Inspiration Mensch: Rosi Würtz

Mit Rosi Würtz hatte ich auf dem BarCampBonn 2017 ein tolles Wiedersehen, vielleicht auch erst ein Kennenlernen. Schließlich kannten wir uns damals, als wir dieselbe Schule besuchten, nicht so wirklich, waren auch in zwei verschiedenen Jahrgängen … Seit dem BarCamp haben wir uns immer wieder auf verschiedenen Veranstaltungen oder auch persönlich am Rhein getroffen und viel zusammen getwittert.

Ich erlebe Rosi als vielseitigen und sehr inspirierenden Menschen, die unglaublich viel positive Energie ausstrahlt und via Twitter immer wieder mit einem liebevoll strengen Blick auf mich aufpasst und mich zu ausreichend Bewegung mahnt. Es freut mich riesig mit ihr diese neue Interviewreihe zu starten.

Viel Spaß mit diesem bewegenden Interview.

Rosi Würtz mit EULY (c)
Rosi Würtz mit EULY (c)

Wären wir auf einem BarCamp, hättest du drei Hashtags, um dich vorzustellen. Lass uns damit anfangen.

Rosi Würtz: Meine Hashtags sind: #BackStagePHYSIO, #ExpeditionSiebengebirge und #HealthyHospital

Spannend, verrate uns mehr, was hinter diesen Hashtags steckt.

Rosi Würtz: Eigentlich müsste ich über alle von mir genannten Hashtags #Bewegung als Haupthashtag setzen. In meinem Leben dreht sich nämlich nahezu alles um das große und weite Thema BEWEGUNG.

#BackStagePHYSIO gehört zu dem von mir erlernten Beruf: Ich habe nämlich 2014 das Staatsexamen zur Physiotherapeutin absolviert. Mein Webprojekt ist während meiner Ausbildung entstanden. Dort gebe ich Einblicke in das Leben von Physios und präsentiere gesundheitsrelevante Themen.

Ebenso bewegt geht es in meinem Webprojekt #ExpeditionSiebengebirge zu. Mich inspiriert unsere Natur von klein auf. Ein Leben ohne Bewegung draußen an der frischen Luft kann und will ich mir nicht vorstellen. Deswegen möchte ich anderen Menschen davon berichten, wie schön die Gegend hier rund um Bonn ist. Und wo ich Verständnis für die Schönheit der Natur sähen kann, da wächst hoffentlich auch Aktivität für den Schutz unserer Natur. Im Rahmen von Expedition Siebengebirge habe ich die kleine Geocaching-Reihe #KinnisWelt ins Leben gerufen. Ich lege derzeit 17 Geocaches hier in der näheren Umgebung. Angelehnt sind meine Geocaches an die 17 Nachhaltigkeitsziele, die weltweit bis 2030 erreicht werden sollen.

Und zu guter Letzt wäre da noch meine Doktorarbeit, deren Arbeitstitel unter #HealthyHospital läuft. Hier dreht sich alles rund um die Themenbereiche Gesundheit und ihre Darstellung in sozialen Medien am Beispiel von Krankenhäusern. Bereits für meine Magisterarbeit habe ich eine Projektwebsite erstellt und so nun auch für dieses soziologische Forschungsprojekt.

Zusammenfassend kann ich mit Fug und Recht behaupten: Ich führe ein bewegtes Leben, das hoffentlich auch andere Menschen bewegt.

Was sind deine Begegnungsorte, um dich mit anderen auszutauschen?

Rosi Würtz: Das kommt ganz drauf an. Derzeit läuft mein kommunikativer Austausch größtenteils online ab. Vor allem für die Doktorarbeit bietet mir die Online-Kommunikation mehr Vor- als Nachteile. Manchmal vermisse ich aber auch die ungezwungene Atmosphäre in einem Café, in dem ich brainstormend mit Freunden sitze und bei einem leckeren Tässchen neue Ideen spinne. Das gilt auch für Offline-BarCamps, die als Think Tanks durchaus großes Potenzial entwickeln können. Bei diesen Events ist die Begegnung mit alten Bekannten und neuen Gesichtern immer wieder eine nette Abwechslung zum Arbeitsalltag an meinen Schreibtischen. Und ja, bei mir stehen mehrere Schreibtische im Büro, die ich abwechselnd nutze.

Was ist dein Job und was deine Motivation dabei?

Rosi Würtz: Ich bin derzeit als Fachautorin für Bewegung, Digitalisierung und Gesundheit schreibend unterwegs. VON KOPF BIS Fuß IN BEWEGUNG BLEIBEN! Das ist die Hauptmotivation, die mich bei all meinen Aktivitäten vorwärts treibt. Theorie und Praxis gehören für mich zusammen und so kann ich zwar äußerlich lange stillsitzen, aber innerlich brodelt es dann meist nach kurzer Zeit schon in mir. Ein Stift und ein Blatt Papier helfen mir dann, die bewegenden Gedanken zu fixieren und später dann wohl möglich in die Tat umzusetzen. Ich sehe meinen Job darin, Menschen zu bewegen: geistig wie körperlich!

Was denkst du, wie sieht dein Job wohl in 30 Jahren aus?

Rosi Würtz: Wir Menschen werden immer mit unseren Körpern verbunden sein. So werden meine Themen Bewegung und Gesundheit auch immer eine Rolle spielen, selbst wenn Menschen irgendwann mal ernsthaft extraterrestrisch auf Reise zum Mars gehen sollten. Die Art und Weise, wie wir technische Veränderungen sinnvoll in unser Leben integrieren und gesundheitsförderlich mit neuen Umwelteinflüssen umgehen, ist immer schon Dreh- und Angelpunkt gewesen. In 30 Jahren werden die gesundheitlichen Grundsätze meiner Meinung nach immer noch dieselben sein. Nur unser Umgang und die mediale Vermittlung von Gesundheitsthemen ändert sich. Es bleibt also spannend!

