Sonntagsgeschichte Kapitel 41 – Das Rätsel

Dies ist das 41. Kapitel des Blogromans.

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Blogroman Sonntagsgeschichte

„Willkommen in unserer Welt“, begrüßte Johanna Sven feierlich. Es hatte also doch geklappt, wunderte sich der Junge und sah sich um. Die steinernen Zwerge und Schneewittchen auf ihrem Sarg waren noch da, umringt von seiner Schwester, Großtante, Loreley und seiner Freundin mit ihrer Doppelgängerin Johanna. Alle sahen ihn erwartungsvoll an, wandten sich dann nahezu zeitgleich ab, um in verschiedene Richtungen zu blicken. Als könnten sie jemanden herbeisehnen.

Johanna in ihrer menschlichen Gestalt trat auf ihn zu und zog ihn in eine sanfte Umarmung. „Das muss alles sehr verwirrend für dich sein.“ Über ihre Schulter hinweg, blickte er in Josephines Augen. Wie konnte es seine Freundin doppelt geben? Was wenn er sie aus Versehen verwechselte? Er wurde wieder losgelassen und Johanna blickte ihm tief in die Augen. Da erkannte er, dass er diese beiden Frauen niemals verwechseln würde. Seine Freundin war kein Drache und er liebte nur sie. „Nun, es gibt zwei Erklärungsmöglichkeiten“, wandte sich die Drachenfrau an die Umstehenden. „Vielleicht ist es Josephines Liebe, die ihn problemlos herbringt, schließlich erfolgt der Übergang durch einen besonderen Akt bei dem tiefe Gefühle im Spiel sind.“ Natürlich lief Sven rot an und blickte verschämt zu Boden. Alle hatten sie allein gelassen und trotzdem wussten sie Bescheid. Gewiss hatten sie andere Möglichkeiten, alles zu beobachten. Er war so dumm gewesen.

„Die andere Möglichkeit ist, dass auch Sven zu uns gehört. Ich erinnere mich nicht, dass es je vorgekommen wäre. Doch vielleicht hat auch Sven einen Seelengefährten, einen der sich aus besonderen Gründen nicht zeigen kann.“ Zunächst erhielt Johanna großes Erstaunen für diese Ankündigung, dann entspann sich eine große Diskussion über diese Möglichkeit zwischen Loreley, Großtante Lore und ihr. „Vielleicht gibt es keinen bekannten Fall, eben weil es ohne Seelengefährten unwahrscheinlich ist, dass uns jemand findet.“

Sven wurde das alles zu viel. Er wandte sich ab und trat näher an das steinerne Schneewittchen. Seit er klein war, besuchte er immer wieder den Steingarten, kannte das Märchen als Teil seiner Familiengeschichte. Diesen Ort als Portal in eine andere Welt zu betrachten, war vollkommen neu. Nein, es war kein Portal, korrigierte er sich. Die Welten waren überall miteinander verbunden. Allerdings gab es diese Steine an beiden Orten oder waren es dieselben Steine? Sein Kopf drohte zu platzen, wie sollte er all das nur begreifen, es akzeptieren. Währenddessen diskutierten sie über ihn, seine Existenz und seine Berechtigung an diesem Ort zu sein. Er berührte den kühlen Stein und das beruhigte ihn ein wenig. Schneewittchen war ihm vertraut, war ein Stück Zuhause in all diesen Merkwürdigkeiten. Sie lag schon ewig hier und würde auch weiterhin hier liegen, wenn diese merkwürdige Diskussion beendet sein würde. Ihr Gesicht, sie sah so vertraut aus, nicht nur als Steinfigur. Da war ein Gedanke, aber er konnte ihn nicht festhalten.

„Na, erweckst du gleich unser Schneewittchen?“, fragte seine Schwester Jenny. Sie legte ihm tröstend den Arm um die Schulter. „Weißt du noch, wie wir klein waren und Großvater immer sagte, er hoffe, ich könne Schneewittchen eines Tages erlösen?“ Er nickte. „Ja, jedes Mal habe ich mich beschwert und gesagt, ich sei der Prinz.“ Sie lachten beide. „Und dann kam Lukas dazu und verkündete, er würde der große Held sein.“ Es waren Kinderspiele, als Sven und sein jüngerer Cousin sich im Steingarten um die schöne Prinzessin duelliert hatten. Eigentlich war Schneewittchen keine Prinzessin, nicht ohne Prinz, der sie erweckte …

Mit einem Knuff in die Seite, holte Jenny ihn aus seinen Erinnerungen zurück. „Vorsichtig Brüderchen. Wenn du Schneewittchen jetzt küsst, wird deine Freundin eifersüchtig.“ Er blickte hoch. Ihm gegenüber, auf der anderen Seite der steinernen Schönheit stand sie. Josephine stand einfach da und beobachtete ihn. Sie lächelte, keine Spur von Eifersucht. Warum sollte sie auch auf eine verdammte Steinfigur eifersüchtig sein? Seine Schwester kam auf Ideen.

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Sonntagsgeschichte 40 – Der Steingarten

Dies ist das 40. Kapitel des Blogromans.

