Schöne Social Media Welt #Blog4Competence

Wie verhalte ich mich in einer schillernden Social Media Welt? #Blogs4Competence
Wie verhalte ich mich in einer schillernden Social Media Welt? #Blogs4Competence

Valerie Wagner hat zu einer spannenden Blogparade über Medienkompetenz aufgerufen. Ein breites Feld, zu dem mir so einiges einfällt. Der Vorteil einer Blogparade ist, dass ein Thema aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird. Ich möchte mich daher in meinem Beitrag auf das persönliche Selbstkonzept und den eigenen Selbstwert im Zusammenhang mit dem Umgang mit Social Media konzentrieren.

Was ist Social Media für dich für eine Welt?

Für mich ist die digitale Welt ein Teil der Realität. Mein Blog ist mein Zuhause im Netz und Soziale Netzwerke, die Orte an die ich gehen kann, um andere Menschen zu treffen. Darüber habe ich bereits im Rahmen einer anderen Blogparade geschrieben.

Für meine Oma sind soziale Netzwerke eher eine Art fremder Planet, der für sie unerreichbar ist.

Für Lehmkuhl und Lehmkuhl (2020) ist es eine Scheinwelt, die den Selbstwert der Jugendlichen bedroht. Sie befragten 730 Jugendliche im Alter von 13 bis 20 Jahren zu ihrer eigenen Körperwahrnehmung. 29% der Befragten beschäftigen sich übermäßig stark mit einem mutmaßlichen körperlichen Defizit und wünschen sich das weniger zu tun. Davon berichteten 20% ein Unwohlsein oder Schamgefühl bei Verabredungen.

„Die Ergebnisse legen einige vorläufige Schlussfolgerungen nahe: Es besteht eine enge Beziehung zwischen der Selbsteinschätzung körperlicher Merkmale, psychischen Belastungen und dem aussehensbezogenen sozialen Druck.“

Lehmkuhl und Lehmkuhl (2020)

Was sind Soziale Netzwerke für dich? Bist du Teil von ihnen? Eher Zaungast und schaust zu oder bist du auch aktiv dabei?

Ich denke für die Frage, wie wir mit etwas umgehen wollen, ist es wichtig, sich erst einmal klarzumachen, als was wir die „Social Media Welt“ betrachten. In einem zweiten Schritt stellt sich dann die Frage, mit welchem Ziel wir dabei sind? Und zuletzt geht es darum, wie du dich in den Sozialen Netzwerken präsentieren möchtest. „Authentisch und echt“ lautet eine häufig genannte Anforderung.

Wer bin ich? Das eigene Selbstkonzept

Zu den jugendlichen Entwicklungsaufgaben gehört es, herauszufinden, wer wir selbst sind. Damit sind wir meist nicht am 18. Geburtstag fertig. Manchmal erfinden wir uns auch später im Leben noch einmal völlig neu. Ich bin davon überzeugt, dass wir ein Leben lang an unserem Selbstkonzept arbeiten, denn Persönlichkeitsentwicklung währt ein Leben lang. Ein Teil unserer Identität, entsteht aus der Gruppenzugehörigkeit heraus, das ist unsere soziale Identität. Innerhalb der Gruppe werden gemeinsame Werte definiert. Gruppen geben uns Orientierung, wie wir uns verhalten „sollten“.

Wir sind Teil verschiedener sozialer Gruppen (Familie, Beruf, Freundeskreise, Hobbys, Vereine, etc.), sowie Teil verschiedener Social Media Bubbles. Diese können sich miteinander überschneiden oder klar voneinander getrennt sein.

Eine Chance von Sozialen Netzwerken: Wir finden garantiert zu jedem Thema Menschen, die sich ebenfalls dafür interessieren. Wir finden Gleichgesinnte und können uns mit ihnen austauschen. Zu jeder Meinung lässt sich jemand finden, der uns zustimmt. Das kann unseren Selbstwert stärken.

