Sonntagsgeschichte Kapitel 79 – Happy End?

Dieses Kapitel ist für mich deswegen etwas Besonderes, weil es der 1000 Blogbeitrag ist, der online geht. Ich blogge jetzt seit 4 Jahren. Relaunch der Seite war am 06.02.2016, online ging der kleine Komet bereits am 23. März 2007, feiert also im Grunde morgen mit mir den 13. Geburtstag. Auch wenn hier Happy End mit Fragezeichen im Titel steht, ist dieses chaotische Schreibexperiment noch lange nicht zu Ende, dafür macht es mir zu viel Freude.

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Sonntagsgeschichte Kapitel 79 Happy End?

„Ihr Menschen glaubt auch bei einem guten Tropfen ließe sich alles regeln“, donnerte der Zwergenkönig wütend, doch dann schlich sich ein Lächeln in sein zorniges Gesicht. „Dann kommt halt rein“, knurrte er und machte eine einladende Geste in Richtung Mineneingang. Erst jetzt erkannte er, dass sein Sohn wie angewurzelt da stand. „Fundin“, erklang seine noch immer knurrige Stimme. Dabei stieß er seinen Sohn unsanft an. „Beweg deinen faulen Hintern und führ unsere Gäste in die Stube.“ Dieser löste sich aus der Starre und ging voraus. Sven folgte ihm, ohne sich nach den anderen um zu sehen. „Danke mein Freund“, bemühte sich Opa Henry weiterhin um einen höflichen Ton und betrat nach dem Zwergenkönig die Mine.

Josephine und Lukas folgten ihnen unsicher. Sie betraten einen düsteren Gang. An den Wänden hingen zwar Fackeln, aber nach dem Sonnenlicht draußen, brauchten ihre Augen einen Moment, bis sie sich an die sparsamen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Der Gang war hoch genug, dass sie aufrecht gehen konnten, stellte Josephine erleichtert fest, schließlich waren sie in einer Zwergenmine. Doch Lars war groß wie die Menschen. Noch immer fragte sie sich, ob das seine wahre Gestalt war.

Der Gang wurde breiter und sie kamen in eine große Halle. „Willkommen in Moria“, flüsterte Lukas, aber an Herr der Ringe wollte Josephine jetzt wirklich nicht denken, denn die Szene in den Minen ging nicht gut aus. Sie ertappte sich dabei, wie sie Opa Henry mit Gandalf verglich, dann schüttelte sie den Kopf, um sie von diesen Gedanken zu lösen. „Nicht hilfreich“, zischte sie Lukas zu, der sie daraufhin angrinste. Für ihn war es offenbar hilfreich so mit dieser Situation umzugehen. Sollte er doch.

Mehrere Gänge zweigten von der Halle ab und sie folgten Fundin in die angekündigte Stube. Irritiert hielt Josephine kurz am Eingang zum Raum inne. Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit dieser leuchtenden orientalischen Gemütlichkeit. Das erste was ihr ins Auge fiel waren knallbunte Farben, die gar nicht orientalisch waren. Auf dem steinernen Boden lagen Kissen, viele bunte Kissen in unterschiedlichen Mustern als Sitzgelegenheiten. Steinerne Möbel standen an den Wänden, als Tische und Regale für Geschirr und Bücher. Die Gruppe machte es sich auf den Kissen gemütlich, während ein weiterer Zwerg sich an dem Tischen zu schaffen machte und dampfende Becher verteilte. Josehine beeilte sich, zwischen Lukas und Sven Platz zu nehmen. Ihr wurde ebenfalls ein dampfender Becher in die Hand gedrückt. Er war aus Stein und fühlte sich von außen nicht unangenehm heiß an. Es roch blumig, sie nahm an es sei eine Art Tee. Unsicher blickte sie in die Runde, niemand trank, also wartete sie.

„Willkommen meine Freunde“, sprach der Zwergenkönig mit erhobenen Becher. Seine Stimme klang noch immer knurrig, aber weniger bedrohlich. „Bevor wir uns besprechen, will ich euch als Freunde in unserer Stube willkommen heißen. Trinken wir auf die Freundschaft.“ Er erhob seinen Becher und trank. Josephine ahmte seine Geste nach und trank ebenfalls. Sie hatte Recht gehabt und sich gründlich geirrt. Das Getränk war heiß und es war blumig. Doch es war kein Tee, wie sie angenommen hatte, es war ein guter Tropfen, wie Opa Henry gefordert hatte, einer mit einem offenbar hohem Alkoholgehalt, sie würde vorsichtig sein, auch wenn es ihr wirklich gut schmeckte.

„Nun denn, reden wir“, sprach der Zwergenkönig weiter. „Ich weiß, warum ihr gekommen seid. Ihr wollt meinen Sohn zurück in die Menschenwelt führen. Daraus wird nichts!“

Lukas wollte aufspringen und etwas erwidern, doch Josephine bremste ihn, indem sie ihn mit der freien Hand am Arm packte und zurück auf die Kissen zog.. „Lass deinen Opa erstmal reden“, flüsterte sie ihm zu. Er nickte und setzte sich wieder, auch wenn es ihm sichtlich schwer fiel. Er litt mit Sarah und wollte sie mit ihrem Prinzen vereint sehen.

