Sonntagsgeschichte Kapitel 49 – Ernüchterung

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Blogroman Sonntagsgeschichte

„So viel habe ich doch wirklich nicht getrunken“, stöhnte Lukas und stützte sich auf Sven. Immer wieder kniff er die Augen zusammen, öffnete sie und starrte auf die lebendig gewordene Steinfigur vor ihm. Sie saß aufrecht und aß. Immer wieder fragte sie nach ihre Freunden. Er blickte sich um, die sieben Zwerge, die im Kreis um sie herum gestellt waren, standen noch versteinert da. Was war hier los?

Von hinten legte sich eine Hand auf seine Schulter. „Komm“, sagte eine liebliche Stimme und die Hand zog ihn sanft. Lukas ließ sich mitziehen, drehte sich um und sah in ein fremdes und zugleich vertrautes Gesicht. Diese Frau hätte seine Großtante sein können, in sehr viel jünger. Wow, war sie schön, dachte er. Sie lächelte und reichte ihm etwas zu trinken. Wie in Trance nahm er den Becher, trank und spürte wie sich die Nebel schlagartig lichteten. Wie viel Wein er getrunken hatte, wusste er nicht, aber jetzt war er nüchtern. Allerdings zweifelte er das an, als er sich umblickte. Außer der schönen Frau, war niemand da, auch die Steinfiguren und Schneewittchen waren verschwunden. „Setz dich, ich werde dir alles erklären.“

„Wo sind die anderen hin oder soll ich besser fragen, wo bin ich?“

„Du bist ein kluger Junge, die anderen sind noch immer genau da, wo wir sie zurück gelassen haben. Ich habe dich mit hinüber in die Anderswelt genommen, nachdem ich deine Verwirrung gesehen habe. Zwei verwirrte Wesen auf einmal ist etwas viel. Überlassen wir den anderen Schneewittchen und ich kümmere mich ein wenig um dich.“ Irgendwie war diese Stimme magisch beruhigend oder es lag an dem Getränk, dass ihn so ernüchtert hat. Noch immer verstand Lukas nicht, was los war, nahm die Informationen, die so wenig Sinn ergaben, allerdings gelassen auf. Die Frau machte eine Handbewegung und die Luft vor ihnen begann zu flimmern. Wie durch ein Fenster erblickte er seine Familie, die noch immer das erwachte Schneewittchen umringten und mit ihr sprachen. Das flimmernde Fenster verschwand wieder und sie waren allein.

„Ich bin Loreley“, stellte die schöne Stimme sich ihm vor. Dabei lächelte sie weiterhin und nickte. „Ja, die Loreley, die du aus der Sage kennst, nicht ganz so grausam, aber meine Stimme ist tatsächlich magisch.“ Lukas nickte, das spürte er. „Deine Großtante Lore ist meine Seelengefährtin, daher siehst du auch die Ähnlichkeit zwischen uns. Dein Großvater, Jenny, Sven und seine Freundin Josephine haben ebenfalls Seelengefährten. Sven hat genau wie du jetzt gerade erst alles erfahren. Bei ihm ist die Geschichte noch viel komplizierter, denn sein Seelengefährte ist verschollen. Es ist ein großes Glück, dass er die Verbindung zur Anderswelt gefunden hat, das verdanken wir der Liebe. Jetzt soll es aber um dich und deine Seelengefährtin gehen.“

Lukas musste lachen. Schon so lange hatte er das Gefühl, dass in seiner Familie etwas vor sich ging, hatte sich ausgemalt sein Großvater wäre der Vorsitzende einer Geheimgesellschaft und nun war es so weit. Jenny, Sven und er gehörten dazu. Die nächste Generation.

„Die Steinfigur ist also lebendig und meine Seelenverwandte? Entschuldige Loreley, sie ist wunderschön. Du bist wunderschön. Offenbar wirkt auch die Magie deiner Stimme bei mir und doch … Also ganz ehrlich. Ich meine … ähm …“ Lukas fehlten die Worte, zu erklären, was ihn da gerade beschäftigte.