Job – Familie – Freizeit – Wie findest du deine persönliche Balance?

Rosi Würtz: Ich bin ein Fan von Zeitplänen, weil sie mir zumindest eine grobe Richtung vorgeben. So kann ich spontan auch mal etwas verschieben, ohne gleich wichtige Dinge zu vergessen. Ich fühle mich wohler, wenn ich weiß, wohin die Reise gehen soll und zwischen Start und Zielgerade improvisiere ich an den Stellen, an denen es nötig ist. Im Lauf der Jahre habe ich gelernt, bei all meinen Arbeitsaufträgen an mein eigenes Wohl zu denken, also regelmäßig bewusst zu atmen und auch mal aus der Distanz auf mein Tätigkeitsfeld zu schauen. Vollgas auf Dauer hat bei mir in der Vergangenheit zu Sportverletzungen geführt und ich habe schmerzhaft lernen müssen, nicht immer alles sofort und perfekt erledigen zu können. Glücklicherweise habe ich verstanden, dass ich mit Selbstachtsamkeit mir und meinen Mitmenschen gut tue und so auch schneller zum Ziel komme.

Für mich ist das wohlwollende Miteinander enorm wichtig, weil es auch für die Gesundheit entscheidend ist. Kreative Konkurrenz und NICHT der unerbittliche Wettkampf gegeneinander ist  meiner Meinung nach eine gute Basis für eine gesunde und produktive Zusammenarbeit. Ich wünsche mir, dass hierfür immer mehr Freiräume in allen Lebensbereichen geschaffen werden. Konkurrenz bedeutet ja schließlich übersetzt: Zusammenlaufen!Für mich bedeutet dies, dass durchaus verschiedene Sicht- und Denkweisen zu nachhaltigen Innovationen führen können.

Welche Menschen inspirieren dich?

Rosi Würtz: Meine Eltern inspirieren mich, weil sie für mich der Inbegriff gelebter Interkulturalität sind. Meine Mutter ist gebürtige Inderin und mein Vater stammt aus einem deutschsprachigen Dorf im ehemaligen Jugoslawien. Meine Großeltern sind damals während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland geflohen und haben hier eine neue Lebensgrundlage aufgebaut.

Künstlerisch inspiriert mich u.a. die Regisseurin Mira Nair, die mich nach meinem Abitur so fasziniert hat, dass ich – wie sie – Soziologie studiert habe. Lustigerweise liegt gerade eben eine DVD mit einem ihrer vor ein paar Jahren erschienen Filme „Queen of Katwe“ hier neben meiner Tastatur.

Außerdem bin ich immer wieder vom Teamspirit der Astronaut*innen auf der Internationalen Raumstation beeindruckt. Mein Vater hat in den 1980er Jahren ein paar TV-Satelliten mit seinem Team nach oben geschossen. Mich inspiriert bei der Raumfahrt vor allem, dass so viele Menschen ganz gezielt an der Erfüllung ihrer Träume arbeiten und mit gebündelter Energie das ihnen Mögliche versuchen. Wenn etwas nicht klappt, dann wird aus den Fehlern gelernt und ein anderer Weg eingeschlagen. Jeder funkelnde Stern da oben erinnert mich daran, dass jeder Mensch zumindest einen Versuch starten sollte, seinem ganz persönlichen Ziel näher zu kommen.

Herzlichen Dank für das tolle Interview!

Hier findet ihr Rosi Würtz online:

Webseite
Instagram
Twitter

Verlag-Webseite

BackstagePhysio
Webseite
Instagram

Expedition Siebengebirge
Webseite
Instagram

Healthy-Hospital Webseite

Von sieben Bergen und sieben Riesen

Die folgende Geschichte stammt von Marion Hübinger. Sie spielt zeitlich nach dem Roman „Nachtfunke“ ohne diesen zu spoilern. Fino ist auf der Suche nach einer neuen Heimat für sich und sein Volk. Da habe ich ihm vorgeschlagen sich einmal das Siebengebirge anzusehen. Allerdings schicken wir ihn nicht in das moderne Siebengebirge am Rhein, sondern in das mystische aus der Legende. Die Fotos im Beitrag stammen alle von der Kathrin Rosi Würtz. Sie liebt das Siebengebirge und macht unheimlich schöne Fotos. Schaut auf Instagram unbedingt mal bei ExpeditionSiebengebirge vorbei.

(c) Kathrin Rosi Würtz

Wir haben uns auf den Weg gemacht, um nach anderen Stämmen zu suchen. Neue Stämme, mit denen wir Handel treiben können und die in Frieden miteinander leben. Ein langer und kräftezehrender Marsch liegt hinter dem Stamm der Fens und den letzten Überlebenden meines eigenen Stammes, den Laxis.

Während mein Blick auf dem ruhig dahin strömenden Wasser ruht, das auf einen breiten Gebirgszug zufließt, denke ich an den Großen Fluss, an dem ich einst gelebt und jeden Fels, jede Strömung gekannt habe.

(c) Kathrin Rosi Würtz

»Könnt ihr es sehen?« Die brüchige Stimme der alten Seherin holt mich aus meinen fernen Erinnerungen zurück. Ich wende den Kopf zu ihr.

