentaur lachte. „Wenn ich dich frei lasse und verschwinde, bekomme ich doch selbst Schwierigkeiten.“

„Frei bin ich eh schon“, lachte das Einhorn.

Dagegen fiel dem Zentauren nichts ein. Gerade wollte er wieder ins Gejammer verfallen, da unterbrach ihn Jonas: „Komm mit uns oder bleib hier. Wir müssen gehen, bevor uns noch mehr Zentauren bemerken.“

„Du bist ein kluger Junge“, lobte das Einhorn. „Herzlichen Dank für deine Rettung.“ Es verneigte sich und berührte mit dem Horn die Brust des Kindes. Augenblicklich war er nicht mehr zu sehen. „Wo ist er hin?“, fragte der Zentaur geschockt. „Ich bin noch hier“, antwortete Jonas und seine Stimme kam von derselben Stelle. Das Einhorn lachte leise. „Leg die Decke dort drüben auf meinen Rücken, dann kann ich dich tragen und du bleibst unsichtbar.“ Die Idee gefiel Jonas, er würde nicht erneut im Slalom um die Zentauren laufen müssen. „Wenn du uns begleiten möchtest, kann ich auch dich unsichtbar machen. Bist du fort, kann dir auch niemand Ärger machen. Kehrst du mit uns gemeinsam zurück, können wir zu viert vielleicht mehr erreichen. Eine Freundschaft zwischen Einhörnern und Zentauren wäre für uns alle nur von Vorteil.“

Während Jonas auf den Rücken des Einhorns stieg und dabei streng darauf achtete, kein Fell zu berühren, grübelte der Zentaur lautstark vor sich hin. Die Wortfetzen ergaben allerdings wenig Sinn für seine Zuhörer. Endlich traf er eine Entscheidung: „Ich komme mit. Ich möchte dich näher kennen lernen und ich möchte meinen Prinz wiedersehen.“

Nachdem das Einhorn ihn berührt hatte, blickte er an sich herab, klopfte auf seinen Pferdehintern und fragte: „Hat es funktioniert?“

Jonas bestätigte es ihm: „Ich sehe dich nicht mehr, aber es hat sich angehört, als hättest du dich abgeklopft.“

„Ähm“, räusperte sich der Zentaur. „Ich denke, wir können gehen. Wir sollten gehen, bevor jemand merkt, dass du nicht mehr im Käfig bist.“

Ohne weitere Worte setzte sich das Einhorn in Bewegung. Niemand beachtete die kleine ungewöhnliche Gruppe. Jonas wunderte sich, denn das Einhorn war doch noch sichtbar. Allerdings traute er sich nicht zu fragen, denn er wusste ja, dass er auch für die anderen zu hören war. Er musste sich wohl gedulden.

Kaum hatten sie den Abhang erklommen, schüttelte sich das Einhorn und begann zu galoppieren. „Nun sind wir wieder sichtbar. Ich kann den Schimmer um mich selbst nur aufrecht erhalten, wenn ich mich langsam bewege. Wo treffen wir meinen Bruder und den Prinzen?“

„Am geheimen Treffpunkt.“ Während Jonas diese Worte aussprach kamen sie ihm so nichtssagend vor. Doch er irrte sich, denn die Geschwister wussten beide sehr genau, welcher Ort damit gemeint war. Das Einhorn änderte die Richtung und lief in den Wald hinein. Jonas wurde müde …

„Hey Jonas!“ Jemand rüttelte unsanft an seiner Schulter. „Komm schon, wir wollen doch in den Kletterwald!“ Jonas öffnete die Augen. Sein Kopf lag auf seinen Armen auf dem Schultisch. Er sah sich um. Vor ihm stand sein Freund im Kunstraum der Schule. „Wach?“, fragte er. „Dann komm jetzt. Als du nicht aufgetaucht bist, habe ich dich gesucht. Bis ich mal auf die Idee gekommen bin, dass du noch hier drin bist. Dann musste ich noch den Hausmeister holen, damit er uns aufschließt.“

„Würden die Herren dann langsam kommen“, erklang die Stimme des Hausmeisters von der Tür her.

Jonas war noch immer ein wenig verwirrt, stand aber auf, nahm sein Bild mit und folgte seinem Freund. „Ich habe ein Einhorn gerettet“, erklärte er.

„Ist klar, Jonas.“

An der Tür bückte sich Jonas und hob eine schneeweiße Eulenfeder auf.

(c) Stephanie Katharina Braun

Lebe lieber online

Die Geschichte wurde 2007 geschrieben und nicht an die Zeit angepasst, liest sich daher für den ein oder anderen Leser möglicherweise etwas merkwürdig. ICQ war damals das WhatsApp für den PC … und nein Maik hatte kein Smartphone dabei.

Die Geschichte hatte ich ursprünglich bei einer Zeitschrift eingereicht, wo sie wegen des „erhoben Zeigefingers“ abgelehnt wurde. Bitte lest die Geschichte mit dem Humor, mit dem sie geschrieben wurde.

Jetzt aber viel Spaß mit der Geschichte!

