Sonntagsgeschichte Kapitel 79 – Happy End?

Dieses Kapitel ist für mich deswegen etwas Besonderes, weil es der 1000 Blogbeitrag ist, der online geht. Ich blogge jetzt seit 4 Jahren. Relaunch der Seite war am 06.02.2016, online ging der kleine Komet bereits am 23. März 2007, feiert also im Grunde morgen mit mir den 13. Geburtstag. Auch wenn hier Happy End mit Fragezeichen im Titel steht, ist dieses chaotische Schreibexperiment noch lange nicht zu Ende, dafür macht es mir zu viel Freude.

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Sonntagsgeschichte Kapitel 79 Happy End?

„Ihr Menschen glaubt auch bei einem guten Tropfen ließe sich alles regeln“, donnerte der Zwergenkönig wütend, doch dann schlich sich ein Lächeln in sein zorniges Gesicht. „Dann kommt halt rein“, knurrte er und machte eine einladende Geste in Richtung Mineneingang. Erst jetzt erkannte er, dass sein Sohn wie angewurzelt da stand. „Fundin“, erklang seine noch immer knurrige Stimme. Dabei stieß er seinen Sohn unsanft an. „Beweg deinen faulen Hintern und führ unsere Gäste in die Stube.“ Dieser löste sich aus der Starre und ging voraus. Sven folgte ihm, ohne sich nach den anderen um zu sehen. „Danke mein Freund“, bemühte sich Opa Henry weiterhin um einen höflichen Ton und betrat nach dem Zwergenkönig die Mine.

Josephine und Lukas folgten ihnen unsicher. Sie betraten einen düsteren Gang. An den Wänden hingen zwar Fackeln, aber nach dem Sonnenlicht draußen, brauchten ihre Augen einen Moment, bis sie sich an die sparsamen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Der Gang war hoch genug, dass sie aufrecht gehen konnten, stellte Josephine erleichtert fest, schließlich waren sie in einer Zwergenmine. Doch Lars war groß wie die Menschen. Noch immer fragte sie sich, ob das seine wahre Gestalt war.

Der Gang wurde breiter und sie kamen in eine große Halle. „Willkommen in Moria“, flüsterte Lukas, aber an Herr der Ringe wollte Josephine jetzt wirklich nicht denken, denn die Szene in den Minen ging nicht gut aus. Sie ertappte sich dabei, wie sie Opa Henry mit Gandalf verglich, dann schüttelte sie den Kopf, um sie von diesen Gedanken zu lösen. „Nicht hilfreich“, zischte sie Lukas zu, der sie daraufhin angrinste. Für ihn war es offenbar hilfreich so mit dieser Situation umzugehen. Sollte er doch.

Mehrere Gänge zweigten von der Halle ab und sie folgten Fundin in die angekündigte Stube. Irritiert hielt Josephine kurz am Eingang zum Raum inne. Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit dieser leuchtenden orientalischen Gemütlichkeit. Das erste was ihr ins Auge fiel waren knallbunte Farben, die gar nicht orientalisch waren. Auf dem steinernen Boden lagen Kissen, viele bunte Kissen in unterschiedlichen Mustern als Sitzgelegenheiten. Steinerne Möbel standen an den Wänden, als Tische und Regale für Geschirr und Bücher. Die Gruppe machte es sich auf den Kissen gemütlich, während ein weiterer Zwerg sich an dem Tischen zu schaffen machte und dampfende Becher verteilte. Josehine beeilte sich, zwischen Lukas und Sven Platz zu nehmen. Ihr wurde ebenfalls ein dampfender Becher in die Hand gedrückt. Er war aus Stein und fühlte sich von außen nicht unangenehm heiß an. Es roch blumig, sie nahm an es sei eine Art Tee. Unsicher blickte sie in die Runde, niemand trank, also wartete sie.