Im schlimmsten Fall kann es zu Radikalisierungen führen, wenn wir den Algorithmen die Kontrolle überlassen, uns nur noch Postings zu der einen Meinung anzuzeigen. Dem lässt sich am besten entkommen, wenn wir vielen verschiedenen Accounts folgen, gezielt danach suchen und neugierig bleiben.

Riskant wird es in meinen Augen, wenn kein Austausch mehr stattfindet, sondern Konformität zu stark wird, das bedeutet, die Mitglieder einer Gruppe oder Bubble werden sich zu ähnlich in ihrem Verhalten und ihren Ansichten.

Zur Konformität zeige ich in der Lehre gerne diesen Ausschnitt aus dem Film „Club der Toten Dichter“.

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Sei du selbst!

Wenn wir uns sozialen Gruppen anschließen, folgen wir meist zwei Bedürfnissen: Dazugehören und Wahrung der Individualität.

Wie lässt sich denn nun verhindern, dass wir vollkommen in einer Gruppe aufgehen?

Ein wenig Verständnis für Sozialpsychologie kann helfen, automatischen Prozessen aktiv entgegen zu steuern. Wie? Wir müssen unser Hirn einschalten und zwar aktiv, nicht auf Autopilot. Das kostet Energie und Anstrengung, rettet aber deine Individualität.

Schauen wir uns mal verschiedene Prozesse genauer an:

Konformität

Die bereits erwähnte Konformität, die unbewusste Anpassung an die unausgesprochenen Normen der Gruppe. Es fühlt sich gut an, mit anderem im Takt zu klatschen oder im selben Rhythmus zu tanzen. Doch gerade beim Tanz kann es sich auch gut anfühlen, ganz individuelle Bewegungen zu machen, die Augen zu schließen und sich mehr von der Musik, als der Gruppe leiten zu lassen.

Mit anderen mitzuschwingen, sich ihnen anzupassen, sind alles positive Effekte, die Vertrauen und Beziehungen ermöglichen. Wie können wir jetzt genau hier den Grad finden, wir selbst zu bleiben?

Vielleicht hilft dir, die Ermutigung: Finde deinen eigenen Stil für deine Social Media Beiträge. In der Szene aus „Der Club der toten Dichter“ sagt der Lehrer zu seinen Schülern: „Der Schulhof gehört Ihnen! Finden Sie Ihren eigenen Rhythmus!“

Genau darum geht es. Probiere dich aus. Schaue ruhig, was die anderen machen. Ahme nach, was dir gut gefällt und unterlasse, was dich nervt. So habe auch ich meinen Weg ins Bloggen und die Sozialen Netzwerke gefunden. Du musst nicht alles mitmachen und schon gar nicht gleich wie alle anderen, das wird irgendwann dann auch langweilig. Trends kommen und gehen, in der Mode, wie in Sozialen Netzwerken. Hierzu gehören auch die Netzwerke selbst. Manche tauchen auf und verschwinden wieder, andere bleiben. Wenn du nicht im Social Media Bereich arbeitest, musst du sie nicht alle ausprobieren.

Modellernen

Es gibt verschiedene Arten, wie wir lernen. Nach der Sozial-Kognitiven-Theorie von Bandura lernen wir von anderen. Schon Kleinkinder ahmen Grimassen nach, die wir ihnen vormachen. Aber auch Erwachsene lernen noch von Modellen. Wichtig dabei ist, dass wir uns mit dem Modell identifizieren können. Jemand erscheint uns kompetent, sympathisch, attraktiv oder hat einen hohen sozialen Status, das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass diese Person für uns zu einem Lernmodell wird.

Influencer können zu Modellen für uns werden, von denen wir lernen. Sie spezialisieren sich auf ein Thema, wie Reisen, Beauty, Fitness, Kochen oder auch ein Hobbythema, welches uns interessiert. Wir können ganz praktische Dinge von ihnen lernen. Wie kann ich bestimmte Dinge selbst machen (DIY) oder bestimmte Probleme lösen? Wir können auch Produktempfehlungen folgen, die sie aussprechen.