(c) Stephanie Katharina Braun

***

Pralinen - Lebe lieber online

Wie ein Junkie auf Entzug stürzte Maik zur Tür herein, rannte durch den kurzen Flur seiner Einzimmerwohnung, stolperte über einen Berg Klamotten und landete auf dem harten Fußboden. In seinen Bauch drückten die spitzen Ecken einer DVD-Box. Eine Chipstüte knirschte unter seinem Bein, die letzten Reste verkrümelten sich.
Sein Arm streckte sich und erreichte den heiligen Knopf. Er drückte ihn, als hinge sein Leben davon ab. Das vertraute Lüftergeräusch des hochfahrenden PCs erklang. Erleichtert atmete er die muffige Luft in seinem Zimmer ein. Seit über einer Woche hatte er hier nicht mehr gelüftet. Es war eine Wohltat nach dem, was er vorhin erlebt hatte, nach so viel geballter frischer Luft, die er einfach nicht gewöhnt war.
„Was für ein Tag!“, fluchte er vor sich hin. „So ein verdammtes „Real Life“! Wer hat das eigentlich erfunden?“ Einige Klamotten hatten sich auf seinem PC-Sessel breit gemacht. Achtlos fegte er sie beiseite und ließ sich erleichtert niedersinken. Endlich war er wieder zurück.
Die kostbare Fracht, die Trophäe seines Ausfluges, die zuckersüße Verwandlung seines Bankkontos, die er die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, legte er neben sich auf dem Schreibtisch. Teuer war ihm diese Tüte zu stehen gekommen. Doch er war stark geblieben und hatte sie ohne mit der Wimper zu zucken bezahlt. Ein kurzer Gedanke, was er seinem Baby alles dafür hätte kaufen können, blitzte in seinem Geiste auf. Dann schob er seinen Einkauf beiseite, bis er ihn nicht mehr direkt vor Augen hatte und griff nach seiner Maus. Liebevoll, beinahe zärtlich wie ein Haustier, streichelte er sie.
Endlich hatte er das Tor zu seiner Welt in der Hand. Endlich konnte er heimkehren, heim in den Cyberspace.
Wie nach einer langen Reise, einer verdammt langen und gefährlichen Reise, betrachtete er den vertrauten heimischen Sonnenaufgang. Sein Hintergrundbild flackerte auf, ein Graustufenbild, unterbrochen von blutigem Rot, eine Szene aus seinem aktuellen Lieblingsgame.

Auch wenn es sich nicht so anfühlte, war es erst am Morgen desselben Tages gewesen, als der Horror seinen Anfang nahm.
An diesem Morgen, der viel zu früh begonnen hatte.
Nur dunkel erinnerte er sich daran, wie seine Freundin Cindy in aller Früh aus dem winzigen Bad gestürzt kam und verkündet hatte, dass es aus wäre mit ihnen.

Türknallend war sie aus seinem Leben verschwunden.
Maik war zusammengezuckt, nicht wegen ihrem Geschrei, an das hatte er sich in letzter Zeit gewöhnt, sondern wegen des Knallens der Tür. Aufgeatmet hatte er als sie weg war, sich umgedreht und weiter geschlafen.
Cindy hatte er im Chat kennen gelernt, mit ihr gemailt, Fotos ausgetauscht und sich schließlich getroffen. Sie gefiel ihm auf Anhieb. Gerne hatte er sich um ihren PC gekümmert, ihn aufgerüstet mit alten Teilen, die noch bei ihm im Regal lagen. Cindy liebte Musik und Filme. Stundenlang hatten sie zusammen in seinem Bett gelegen, Actionfilme gesehen oder einfach nur zu rockiger Musik geträumt. Wie glücklich war er noch vor vier Monaten gewesen, endlich eine Frau gefunden zu haben, die nicht auf Liebesschnulzen stand und ständig tanzen gehen wollte. Ihr zu Liebe war er sogar ab und zu aus seiner Wohnung raus und ins Kino gegangen, wo es ihm grundsätzlich auch gefiel, wenn nicht der ungewohnte Weg durch die frische Luft gewesen wäre. Die Atmosphäre auf der großen Leinwand war einfach besser, als auf seinem kleinen Fernseher. Wären da nur nicht die ganzen anderen popcornkauenden Kinobesucher, die an den spannendsten Stellen kreischen, lachen oder weinen mussten.
Doch selbst Cindy war leider eine Frau, wenn auch eine sehr attraktive, zärtliche und gefährlich verführerische. Sie war eine Frau. Eine Frau, die mehr wollte, als in seiner kleinen Wohnung hocken und Filme sehen. In letzter Zeit war sie immer seltener bei ihm gewesen, hatte sich mit Freundinnen in Bars getroffen, oder was auch immer getrieben. Maik wusste es nicht so genau, hatte ihr meistens nicht richtig zugehört, wenn sie es ihm sagte, falls sie es überhaupt sagte. Er hatte sich auch mit seinen Freunden getroffen, im Channel. Dazu ein gekühltes Bier, seine Lieblingsmusik laut aufgedreht und er war zufrieden. Maik verstand nicht, warum er für diesen Genuss seine vertrauten vier Wände verlassen sollte, um stattdessen in eine verrauchte Bar zu gehen, wo er auf sein Getränk warten musste und sie die falsche Musik spielten.
Außerdem hätte er dort nicht einmal seine Freunde treffen können, die alle viel zu weit weg wohnten, aber dank Internet quasi bei ihm zu Hause waren.
Immer öfter hatte Cindy sich aufgeregt, ihn angeschrieen, er solle aufräumen, putzen, lüften oder Wäsche waschen. Und das, obwohl noch nicht einmal Waschtag war.
Ungefähr alle zwei Wochen, kramte er die Klamotten in einen großen Wäschekorb und machte einen Trip in den Keller. Zum Glück war die Waschmaschine ein technisches Gerät, ein entfernter Verwandter seines Babys. So war der Umgang mit ihr ein Kinderspiel für Maik. Rein, was rein passte, weißes Pulver in die Schublade und anschalten. Etwa drei Stunden später, im Zweifel am nächsten Tag, alles wieder raus und in die nächste Maschine. Etwas Geduld haben und zuletzt wieder alles in den großen Korb und nach oben. Dort pflegte Maik dann den Korb in die Ecke zu stellen, das Fenster zu schließen, denn Kellerzeit war Lüftungszeit, und es sich auf seinem Schreibtischsessel bequem zu machen. Nach so einem Trip musste ein gutes Game einfach sein.
Jetzt, wo Cindy weg war, konnte er seine alten Rituale wieder ungestört durchführen.
Doch für den nächsten Kellertrip würde er sich noch ein paar Tage Zeit lassen, erst einmal brauchte er Erholung vom letzten Trip, der ihn zwar auch, aber nicht nur in den dunklen Keller geführt hatte.