„Willkommen meine Freunde“, sprach der Zwergenkönig mit erhobenen Becher. Seine Stimme klang noch immer knurrig, aber weniger bedrohlich. „Bevor wir uns besprechen, will ich euch als Freunde in unserer Stube willkommen heißen. Trinken wir auf die Freundschaft.“ Er erhob seinen Becher und trank. Josephine ahmte seine Geste nach und trank ebenfalls. Sie hatte Recht gehabt und sich gründlich geirrt. Das Getränk war heiß und es war blumig. Doch es war kein Tee, wie sie angenommen hatte, es war ein guter Tropfen, wie Opa Henry gefordert hatte, einer mit einem offenbar hohem Alkoholgehalt, sie würde vorsichtig sein, auch wenn es ihr wirklich gut schmeckte.

„Nun denn, reden wir“, sprach der Zwergenkönig weiter. „Ich weiß, warum ihr gekommen seid. Ihr wollt meinen Sohn zurück in die Menschenwelt führen. Daraus wird nichts!“

Lukas wollte aufspringen und etwas erwidern, doch Josephine bremste ihn, indem sie ihn mit der freien Hand am Arm packte und zurück auf die Kissen zog.. „Lass deinen Opa erstmal reden“, flüsterte sie ihm zu. Er nickte und setzte sich wieder, auch wenn es ihm sichtlich schwer fiel. Er litt mit Sarah und wollte sie mit ihrem Prinzen vereint sehen.

„Viel Zeit ist vergangen, seit ich meinen Sohn das letzte Mal in die Arme geschlossen habe. Mehrere Generationen eurer menschlichen Leben sind seitdem vergangen. Ihr könnt euch das Leid nicht vorstellen, dass dies für mich bedeutet hat. Er bleibt nun hier, wo er sicher ist.“

„Ich verstehe dein Leid gut, fühle ich doch einen Teil deines Leides selbst durch unsere Verbindung“, sprach Opa Henry mit fester ruhiger Stimme. Josephine spürte wie Lukas sich bei den Worten des Königs weiter angespannt hatte und nun ruhiger wurde. Er kannte seinen Opa gut, liebte ihn und vertraute ihm. Sie beide spürten, dass er derjenige war, der hier etwas erreichen konnte. Sven und Fundin saßen schweigend da, sie starrten einander nicht mehr an, vielmehr sah Sven inzwischen aus, als hielte er sich an seinem Becher fest, den er inzwischen bereits halb geleert hatte, in kleinen nervösen Schlucken.

„Doch denkst du auch an das Leid von Schneewittchen?“, fragte Opa Henry. „Aus ihrem steinernen Schlaf ist sie erwacht und sehnt sich seitdem danach ihren Prinzen wieder zu finden. Sie lebt nun in einer Welt, die ihr völlig fremd ist und es zerreißt ihr das Herz.“

„Pah die Liebe“, spottete der Zwergenkönig, doch Henry unterbrach ihn gleich. „Spotte nicht mein Freund, sonst wecke ich deine Erinnerungen.“ Ein Moment der Stille trat ein, während die beiden sich ein stummes Blickduell lieferten. Schließlich senkte der Zwergenkönig den Blick und sprach: „Gut, ich spotte nicht über die Liebe, aber es geschieht dem Mädchen recht. Sie hat schließlich meinen Sohn verzaubert.“
„War er es nicht, der den steinernen Zauber sprach?“
„Unwichtige Details.“
„War sie es nicht, die den Fluch brach und ihn erlöste?“
„Ist der Fluch wirklich gebrochen? Sie riss ihn mit sich ins Verderben, nun ist er hier. Da wo er hin gehört.“
„Und wird er hier glücklich?“
„Er hat hier alles, was er braucht.“
„Auch Liebe?“
„Du mit deiner Liebe.“ Erneut knurrte der Zwergenkönig.
„Ja, Liebe ist wichtig, wir alle sehnen uns nach Liebe. Geht es nicht genau darum? Liebst du nicht deinen Sohn und willst ihn deswegen bei dir behalten? Hast du nicht gelitten, weil dein geliebter Sohn verloren war, wie du sagst?“