»Was meint ihr?«

»Dieses Land, es ist ein mystisches Land. «

»Wie kommt ihr darauf?«

»Ich sehe sieben Berge, und wir Fens verehren diese Zahl.«

»Asya«, ich lege der alten Frau die Hand auf den Arm. »Wir haben ganze Bergketten überwunden. Ich kann die Berggipfel an einer Hand zählen. Warum soll unsere Reise ausgerechnet hier enden? Ich kann beim besten Willen keine sieben Berge vor uns erkennen.«

(C) Kathrin Rosi Würtz

»Aber ich, schließlich bin ich die Seherin.«Die Finger der Alten zeigen nach vorn. »Die Berge werden sanft geschwungen wie die Rundungen eines Kinderhinterns sein und der Fluss wie ein Baby an ihrem flachen Verlauf gebettet. Du musst es dir nur vorstellen, Fino. Hier werden wir Handel treiben, manche von uns werden für immer hier bleiben.«

Ich seufze leise. Die Vorstellung, irgendwo neu anzufangen, hat einen gewissen Reiz. Wenn man alles verloren hat, was einem wichtig ist, umso mehr. Mein Blick ruht für einen Moment auf Asya und Elin, ihrer Enkeltochter, an deren Arm sich die alte Frau stützt. Hat mir Elin nicht anvertraut, dass sie schon meine Wahl zum Kriegeranführer hinter den Schleiern des Halblichts sehen konnte? Und mein Nahen mit bebendem Bran verfolgt hat? Wie mächtig die Gabe der Seherinnen doch ist. Zwar ist es ihnen nicht möglich, in das Geschehen einzugreifen, doch der Stamm der Fens baut auf genau solche Visionen. Kann also wirklich sein, dass unsere Reise hier endet?

(C) Kathrin Rosi Würtz

»Was siehst du noch?«, will ich von Asya wissen, so als bräuchte ich mehr als nur dieses eine Bild. »Kannst du auch sagen, was uns noch in deinem magischen Land erwarten wird?«

Die leichte Falte auf ihrer Stirn entgeht mir nicht. »Ich sehe sieben Menschen, sehr große Menschen. Sie sind stark wie Bären, haben Hände, auf denen sie leicht eine ganze Hütte tragen könnten, und ihre Gesichter sind von tiefen Falten zerfurcht. Aber … «, sie hebt die Hand, um eine Erwiderung von mir zu unterbrechen, »sie leben friedlich an der Seite der Stämme diesseits und jenseits der Berge.«

»Du meinst …  jenseits der Berge gibt es noch mehr Siedlungen?«

»Ja, zahlreiche Stämme haben sich in diesem Land angesiedelt. Viele verweilen in der Nähe des großen Sees, andere sind weiter über die Gebirge gezogen.«

»Das klingt gut.«

Zu meiner großen Überraschung schüttelt Asya den Kopf. »Ich bin mir nicht sicher. Das Gebirge trennt Land und Wasser.«

»Dann bleiben wir eben am See. Ich glaube, ich kann ihn in der Ferne glitzern sehen.«

»Der See ist es, der mir Sorgen macht. Das Gebirge hält das Wasser auf und lässt es immer weiter ansteigen. Ich aber habe den Fluss quer durch das weite Land fließen sehen.«

Nachdenklich reibe ich mir den Nacken. Mein Haarkamm ist erst frisch geschnitten und ich spüre einen kühlen Windhauch auf der nackten Haut. »Wir können die Seebewohner befragen, lass uns erst einmal dorthin gehen.«

»Das sollten wir«, sagt Elin. »Immerhin haben wir uns auf den Weg gemacht, um andere Stämme zu finden und nicht für immer in der Einsamkeit der Moragen zu verweilen.«

Ich suche Elins Blick. Ihr warmes Lächeln lässt mein Bran erzittern. Wie schön sie ist.

»Ihr seid sie Seherinnen, ihr werdet uns führen«, sage ich mit fester Stimme.

Elin nickt. »Und du bist ein Kriegeranführer, Fino von den Laxis. Vergiss das nie.«

(C) Kathrin Rosi Würtz

Je weiter wir dem Fluss folgen, desto lehmiger wird der Boden. Das Land ist fruchtbar, stelle ich zufrieden fest. Schon stoßen wir auf erste Siedlungen. Die Bewohner bauen Getreide an, Furchen  deuten auf Felder, die bestellt werden. Ich sehe ihre Hütten, die größtenteils auf hölzernen Stelzen gebaut sind. Stufen führen ins Innere. Zu gern würde ich wissen, wie sie darin leben. Doch ich zügle meine Neugierde.

»Wo sind die Riesen, von denen du uns erzählt hast, Elin?« Ein kräftig gebauter Mann der Fens spricht aus, was ich mich selbst insgeheim frage. Die Hütten sind zu klein für derartige Menschen.

»Sie leben in riesigen Höhlen in den Bergen.«

»Werden sie uns nichts tun?«, will eine der alten Frauen wissen, die es an Zähigkeit gewiss mit einem Riesen aufnehmen kann. Immerhin hat sie es bis hierher geschafft.

Aso, Elins Bruder, lacht sein helles Lachen. »Sie werden uns mit ihren großen Händen packen und gegen die Felsen schleudern.«

Seine Worte lösen einen Schauder aus. Die Kinder wimmern leise.

Ich werfe Aso einen finsteren Blick zu. »Erzähl nicht solche Geschichten. Du machst den Kindern Angst.«

»Das werden wir gleich erfahren«, sagt Elin leise und deutet mit dem Kopf vor uns.

Im selben Moment nehme ich ein lautes Stampfen wahr. Nicht das Hufgetrappel von Pferden, sondern ein entschiedenes Vorwärtskommen. 

»Die … die sind ziemlich groß«, stöhnt Aso auf und rückt ein Stück näher zu mir.

»Irsa, steh uns bei«, höre ich das Gemurmel unserer Leute.

Schnell drehe ich mich zu ihnen um. Fens und Laxis, vertraute Gesichter, krumme Rücken, verängstigte Mienen, Mütter, die ihre Kinder hinter sich schieben, das alles nehme ich wahr und denke gleichzeitig an Asyas Vision.