Cindy war noch einmal mit einer Tasche zurück gekommen. Wie ein Schatzsucher hatte sie den Boden abgesucht. Maiks Kleidungsstücke, DVDs, CDs, Bücher und anderes wirbelten durch die Luft. „Verflucht mein schönes Kleid! Ob ich das je wieder hinkriege!“ Sie zog einen zerknitterten Stofffetzen hervor und wedelte ihm damit vor der Nase herum. Das nicht mehr zu erkennende Kleid verschwand in der Tasche. Cindy verschwand leider nicht. Sie wühlte weiter und richtete ein gewaltiges Durcheinander an.
Dabei ließ sie ihre ganze Wut an Maik aus, warf ihm gleichzeitig Kleidungsstücke und Vorwürfe an den Kopf.
„Du fauler Sack! Es scheint dich ja gar nicht zu stören, dass ich dich verlasse! Einfach weiter gepennt hast du! Unfassbar!“
Das schrille Gekreische ließ sich einfach nicht mehr ausblenden. Das wurde sogar Maik zu viel. Um ihr zu entkommen, war Maik aufgestanden, hatte sich eine Hose und ein Shirt aus dem Chaos gefischt und seine Wohnung verlassen.
Er hatte einfach nicht nachgedacht, er hatte nur weg gewollt von der schreienden Cindy.
Wenn er geahnt hätte welchen Gefahren er sich aussetzen würde, wäre er besser unter seine Bettdecke gekrochen oder hätte sich unter der scheußlich nassen Dusche versteckt.
Die Begegnung im Treppenhaus hätte ihm eine Warnung sein müssen, die Alte von unten nervte ihn jedes Mal, wenn sie sich trafen. Erzählte Uninteressantes oder fragte ihn gar aus. Maik konnte nicht sagen, welche dieser beiden Eigenarten schlimmer war. „Ach guten Tag. Sie habe ich ja lange nicht mehr gesehen, wollen sie auch ein wenig spazieren gehen. Es ist herrlich draußen. Oder suchen sie sich endlich Arbeit? Was war denn bloß vorhin mit der jungen Dame los? Beinahe umgerannt hätte sie mich im Treppenhaus. Ach so eine hübsche junge Frau.“ Abschätzend hatte sie ihn gemustert und sich auch ihren nächsten Kommentar nicht verkniffen. „Ich verstehe gar nicht, wie es so ein nettes Mädchen mit einem wie Ihnen aushält.“ Kopfschüttelnd war sie ein paar Schritte weitergegangen, hatte sich dann aber noch einmal zu ihm umgedreht. „Hätten sie nicht einen Moment Zeit? Wissen sie mein Sohn, der ja immer kommt und mir hilft, er ist krank. So musste ich alleine einkaufen. Jetzt steht die Wasserkiste im Auto. Ich kann ja nicht mehr, wissen sie, mein Rücken. Ich trage dann immer vier Flaschen einzeln. Wenn sie vielleicht so nett wären? Wissen sie, mein Sohn, der …“
Bevor die Alte ihm die ganze Krankheitsgeschichte von ihrem Sohn erzählt hatte, beeilte Maik sich zu fragen, wo denn das Auto geparkt wäre. Der Geschichte konnte er auf diese Weise nicht entfliehen, denn sie erzählte ihm auf dem Weg zum Auto in aller Ausführlichkeit von der schrecklichen Erkältung ihres Sohnes und gab ihm reichlich Tipps, wie er selbst sich davor schützen konnte. Entweder waren ihre Tipps nicht so gut, oder ihr Sohn besaß eine beneidenswerte Fähigkeit dieses Geschwätz auszublenden, denn offenbar war er ja nun trotzdem krank, oder er brauchte einfach mal ein wenig Ruhe vor seiner Mutter, was Maik sehr gut hätte verstehen können.
Als er aus dem Haus trat, blendete ihn die Sonne entsetzlich. Wie blind lief er neben seiner Nachbarin her, ihrem Geschwätz als Wegweiser folgend.
Langsam gewöhnten seine Augen sich an das ungewohnte helle Licht. Fröhlich plaudernd lief die Alte neben ihm her, schön langsam, denn sie konnte ja nicht mehr so schnell.