„Hör auf!“

Erneutes Schweigen. Diesmal noch unangenehmer für alle im Raum. Nur Opa Henry sah seinen Seelengefährten weiterhin mit ruhigem und gütigem Blick an. Der Vergleich mit Gandalf kam Josephine noch einmal in den Sinn, der hatte auch die Fähigkeit mit jähzornigen Zwergen umzugehen. Doch hier gab es eine noch tiefere Verbindung zwischen den beiden. Henry spürte die Wut, Verzweiflung und Sorge des Königs, offenbar auch die Liebe, mit der er ihn immer wieder reizte. Diese Verbindung bestand in beide Richtungen und Josephine konnte beobachten, wie die ruhigen sanften, ja zuversichtlichen Gefühle von Opa Henry beim Zwergenkönige ankamen. Seine mürrischen Gesichtszüge wurden sanfter, entspannten sich.

„Hol deinen Bruder“, wies er Fundin schließlich an. Diesmal gehorchte er sofort, denn auch er hatte seinen Vater gespannt beobachtet. „Vielleicht können wir eine gemeinsame Lösung finden“, räumte der Zwergenkönig ein.“Vielleicht kann das Mädchen hier bei uns leben, auch wenn das nun wirklich kein Ort für eine wie sie ist. Ich weiß nicht, wie meine Familie sie aufnimmt, aber wenn es um das Glück meines Sohnes geht …“ Er verstummte und blickte nachdenklich drein.

Josephine versuchte sich Sarah hier vorzustellen. Konnte das funktionieren? Sie hatte zu wenig von der Mine und dem Leben der Zwerge gesehen, um das beurteilen zu können. Sarah hatte gerade begonnen sich in ihrem menschlichen Leben einzugewöhnen, jetzt sollte sie noch einmal neu beginnen? Erst einmal zählte, dass sie ihren Prinzen wieder sehen durfte, dann würden sie weitere Probleme lösen. Gespannt wartete Josephine auf die Rückkehr der Zwergenzwillinge.

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Sonntagsgeschichte Kapitel 49 – Ernüchterung

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Blogroman Sonntagsgeschichte

„So viel habe ich doch wirklich nicht getrunken“, stöhnte Lukas und stützte sich auf Sven. Immer wieder kniff er die Augen zusammen, öffnete sie und starrte auf die lebendig gewordene Steinfigur vor ihm. Sie saß aufrecht und aß. Immer wieder fragte sie nach ihre Freunden. Er blickte sich um, die sieben Zwerge, die im Kreis um sie herum gestellt waren, standen noch versteinert da. Was war hier los?

Von hinten legte sich eine Hand auf seine Schulter. „Komm“, sagte eine liebliche Stimme und die Hand zog ihn sanft. Lukas ließ sich mitziehen, drehte sich um und sah in ein fremdes und zugleich vertrautes Gesicht. Diese Frau hätte seine Großtante sein können, in sehr viel jünger. Wow, war sie schön, dachte er. Sie lächelte und reichte ihm etwas zu trinken. Wie in Trance nahm er den Becher, trank und spürte wie sich die Nebel schlagartig lichteten. Wie viel Wein er getrunken hatte, wusste er nicht, aber jetzt war er nüchtern. Allerdings zweifelte er das an, als er sich umblickte. Außer der schönen Frau, war niemand da, auch die Steinfiguren und Schneewittchen waren verschwunden. „Setz dich, ich werde dir alles erklären.“

„Wo sind die anderen hin oder soll ich besser fragen, wo bin ich?“

„Du bist ein kluger Junge, die anderen sind noch immer genau da, wo wir sie zurück gelassen haben. Ich habe dich mit hinüber in die Anderswelt genommen, nachdem ich deine Verwirrung gesehen habe. Zwei verwirrte Wesen auf einmal ist etwas viel. Überlassen wir den anderen Schneewittchen und ich kümmere mich ein wenig um dich.“ Irgendwie war diese Stimme magisch beruhigend oder es lag an dem Getränk, dass ihn so ernüchtert hat. Noch immer verstand Lukas nicht, was los war, nahm die Informationen, die so wenig Sinn ergaben, allerdings gelassen auf. Die Frau machte eine Handbewegung und die Luft vor ihnen begann zu flimmern. Wie durch ein Fenster erblickte er seine Familie, die noch immer das erwachte Schneewittchen umringten und mit ihr sprachen. Das flimmernde Fenster verschwand wieder und sie waren allein.