(C) Kathrin Rosi Würtz

»Sie werden uns nichts tun. Vertraut eurer Seherin, denn das Halblicht irrt nicht.«

»Das sagt sich leichter, als es ist«, sagt Gundo, der junge Laxis und zugleich mein Freund. Trotzdem  reiht er sich ganz selbstverständlich  in die Gruppe derer ein, die unsere Reihen anführen.

Ich danke es ihm mit einem kurzen Nicken, bevor ich mich auf die herannahenden Menschen konzentriere. Die alte Seherin hat von großen Menschen gesprochen, aber ich habe mir nicht ausmalen können, dass sie uns um mindestens eine ganze Körperlänge überragen. Ein seltsames Brummen begleitet ihre kraftvollen Schritte. Wir weichen nicht zurück. Wir sind so weit gekommen, niemand kann uns nehmen, was wir an Kämpfergeist in uns haben.

Es sind nur drei. Die Köpfe der Riesen wackeln, als wären diese selbst ihnen zu schwer. Ihre runden hervorquellenden Augen blicken freundlich. Die Arme schlendern hin und her. Ich muss kräftig schlucken. Die Hände sehen gewaltig aus. Angespannt halte ich den Atem an. Strecke meine Schultern durch und spüre den Widder an meinem Oberarm, das Zeichen eines Kriegeranführers, pulsieren.

Laut und deutlich erhebe ich meine Stimme. »Ich bin Fino von den Laxis. Dies ist mein Volk, Fens und Laxis Seite an Seite. Wir sind auf der Suche nach einer neuen Heimat.«

Die Augen der Riesen rollen. Sie legen ihre Köpfe schief, während sie auf uns blicken.

»Ihr werdet finden, was ihr sucht«, donnert die Stimme desjenigen, dessen Bauchumfang der Gewaltigste ist. »Doch jetzt schlagt euer Lager hier auf.«

Ein Raunen geht durch unsere Leute.

»Noch heute Nacht werden wir das harte Gestein der Berge durchbrechen, damit das Wasser weiter fließen kann. So lautet der Pakt mit den Menschen. Danach seid ihr frei zu siedeln und Handel zu treiben, wo immer ihr wollt.«

(C) Kathrin Rosi Würtz

Lauter Jubel folgt auf die Worte des Riesen. Kurz wende ich meinen Kopf, um zu sehen, wie sich Fens und Laxis in die Arme fallen. Ich bin mir meines eigenen klopfenden Herzens bewusst.

»Wir danken euch dafür, dass ihr uns willkommen heißt«, sage ich und lege meine rechte Faust auf die linke Brust wie es bei uns Laxis Sitte ist.

»So wird deine Prophezeiung wahr, Schwester.«

Es sind Asos Worte, die mich aufhorchen lassen. »Aber … wo sind nun die sieben Berge? Noch sehe ich einen einzigen hohen Gebirgszug vor uns.«

Asya und Elin verneigen sich vor den Riesen. »Wartet ab, bis der Tag morgen seinen Lauf nimmt. Ich bin sicher, es wird genau so sein, wie ich es verkündet habe.«

Die Nacht ist erfüllt von lautem Grollen und Rumpeln. Ich finde kaum Schlaf. Tief im Berg leben die Riesen, hat die Seherin gesagt. Was wird mit ihren Höhlen, geschehen, wenn sie den Berg durchbrechen? Werden sie sich eine neue Heimat suchen müssen?

(C) Kathrin Rosi Würtz

Als mich leises Jubelgeschrei mit den ersten Sonnenstrahlen weckt, strecke ich meine steifen Glieder und stehe auf. Der Anblick, der sich mir bietet, hätte nicht ergreifender sein können. Der See ist wahrhaftig verschwunden. Stattdessen schlängelt sich der Fluss mitten durch das Gebirge, das keines mehr ist. Der Fels ist zerklüftet, einzelne Brocken verteilen sich über die Ebene, als ob sie dank der bloßen Kraft der Riesen weggesprengt worden sind. 

Am Ufer des Flusses werden die sieben Riesen von unzähligen jubelnden Menschen umringt, die sich in den Armen liegen. Ich kann ihre Freude bis hierher spüren. Die Riesen schultern indes ihr Werkzeug, klopfen sich Staub und jede Menge Erdkrümel von ihren Beinen, und aller Dreck türmt sich zu sieben Erdhügeln auf. Ich kann es kaum glauben, aber ich werde wahrhaftig Zeuge davon, wie die sieben Berge entstehen. Sie reihen sich gleich den Hintern von sieben Kindern aneinander und schmiegen sich dabei an das rechte Ufer des Flusses, als wären sie schon immer dort gewesen. Und im Licht der aufgehenden Sonne verschwinden die Riesen mit schnellen Schritten. Gewiss machen sie sich auf den Weg, um neue Höhlen zu bauen. Ob sie wohl die Bergwelt der Moragen finden werden? Tränen der Freude sammeln sich in meinen Augen. Die Zeit für ein neues Abenteuer ist gekommen.

(C) Kathrin Rosi Würtz

Herzlichen Dank Marion für diese wunderbare Begegnung mit unserer rheinischen Sage vom Siebengebirge.

Das Copyright für die Geschichte liegt bei Marion Hübinger und für die Bilder bei Katrin Rosi Würtz!

Lust darauf mehr von Fino zu lesen? Dann empfehle ich dir Nachtfunke. Hier geht es zur Webseite von Marion Hübinger mit weiteren Informationen zum Buch, zur Autorin und ihren weiteren Veröffentlichungen. Ihr findet Marion auch auf Instagram oder Facbook.

Haben euch die Fotos von Rosi neugierig gemacht? Sie ist unglaublich vielfältig. Schaut unbedingt mal auf ihrer Webseite vorbei oder stöbert über ihre digitale Visitenkarte auf welchen Plattformen sie zu finden ist. Mich hat sie übrigens auch schon für das Blog Expedition Siebengebirge interviewt.