Doch das übernatürliche Wesen verstand ihn auch so. Sanft legte sie ihm eine Hand an die Wange. „Ich weiß, dass du meinem Charme niemals erliegen würdest Lukas. Das brauchst du auch nicht. Es geht hier auch ganz und gar nicht darum, dass du Schneewittchens Prinz sein sollst. Den gibt es nämlich, nun ja, eigentlich zumindest, denn er ist verschwunden. Er ist Svens Seelengefährte. Auch seine Aufgabe ist es nicht, sich in Schneewittchen zu verlieben. Das wäre auch ein übles Ende für unsere Geschichte. Meinst du nicht auch? War es doch Josephines Liebe, die ihn zu uns geführt hat. Schneewittchen und du, ihr seid Seelengefährten. Ihr habt eine besondere Verbindung zueinander und auch zwischen euch gibt es eine unverkennbare Ähnlichkeit. Schon amüsant, dass wir sie nie gesehen haben, all die Jahre. Als Kind hast du mit Sven und Jenny so viel Zeit bei den Steinen verbracht und niemandem ist aufgefallen, dass ihr dasselbe Gesicht habt. Alle haben wir so lange darauf gehofft, dass Jenny ihre Seelengefährtin sein würde, dass es in ihrer Macht stünde, sie endlich zu erwecken. Wie beschränkt wir doch alle waren. Um so schöner, dass du nun bei uns bist und Schneewittchen erwacht. Ich erzähle dir jetzt ihre Geschichte und dann kehren wir zu den anderen zurück.“

Lukas war einverstanden, sie hätte ihm alles erzählen können.

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Sonntagsgeschichte Kapitel 48 – Erwachen

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Sonntagsgeschichte Kapitel 48 Erwachen Blogroman

Schneewittchen erwachte – ungeküsst. Sie blickte in ein fremdes Gesicht, spürte eine fremde Hand auf ihrem Arm. „Lass mich los“, hauchte sie. Ihre Stimme war schwach. Er verstand sie, löste den Griff, aber starrte sie weiterhin an. Sie löste ihren Blick von ihm und blickte in ein anderes Gesicht, ein vertrauteres. Es war ein wenig wie ein Blick in einen Spiegel in dem etwas nicht stimmt. Das Gesicht war wie das ihre, das Haar jedoch so kurz und er war ein er. Es war, als blickte sie in das Gesicht ihres männlichen Zwillings. Sie blickten einander in die Augen. Er lächelte. Sie ebenfalls, auch das fiel ihr nicht leicht. Ihr Gesicht fühlte sich starr an. Was stimmte nicht mit ihr? Die Aufmerksamkeit nach innen wendend spürte sie ihren Körper, spürte wie sie auf einem harten Untergrund lag. Langsam bewegte sie ihre Finge, ihre Zehen. Alles war so steif, die Muskeln hart, beinahe steinern. Langsam setzte sie sich auf. Der Fremde, der sie bereits zuvor angefasst hatte, legte einen Hand auf ihren Rücken, um ihr zu helfen. Sie wehrte sich nicht.

Als sie saß, blickte sie sich um. Da waren noch mehr Menschen, weitere fremde Gesichter, ein älterer Herr und eine junge Frau. Niemand sprach, alle starrten sie an. Eine ältere Frau kam herbei und reichte ihr ein fremdartiges Gefäß mit einer Flüssigkeit. „Trink Schneewittchen, das wird dir helfen. Hab keine Angst, wir werden dir alles erklären. Ganz langsam.“ Diese Frau war ihr fremd und zugleich vertraut. Ihre Stimme war so angenehm beruhigend. Sie nahm einen Schluck Wasser. Sie spürte, wie die Flüssigkeit durch ihren Mund in ihren Körper rann. Es tat so gut. Sie nahm einen weiteren Schluck. „Langsam“, ermahnte sie die freundliche Frau, die sich nun neben sie setzte. „Lass dir Zeit, du hast sehr lange geschlafen.“