Wenn es ihr Job ist Influencer zu sein, dann wollen sie uns doch nur etwas verkaufen, oder?

Klar, wollen sie Geld mit ihrem Content verdienen. Dazu brauchen sie deine Klicks, deine Likes und auch deine Käufe über ihre Affilatelinks oder mit ihren Gutschein Codes. Allerdings gehen sie auch mit jeder Kooperation das Risiko ein, ihre Glaubwürdigkeit und das Vertrauen bei ihren Followern zu verlieren. Daher müssen sie gut abwägen und es wäre zu einfach zu sagen: Vertraue ihnen grundsätzlich nicht, denn sie sind nicht deine Freunde.

Im Gegensatz zu deinen Freund*innen haben sie sich eventuell auch intensiver mit dem Produkt auseinandergesetzt. Mein Rat wäre, folge den Influencer*innen, die zu dir passen, so wie du auch deine Freund*innen auswählst.

Wir lernen immer von anderen Menschen, bewusst oder unbewusst. Hinterfrage immer wieder, wem du folgst. Finde ich gut, was diese Personen tun? Teile ich ihre Werte und Weltanschauung?

Vergleiche

Wir Menschen neigen dazu uns ständig mit anderen zu vergleichen. Dies liegt nicht nur daran, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben, sondern auch daran, dass wir so herausfinden, wer wir selbst eigentlich sind. Unseren Selbstwert bemessen wir unter anderem im Vergleich zu anderen. Überlege dir auch mal, aus welchen anderen Quellen du dein Selbstwertgefühl stärken kannst.

Dabei können wir uns in drei verschiedenen Richtungen vergleichen: Mit Menschen, die besser sind als wir, schlechter oder auf unserem Level. Und das in allen Lebensbereichen, Fitness, Aussehen, Fähigkeiten, Zahl der Kontakte, etc. In welchen wir uns mehr vergleichen, ist individuell verschieden. Ganz ohne kommen wir alle nicht aus.

Welche Vergleiche tun uns gut?

Vergleiche auf dem selben Level: Wenn wir uns mit Personen vergleichen, die ähnlich gut sind wie wir, kann uns das Orientierung geben. Wir sind auf einem guten Weg, anderen geht es ähnlich, das kann das Selbstwertgefühl stärken. Das Risiko liegt hier eher darin, sich in der Annahme zu verschätzen, es handle sich um parallele Vergleiche. Möglicherweise stellen wir fest, dass die Menschen, mit denen wir imselben Anfängerkurs sitzen, alle viel besser sind. Woran könnte es liegen? Sind sie schlauer als wir? Oder haben sie doch Vorerfahrungen? Haben sie etwas Ähnliches bereits gemacht, wovon sie jetzt profitieren? Haben sie mehr Zeit zum üben? Es kann viele Gründe geben, wenn wir Unterschiede beobachten, schließlich sind wir Menschen auch verschieden. Der Schluss, andere seien besser, ist nicht immer der Richtige.

Vergleiche nach unten: Es gibt andere, die schlechter sind als wir, weniger haben, mehr oder schlimmere Probleme haben, usw. Im Vergleich mit diesen können wir uns gut fühlen, das fördert unser Selbstwertgefühl. Wir brauchen uns aber auch nicht anstrengen, können bleiben, wie wir sind. Es fehlt das Entwicklungspotential. Manchmal brauchen wir genau das. Wir dürfen akzeptieren, wer wir sind und gut ist.Wir dürfen genug sein. In anderen Bereichen möchten wir uns gerne weiter entwickeln.