„Ich bin Loreley“, stellte die schöne Stimme sich ihm vor. Dabei lächelte sie weiterhin und nickte. „Ja, die Loreley, die du aus der Sage kennst, nicht ganz so grausam, aber meine Stimme ist tatsächlich magisch.“ Lukas nickte, das spürte er. „Deine Großtante Lore ist meine Seelengefährtin, daher siehst du auch die Ähnlichkeit zwischen uns. Dein Großvater, Jenny, Sven und seine Freundin Josephine haben ebenfalls Seelengefährten. Sven hat genau wie du jetzt gerade erst alles erfahren. Bei ihm ist die Geschichte noch viel komplizierter, denn sein Seelengefährte ist verschollen. Es ist ein großes Glück, dass er die Verbindung zur Anderswelt gefunden hat, das verdanken wir der Liebe. Jetzt soll es aber um dich und deine Seelengefährtin gehen.“

Lukas musste lachen. Schon so lange hatte er das Gefühl, dass in seiner Familie etwas vor sich ging, hatte sich ausgemalt sein Großvater wäre der Vorsitzende einer Geheimgesellschaft und nun war es so weit. Jenny, Sven und er gehörten dazu. Die nächste Generation.

„Die Steinfigur ist also lebendig und meine Seelenverwandte? Entschuldige Loreley, sie ist wunderschön. Du bist wunderschön. Offenbar wirkt auch die Magie deiner Stimme bei mir und doch … Also ganz ehrlich. Ich meine … ähm …“ Lukas fehlten die Worte, zu erklären, was ihn da gerade beschäftigte.

Doch das übernatürliche Wesen verstand ihn auch so. Sanft legte sie ihm eine Hand an die Wange. „Ich weiß, dass du meinem Charme niemals erliegen würdest Lukas. Das brauchst du auch nicht. Es geht hier auch ganz und gar nicht darum, dass du Schneewittchens Prinz sein sollst. Den gibt es nämlich, nun ja, eigentlich zumindest, denn er ist verschwunden. Er ist Svens Seelengefährte. Auch seine Aufgabe ist es nicht, sich in Schneewittchen zu verlieben. Das wäre auch ein übles Ende für unsere Geschichte. Meinst du nicht auch? War es doch Josephines Liebe, die ihn zu uns geführt hat. Schneewittchen und du, ihr seid Seelengefährten. Ihr habt eine besondere Verbindung zueinander und auch zwischen euch gibt es eine unverkennbare Ähnlichkeit. Schon amüsant, dass wir sie nie gesehen haben, all die Jahre. Als Kind hast du mit Sven und Jenny so viel Zeit bei den Steinen verbracht und niemandem ist aufgefallen, dass ihr dasselbe Gesicht habt. Alle haben wir so lange darauf gehofft, dass Jenny ihre Seelengefährtin sein würde, dass es in ihrer Macht stünde, sie endlich zu erwecken. Wie beschränkt wir doch alle waren. Um so schöner, dass du nun bei uns bist und Schneewittchen erwacht. Ich erzähle dir jetzt ihre Geschichte und dann kehren wir zu den anderen zurück.“

Lukas war einverstanden, sie hätte ihm alles erzählen können.

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Sonntagsgeschichte Kapitel 47 – Treue Zwerge

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Blogroman Sonntagsgeschichte Kapitel 47 - Zwerge

Nachdem Opa Henry seine Geschichte beendet hatte, schwiegen sie eine Weile. Sven kannte die Geschichte bereits, doch nun hatte er sie zum ersten Mal ernst genommen. Es war für ihn eine schöne Geschichte gewesen, die zwar mehr bedeutete, als die anderen Märchen, die er in seiner Kindheit erzählt bekam, aber trotz allem ein Märchen. Ein Märchen zu dem die passenden Steinfiguren im Garten standen. Inzwischen stand seine Welt auf dem Kopf, seine Welt hatte sich um eine ganze Welt erweitert und nichts war mehr so einfach, wie es bisher schien.