Sonntagsgeschichte Kapitel 77 – Warum?

Das erste Kapitel des Blogromans findest du hier, du kannst auch von Kapitel zu Kapitel blättern.
letztes Kapitel

Blogroman Sonntagsgeschichte Kapitel 77

Auf der Drachenfelsebene in der Anderswelt trafen sie wieder aufeinander, dort wo in der realen Welt das Ausflugslokal steht, unterhalb des Gipfels mit der Ruine, die in der Anderswelt ebenfalls nicht existiert. Loreley und Johanna versorgten Sarahs Wunden, die zum Glück alle nicht tief waren. Ihr Herz dagegen schien gebrochen. Seit einer Weile floßen keine Tränen mehr, nicht weil sie sich beruhigt hätte, vielmehr schien Schneewittchen leer geweint. Für einen kurzen Moment hatte sie ihren Prinzen wieder gefunden, ihn befreit durch ihre magische Liebe und dann war er ihr wieder genommen worden.

Lukas hockte neben Sarah, hielt ihre Hand und teilte den Schmerz des Verlustes. Beinahe sahen sie aus wie Liebende, doch ihre Bindung ging in eine andere Richtung, sie waren Seelengefährten. Daher fühlte Lukas tatsächlich Sarahs tiefen Schmerz, fühlte nicht nur mit ihr. Auch wenn sie sich erst kürzlich gefunden hatten, war ihre Bindung tief und mächtig. So hatte Lukas Schneewittchen aus dem steinernen Schlaf erretten können, ganz ohne Kuss der Liebe. Seit ihrem Erwachen gab es für Sarah nur ein Ziel, ihren Prinzen wieder zu finden. Gemeinsam mit Lukas und den anderen war ihnen das heute gelungen. Doch kaum war Lars erlöst, tauchte sein Vater der Zwergenkönig auf und nahm ihn mit.

„Warum?“, hauchte Sarah verzweifelt, ihre Stimme versagte nach dem vielen Weinen. „Warum?“, fragte Lukas lauter und erhob sich. Sein Großvater hatte die Lichtung betreten und er ging auf diesen zu. Anklagend, verzweifelt, hilflos. Den alten Mann erreichend, schlug er ihm gegen die Brust, doch dieser hielt stand und zog seinen Enkel in eine liebevolle Umarmung. Da brachen auch bei Lukas die Dämme und die Tränen strömten einem Unwetter gleich über seine Wangen. „Warum?“, brachte er den Vorwurf erneut vor, diesmal weniger wütend, dafür noch verzweifelter.

„Ich weiß es nicht“, erwiderte Opa Henry. „Wenn du so weit bist, werden wir zwei es herausfinden. Vielleicht kann Josephine uns noch begleiten?“

Lukas versuchte sich zu beruhigen, währenddessen begrüßte Josephine seinen Großvater, den sie ebenfalls Opa Henry nannte, obwohl er der Opa ihres Freundes Sven war. „Wohin willst du mit uns gehen?“

„Zum Zwergenkönig“, antwortete er knapp und gab keine weiteren Erklärungen preis. Der Zwergenkönig war sein eigener Seelenbruder. Wenn einer mit ihm reden konnte, dann er. Vielleicht ließ die Bindung aber auch nicht zu, dass er sich ihm entgegenstellte, während Lukas alles tun würde, um den Zwergenprinzen zurück zu seinem Schneewittchen zu bringen. Josephine erkannte die Tragweite ihrer Aufgabe, warf noch einen Blick auf Sarah, die bestens versorgt wurde. Sven und seine Schwester Jenny nickten ihr ebenfalls aufmunternd zu. Dann ergriff sie die Hände von Lukas und Opa Henry . Die Welt um sie herum verschwand und sie fanden sich vor einer Burg wieder. Josephine blickte sich um, erkannte in der entgegen gelegenen Richtung einen Eingang zu einer Miene, der ihr bekannt vorkam. Damals am Rhein, als sie zum ersten Mal Bilder in die Anderswelt erblick hatte … War das möglich?

***

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Sonntagsgeschichte Kapitel 19 – Schneewittchen

Zum Beginn der Sonntagsgeschichte geht es hier.

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Josephine erwachte, blinzelte müde zum Fenster, es leuchtete hell orange-rot auf der Fensterbank auf. Sie blinzelte erneut und sah einen Vogel vor dem Fenster davon fliegen. Ein Phönix, oder einfach ein gewöhnlicher Vogel? Hatten ihre Sinne ihr gemeinsam mit der Herbstsonne an diesem Morgen einen Streich gespielt?

Ihr Leben war inzwischen so verrückt, dass sie alles für möglich hielt.

Gegen 10 Uhr stand sie vor ihrem alten Kindergarten und klingelte. Bewusst kam sie erst nach der offiziellen Bringzeit, zugegeben, sie hätte es auch nicht früher geschafft, aber sie hatte auch gelernt, wenn sie mit einer Erzieherin sprechen wollte, dann sollte sie niemals während der Bring- oder Abholzeit kommen. Außerhalb dieser Zeiten war die Eingangstür allerdings geschlossen und sie musste klingeln. Ihr wurde von einer jungen Praktikantin geöffnet, die sie noch auf halben Weg zu Daniela, ihrer alten Erzieherin, begleitete und dann im Gruppenraum nebenan verschwand. Jetzt im September befand sich der Kindergarten noch in der Eingewöhnungsphase für die neuen Kleinen.