Er hatte gewusst, wie grausam die Welt draußen sein konnte, doch trotzdem war er wieder hinaus gegangen, als die Wasserkiste glücklich im Keller verstaut war.
Doch ein merkwürdiger innerer Antrieb jagte ihn ins Abenteuer Real Life, als wäre die alte Dame noch nicht abenteuerlich genug gewesen.
Die Autos hupten und Bremsen kreischten, als er die vierspurige Straße überquerte.
Ein blaues U-Bahn Schild lud ihn in den Untergrund ein. Das Zwielicht schien verlockend, doch grelle Neonröhren erhellten inzwischen auch dieses.
Dennoch war es viel besser, als das grausame Sonnenlicht.
Ein übelaussehender Kerl in verdreckten und zerrissenen Klamotten sprach ihn an und erzählte ihm seine traurige Lebensgeschichte, während er gelassen neben Maik her schlenderte. „Hast du nicht ein bisschen Kleingeld für etwas zu essen.“
Verwundert drehte Maik sich zu ihm um. „Sehe ich etwa so aus, als ob ich Kleingeld bei mir hätte?“
Diese Antwort hatte der Kerl offenbar noch nicht zu hören bekommen, denn er war irritiert stehen geblieben.
Maik hatte aber wirklich kein Kleingeld, wozu brauchte er Bares? Er hatte seine Kreditkarte, sogar bei seinem Pizzaservice hatte er ein Onlinekonto, von dem seine Bestellungen abgebucht wurden. Trinkgeld? Das nahm der Bote nicht, stattdessen hockte er ab und an bei Maik, um ein neues Game zu testen oder sich einen Rat für seinen eigenen PC zu holen.
Nein, eine Kreditkarte war unersetzlich und viel praktischer als Kleingeld.
Falls ihm die hier unten jemand klauen wollte, würde die Bank sie ihm schneller sperren, als der Dieb sie anwenden konnte. Ganz bequem bekäme er dann eine neue nach Hause geschickt, sein Bargeld würde er nie wieder sehen.
Die Auslagen einer Bäckerei erinnerten ihn an ein leichtes Hungergefühl. Er orderte sich ein paar Donuts. Dummerweise konnte er die nicht mit Karte bezahlen und so ging er hungrig weiter durch den Untergrund.
Ziellos fuhr er mit der Rolltreppe weiter hinunter, als gerade eine U-Bahn hielt. Ohne nachzudenken stieg Maik ein, nicht einmal die Richtung wusste er, wohin sie fahren würde.
Er hockte sich auf einen der Sitze und schaute zum Fenster hinaus, die Dunkelheit dort draußen gefiel ihm. Endlich konnte er ein wenig entspannen. Doch bereits an der nächsten Haltestelle stieg ein wohlbeleibter, nach Alkohol und Schweiß stinkender Mann ein und setzte sich neben ihn, oder vielmehr halb auf ihn. Da wurde Maik schmerzlich bewusst, warum er so selten U-Bahn fuhr und überhaupt diese Welt hier draußen mied.
Trotzdem blieb er sitzen, es wäre auch zu schwierig gewesen, sich an den Fleischmassen vorbei zur Tür zu drängen.
Drei Haltestellen weiter stiegen ein paar uniformierte Gestalten ein. Einer von denen wollte Maiks Fahrkarte sehen, die er natürlich nicht hatte. Dunkel erinnerte er sich, dass er so etwas an einem Automaten hätte kaufen sollen. Jetzt war es zu spät. Aussteigen sollte er mit den Beamten.
Am Bahnsteig schrieben sie seine Daten auf und teilten ihm mit, dass er in den nächsten Tagen eine Anzeige wegen Schwarzfahrens im Briefkasten haben würde, die er dann unverzüglich zu bezahlen habe.
Maik nickte und hoffte, er würde nicht vergessen, den Briefkasten zu leeren, aber die Beamten hatten sich geweigert ihm eine E-Mail zu schreiben. Es musste per Post sein und um weiteren Ärger zu vermeiden, würde Maik sich das wohl merken müssen und beim nächsten Kellertrip darauf achten, diesen Brief aus dem Altpapier zu fischen, das sich für gewöhnlich in seinem Briefkasten ansammelte.
Allein auf dem Bahnsteig zurückgelassen fuhr Maik mit der Rolltreppe nach oben und fand sich in der Innenstadt wieder.

In die farblose Menschenmasse eintauchend, überquerte er die nächste Ampel. Es war ein Trip in eine unbekannte völlig andere Umgebung. Ziellos wanderte er an den bunten Schaufenster entlang.
Leute eilten an ihm vorbei, rempelten ihn an und übersäten ihn gewiss mit blauen Flecken.
Jemand drückte ihm einen Zettel in die Hand, Gutschein für eine Probezeit in einem Fitness-Studio. „Sehe ich so aus, als ob ich das nötig hätte?“, rief er dem Verteiler nach, doch der hörte ihn nicht mehr, sondern verteilte weiter munter seine Flyer.
Maik reichte seinen der nächsten fülligen Dame weiter. „Sie können das gewiss besser gebrauchen“, sagte er höflich.
Ziellos trieb es ihn durch die Straßen.
Die bunte Reklame eines Kaufhauses lud ihn ein einzutreten.
Ein junger Mann bot ihm Käse zum probieren an. Endlich konnte er sein Hungergefühl ein wenig stillen und das sogar gratis. Welch angenehme Überraschung.
Eine freundliche junge Dame bot ihm verschiedene Düfte zum probieren an. Dummerweise wollte sie, dass er auch eines davon kaufte, woran er aber kein Interesse hatte.
Wenigstens duftete er nun frauenbetörender, wenn denn die gut gebaute Verkäuferin Recht hatte. Maik fuhr mit der Rolltreppe ins Untergeschoss und stolperte, weil er nicht bemerkt hatte, wie diese endete.
Die verschiedenen Waren mit Desinteresse betrachtend, dabei darauf achtend, nicht mit einem der gestressten Kunden zusammen zu stoßen, setzte er seine abenteuerliche Reise durch das Kaufhaus fort.

Dann schlug das Schicksal unerbittlich zu. Es kam in Gestalt einer unglaublichen Frau. Sie war die Königin der Pralinentheke, playmatetauglich, mit einem magischen Lächeln, dass ihn in ihren Bann zog.
Maik blieb vor der Theke stehen und starrte die Frau an, als hätte er eine wie sie noch nie gesehen.
Aber doch, das hatte er, der Schatten der Erinnerung fiel über ihn.
Sie war nur eine verfluchte Real-Life-Tussi.
Sie war gewiss noch schlimmer als Cindy, die ja immerhin ab und zu mal chattete. Ob sie noch einmal etwas mit einem aus dem Netz anfangen würde?
Eine interessante Frage, deren Antwort Maik im Grunde aber egal war.
Er kannte solche Weiber, attraktiv, (ein-) gebildet, aber Null Ahnung von Technik, deren krönendes Wissen darin gipfelte, eine modere Registrierkasse bedienen zu können. Ja früher war er oft mit Solchen ausgegangen, damals als er noch zur Schule ging und gezwungen war sich durch die Welt zu bewegen. Für alles was diese Tussis nicht verstehen, haben sie auch kein Verständnis. Doch ihr hatte er es zeigen wollen, ihr hatte er klar gemacht, was ein echter Gamer ist. Ganz dumm dreingeschaut hatte sie, die Pralienentante.