Gedankenverloren streckte er die Hand nach dem steinernen Schneewittchen aus. Er berührte ihren Arm, den er als kleiner Junge schon mehrfach berührt hatte. Glatter, kühler Stein. Vertrauter Stein. Die Gesichtszüge der Frau waren ihm ebenfalls vertraut. Als Kinder hatten Jenny, Lukas und er hier viel Zeit verbracht. Sie hatten mit Schneewittchen und den Zwergen gespielt, sich Geschichten ausgedacht. Ob sie ihnen zugehört hatten?

„Woher kommen die anderen Steinfiguren“, fragte Josephine. „Ich meine, sind sie ebenfalls lebendig?“

Opa Henry seufzte und nickte: „Ja, das sind sie. Es ist der Teil, den wir in unserem Familienmärchen meist aussparen. Die Geschichte soll gut bewahrt werden und wird daher allen Kindern der Familie immer wieder erzählt. Dieser Teil bleibt den Eingeweihten vorbehalten. Nachdem der Zwergenprinz seine Magie gewirkt hatte und Schneewittchen versteinert vor ihnen lag, weinten die sieben Zwerge sehr. Sieben Tage nach dem tragischen Ereignis sprachen sie im Schloss vor und baten um eine Audienz beim Zwergenprinzen. Sie hatten ein außergewöhnliches Anliegen, wollten sie doch ebenfalls in Stein verwandelt bei ihrem Schneewittchen ausharren, bis es erweckt werde. So wollten sie Wache halten und ihr das Erwachen erleichtern, würde sie doch sehr wahrscheinlich niemand Vertrauten mehr vorfinden.

Der Zwergenprinz hörte sich diesen Wunsch an und sprach drei Tage mit ihnen. Er erklärte ihnen die Gefahren dieser Magie und der Umstände. So bestünde auch die Möglichkeit, dass Schneewittchen niemals erwacht oder die Bindung der Zwerge nicht stark genug ist, dass sie miterwachen. Doch sie waren bereit das Risiko zu tragen so kamen sie hierher, um ihrem Schneewittchen beizustehen.

Du hast es dir wahrscheinlich schon gedacht, aber ich bestätige es dir gerne, wir sind die Nachfahren von Schneewittchens Tante, somit ruht sie im Kreise ihrer Familie.“

Während Henrys Erläuterungen hatte Josephine ihren Freund beobachtet, der wiederum die Steinfigur beachtete. Sie hatte das Gefühl seine Gedanken sehen zu können, sein Verstehen, dass die Geschichte seiner Kindheit, tatsächlich eine Wahrheit war. Er brauchte Zeit und die ließ sie ihm. „Hey“, erschreckte sie eine Stimme von hinten. Es war Lukas. „Was macht ihr denn hier? Opa, du wirst schmerzlich auf deiner eigenen Geburtstagsfeier vermisst.“

Opa Henry brummelte etwas vor sich hin und sagte schließlich: „Ich komme ja wieder.“ Lukas nickte erleichtert und trat neben Sven. „Was zur Hölle tust du da? Hier steht deine wunderschöne Freundin und du streichelst eine Steinfigur?“ Josephine merkte an seiner Art zu Sprechen, dass er offenbar schon einige Gläser Wein getrunken hatte. Ob er den Kater von gestern überhaupt schon …? Sie konnte den Gedanken nicht zu Ende denken, denn es geschah etwas merkwürdiges.

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Sonntagsgeschichte Kapitel 41 – Das Rätsel

Dies ist das 41. Kapitel des Blogromans.