Geschlafen, ja sie hatte geschlafen. Nun war sie wach. Doch wo sie war, das wusste sie nicht. Es war dunkel. Am Himmel leuchteten Sterne, sie war also draußen. Warum hatte sie draußen geschlafen und nicht in der Hütte? Der Blick in den Himmel kam ihr fremd vor, sie war nicht einmal in der Nähe der Zwergenhütte. Doch wo war sie dann? Wo waren die Zwerge? Sie trank weiter und blickte sich um. Ein leiser Schrei, kräftiger als ihre ersten Worte, aber doch noch leise und brüchig, entkam ihrer Kehle. Die Zwerge. Sie waren hier. Waren sie es? Sie wollte aufspringen, zu ihnen eilen, wäre beinahe gestürzt, wenn die freundliche Frau nicht nach ihrem Arm gegriffen hätte. Der Mann mit ihrem Gesicht war auf einmal an ihrer anderen Seite, legte sich ihren Arm um und sagte: „Hör auf Tante Lore, mach langsam. Ich verstehe auch nicht, was hier gerade passiert, aber ich bin sicher, für dich ist das alles noch verwirrender. Ich bin Lukas.“ Sie lächelte, ein Mensch, ein Name. Zwei Namen, Lore und Lukas. Die beiden hielten sie, während ihre Beine sich an das Stehen gewöhnten. Sie blickte die anderen auffordernd an und sie stellten sich ebenfalls vor. Henry, Sven und Josephine. Eine weitere junge Frau war da, die sie bisher nicht gesehen hatte. Sie stellte sich als Jenny vor.

Je länger sie abwechselnd in die Gesichter der Menschen blickte, desto sicherer war sie sich, dass von ihnen keine Gefahr ausging. „Setz dich wieder“, forderte Henry sie auf. „Dann versuchen wir dir alles zu erklären, so gut wir können.“ Sich noch immer schwach fühlend, folgte sie seinem Rat. Lukas und Lore blieben an ihrer Seite. Jenny kam auf sie zu und reichte ihr eine Platte. Darauf lagen Brot und fremd wirkende Speisen. „Als Lucinda uns berichtete, dass du erwacht bist, dachten wir, du bist bestimmt hungrig.“ Schneewittchen lächelte sie dankbar an. Ein kleines zartes Wesen flog herbei und setzte sich auf ihr Knie. Das kleine Lilling-Mädchen war für Schneewittchen ein vertrauter Anblick. Vorsichtig probierte sie von den Speisen. Es schmeckte köstlich.

„Was ist mit meinen Freunden?“, fragte Schneewittchen.

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Sonntagsgeschichte Kapitel 47 – Treue Zwerge

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Blogroman Sonntagsgeschichte Kapitel 47 - Zwerge

Nachdem Opa Henry seine Geschichte beendet hatte, schwiegen sie eine Weile. Sven kannte die Geschichte bereits, doch nun hatte er sie zum ersten Mal ernst genommen. Es war für ihn eine schöne Geschichte gewesen, die zwar mehr bedeutete, als die anderen Märchen, die er in seiner Kindheit erzählt bekam, aber trotz allem ein Märchen. Ein Märchen zu dem die passenden Steinfiguren im Garten standen. Inzwischen stand seine Welt auf dem Kopf, seine Welt hatte sich um eine ganze Welt erweitert und nichts war mehr so einfach, wie es bisher schien.

Gedankenverloren streckte er die Hand nach dem steinernen Schneewittchen aus. Er berührte ihren Arm, den er als kleiner Junge schon mehrfach berührt hatte. Glatter, kühler Stein. Vertrauter Stein. Die Gesichtszüge der Frau waren ihm ebenfalls vertraut. Als Kinder hatten Jenny, Lukas und er hier viel Zeit verbracht. Sie hatten mit Schneewittchen und den Zwergen gespielt, sich Geschichten ausgedacht. Ob sie ihnen zugehört hatten?

„Woher kommen die anderen Steinfiguren“, fragte Josephine. „Ich meine, sind sie ebenfalls lebendig?“

Opa Henry seufzte und nickte: „Ja, das sind sie. Es ist der Teil, den wir in unserem Familienmärchen meist aussparen. Die Geschichte soll gut bewahrt werden und wird daher allen Kindern der Familie immer wieder erzählt. Dieser Teil bleibt den Eingeweihten vorbehalten. Nachdem der Zwergenprinz seine Magie gewirkt hatte und Schneewittchen versteinert vor ihnen lag, weinten die sieben Zwerge sehr. Sieben Tage nach dem tragischen Ereignis sprachen sie im Schloss vor und baten um eine Audienz beim Zwergenprinzen. Sie hatten ein außergewöhnliches Anliegen, wollten sie doch ebenfalls in Stein verwandelt bei ihrem Schneewittchen ausharren, bis es erweckt werde. So wollten sie Wache halten und ihr das Erwachen erleichtern, würde sie doch sehr wahrscheinlich niemand Vertrauten mehr vorfinden.