„Es ist vorbei Maik!“, beruhigte er sich selbst und loggte sich in den Channel ein.
„Hey, wir haben dich schon vermisst, die andern haben mich auch schon alle nach dir gefragt. Ist grad keiner da, essen, duschen und son Kram, weißte. Was isn mit dir? Du warst den ganzen Nachmittag nicht on“, las Maik die besorgte Begrüßung von Junkie84.
„Oh Mann. Jetzt ist die Welt wieder in Ordnung. Ich bin wieder bei euch. Das war ein Trip heute. Meine Tussi hat mich verlassen weißt du. Da bin ich raus.“
„Raus? Meinst du das echt, raus, da draußen?“
„Jep, ich war da draußen – an der stinkenden frischen Luft. Mann, das war laut sag ich dir. Boah, das brauche ich so schnell nicht wieder!“
Die Fenster in seinem Messanger blinkten auf. Seine Freunde fragten, wo er den ganzen Tag gesteckt hatte. Erst Junkie84, dann würden auch die andern von seinem unglaublichen Abenteuer zu hören bekommen.
Aus Gewohnheit öffnete er mehrere Seiten in seinem Browser.
Bunte Bilder beim Bestellshop für DVDs blinkten ihm entgegen. „Du bist pleite“, ermahnte er sich selbst und schloss die Seite wieder. Er warf der Tüte auf seinem Schreibtisch einen verächtlichen Blick zu. Doch, es hatte sich gelohnt.
Die nächste Seite ließ sein Herz schneller schlagen. Vor lauter Aufregung hatte er es beinahe vergessen, er musste sich noch das neue Game bestellen. Nach dem Einkauf heute, musste das einfach sein. Damit war sein Geld doch vernünftig angelegt. Diesmal hatte er es noch nicht einmal vorbestellt gehabt. Geduldig hatte er die Bugreports abgewartet. Die Kritiken waren sehr gut und ein Blick ins richtige Forum zeigte ihm, dass inzwischen ein Patch draußen war, der die schlimmsten Bugs erfolgreich behob und offenbar nicht jede Menge neue einbaute.
Er bestellte das Spiel. Es war eine Wohltat wie leicht das war, so völlig anders, als im Kaufhaus.
„Ey Mann, das mit deiner Freundin tut mir echt leid“, schrieb Junkie84.
„Das muss es nicht. Die Alte hat tierisch genervt, die wollte ständig, dass ich mit ihr raus gehe. Na ja, mal ins Kino. Das habe ich ja gemacht. Was hat die blöde Kuh da zu meckern? Ich war jedes Mal heilfroh wieder hier zu sein. Sie war eifersüchtig auf mein Baby, weißt du. Sie versteht nicht, was mir die Kiste bedeutet.“
Ein paar Klicks und Maiks Lieblingspizza war bestellt, schön scharf mit extra Peperoni. Cindy hätte die nie gegessen, sie bestellte meist eh einen Salat, achtete auf ihre Figur. Wobei Maik zugegeben musste, dass sie dies sehr erfolgreich tat. So lange er nicht auf die Pizza verzichten musste, sollte es ihm egal sein. „Jetzt ist es sowieso egal“, dachte er bei sich. „Sie ist weg.“
In einer halben Stunde würde der Pizzabote an seiner Tür klingeln, sein bester Freund, neben dem Kerl, der ihm seine sonstigen Internetbestellungen lieferte, den er aber frühestens morgen wieder erwarten konnte. Gedankenverloren griff er in die Tüte. Der Inhalt durfte ja nicht verkommen. Zartbittere Schokolade ließ er sich auf der Zunge zergehen und war angenehm überrascht.

„Mach dir nichts draus, die wenigsten Tussis haben Ahnung von PCs. Deswegen habe ich ja auch keine, die nerven doch eh nur rum. Aber was zum Teufel hast du da draußen getrieben? Und wie hast du es bloß überlebt?“
„Gar nicht. Mein Geist sitzt hier.“ Grinsend starrte er auf den Bildschirm, ja der Witz war ihm gelungen. Das fand auch Junkie 84.
„Muahahaha“ Doch hätte der selbst sich so gut geschlagen da draußen? Hätte Junkie nicht viel früher den Schwanz eingezogen und wäre heim gerannt?
Fünfundzwanzig neue Mails lagen im Posteingang. So viele fand er für gewöhnlich nicht einmal nach ein paar Stunden Schlaf. Wie lange war er fort gewesen?
Zehn Mails waren bloß mehr oder weniger interessante Newsletter, drei Mails von Cindys Freundinnen mit wüsten Beschimpfungen, wie er vermutete. Alles wurde ungelesen gelöscht.
Die anderen zwölf waren viel wichtiger. Drei Vermisstenanzeigen von seinen Freunden, die offenbar das ganze Cyberspace nach ihm abgesucht hatten, sogar einen Foreneintrag hatte er dazu gefunden mit der Diskussion, woran er eventuell erkrankt und vom PC verbannt worden sei.
Neun Mails waren von besonderem Interesse für ihn, denn sie galten seinem Onlineservice.
Neue Anfragen für die Gestaltung von Homepages, Hilfe beim Einrichten von Webservern, oder allgemeinen PC-Problemen.
Maik war ein Mann für alles, was sich von seinem heimischen Rechner aus erledigen ließ. Und er war gefragt, seine Page war gut besucht und seine Kunden waren ihm besonders wegen seines schnellen und kompetenten Services sehr treu. Einer Band, die sich immer wieder gerne neu definierte, hatte er inzwischen die dritte Seite gestaltet.
Es war wirklich ein Segen für ihn, dass er zum Arbeiten nicht seine Wohnung verlassen musste. Auch Junkie84, blieb in der Regel drinnen hocken, doch Arbeit hatte er keine. Maik hatte versucht, ihn in sein Business einzubeziehen, aber Junkie war einfach nicht fit genug, um die Seiten zu gestalten. Und als er ihn die Kunden, bei ihren technischen Problemen hatte beraten lassen, war er zwar kompetent, aber derart unfreundlich gewesen, dass auch diese Aufgabe für ihn nicht das Richtige war. Er konnte leider nicht die nötige Geduld aufbringen, wenn einer seine Erklärungen nicht sofort verstand. Allerdings war das bei seiner von Fachausdrücken gespickten Sprache kein Wunder. Aber Junkie84 war ein guter Freund, mit dem Maik gerne chattete und unheimlich viel Spaß hatte.

