Buchvorschlag 8

Meine Trauer wird dich finden, Roland Kachler

Meine Trauer wird dich finden, Roland Kachler

Der Autor Roland Kachler, selbst Psychotherapeut mit Erfahrung in der Trauerbegleitung, spürte nach dem Unfalltod seines 16-jährigen Sohnes, dass die gängige Methode vom „Loslassen“ des Verstorbenen, zu dem er selbst seinen Klienten geraten hatte, ihm nicht helfen konnte, seinen Schmerz zu überwinden. Deshalb hat er einen neuen Weg der Trauerbewältigung gesucht und gefunden: Statt den Verstorbenen „loszulassen“, wie die einschlägige Lieteratur zum Thema Trauern empfiehlt, zielt der Ansatz des Autors darauf, dass der Tote in einer anderen Weise bei den Lebenden bleiben kann. Die Trauerarbeit wird hier als kreativer Beziehungsprozess verstanden, der zu einer inneren Beziehung zum Verstorbenen führt. Die praktischen Übungen und Tipps am Ende jedes Kapitels helfen dem Leser, diesen neuen Weg zu gehen.

Klappentext: Meine Trauer wird dich finden, Roland Kachler

Schon die erste Überschrift berührt mich: „Lieben statt Loslassen“.
Ja, das ist das zentrale Thema des Buches.

Rückzugsort

Bei Entspannungsübungen, Traumreisen und ähnlichen Geschichten sind wir dieser Übung vielleicht schon begegnet. Wir begeben uns gedanklich an einen Ort, der uns berührt, wo wir uns wohl fühlen. Dies kann ein Ort sein, an dem wir schon einmal waren oder auch ein Ort unserer Phantasie. Hier ist einfach nur Ruhe und Frieden.

Auch Kachler empfiehlt uns die Phantasie-Reise zu so einem Ort, die Reise zu einem Ort „des Haltens und der Tröstungen“ (Seite 50, Meine Trauer wird dich finden, Roland Kachler). Phantasie-Reisen begegnen uns auch in anderen Büchern, aber bei Kachler nehmen wir unseren Schmerz und unsere Trauer dorthin mit, lassen sie zu an diesem Ort, dürfen weinen und den Schmerz dort herausschreien.

Ein Ort für den Verstorbenen

Doch nicht nur für uns sollen wir so einen Ort finden, sondern auch für unseren Herzensmenschen. Dabei begeben wir uns zunächst in Gedanken an einen Ort, an dem wir uns sicher fühlen und stellen uns dann vor, dass auch unser Verstorbener sich dort befindet und Frieden findet.

Wenn Sie mögen, können Sie ihn an ihrem sicheren Ort begrüßen, ihn in die Arme nehmen, und beide spüren Sie nun, wie gut es tut, an diesem sicheren Ort zu sein.

Irgendwann verabschieden Sich sich von Ihrem geliebten Menschen und diesem Bild. Sie tun das mit einem Schmerz, aber auch mit einem Gefühl des Getröstetseins, weil Sie sicher wissen: Ich kannn meinen geliebten Menschen in diesem Bild immer wieder aufsuchen.

S. 47 Meine Trauer wird dich finden, Roland Kachler

Abschied von dem frisch Verstorbenen

Leider liest keiner dieses Buch im Vorfeld, dabei wäre es so hilfreich das Kapitel „Am offenen Sarg“ schon zu kennen, wenn unser Herzensmensch uns verlässt und wir endgültig Abschied nehmen müssen. Wer von uns kennt schon die Möglichkeit, den Verstorbenen, nachdem der Bestatter ihn versorgt hat, im Sarg noch einmal zu sich nach Hause zu holen, um sich dann da in Ruhe verabschieden zu können?

Wenn man das Kapitel nun liest, nachdem alles vorbei ist, tut es vielleicht weh, was man versäumt hat und was Schönes und Hilfreiches hätte sein können.