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Blogroman kleiner Komet Sonntagsgeschichte

Sie folgten den beiden Loreleyen in den steinernen Garten. Josephine konnte sich nicht entscheiden, ob sie diesen Ort im Mondschein romantisch oder gruselig finden sollte. Sieben steinerne Zwerge, die ihr alle bis zur Hüfte reichten umringten einen riesigen Steinsarg in der Mitte auf dem eine lebensgroße Steinstatue einer Frau lag. Sie befanden sich in einer steinernen Szene aus dem Märchen „Schneewittchen“. Am Nachmittag hatte Sven ihr etwas über seinen Großvater und die Befreiung von Schneewittchen erzählt, ein altes Familienmärchen. Doch jetzt hier nachts an Schneewittchens Sarg zu stehen, gemeinsam mit Loreley, das empfand sie als unheimlich. Sanft strich sie über ihren Ring und dachte dabei an Johanna. „Ich bin hier“, erklang die vertraute Stimme hinter ihr. Sven ließ sich nicht mehr so leicht überraschen, schon gar nicht von Frauen, die einfach auftauchten und bereits anwesenden ähnlich sahen. Die Seelenschwestern begrüßten einander, dann ging Johanna auf die andere Seite des Steinsarges zu Loreley. „Es freut mich, dich wiederzusehen, um so mehr, dass wir uns nun gemeinsam, dem Rätsel um Sven widmen können.“ Sie nickten einander zu und verschränkten ihre Hände über dem Sarg auf der Höhe von Schneewittchens Herzen. Sven erwartete, dass die Steinfigur zum Leben erwachte, doch nichts geschah. Er war enttäuscht.

„Seid ihr bereit“, fragte Loreley in die kleine Runde. Lore, Jenny und Josephine stimmten ihr zu und kurz darauf waren sie alle verschwunden. Sven fand sich alleine in mitten der Zwerge am Sarg von Schneewittchen zurück. Einen Moment später waren sie alle wieder da. „So funktioniert das nicht“, seufzte Lore. „Beim letzten Mal war es Josephine, die ihn mit hinüber genommen hat“, erklärte Johanna. „Gut, dann versuch, ob es erneut klappt.“ Josephine wandte sich Sven zu. „Ich werde dich jetzt küssen. Schließe am besten die Augen. Wenn alles klappt, gehen wir gemeinsam in die Anderswelt.“ Skeptisch sah Sven sich nach den anderen um. Alle starrten sie beide erwartungsvoll an. Sie würden zusehen, wie er und seine Freundin sich küssten. Auf der Hochzeit einer Cousine, mütterlicherseits hatte er sich im letzten Jahr sehr unwohl gefühlt, als sie sich am Altar vor allen Leuten geküsst hatten. Jetzt würden alle hier ihnen zusehen. Sanft legte Josephine ihren Arm um seinen Nacken und zog ihn an sich. Sie sind alle hier und beobachten mich, dachte Sven, wehrte sich aber nicht, als ihre Lippen ihn sanft berührten. Ein zärtlicher Kuss, jedoch ohne Leidenschaft und so geschah wieder einfach nichts. Als sie sich voneinander lösten, blickte Sven in enttäuschte Gesichter. Das machte die Situation noch schlimmer für ihn. Es fühlte sich an, als habe er versagt.

„Vielleicht geht ihr einfach schon mal vor“, schlug Josephine vor. Das klang in Svens Ohren nach einer großartigen Idee. Es dauerte ein wenig, aber dann hatte sie alle davon überzeugt, sie alleine zu lassen. „Danke“, flüsterte Sven und umarmte sie. Er genoss diesen Moment der Zweisamkeit, nach all dem was er heute Nach erfahren hatte. „Ich liebe dich.“ Einen Moment lang sah er ihr tief in die Augen, hielt sich an ihr fest. Er vertraute ihr und gemeinsam würden sie die Grenze überschreiten. Sie würde ihn mitnehmen, mit in diese andere Welt, die Anderswelt in der Doppelgänger von ihnen herum liefen. „Ich bin bereit“, sagte er und küsste sie. Josephine hatte in seinen Augen das grenzenlose Vertrauen in sie gesehen. Sie löste sich von dem gruseligen Steingarten, in dem sie standen. Sie waren allein, nur sie und Sven. Es gab nur sie beide und diesen einen Kuss. Einen Moment lang fühlte sie sich frei und einzig ihm so nahe, dann wandte sie ihre Gedanken der Anderswelt zu. Öffnete ihren Geist und rief nach Johanna. Sie öffnete die Augen. Es fiel ihr leichter die Grenzen zwischen den Welten sehend verschwimmen zu lassen. Dies tat sie, blinzelte den Schleier herbei und führte den Wechsel zwischen den Welten herbei, immer noch eng verbunden mit Sven, der sie mit geschlossenen Augen im Arm hielt und sie noch immer küsste. Zunächst dachte sie, es hätte nicht funktioniert, die Steinfiguren waren noch immer da. Doch als sie in Johannas zufriedenes Gesicht blickte, beendete sie sanft den Kuss mit Sven, der ebenfalls die Augen wieder öffnete und gleich rot anlief.
Die anderen waren zurück. Es hatte nicht funktioniert, sie waren noch immer im Steingarten. Dabei war der Kuss so schön und intensiv gewesen.

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