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Blogroman Sonntagsgeschichte

„Willkommen in unserer Welt“, begrüßte Johanna Sven feierlich. Es hatte also doch geklappt, wunderte sich der Junge und sah sich um. Die steinernen Zwerge und Schneewittchen auf ihrem Sarg waren noch da, umringt von seiner Schwester, Großtante, Loreley und seiner Freundin mit ihrer Doppelgängerin Johanna. Alle sahen ihn erwartungsvoll an, wandten sich dann nahezu zeitgleich ab, um in verschiedene Richtungen zu blicken. Als könnten sie jemanden herbeisehnen.

Johanna in ihrer menschlichen Gestalt trat auf ihn zu und zog ihn in eine sanfte Umarmung. „Das muss alles sehr verwirrend für dich sein.“ Über ihre Schulter hinweg, blickte er in Josephines Augen. Wie konnte es seine Freundin doppelt geben? Was wenn er sie aus Versehen verwechselte? Er wurde wieder losgelassen und Johanna blickte ihm tief in die Augen. Da erkannte er, dass er diese beiden Frauen niemals verwechseln würde. Seine Freundin war kein Drache und er liebte nur sie. „Nun, es gibt zwei Erklärungsmöglichkeiten“, wandte sich die Drachenfrau an die Umstehenden. „Vielleicht ist es Josephines Liebe, die ihn problemlos herbringt, schließlich erfolgt der Übergang durch einen besonderen Akt bei dem tiefe Gefühle im Spiel sind.“ Natürlich lief Sven rot an und blickte verschämt zu Boden. Alle hatten sie allein gelassen und trotzdem wussten sie Bescheid. Gewiss hatten sie andere Möglichkeiten, alles zu beobachten. Er war so dumm gewesen.

„Die andere Möglichkeit ist, dass auch Sven zu uns gehört. Ich erinnere mich nicht, dass es je vorgekommen wäre. Doch vielleicht hat auch Sven einen Seelengefährten, einen der sich aus besonderen Gründen nicht zeigen kann.“ Zunächst erhielt Johanna großes Erstaunen für diese Ankündigung, dann entspann sich eine große Diskussion über diese Möglichkeit zwischen Loreley, Großtante Lore und ihr. „Vielleicht gibt es keinen bekannten Fall, eben weil es ohne Seelengefährten unwahrscheinlich ist, dass uns jemand findet.“

Sven wurde das alles zu viel. Er wandte sich ab und trat näher an das steinerne Schneewittchen. Seit er klein war, besuchte er immer wieder den Steingarten, kannte das Märchen als Teil seiner Familiengeschichte. Diesen Ort als Portal in eine andere Welt zu betrachten, war vollkommen neu. Nein, es war kein Portal, korrigierte er sich. Die Welten waren überall miteinander verbunden. Allerdings gab es diese Steine an beiden Orten oder waren es dieselben Steine? Sein Kopf drohte zu platzen, wie sollte er all das nur begreifen, es akzeptieren. Währenddessen diskutierten sie über ihn, seine Existenz und seine Berechtigung an diesem Ort zu sein. Er berührte den kühlen Stein und das beruhigte ihn ein wenig. Schneewittchen war ihm vertraut, war ein Stück Zuhause in all diesen Merkwürdigkeiten. Sie lag schon ewig hier und würde auch weiterhin hier liegen, wenn diese merkwürdige Diskussion beendet sein würde. Ihr Gesicht, sie sah so vertraut aus, nicht nur als Steinfigur. Da war ein Gedanke, aber er konnte ihn nicht festhalten.