„Josephine“ freute sich Daniela das Mädchen wieder zu sehen. Sie saß auf einem Stuhl am Basteltisch, umringt von vier Kindern, die alle etwas anderes von ihr wollten, ein kleines saß auf ihrem Schoß. „Es ist schön, dich mal wieder zu sehen. Setz dich zu uns, allerdings bin ich heute etwas im Stress, da ich alleine bin.“ Josephine verstand und half dem Mädchen neben ihr und schnitt ihr einen Anfang für die Innenfläche, die es ausschneiden wollte. Daniela lächelte ihr dankbar zu, half einem anderen Kind und gab Josephine ein Zeichen, dass sie ihr mit halben Ohr zuhören würde. Diese berichtete ihr von der Idee, wieder Märchen im Kindergarten vorzulesen. Sie brauchte gar nicht viel zu sagen, auch wenn sie länger nicht mehr hier war, wusste Daniela ihre Hilfe sehr zu schätzen und fragte nur: „Magst du jetzt gleich mit ein paar Kindern lesen?“ Kaum hatte sie zugestimmt, rief Daniela schon fünf Kinder herbei und schickte sie zusammen mit Josephine in den gemütlichen Ruheraum.

Nach einer kurzen Kennenlernrunde, schlug Josephine das Märchenbuch auf. Sie wollte aus Schneewittchen vorlesen. Es war noch dasselbe Märchenbuch aus dem ihr damals vorgelesen wurde. Ein dickes Buch mit einem dunkelroten Einband. Liebevoll strich sie über die vertrauten Seiten. Sie liebte das Buch und sie liebte das Märchen. Besonders die Stellen mit dem Spiegel machten ihr Spaß, hatte sie sich doch eine eigene Spiegelstimme angewöhnt. Die Kinder lachten, zuckten bei ihrer Bösen-Königin-Stimme.

Doch Schneewittchen hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen ist noch viel schöner als ihr.

„Ich weiß, wo Schneewittchen wohnt“, unterbrach Eva. Vier gespannte Kinderaugen starrten sie erwartungsvoll an. „Na hinter den sieben Bergen! Das ist doch ganz klar, das ist unser Siebengebirge.“ Manuel nickte und überlegte kurz. „Aber wo genau ist jetzt hinter dem Siebengebirge?“ Das große Rätseln ging los, doch man wurde sich nicht einig. Vorne ist da, wo die böse Königin lebt und Schneewittchen und die sieben Zwerge leben hinter den Bergen. Wo ist das Schloss?

„Gibt es ein Schloss am Siebengebirge?“, fragte Marie und sah Josephine hoffnungsvoll an. „Die Uni ist ein Schloss“, fiel Manuel ein. „Die ist doch auf der falschen Rheinseite“, widersprach Eva. „Es heißt schließlich nur hinter den sieben Bergen und nicht am anderen Flussufer.“ Einstimmiges Nicken.

„Ich weiß, wie die sieben Berge heißen“, meldete sich jetzt auch Max zu Wort und begann sie gleich aufzuzählen. „Drachenfels, Löwenburg, Ölberg, Nonnenstromberg, Weilberberg, ….“ Doch Manuel unterbrach ihn: „Streng genommen besteht das Siebengebirge nicht nur aus sieben Bergen.“

Max wurde sauer: „Wenn du das so genau weißt, wie viele sind es denn? Und wie heißen sie?“

„Wenn es mehr als sieben Berge sind, dann wohnt Schneewittchen gar nicht bei uns in der Nähe“, überlegte Marie.

„Tut sie wohl!“, schrie Eva sie an.

Die Streiterei zwischen den Kindern entbrannte, bis keiner mehr wusste, worum es ging, aber jeder Recht haben wollte.

Josephine gab ihnen einen Moment Zeit, wartete ab, ob sie sich von alleine wieder einkriegen würden. Doch das taten sie nicht, also ging sie doch dazwischen. „Ist es denn wirklich wichtig, wo genau Schneewittchen gelebt hat?“, fragte sie mit kräftiger, aber freundlicher Stimme. Die Kinder hielten in ihrem Streit inne, starrten sie an und antworteten einstimmig: „Ja, natürlich.“

„Schön, dass ihr euch einig seid. Dann setzt euch mal wieder gemütlich hin, dann erzähle ich euch mal etwas dazu.“

Zu ihrem Erstaunen, setzten die Kinder sich wirklich wieder hin und sie begann zu erzählen:

„Das Märchen von Schneewittchen und auch viele andere, die ihr vielleicht schon kennt, sind sehr alt. Viel älter als die Disneyfilme, die für euch auch schon alt erscheinen mögen. Habt ihr schon mal von den Brüdern Grimm gehört?“ Manuel und Eva nickten. „Die Brüder Grimm haben sich die Märchen nicht ausgedacht. Sie sind vor ungefähr 200 Jahren durch Deutschland gezogen und haben die Märchen gesammelt, die sich die Leute erzählt haben. Doch die Märchen selbst sind noch viel älter. Die Menschen haben sie sich erzählt, ohne Märchenbuch, denn die Brüder Grimm mussten sie ja erst aufschreiben.“

Josephine blickte in staunende Gesichter. 200 Jahre klang in den Kinderohren unglaublich lange her. Geschichten einsammeln und aufschreiben war eine ungewöhnliche Aufgabe für die kleinen Zuhörer, die mit der Selbstverständlichkeit des allwissenden Internets aufwuchsen.

„Die Märchen selbst hatten vielleicht einen wahren Kern. Vielleicht gab es wirklich ein Schneewittchen und eine böse Stiefmutter, vielleicht sogar den Prinzen. Doch ganz bestimmt hat sich die Geschichte nicht genauso ereignet, wie sie hier in unserem Buch steht. In diesem Buch steht sie nicht einmal so, wie sie die Brüder Grimm aufgeschrieben haben.“

„Aber man soll doch nicht lügen“, empörte sich Max.