„Hey ich bin echt raus da, raus in die Stadt unter echte Menschen; ist mir nicht leicht gefallen, Mann. Nun ich bin dann irgendwann da rein, in dieses große Dings, wo man so viel kaufen kann. Als würdest du durchs Netz wandeln, gruselig Alter.
Da stand ne Tussi hinter und starrte mich an: ‚Was hast du denn hier zu suchen?’ Ich sag’s dir, genau das hat sie gedacht. Der hab ich’s gezeigt.
Ey, die wollte Pralinen verkaufen, diese kleinen süßen Verführungen.
Nun bin ich zu der hin. Voll krass gebildet wie ich bin, laber ich die an: ‚Schon Noah bekam von Gott den Auftrag: Nimm zwei von jeder Sorte.’ Das ist son Typ aus der Bibel, weißt du. Meine Oma hat mir früher immer so Geschichten erzählt. Noah ist cool. Der hat ein Schiff gebaut und war somit glaube ich der erste Weltumsegler. Seine Besatzung war ein ganzer Zoo.
Ich habe mir also diese Tante mal vorgenommen.
Ey, das Gesicht hättest du sehen sollen. Ich glaub die kannte die Geschichte gar nicht. Auf jeden Fall hat sie es gemacht, hat mir von jeder Sorte zwei eingepackt.“
Er konnte es sehen, zwischen den Buchstaben auf seinem Bildschirm, wie Junkie84 der Mund vor Staunen aufklappte und nicht mehr zuging, da hätten eine Menge Pralinen rein gepasst.
„Echt krass.“
„Na ja, die blöde Theke, war etwas größer als ich gedacht hatte. Die ging noch leicht um die Ecke. Aber auch Noah hatte selbst die kleinsten Tiere auf sein Schiff genommen und so machte ich keinen Rückzieher. Du weißt ich verliere nur ungern ein Game.
Und das war eine kurze, aber siegreiche Schlacht. Und das Gesicht der Alten war es echt wert, Mann. Das hat die noch nie erlebt. Naja, wie oft verläuft sich einer wie ich in ihre Feinkostabteilung? Außerdem bin ich eben auch einmalig. Lol.
Also ich ganz lässig, geb der meine Karte, bezahle die megamäßige Summe und kehre mit etwa fünf Kilo Pralinen heim. Denn diese Krönung meines Ausfluges hat mir dann doch gereicht.
Boah bin ich froh wieder hier zu sein. So schnell geh ich da bestimmt nicht mehr raus. Das ist mir zu teuer und vor allem zu stressig.“
„Kann ich gut verstehen Alter. Ich mache das ja grundsätzlich nicht.“

Wie Recht Junkie84 damit hatte, das wusste nun auch Maik. Er griff nach der Tüte und schob sich noch eine der Pralinen in den Mund. Er biss auf knusprige Schokolade und dann füllte sich sein Mund mit einer alkoholischen Flüssigkeit. „Gar nicht übel“, dachte er bei sich und griff nach der nächsten.
Eine Flirtseite öffnete sich auf seinem Bildschirm. Wie von selbst tippten seine Finger:
„Intelligenter gut aussehender Kerl, Anfang Zwanzig sucht ein hübsches, zärtliches Mädel für gewisse Stunden. Verständnis für ein Onlineleben erforderlich.“
Er setzte seine ICQ-Nummer darunter und grinste in sich hinein. Diesmal würde es gewiss die Richtige sein.

Es klingelte, der Pizzabote brachte ihm sein Futter. Mit dem Karton kehrte er zu seinem Computer zurück und machte es sich bequem.
„So und jetzt erst mal eine Runde zocken und den ganzen Stress vergessen!“

(c) Stephanie Katharina Braun

Angsthasen (Ostergeschichte für Kinder)

(c) Stephanie Katharina Braun

Die Geschichte gibt es inzwischen auch als Video auf YouTube, ist auch unten eingebunden.

Osterhase auf der Wiese

Irgendwo auf einer einsam gelegen Wiese waren die Hasen fleißig am Malen. Körbe voller bunter Eier standen schon bereit, denn bis Ostern war es nicht mehr lang.

Möppel, dieses Jahr bist du auch groß genug. Du bekommst deinen ersten Auftrag.“

Ängstlich schaute der kleine Hase Dr. Mümmelmann, den Chef der Osterhasen, an. Er wollte gar nicht groß genug sein, auf der Wiese war es doch so schön.

Du wirst im Kindergarten die Osterkörbchen verstecken.“

Im Kindergarten? Da gab es doch ganz viele Kinder. Was, wenn eines ihn entdeckte? Er hatte schreckliche Angst.