„Na, erweckst du gleich unser Schneewittchen?“, fragte seine Schwester Jenny. Sie legte ihm tröstend den Arm um die Schulter. „Weißt du noch, wie wir klein waren und Großvater immer sagte, er hoffe, ich könne Schneewittchen eines Tages erlösen?“ Er nickte. „Ja, jedes Mal habe ich mich beschwert und gesagt, ich sei der Prinz.“ Sie lachten beide. „Und dann kam Lukas dazu und verkündete, er würde der große Held sein.“ Es waren Kinderspiele, als Sven und sein jüngerer Cousin sich im Steingarten um die schöne Prinzessin duelliert hatten. Eigentlich war Schneewittchen keine Prinzessin, nicht ohne Prinz, der sie erweckte …

Mit einem Knuff in die Seite, holte Jenny ihn aus seinen Erinnerungen zurück. „Vorsichtig Brüderchen. Wenn du Schneewittchen jetzt küsst, wird deine Freundin eifersüchtig.“ Er blickte hoch. Ihm gegenüber, auf der anderen Seite der steinernen Schönheit stand sie. Josephine stand einfach da und beobachtete ihn. Sie lächelte, keine Spur von Eifersucht. Warum sollte sie auch auf eine verdammte Steinfigur eifersüchtig sein? Seine Schwester kam auf Ideen.

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Sonntagsgeschichte Kapitel 36 – Geheimnisse im Mondschein

Dies ist das 36. Kapitel des Blogromans.

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„Du hast Lucinda direkt erkannt“, begann Lore endlich das Gespräch. „Nur, wer mit der Anderswelt verbunden ist, kann auch ihre Geschöpfe sehen. Ich sehe, du hast deine Seelenschwester bereits getroffen.“ Sie deutete auf den Ring an Josephines Finger. Überrascht strich sie darüber. Bisher hatte niemand sie auf diesen Ring, den Johanna in einem Ritual auf dem Drachenfels aus ihrer beider Haaren gemacht hatte, erwähnt. Dies ließ für sie nur den Schluss zu, dass er für andere unsichtbar war. Doch was sagte Lore, wer mit der Anderswelt verbunden ist, erkennt ihre Geschöpfe. Dasselbe gilt wohl auch für magische Gegenstände. „Ja, auch ich habe eine Lilling-Freundin. Sie hat mich einst mit ihren Tränen geheilt. Ein Fuchsteufel hatte mich gebissen.“ Jenny stöhnte auf: „Erzähl uns deine Geschichte“, forderte sie freundlich. Josephine zögerte. Konnte sie den beiden vertrauen? Im Grunde kannten sie sich doch erst seit heute, so lieb Jenny auch zu ihr gewesen war, sie gleich wie eine Schwester behandelt hatte, nachdem ihr Bruder sie einander vorgestellt hatten. Das alles könnte auch eine fiese Falle sein. Zögernd strich sie über ihren Ring. ‚Johanna‘, dachte sie stumm. ‚Was soll ich nur tun?‘ Dabei blinzelte sie und nahm ihre Drachenschwester auf der anderen Seite kurz wahr. Sie nickte ihr aufmunternd zu. Dabei stand sie hinter Lore, die ihr erneut in der Gestalt einer jungen blonden Frau gegenüber saß.

„In Ordnung“, seufzte sie. „Vielleicht könnt ihr mir helfen, die vielen Fragen zu beantworten, die ich noch habe. Jenny, hast du die Krähen gesehen, die dem Auto gefolgt sind?“

„Klar“, nickte Svens Schwester. „Diese Krähen sind für mich wahrscheinlich das, was für dich der Fuchsteufel ist. Immer wieder lauern sie mir auf und wollen mein Amulett stehlen.“ Sie zog eine Kette unter ihrem Shirt hervor. Ein Eisenherz hing an einem Lederband. Josephine erkannte es als magischen Gegenstand der Anderswelt. Sie selbst trug eine Schuppe Johannas an einer Kette. Dann begann sie zu erzählen, berichtete von ihrem ersten Treffen mit Johanna am Rhein, als sie mit ihren Freunden zusammen feierte, dem Biss des Fuchsteufels, der anschließend immer wieder auftauchte. Sie fasste die zahlreichen Treffen mit Johanna zusammen und erklärte, dass sie, je mehr sie erfuhr, nur noch mehr Fragen hatte. Dann erinnerte sie sich an das kürzliche Ereignis, als der Fuchsteufel sie und Sven am Rhein angegriffen hatte. Bisher war sie in Begleitung anderer sicher gewesen. Warum es diesmal anders gewesen war und sie anschließend Sven in die Anderswelt retten konnte, war noch immer ungeklärt. Johanna war dies ein Rätsel gewesen, eines das sie bisher nicht lösen hatten können. Daher stellte sie Svens Familie nun eine Frage, anstatt weiter zu sprechen.