Josephine schmunzelte. „Da hast du Recht. Die Menschen haben auch nicht gelogen, doch wenn man eine Geschichte immer weiter erzählt, verändert sie sich von ganz alleine. Jemand hat etwas nicht richtig verstanden, oder etwas vergessen. Jemand möchte sie besonders spannend erzählen.“

„Wie bei Stille Post“, flüsterte Ben, der sich bisher aus der Diskussion heraus gehalten hatte. „Genau, wie bei dem Spiel“, lobte Josephine ihn. „Und bei dem Spiel wird nur ein einziges Wort oder ein Satz weiter gegeben, keine ganze Geschichte. Außerdem sagt ihr bei der Stillen Post das Gesagte sofort weiter und nicht erst Tage oder Wochen später.“

Die Kinder schwiegen eine Weile. Dann fragte Josephine, ob sie ihnen das Märchen weiter vorlesen solle? Ja, das sollte sie und alle lauschten bis zum Schluss ohne sie zu unterbrechen.

Später gingen sie gemeinsam in die Gruppe zurück. Eva umarmte Josephine noch und bedankte sich für die tolle Geschichte. Auch die anderen schenkten ihr noch ein Lächeln, bevor sie sich im Gruppenraum verteilten, um zu spielen oder zu basteln. Auch Daniela war Josephine sehr dankbar, bot ihr eine Tasse Kaffee an und sie besprachen noch kurz Josephines Idee, regelmäßig zu kommen. Daniela versprach es in der Teambesprechung am nächsten Tag anzusprechen und sich dann bei Josephine zu melden.

 

Zwei Tage später kam der Anruf. Das Team hatte zugestimmt und Daniela hatte noch eine Überraschung für sie. Der kleine Manuel hatte seiner Mutter, der Vorsitzenden des Fördervereins, mit einer solchen Begeisterung von der Märchenstunde erzählt, dass diese angeboten hatte, Josephine eine kleine Aufwandsentschädigung zu bezahlen, wenn sie regelmäßig mit den Kindern eine Märchenstunde abhalten würde. Sie war begeistert gewesen, als Daniela ihr berichten konnte, dass genau das Josephines Plan für die nächsten Monate war. Josephine konnte ihr Glück nicht fassen, war aber noch nicht bereit ihren Eltern von diesen Neuigkeiten zu berichten. Eine Märchenstunde pro Woche zählte wahrscheinlich nicht als Lösung des großen Zukunftsproblems, aber es war ein Anfang.

***
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Sonntagsgeschichte Kapitel 15 – Der Drachenfels

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Ein warmes Gefühl breitete sich an Josephines Brust aus. Die Drachenschuppe wurde warm. Es wurde Zeit, Abschied zu nehmen. Johanna bemerkte, wie Josephine danach griff und nickte verstehend.

„Wir sehen uns wieder. Jetzt kann ich dich leichter besuchen. Genieße den Tag mit deinen Freunden. Nimm diese Phiole mit und gebe deiner Freundin Angi nur einen Tropfen davon in ein Getränk. Sie wird sich dann besser fühlen. Den Rest verwahre gut auf, du wirst wissen, wann du es brauchen kannst.“

Josephine musste grinsen. Wie praktisch es doch war eine magische Drachenschwester in der Anderswelt zu haben. Wie Angi wohl reagieren würde, wenn sich ihr Kater in Luft auflöste oder hatte der Zaubertrank eine andere Wirkung?

„Habt einen schönen Tag“, sagte Johanna noch zum Abschied, bevor sie sich verwandelte und Josephine zurück an den Fuße des Berges brachte.

Josephine traute ihren Augen nicht, als sie den anderen zu den Eseln folgte. Da stand Sarah in ihrem Glitzertop, mit Minirock und den eleganten Schuhen und streichelte einen Esel. Schnell machte sie ein Foto mit dem Handy, das musste sie unbedingt Carla, Bastis Schwester zeigen, ohne Beweise würde sie das nie glauben.

„Na, seid ihr bereit?“, fragte Josephine, Angi einen Arm über die Schulter legend.

„Ok, machen wir uns an den Aufstieg“, bestätigte Angi. Es kam allerdings nicht ganz überzeugend rüber. Sie wirkte nicht besonders fit. Sarah grummelte vor sich hin, Sven strahlte und freute sich. „Gut, lasst uns gehen“, sagte Basti und nickte Sarah aufmunternd zu.

Josephine nahm ihren Arm von Angis Schulter und zog ihr dabei unauffällig die Trinkflasche aus der Seitentasche des Rucksackes. Angi hakte Sarah unter und setze sich in Bewegung. „Wir zwei schaffen das“, entschied sie. Sarah wirkte nicht überzeugt, ließ sich aber ein Stück mitziehen, bevor sie sich wieder von Angi löste.

Schnell fügte Josephine einen Tropfen aus der Phiole in Angis Flasche. Es war Limonade, typisch Angi. Ohne ausreichend Zucker funktionierte ihre Freundin einfach nicht. Garantiert befand sich auch Schokolade in ihrem Rucksack, da wäre Josephine jede Wette eingegangen. Der Rückweg der Flasche gelang nicht so unauffällig. „Du und Limo? Kannst mir die Flasche direkt geben.“ Angi trank einen kräftigen Schluck und reichte Josephine die Flasche zurück. „Jetzt darfst du sie gerne wieder in den Rucksack stecken.“

Wenige Minuten später beschleunigte Angi ihre Schritte und begann fröhlich zu singen. „Hey, warum rennst du auf einmal so?“, beschwerte sich Sarah. Tapfer stöckelte sie den steilen Weg hinauf, immerhin trug sie nicht die High-Heels vom Vorabend, aber auch ein breiter Absatz von ca. sechs Zentimeter Höhe war definitiv nicht das geeignete Schuhwerk für ein Spaziergang im Siebengebirge.