Das Grab

Im nächsten Kapitel geht es um die Grabstätte als Ort, wo man seine Gefühle, seine Trauer zeigen darf, aber auch als Ort, wo Leere und Nichtfühlen sein kann und darf. Vor allem aber für viele als ein Ort, wo man die Liebe zu dem Herzensmenschen pflegen kann, indem man sich der Pflege des Grabes widmet.

Doch Kachler stellt auch andere Möglichkeiten, andere Orte vor, an denen wir dem Verstorbenen besonders nah sein können. Hierzu gibt es auch eine schöne Übung bei der man die Orte, mit denen man eine besondere Verbindung zum Verstorbenen hat, auf Papier zusammenstellt und gestaltet. Schöne, aber auch belastetende Orte.

Erinnerungen

Mit den Erinnerungen ist es ja so eine Sache. Erinnern ist schmerzhaft, macht den Verlust noch einmal besonders deutlich. Doch Kachler ermutigt uns zu den Erinnerungen, um hierin die Nähe zum Verstorbenen zu finden und aus dieser Kraft zu schöpfen.

Erlauben Sie sich, in der Vergangenheit des Erinnerns zu leben. Damit leben Sie jetzt die Liebe zu und mit ihrem verstorbenen geliebten Menschen.
Erinnern ist Ihre kreative Fähigkeit, dem geliebten Menschen jetzt nahe sein zu können.

S. 88, Meine Trauer wird dich finden, Roland Kachler

Er gibt Tipps wie man Erinnerungen leben kann, wie man besondere Tage gestalten kann und hilft uns bei der Suche nach Erinnerungsritualen.

Die hoffnungsvollen Kapitel

Bisher haben wir schon so viel Kostbares in diesem Buch erfahren dürfen. Jetzt werden wir ermutigt, die Zeichen der Natur zu sehen, dem Verstorbenen z.B. in einem Schmetterling zu begegnen.

Es folgen Gedanken zum Weiterleben in einer anderen Welt mit der Vorstellung vom Wiedersehen dort.

Dann macht Kachler uns bewusst, dass unser Herzensmensch immer in unserer Seele, in unserem Herzen seinen Platz haben wird – auch dann, wenn irgendwann wieder Normalität in unser Leben einkehrt und wir uns wieder der Freude zuwenden können.

Mein Fazit

Wow, ja, völlig anders. Emotional anstrengend, aber auch wunderbar. Es ist kein ausschließlich theoretisches Buch. Es gibt Übungen und praktische Tipps und immer wieder wird Kachler auch kurz persönlich, verweist auf die Beziehung zu seinem verstorbenen Sohn.

Auf jeden Fall ein sehr wertvolles Buch und von daher auch hier eine ganz klare Kaufempfehlung von mir.
Unsicher bin ich, wann man es lesen sollte. Das Kapitel zum Abschied vom Verstorbenen am liebsten schon vor dem Todesfall, aber das ist ja eher unrealistisch.

Ich würde mir vielleicht wünschen, dass das Buch eine beste Freundin liest und den Inhalt dann häppchenweise vermittelt, vielleicht die Texte der Imaginationsübungen für die/den Trauernde/n aufspricht.
Ja, ich glaube in dem häppchenweise lesen, liegt die Lösung. Den Anfang bis Seite 50 kann man zügig durchlesen, danach sollte man sich, wie ich glaube, viel Zeit lassen.

Mir ist das Buch erst relativ spät in die Hände gefallen, manches hätte ich gerne früher gelesen, für anderes war genau jetzt der richtige Zeitpunkt. Bei dem Buch kam mir dann auch wieder mein innerer Kampf in den Sinn.

Die einzige Stelle bei der ich Probleme hatte, war die Übung der „Gegenseitigen Zusage der Freiheit in der Liebe“ S. 159. Dem Verstorbenen Freiräume in seiner jetzt anderen Welt einzuräumen, fand ich schon sehr befremdlich, auch wenn es hier vorrangig darum geht, sich seine eigenen Freiräume zu gestatten.
Aber bis auf diese Stelle ein absolutes Ja zu dem Buch.

Meine Trauer wird dich finden
Roland Kachler
Kreuz Verlag, 2014, 13. Auflage
ISBN 3-7831-2585-5