Vergleiche nach oben: Meine Sportlehrerin hat mal zu mir gesagt. „Such dir eine Läuferin, die ein bisschen schneller ist als du und häng dich dran.“ Das funktioniert ganz gut, in vielen Bereichen. Wenn wir uns mit jemanden vergleichen, der oder die etwas besser ist als wir, können wir uns dranhängen, mitziehen lassen oder auch von ihr anspornen lassen.
Wenn wir uns ein Stück nach oben orientieren, öffnen wir den Raum für Entwicklung. Schauen wir zu weit nach oben, schaden wir unserem Selbstwertgefühl.
Bleiben wir beim Laufen. Hänge ich mich an meine etwas schnellere Mitschülerin, laufe ich selbst etwas schneller. Vergleiche ich mich mit Sportler*innen, die bei Olympia laufen, brauche ich mich gar nicht erst in Bewegung zu setzen. Keine Chance! Fürs Selbstwertgefühl braucht es eine passende Vergleichsebene und dazu gehört auch die Rahmenbedingungen mitzubedenken. Wie alt ist die Person, mit der wir uns vergleichen. Wie viel Erfahrung hat sie bereits?

Und die Influencer*innen?

Hier solltest du dir auf jeden Fall noch einmal bewusst machen, dass es ihr Job ist, sich intensiv mit dem Thema zu befassen, welches für dich eventuell „nur“ ein Hobby ist. Sie haben vollkommen andere Rahmenbedingungen als du für ihre persönliche Entwicklung.

Fazit

Sei du Selbst! Finde deinen engen Kreis in den Sozialen Netzwerken, deren Feedback dir wichtig ist. Bleibe offen für anderen Meinungen und kritisch gegenüber deinem eigenen Verhalten. Und denk daran, es können niemals alle deiner Meinung sein oder gut finden, was du tust. Je sichtbarer du wirst, desto mehr Gegenstimmen werden dir begegnen. Folge vielen verschiedenen Accounts. Lasse Vielfalt zu, in Herkunft und Meinungen. Höre anderen Menschen zu, wenn sie ihre Erfahrungen teilen und komm zu deiner eigenen Haltung und Meinung.

Ich beobachte auch spannende Entwicklung gegen die Scheinwelt, gerade auf Instagram. Das Bedürfnis nach echter Authentizität, statt Beauty-Filtern, scheint immer stärker zu werden.

Und zum Schluss: Nimm nicht alles zu ernst. Humor ist ein wunderbarer Faktor, wenn es darum geht, dein Selbstwert zu wahren, sich nicht zu sehr stressen zu lassen oder gar depressiv zu werden.

Voneinander und miteinander lernen

Von Erfahrungen anderer können wir wunderbar lernen. Deswegen finde ich diese Blogparade #Blog4Competence so wertvoll. Erzähl auch du deine Geschichte und lies die anderen Beiträge. Valerie wird nach dem 28. Februar noch einmal etwas in ihrem Blog schreiben.

Autismus ~ Menschen und keine Aliens

Blumen wachsen auf einem Baumstumpf

Als Psychologin habe ich theoretisches Fachwissen. Doch meiner Ansicht nach ist in der Wissenschaft nichts in Stein gemeißelt. Gerade die Psychologie, die Wissenschaft des menschlichen Erlebens und Verhaltens, basiert auf Theorien und Studien an Menschen. Wir versuchen menschliches Verhalten zu beschreiben, erklären und vorherzusagen. Dies gelingt auf Basis von Daten und Wahrscheinlichkeiten. Was auf theoretischer Basis gut funktioniert, wird schwieriger, wenn wir einzelne Personen und konkretes Verhalten betrachten. Zynisch habe ich die Sozialpsychologie mal folgendermaßen beschrieben:

Egal, wie ein Individuum oder auch eine Gruppe von Personen sich verhält, es gibt für jede Variante eine Theorie, die es erklären kann.

Die Prüfung zu den sozialpsychologischen Theorien war dann auch nicht meine beste … bei der Einstellung lernt es sich nicht so erfolgreich …

Faszination Autismus

Einer der Gründe Psychologie zu studieren, war tatsächlich eine gewisse Faszination für das Thema Autismus. Ausgelöst durch einen Film „Das Kartenhaus“, welchen ich als Kind gesehen habe. Dieser und meine ersten Recherchen ließen mich glauben, es sei ein extrem seltenes Phänomen. Den Film habe ich nicht noch einmal gesehen, übrigens auch „Rain Man“ nie, der streng genommen keinen Autisten darstellt. Kim Peek war ein Savant (siehe z.B. Welt.de).