Der Zwergenprinz hörte sich diesen Wunsch an und sprach drei Tage mit ihnen. Er erklärte ihnen die Gefahren dieser Magie und der Umstände. So bestünde auch die Möglichkeit, dass Schneewittchen niemals erwacht oder die Bindung der Zwerge nicht stark genug ist, dass sie miterwachen. Doch sie waren bereit das Risiko zu tragen so kamen sie hierher, um ihrem Schneewittchen beizustehen.

Du hast es dir wahrscheinlich schon gedacht, aber ich bestätige es dir gerne, wir sind die Nachfahren von Schneewittchens Tante, somit ruht sie im Kreise ihrer Familie.“

Während Henrys Erläuterungen hatte Josephine ihren Freund beobachtet, der wiederum die Steinfigur beachtete. Sie hatte das Gefühl seine Gedanken sehen zu können, sein Verstehen, dass die Geschichte seiner Kindheit, tatsächlich eine Wahrheit war. Er brauchte Zeit und die ließ sie ihm. „Hey“, erschreckte sie eine Stimme von hinten. Es war Lukas. „Was macht ihr denn hier? Opa, du wirst schmerzlich auf deiner eigenen Geburtstagsfeier vermisst.“

Opa Henry brummelte etwas vor sich hin und sagte schließlich: „Ich komme ja wieder.“ Lukas nickte erleichtert und trat neben Sven. „Was zur Hölle tust du da? Hier steht deine wunderschöne Freundin und du streichelst eine Steinfigur?“ Josephine merkte an seiner Art zu Sprechen, dass er offenbar schon einige Gläser Wein getrunken hatte. Ob er den Kater von gestern überhaupt schon …? Sie konnte den Gedanken nicht zu Ende denken, denn es geschah etwas merkwürdiges.

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Sonntagsgeschichte Kapitel 46 – Schneewittchen

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Sonntagsgeschichte Blogroman Schneewittchen

„Es war einmal eine junge Frau, deren Haut sehr blass war, dagegen ihr Haar so schwarz wie Ebenholz und ihre Lippen so rot wie Blut. Alle nannten sie Schneewittchen und ihr wirklicher Name geriet in Vergessenheit. Sie war die einzige Tochter des letzten Menschenkönigs der Anderswelt. Die meisten Menschen fühlten sich nicht mehr wohl, glaubten dort nicht hinzugehören, weil sie anders waren. Es fehlte ihnen an magischen Fähigkeiten. So verließ nahezu eine ganze Generation die Anderswelt. Auch die Schwester des Königs war in die Welt der Menschen zurückgekehrt, sobald Schneewittchen das Jugendalter erreicht hatte. Die Königin war bei der Geburt des Mädchens gestorben. Vater und Tochter waren allein, es gab keine Familie mehr. Die Sorge des Königs galt der Frage, mit wem er seine Tochter vermählen sollte. Wie könnte er die Position der Menschen in der Anderswelt stärken, wenn kaum noch welche dort weilten.

Als Schneewittchen mitbekam, dass ihr Vater mit den Verhandlungen über ihre Zukunft begann, floh sie in den Wald. Leider hatte sie das nicht geplant und lief ohne Proviant oder warme Kleidung davon. So erreichte sie kurz vor Einbruch der Dämmerung eine kleine Hütte, wo sie Nahrung und ein Bett zum schlafen fand.

Über sieben kleine Bettchen quer liegend wurde sie von den Zwergen gefunden. Sie weckten das Mädchen, lauschten ihrer Geschichte und nahmen sie bei sich auf. Sie führte den Zwergen den Haushalt, während diese in den Bergen nach Erz und Gold suchten. Es war ein einfaches, aber glückliches Leben. Die Zwerge erzählten ihr lustige Geschichten und es fehlte ihr an nichts. Hin und wieder vermisste sie ihren Vater, traute sich aber nicht zurück.