Zur gleichen Zeit kreischte die kleine Casy im Kindergarten. „Hilfe! Nimm die da weg.“

Weinend lief sie zur Erzieherin.

Angsthase, Pfeffernase.

Morgen kommt der Osterhase.

Kommt er nicht,

kommt er doch.

Schießt er dir ins Popoloch“, riefen ihr die anderen nach.

Die Erzieherin zupfte ihr die Spinne aus den Haaren und versuchte sie zu beruhigen: „Das ist doch nur eine kleine Spinne, die hat sicher mehr Angst vor dir als du vor ihr. Du bist doch viel größer.“ Aber Casy hatte vor allen Tieren Angst, egal wie groß sie waren. Besonders vor Spinnen ekelte sie sich.

Endlich kam der Tag des Osterfestes im Kindergarten.

Eifrig hatten die Kindergartenkinder Osterkörbchen gebastelt und hofften nun darauf, dass der Osterhase sie befüllt und versteckt hatte. Es war jedes Jahr ein großer Spaß die Körbchen zu suchen.

Zitternd schlich Möppel in den Kindergarten. Dr. Mümmelmann hatte gesagt, nachts wären keine Kinder da. Das stimmte auch, aber nachts war es schrecklich dunkel. Die kleinen Glühwürmchen leuchteten ihm den Weg. Trotzdem war es gruselig.

Als Möppel fast fertig war, hörte er ein Geräusch. Schnell versteckte er sich in einer Spielzeugkiste.

Die Glühwürmchen lachten ihn aus. „Das ist nur eine Katze, die durchs Gebüsch streift.“

Katzen mochte der kleine Hase gar nicht, die waren ihm zu groß. Es war besser, er blieb noch eine Weile in seinem Versteck.

Dummerweise schlief er dabei ein.

Als er wieder erwachte, war es bereits hell. Erschrocken schaute er sich um. Da standen noch ein paar Osterkörbchen. Die musste er schnell verstecken. Sicher kamen bald die ersten Kinder.

Er mochte gar nicht daran denken, was geschehen würde, wenn Eines ihn entdeckte.

Die Glühwürmchen waren fort. Ihr Licht brauchte er jetzt nicht mehr. Es wäre einfach nur schön gewesen, wenn jemand bei ihm wäre.

Die restlichen Körbchen waren schnell versteckt. Jetzt musste er sich beeilen, nach Hause auf die Wiese zu kommen.

„Mama, ich will nicht. Ich will bei dir bleiben“, schluchzte Casy.

Tröstend umarmte Mama sie zum Abschied: „Schatz, heute kommt doch der Osterhase.“

Ein Hase?“ Ängstlich drückte sie sich in Mamas Arme.

Ja, der Osterhase, vor dem brauchst du keine Angst zu haben. Der bringt euch eure Osterkörbchen, mit Eiern und Schokolade.“

Traurig stand Casy am Fenster und winkte ihrer Mama.

Dann schaute sie sich suchend um. War hier wirklich kein echter Hase? Schokolade mochte sie gern.

Später durften die Kinder ihre Osterkörbchen suchen. Alle liefen aufgeregt durcheinander. „Ich hab eins! – Da hinten, da steht eins! – Juhu! – Lecker, ein Schokohase!“, riefen sie.

Nur Casy fand keines. Und wenn sie eins entdeckte, dann war jemand anderes schneller.

Sie kramte suchend in einer Spielzeugkiste und erschrak. Sie konnte nicht schreien vor Schreck. Das war auch gut so, denn sonst hätte sie den armen Möppel verraten. Der starrte mindestens genauso ängstlich zu Casy hin. Er hatte es nicht geschafft, rechtzeitig aus dem Kindergarten heraus zu kommen und sich hierher geflüchtet.

Beide bewegten sich nicht, starrten einander an und zitterten vor Angst.

Bist du“, flüsterte Casy vorsichtig, „der Osterhase?“

Der kleine Hase nickte. „Ich bin Möppel.“

Irgendwie sah der ja ganz niedlich aus und so gar nicht gefährlich.

Hallo Möppel. Ich heiße Casy. Was machst du da in der Kiste?“

Ich verstecke mich.“

Aber warum? Wir suchen Osterkörbchen, weißt du.“

Ja, die habe ich versteckt. Hast du schon eins gefunden?“

Nein, leider nicht.“

Da zog der kleine Hase ein Körbchen aus der Kiste. „Hier ist noch eins.“

Danke. – Aber warum versteckst du dich denn?“

Vor euch, damit mich keiner sieht. Aber jetzt hast du mich gefunden.“

Ja, und du hast mich erschreckt.“

Hattest du etwa Angst vor mir?“, staunte Möppel.

Casy nickte und Möppel lachte: „Ich auch vor dir.“

Kannst du mir hier raus helfen“, flüsterte der kleine Hase, der immer noch schrecklich Angst vor den anderen Kindern hatte. Vielleicht waren nicht alle so nett wie Casy.

Warte hier, ich hole meine Kindergartentasche, darin kannst du dich verstecken. Nachher wenn ich abgeholt werde, lasse ich dich wieder raus.“
Es gelang Casy, unbemerkt ihre Tasche zu holen und den Osterhasen rein zu setzen.

Dieser schmiegte sich dabei kurz an sie und flüsterte: „Danke.“ In der Tasche fühlte er sich schon viel sicherer.

Später zu Hause lief Casy mit ihrer Kindergartentasche in den Garten.

Möppel? Ich hoffe, du findest von hier den Weg nach Hause.“

Ein Osterhase findet immer zurück zu seiner Wiese. Mach dir keine Sorgen.“
Zum Abschied kuschelte Casy noch einmal mit dem Hasen. Sein Fell war so schön weich.