Stattdessen habe ich mich intensiv mit dem Thema Autismus befasst, theoretisch, wissenschaftlich und persönlich. Ich kenne einige Autisten, denn es handelt sich nicht um eine extrem seltene Diagnose. Wahrscheinlich kenne ich mehr, als mir bewusst ist. Autismus ist nicht ansteckend und auch nicht sofort sichtbar!

Persönlich finde ich es wichtig, das fachlich-theoretische Wissen mit der Realität abzugleichen. Damit meine ich allerdings nicht, Personen ihre Diagnosen abzusprechen. Jedes Mal, wenn ich den folgenden Satz höre, weiß ich nicht, was ich dazu sagen soll:

XY hat eine Autismus Spektrum Diagnose, aber ich und ID sind davon überzeugt, dass das falsch ist.

frei zitierte häufig gehörte Aussage

Meist wird das nicht weiter begründet. In der Regel sind es Aussagen von Personen ohne diagnostische Qualifikation, die auf Basis ihrer Meinung und Erfahrungen urteilen. Gerade die Diagnose im Autismus Spektrum ist komplex und zur Verwunderung und auf Kosten der Nerven einiger Beteiligter ein langwieriger Prozess. Ja, es gibt Fehler in der Diagnostik. Doch das Hauptproblem, warum viele gerade im Bereich Autismus einzelnen Personen die Diagnose absprechen möchten, ist das vielfältige Bild, dass uns Personen aus dem Spektrum bieten. Sie haben nicht alle begrenzte Spezialinteressen und zeigen auch nicht grundsätzlich asoziales Verhalten.

Autisten sind Menschen und keine Aliens

Im Laufe der Jahre habe ich mich von der Faszination für ein Phänomen gelöst und erkannt, dass Autisten auch bloß Menschen sind. Meinem Interesse für die Thematik Autismus hat das nicht geschadet, aber ich habe eine klare Haltung diesen Menschen gegenüber:

Ich sehe sie als Menschen. Meiner Erfahrung nach sind Autisten so vielfältig, wie alle anderen auch!

Sei du selbst!

Jeder von uns hat seine Stärken und Schwächen! Bewegst du dich in allen Variablen innerhalb der Norm? Ich nicht, ganz ehrlich. Normal und Durchschnitt in allen Bereichen wäre auch langweilig, oder? Ich bin davon überzeugt, dass jeder von uns in einigen Variablen zumindest tendenziell in den oberen Bereich der Normalverteilung wandert, in anderen dafür eher nach unten. Viele Schwächen lassen sich kompensieren oder sind für unser tägliches Leben nicht relevant, bei anderen benötigen wir Hilfe. Banales Beispiel: Ich bin 1,63 m groß, was tatsächlich im Normbereich einer Frau liegt. Trotzdem benötige ich hin und wieder Hilfe, weil ich an bestimmte Dinge einfach nicht dran komme. Bisher hat sich immer jemand gefunden.

Je offener wir mit solchen Schwierigkeiten umgehen dürfen, desto näher kommen wir tatsächlich der Idee einer inklusiven Gesellschaft!

Auch wenn uns die Inklusion von oben (WHO) diktiert wurde, ist es ein wertvoller Gedanke, den es gesellschaftlich umzusetzen gilt. Institutionen können und müssen Rahmenbedingungen schaffen, umdenken müssen wir Menschen. Wenn uns das gelingt, dürfen wir alle mehr wir selbst sein, selbstverständlich innerhalb eines gesellschaftlichen moralischen Rahmens. Gewisse Grenzen und Regeln sind für ein Zusammenleben notwendig.