Eines Tages ging Schneewittchen im Wald spazieren. Dort begegnete sie einer wunderschönen Frau. Ihre Haut war ebenso hell, wie die Schneewittchens. Die beiden kamen ins Gespräch, badeten zusammen im Bach und Schneewittchen ließ sich von der neuen Freundin das Haar kämen. Viel zu lange hatte sie keine Freundin mehr gehabt, sodass sie abends glücklich heim kehrte. Dort warteten sieben hungrige Zwerge auf sie. Rasch bereitete sie ein Abendbrot. Am nächsten Morgen erwachte sie mit fürchterlichen Knoten im Haar. Sie fluchte, kämmte und auf dem Boden um sie herum verteilten sich Strähnen schwarzen Haares. Da klopfte es an der Tür. Draußen stand die hübsche Freundin mit einem Korb Äpfeln. „Es ist schön dich wieder zu sehen, Schneewittchen. Ich habe frische Äpfel, wollen wir deinen Zwergen einen Kuchen backen?“ So buken die beiden einen Kuchen, der so gut duftete, dass sie nicht auf die Zwerge warten wollten. Schneewittchen nahm den ersten Bissen, kaute genüsslich und fiel bewusstlos hin. Die Frau lächelte zufrieden, nahm den Kuchen an sich und verließ die Hütte. Unterwegs traf sie die heimkehrenden Zwerge, die sie freundlich grüßten, nichts ahnend, wem sie da begegnet waren.

Die Trauer um Schneewittchen war groß, denn keiner der Zwerge vermochte sie zu wecken. Einer eilte fort, ihren Vater zu benachrichtigen, ein anderer, den Zwergenkönig um Rat zu fragen. Beide kamen schnell, fanden das schöne Mädchen leblos in der Hütte der Zwerge liegen. Sie wussten keinen Rat und der Menschenkönig weinte viele Tränen. Währenddessen ließ sich der Zwergenkönig die ganze Geschichte erzählen. „Wer war wohl diese fremde Frau? So wie ihr sie beschreibt, mag sie wohl eine Elfe gewesen sein“, grübelte er. Die Zwerge stimmten ihm zu und so fragte er seinen Menschenfreund: „Kann es einen Grund geben, warum die Elfen, den Tod deiner Tochter wünschen?“ Allein diese Frage löste erneutes verzweifeltes Schluchzen aus. Nach einer Weile begann der König zu sprechen:

„Ihre Mutter war eine Elfe. Ihre Familie hat es ihr nie verziehen, dass sie mich geheiratet hat. Damit wenigstens die Menschen ihr weiterhin Vertrauen entgegenbringen, haben wir ihre Herkunft verheimlicht. Unser Schneewittchen ist eine Halbelfe, die erste so weit ich weiß. Zumindest war ihre Mutter die erste Elfe, die sich mit einem Menschen eingelassen hatte, einem minderen Wesen, das zu keiner Magie fähig ist. Ich habe Schneewittchen beobachtet, in ihrer Kindheit gab es keine Anzeichen, dass sie eine magische Begabung hat. Ich weiß es nicht.“ Erneut gab er sich einem Weinkrampf hin.

„Die Elfen machen Schneewittchen für den Tod ihrer Mutter verantwortlich und dich dafür, dass du sie entführt hast. Elfen sind ein schwieriges Völkchen. Doch wenn Elfenblut durch die Adern deiner Tochter fließt, ist sie nicht verloren. Es mögen Jahrhunderte vergehen, bis sie erwacht, doch wenn du meinem Sohn erlaubst, ihren Körper zu versteinern, bis es so weit ist, wird sie eines Tages erneut erwachen. Der Tag wird kommen, wenn ihr Seelengefährte sie findet. Bringe sie in Sicherheit, am besten außerhalb der Anderswelt, vertraue die Wahrheit nur wenigen an und habe Geduld. Auch wenn du den Tag vielleicht nicht mehr erleben wirst, deine Tochter wird eines Tages eine wichtige Rolle spielen, wenn es darum geht, die Menschen und die Bewohner der Anderswelt wieder zu vereinen. Vertrau mir mein Freund.“

Die Könige umarmten einander freundschaftlich. Der Zwergenprinz tat sein Werk und die Sieben nahmen Abschnied von ihrer Freundin.