Besuchst du mich mal?“
„Gerne, wir haben jetzt ja erst mal Ferien, bis wir die nächsten Eier bemalen müssen.“

Das wäre schön.“

Casy schaute dem Osterhasen noch lange nach, bis Mama auf einmal hinter ihr stand.

„Casy was machst du denn im Garten?“

Mama, ich wünsche mir zum Geburtstag einen Hasen. Der soll dann Möppel heißen.“

(c) Stephanie Katharina Braun


Vor Jahren habe ich diese Geschichte für die Kindergartenzeitung „Flemmi-News“ geschrieben, in der auch meine Martinsgeschichte erschienen ist.

Es ist die letzte der Geschichten meiner „alten“ Webseite, die wieder online gegangen ist.

Beatrice Amberg liest auch diese Geschichte, ebenso wie die Drachengeschichte „Xeldar „und „Das Grauen im Berg„.

***

Im April 2020 habe ich aus dieser älteren Geschichte ein Video erstellt:

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Hörfassung von Beatrice Amberg

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Ein unglaublich glaubwürdiger Uri (Geschichte)

 

(c) Stephanie Katharina Braun

Es war einmal vor vielen Jahren, da feierte der Willi seinen 70. Geburtstag. Verwandte und Freunde waren gekommen, ja, sogar die Verwandtschaft aus dem fernen Elsass war vertreten.

Es wurde in bester Laune gefeiert, bis spät in die Nacht hinein. Alle wussten, der Willi hatte einen geheimen Wunsch, der sich leider an diesem Tage nicht erfüllte.

Denn es kam ein wenig anders und er musste noch zwei Tage warten.

Schon damals hatte das Kind einen Dickkopf, diesen durchgesetzt und sich einen eigenen Geburtstag gesichert.

Das Urenkelchen, gesund und munter hatte viele Opas und Omas.

So ergab es sich schon bald, dass aus dem Uropa Willi der Uri wurde.

Der Uri war ein ganz besonderer Opa, stets gut gelaunt, lustig und mit einer ganz besonderer Gabe bedacht:

Der Uri war ein Zauberer. Er zauberte mit Holz und Leim die tollsten Dinge. Gar eine Puppenvilla oder ein Kleiderschränkchen hat er dem glücklichen Mädchen gezaubert.

Wenn einmal ein Spielzeug zerbrach und die Tränen flossen, war der Uri stets schnell zur Stelle. Er tröstete sein Enkelchen und reparierte das Zerbrochene im Nu. Ein wenig Holzleim wirkt in seinen Händen wahre Wunder.

Das merkte auch das kleine Mädchen schnell und immer, wenn etwas kaputt ging, da sagte es: „Uri heile machen!“

Dann nickte er freundlich und gab sein Bestes, alles wieder in Ordnung zu bringen.

So bekam das Mädchen ein unglaubliches Vertrauen in die Fähigkeiten seines Opas.


So vergingen sechs wunderbare Jahre.

In der Zwischenzeit war der Uri stolzer Uropa von zwei Mädchen geworden und immer wieder erfreute er die Kinder mit seiner Magie.

So näherte sich eines Tages der sechste Geburtstag des Mädchens.

Der Uri nahm sein Urenkelchen auf den Schoss und fragte: „Was wünscht mein Mädchen sich denn zum Geburtstag?“

Es strahlte ihn an und sagte: „Ohrringe.“

Hast du denn schon Löcher?“ Neugierig schaute er sich die Ohren an. Noch waren sie heil.

Das Mädchen schüttelte den Kopf und grinste Mama erwartungsvoll an, damit sie dem Opa alles erklärte. Erst wenn es sechs Jahre alt war, durfte es Löcher in die Ohren bekommen.

Zuerst war der Opa entsetzt, dass in die schönen Ohren Löcher kommen sollten, doch dann hatte er eine tolle Idee: „Weißt du was? Ich geh mal in den Keller und hole mein Werkzeug. Dann mache ich dir die Löcher in die Ohren. Das ist ganz schnell gemacht.“

Da mussten Beide schrecklich lachen.

Kichernd kuschelte das Mädchen sich an seinen Opa und nickte begeistert. „Au ja! Mach das!“

Doch an diesem Tag ging der Uri nicht mehr in den Keller. Der Geburtstag kam und die Ohren waren noch immer heil.

Mit großer Freude packte das Kind Uris Geschenk aus. Es waren wunderschönen Delfinohrringe.

Jetzt wurde es aber allerhöchste Zeit für die Löcher.

Wenige Tage später war es dann so weit: Mama wollte mit ihrem Mädchen in die Stadt zum Juwelier fahren, um die Löcher machen zu lassen.

Doch oh weh, da war das Geschrei groß.

Ich will nicht! Der Uri soll das machen!“

Da hatte Mama ihre liebe Not, das Mädchen zu beruhigen. Das gelang ihr nicht, es blieb dabei: „Uri soll die Löcher machen!“

So half alles nichts, dieses Problem konnte wirklich nur der einzig wahre Uri lösen.

Lange redete er auf das Mädchen ein, erklärte er hätte nur Spaß gemacht und da seine Ohren nicht aus Holz seien, sollte es doch lieber mit Mama in die Stadt fahren.

Da glaubte das Mädchen dem lieben Opa und hielt ganz tapfer still.

Es folgten schließlich sechs ungeduldige Wochen, bis es endlich die schönen Delfine vom Uri und Oma anstecken durfte.


Der einzig wahre Uri, dem diese Geschichte gewidmet ist, wird heute 87 Jahre alt und wir gratulieren herzlich! Vor genau 10 Jahren habe ich ihm diese Geschichte zum Geburtstag geschenkt. Sie gehört noch zu den Originalen von der alten Webseite.