Autismus von Innen und Außen

Das ständige Hinterfragen und Abgleichen von Theorie und Praxis gehört ebenso zu meiner Grundhaltung. Passt das theoretische Wissen in die Wirklichkeit? Gibt es möglicherweise neuere Studien, die ältere widerlegen?

Welche Bedürfnisse haben Menschen, die diagnostisch zum Autismus Spektrum zählen? Wie sehen sie selbst das Thema Autismus und welche Anforderungen haben sie an uns Fachleute?

Spannende Fragen auf die es sehr kontroverse Antworten gibt, was schlicht daran liegt, dass es eben nicht den Prototypen eines Autisten gibt. Sie sind Menschen, wie wir alle auch, mit vielfältigen Meinungen, die es wert sind gehört zu werden. Ich höre ihnen gerne zu, ebenso Angehörigen. Auf Twitter gibt es zahlreiche Accounts, die sich der Thematik aus verschiedenen Perspektiven widmen.

Aleksander Knauerhase habe ich bereits mehrmals persönlich getroffen und schätze den Austausch mit ihm sehr. Ausführlich habe ich über seine Perspektive „Autismus aus der Innenansicht“ bereits nach seiner Session auf dem Sozialcamp 2018 berichtet.

Autismus mal anders ~ Aleksander Knauerhase
Autismus mal anders ~ Aleksander Knauerhase

Leseempfehlung „Autismus mal anders“

Dieser Beitrag wurde inspiriert von seinem Buch „Autismus mal anders“, welches mich seit Monaten begleitet. Es hat „nur“ 200 Seiten, aber ich habe es langsam gelesen, immer mal ein Kapitel, längere Pausen dazwischen, dann mal mehrere Kapitel am Stück. Ich halte es für ein wertvolles Buch. Es ist kein Fachbuch, sondern die Perspektive einer einzelnen Person, die sich intensiv mit dem Thema Autismus auseinander gesetzt hat. Dabei reflektiert er das eigene Erleben, vergleicht es mit theoretischen Erkenntnissen und zahlreichen Sichtweisen von anderen Autisten und Nicht-Autisten. Im Grunde geht er dabei ähnlich vor wie ich: Er blickt von innen und ich von außen auf das Thema Autismus. Wir beide leben in derselben Welt, erleben sie verschieden (wie du und ich auch) und haben von Anfang an eine gute Basis gefunden miteinander zu kommunizieren.

Zum guten Schluss:

Autisten sind Menschen und keine Aliens! Jeder ist anders, manche fallen mehr auf als andere. Manche mögen wir mehr als andere. So ist unsere Welt. Lasst uns offener sein für die Vielfalt der Menschen, die uns umgeben. Egal, ob Autist oder nicht. Egal, ob ein Mensch sichtbare oder unsichtbare Einschränkungen hat. Statt Berührungsängste zu haben, seid ehrlich, dass ihr unsicher seid und lasst euch sagen, welches Verhalten sich die Person wünscht. Tatsächlich habe ich mir schon blöde Kommentare anhören müssen, weil ich helfen wollte. Allerdings überwiegen die überraschten Blicke bisher! Einfach mal lächeln und fragen:

Kann ich dir/ Ihnen helfen?

Ein allerletzter Gedanke

In diesem Beitrag schreibe ich über das Thema Autismus und doch geht es um viel mehr, um unsere Gesellschaft und viele Themen.

  • Bleibt offen für neue Erfahrungen und ordnet diese in euer bisheriges Wissen ein.
  • Lasst euch inspirieren, mal über den eigenen Tellerrand zu gucken und mal andere Perspektiven kennen zu lernen.
  • Menschen sind vielfältig, das ist gut so und macht es so spannend neue Leute kennen zu lernen. Manche passen zu dir, andere weniger. Zieh dich zurück, wenn es nicht gut passt, aber urteile bitte nicht vorschnell.

Autismus mal anders
Aleksander Knaurhase
Selfpublisher, erschienen 2016
ISBN: 978-3741235016