Die letzte Tat des Königs war, das steinerne Schneewittchen aus der Anderswelt hinauszuschaffen. Er brachte sie zu seiner Schwester, dass sie über das Mädchen wachen möge. Dann starb er vor Kummer, ohne Nachfolger und die Zeit der Menschen in der Anderswelt endete. An dem Tag an dem Schneewittchen erwacht, könnte sich dies wieder ändern.“

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Sonntagsgeschichte Kapitel 45 – Opa Henrys Geburtstag

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Blogroman Sonntagsgeschichte Kapitel 45 Opa Henrys Geburtstag

Die Feier am Abend verlief ähnlich wie das Abendessen am Vorabend. Es waren lediglich mehr Gäste anwesend, alle noch eleganter gekleidet und Josephine ließ die familiären Vorstellungsgespräche gelassener über sich ergehen. Sie war nun Teil des „Geheimclub Anderswelt“ wie Sven ihre kleine Gruppe bestehend aus Opa Henry, Großtante Lore, seiner Schwester Jenny und ihnen beiden nannte. Damit gehörte sie beinahe mehr zur Familie, als manch einer der neugierigen entfernten Verwandten, die sie darüber ausfragten, was sie denn mit ihrem Leben vorhätte.

Nach jedem Gang fand jemand anderes seinen Weg zu ihrem Tisch. Es wurden Reden auf den Burgherren geschwungen, aber auch sehr viel gelacht. Eine steife Party hätte zu Opa Henry auch nicht gepasst. Nach dem Nachtisch gab er Josephine und Sven quer durch den Raum ein Zeichen, er wollte sie draußen treffen. Während Josephine mit den Gesten des alten Mannes nichts anfangen konnte, führte Sven sie zielstrebig zum steinernen Schneewittchen, wo Henry sie bereits erwartete. Wie hatte er vor ihnen hier sein können? Wie seinen Gästen entwischen können?

„Es ist deine Feier, Opa“, wunderte sich Sven. „Du sagst es, mein Junge. Und genau, weil es meine Feier ist, kann ich auch ganz alleine entscheiden, wann ich ein wenig Zeit mit meinem Enkel und seiner Freundin hier draußen an der frischen Luft verbringen möchte.“ Dabei zwinkerte er Josephine zu, die ihm nicht widersprach. Er hatte Recht, auch wenn die meisten der Gäste sicher nicht angetan waren von seinem Verschwinden. „Die meisten sind eh nur hier, um sich den Bauch vollzuschlagen und sich von meinem Gesundheitszustand und dem Zustand der Burg zu überzeugen. Einige schleimen sich noch ein wenig ein, damit ich sie auch ja nicht in meinem Testament vergesse. Doch deswegen sind wir nicht hier. Sven, wie ich deine Eltern kenne, werden sie morgen zeitig aufbrechen wollen, es ist ein Segen, dass ihr bereits gestern hier angekommen seid. Daher möchte ich jetzt die Gelegenheit nutzen, dir liebe Josephine, die Sage von Schneewittchen zu erzählen.“

„Ist es nicht ein Märchen?“

„Ja, die Brüder Grimm haben das Märchen aufgeschrieben, ich erzähle dir die Sage, wie sie innerhalb unserer Familie überliefert wurde. Vor langer Zeit verließ die ursprüngliche Geschichte unsere Familie, als eine Dienstmagd sie einst belauschte und weiter erzählte. Doch sie veränderte sich rasant, wie es bei mündlichen Überlieferungen nicht verwundert. Jeder dichtet beim weitererzählen etwas hinzu, lässt etwas weg oder verändert die Ereignisse. Die Figur der Stiefmutter gibt es in unserer Version nicht, aber sie ist eine starke Figur in vielen Märchen, eine klassische Antagonistin. Die Patchworkfamilie von einst hatte aber auch einfach mit anderen Problemen zu kämpfen als heute. Damals stellte sich selten die Frage, wie verschiedene Familien zu bestimmten Ereignissen, wie Geburtstage des Kindes, Weihnachten oder gar Schulabschlüsse aufgeteilt werden können, schließlich war in der Regel die Stiefmutter Ersatz für die verstorbene Mutter. Man erkennt ähnliche Motive bei Aschenputterl, Hänsel und Gretel, aber eben auch im Märchen von Schneewittchen.

Wenn ich dir die Sage erzähle, wie sie innerhalb unserer Familie überliefert wird, fehlt dort die Stiefmutter und die Geschichte klingt ein wenig anders. Auch die Familiensage ist mündlich überliefert und damit auch nicht frei von Veränderungen, dennoch haben wir hier den wahren Kern unbestreitbar vor uns liegen, das steinerne Schneewittchen persönlich, ebenso ihre sieben Zwerge …“

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