„Warum darf Sven von all dem nichts erfahren?“

Jenny und Lore warfen sich einen Blick zu, den Josephine nicht zu deuten vermochte. Dann begann Jenny zu erklären: „Er ist nicht wie wir. Er hat keine Verbindung.“ Hatte sie gehofft, das würde genügen, starrte Josephine sie immer noch erwartungsvoll an. Lore übernahm die Erklärung: „Du weißt sicher bereits, dass es sehr selten geworden ist, dass Menschen noch eine Verbindung zur Anderswelt haben. In unserer Familie ist es ungewöhnlich häufig. Ich habe sie, Jenny und auch mein Bruder hat eine Verbindung. Wer eine Seelenverbindung hat, wird spätestens mit 18 Jahren von seinem Seelengefährten gefunden und kontaktiert. Sven ist in diesem Sommer bereits 19 Jahre alt geworden. Sein Zeitfenster ist geschlossen, er hat keinen Seelengefährten, keine Verbindung. Wir hatten es gehofft. Wären erneut zwei Geschwister verbunden gewesen, hätte es die Bindung unserer Welten gestärkt. So aber …“ Sie seufzte und hielt kurz inne. „Nun, es ist faszinierend, dass Sven dich zu uns geführt hat. Wer weiß, was das bedeutet. Doch auch wenn es schwer für dich ist, so muss das alles unser Geheimnis bleiben.“

„Aber“, setze Josephine gleich an und wurde sofort von Jenny unterbrochen: „Natürlich liebst du Sven und vertraust ihm. Hey, ich bin seine Schwester und hüte dieses Geheimnis seit ungefähr drei Jahren vor ihm. Glaub mir, ich weiß, wie schwer das ist. Er ist mein Bruder! Wir verbringen viel Zeit miteinander, auch noch seit ich bereits ausgezogen bin. Früher haben wir über alles gesprochen.“ Dabei warf sie Josephine einen unsicheren Blick zu. Diese verstand, Sven hatte also mit seiner Schwester auch so einiges über sie besprochen. Sie wurde rot. „Mach dir keine Sorgen, nicht zu viele Details. Aber du verstehst, warum du mir so vertraut bist? Ich wollte dich schon so lange unbedingt kennen lernen.“ Sanft nahm Jenny Josephines Hand. „Ich mag dich wirklich gern und helfe dir dabei, dass diese Sache keine Problem für eure Beziehung wird.“

Erneut setze Josephine zu einem „Aber“ an. Diesmal ergriff Lore das Wort und betonte eindringlich: „Es ist wirklich wichtig. Die Grenzen sind so labil, dass die Existenz der Anderswelt vor den Nicht-Sehenden geheim gehalten werden muss. Stell dir vor, was es bedeuten würde, wenn Menschen, die die Magie nicht begreifen und die Wesen nicht sehen könnten, davon erfahren würden. Einige würden sich danach sehnen, diese Macht zu missbrauchen.“

Jetzt war es Jenny, die zu einem „Aber“ ansetzte. „Sven würde niemals …“

„Natürlich würde dein Bruder das nicht“, stimmte Lore zu. „Doch unsere Regeln sind streng einzuhalten, denn wenn wir einmal beginnen Ausnahmen zu machen, zieht dies weitere nach sich. Vertrauen ist ein kostbares Gut, das manche zu leichtfertig verschenken.“

Während Jenny unzufrieden seufzte, nutze Josephine endlich die Gelegenheit ihren Aber-Satz zu vervollständigen, verzichtete diesmal auf ein widersprechendes Einleitungswort und legte die Fakten auf den Tisch: „Sven war bereits in der Anderswelt.“

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