„Dir scheint es besser zu gehen“, freute sich Basti. „Klar, mir geht es prima“, verkündete Angi fröhlich. „Euch etwa nicht?“

„Alles bestens“, antwortete Basti. „Ich hatte nur den Eindruck, dass du noch ein wenig mitgenommen von gestern bist.“

„Gestern? Was war gestern? Heute scheint die Sonne und wir besteigen den Drachenfels.“

„Du hast Recht Angi. Heute ist ein schöner Tag. Komm, Sarah. Gleich erreichen wir Schloss Drachenburg.“

Schloss Drachenbuch, ein Blick durch den Zaun

Schloss Drachenbuch, ein Blick durch den Zaun

„Können wir das Schloss besichtigen“, fragte Sarah schon beinahe fröhlich.

„Ja, man kann das Schloss besichtigen“, erklärte Sven. „Machen wir aber nicht“, fiel Angi ihm schnell ins Wort, bevor die beiden einen anderen Plan entwickelten. „Wir steigen erst einmal hinauf bis zur Ruine und genießen die schöne Aussicht.“

„Vom Schloss aus hat man doch bestimmt auch eine tolle Aussicht, oder nicht?“ Mit klimpernden Augen setze Sarah ihre Hoffnungen in Sven. Doch damit hatte sie bei ihm schlechte Karten. „Die Aussicht von oben wird dir gefallen“, widersprach er ihr. Erzählte aber bereitwillig vom Schloss und von verschiedenen Veranstaltungen, die er er dort bereits besucht hatte.

Josephine hakte sich währenddessen bei Angi und Basti ein und freute sich ihre besten Freunde bei sich zu haben.

„Wie geht es denn deiner Schwester“, erkundigte sich Angi bei Basti. „Sie scheint auf dem Weg der Besserung zu sein. Ich hoffe, dass sie spätestens übermorgen wieder selbst für ihren Gast da sein kann. Noch länger halte ich das echt nicht mehr aus“, seufzte Basti.

„Och, gestern schien es dir sehr gefallen zu haben, so angehimmelt zu werden“, widersprach Josephine. Irritiert blieb Basti stehen und sah sie zweifelnd an. Doch dann fingen beide an zu lachen. Sie kannten einander zu gut. In diesem Moment wurde Josephine auch klar, wie albern ihre Gefühle gestern gewesen waren. War sie tatsächlich eifersüchtig gewesen? Weil Sarah-Barbie mit ihrem besten Freund geflirtet hatte? Sie hätte es besser wissen müssen und ihn retten sollen. Na, wenigstens konnte sie das heute. Sven kümmerte sich um Barbie und sie alle genossen das schöne Wetter. Sie warf einen Blick zurück zu Sven. Er sah gar nicht glücklich aus.

Sie erreichten Schloss Drachenburg. Sarah blickte durch den Zaun, es schien ihr tatsächlich ein wenig zu gefallen, auch wenn sie es nicht zugab. „Müssen wir wirklich bis ganz nach oben?“, versuchte sie noch mal zu diskutieren.

„Ja“, bekam sie eine einstimmige Antwort. Josephine und Angi nahmen sie in die Mitte. Die Jungs folgten den Mädels erleichtert, sich nicht um Sarah kümmern zu müssen. Das eine einzelne Person so anstrengend sein konnte. Sarah freute sich über die Mädels-Runde und begann gleich großzügig mit ihren Beauty-Tipps. Einige waren tatsächlich nicht schlecht, dachte Josephine, wenn sie nur nicht so sehr eben Sarah wäre. Irgendwie passten sie einfach nicht zusammen. nach einer Weile hörte sie nicht mehr richtig zu und versuchte mitzubekommen, was die Jungs besprachen. Ihr Name fiel im Gespräch, aber worum es ging konnte sie nicht verstehen.

Blick vom Drachenfels in Richtung Bad Honnef

Blick vom Drachenfels in Richtung Bad Honnef

Denkmal auf dem Drachenfels

Endlich erreichten sie die Aussichtsplattform. Hier musste auch Sarah zugeben, dass das Panorama wunderbar war. Erst der Blick über die grünen Berge, dann über Bad Honnef und schließlich der traumhafte Blick über den Rhein. Sarah strahlte und Angi machte schnell ein Mädels-Selfie. „Schicke ich dir gerne zur Erinnerung, wenn du magst.“ Ja, Sarah wollte das Bild. Holte selbst ihr Handy aus der Tasche und machte Bilder. Sie lief voraus zum Denkmal und fragte: „Ist das dort hinten Bonn?“ Angi stimmte ihr zu und erklärte die Aussicht.

Josephine überließ den beiden das Gespräch und sah sich um. Auf der Aussichtsplattform gab es das Ausflugslokal mit der großen Terrasse. Einige Familien mit kleinen Kindern waren dort, ebenso viele Wanderer verschiedenen Alters. Ein bunt gemischter Menschentrubel lief kreuz und quer durcheinander, saß an den Tischen oder stand an der Mauer, um die Aussicht zu genießen. Sie ging ein paar Schritte und auf einmal wusste sie ganz genau, dass es die richtige Stelle war. Auch wenn der Boden betoniert und mit Platten belegt war. Hier hatte sie vorhin bereits gestanden. Hier hatten sie das Ritual durchgeführt. Sanft strich sie über den unsichtbaren Ring an ihrem Finger. Die Luft vor ihr flimmerte und Johanna erschien. Sie legte einen Finger an die Lippen und zwinkerte ihr zu. Dann war sie auch schon wieder verschwunden. Doch sie war hier. Noch einmal strich Josephine über den Ring, wieder flimmerte die Luft. Dann verstand sie.

Panorama Blick vom Drachenfels über den Rhein

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