„Viel Zeit ist vergangen, seit ich meinen Sohn das letzte Mal in die Arme geschlossen habe. Mehrere Generationen eurer menschlichen Leben sind seitdem vergangen. Ihr könnt euch das Leid nicht vorstellen, dass dies für mich bedeutet hat. Er bleibt nun hier, wo er sicher ist.“

„Ich verstehe dein Leid gut, fühle ich doch einen Teil deines Leides selbst durch unsere Verbindung“, sprach Opa Henry mit fester ruhiger Stimme. Josephine spürte wie Lukas sich bei den Worten des Königs weiter angespannt hatte und nun ruhiger wurde. Er kannte seinen Opa gut, liebte ihn und vertraute ihm. Sie beide spürten, dass er derjenige war, der hier etwas erreichen konnte. Sven und Fundin saßen schweigend da, sie starrten einander nicht mehr an, vielmehr sah Sven inzwischen aus, als hielte er sich an seinem Becher fest, den er inzwischen bereits halb geleert hatte, in kleinen nervösen Schlucken.

„Doch denkst du auch an das Leid von Schneewittchen?“, fragte Opa Henry. „Aus ihrem steinernen Schlaf ist sie erwacht und sehnt sich seitdem danach ihren Prinzen wieder zu finden. Sie lebt nun in einer Welt, die ihr völlig fremd ist und es zerreißt ihr das Herz.“

„Pah die Liebe“, spottete der Zwergenkönig, doch Henry unterbrach ihn gleich. „Spotte nicht mein Freund, sonst wecke ich deine Erinnerungen.“ Ein Moment der Stille trat ein, während die beiden sich ein stummes Blickduell lieferten. Schließlich senkte der Zwergenkönig den Blick und sprach: „Gut, ich spotte nicht über die Liebe, aber es geschieht dem Mädchen recht. Sie hat schließlich meinen Sohn verzaubert.“
„War er es nicht, der den steinernen Zauber sprach?“
„Unwichtige Details.“
„War sie es nicht, die den Fluch brach und ihn erlöste?“
„Ist der Fluch wirklich gebrochen? Sie riss ihn mit sich ins Verderben, nun ist er hier. Da wo er hin gehört.“
„Und wird er hier glücklich?“
„Er hat hier alles, was er braucht.“
„Auch Liebe?“
„Du mit deiner Liebe.“ Erneut knurrte der Zwergenkönig.
„Ja, Liebe ist wichtig, wir alle sehnen uns nach Liebe. Geht es nicht genau darum? Liebst du nicht deinen Sohn und willst ihn deswegen bei dir behalten? Hast du nicht gelitten, weil dein geliebter Sohn verloren war, wie du sagst?“

„Hör auf!“

Erneutes Schweigen. Diesmal noch unangenehmer für alle im Raum. Nur Opa Henry sah seinen Seelengefährten weiterhin mit ruhigem und gütigem Blick an. Der Vergleich mit Gandalf kam Josephine noch einmal in den Sinn, der hatte auch die Fähigkeit mit jähzornigen Zwergen umzugehen. Doch hier gab es eine noch tiefere Verbindung zwischen den beiden. Henry spürte die Wut, Verzweiflung und Sorge des Königs, offenbar auch die Liebe, mit der er ihn immer wieder reizte. Diese Verbindung bestand in beide Richtungen und Josephine konnte beobachten, wie die ruhigen sanften, ja zuversichtlichen Gefühle von Opa Henry beim Zwergenkönige ankamen. Seine mürrischen Gesichtszüge wurden sanfter, entspannten sich.

„Hol deinen Bruder“, wies er Fundin schließlich an. Diesmal gehorchte er sofort, denn auch er hatte seinen Vater gespannt beobachtet. „Vielleicht können wir eine gemeinsame Lösung finden“, räumte der Zwergenkönig ein.“Vielleicht kann das Mädchen hier bei uns leben, auch wenn das nun wirklich kein Ort für eine wie sie ist. Ich weiß nicht, wie meine Familie sie aufnimmt, aber wenn es um das Glück meines Sohnes geht …“ Er verstummte und blickte nachdenklich drein.

Josephine versuchte sich Sarah hier vorzustellen. Konnte das funktionieren? Sie hatte zu wenig von der Mine und dem Leben der Zwerge gesehen, um das beurteilen zu können. Sarah hatte gerade begonnen sich in ihrem menschlichen Leben einzugewöhnen, jetzt sollte sie noch einmal neu beginnen? Erst einmal zählte, dass sie ihren Prinzen wieder sehen durfte, dann würden sie weitere Probleme lösen. Gespannt wartete Josephine auf die Rückkehr der Zwergenzwillinge.

***
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Sonntagskapitel 78 – Zwergenmine

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Blogroman, Sonntagsgeschichte Kapitel 78 Zwergenmine

Die Hände in die Hüften gestemmt, stand der Zwergenkönig breitbeinig vor dem Eingang der Mine. Diese Körperhaltung und sein strenger Blick ließen ihn bedrohlicher aussehen als seine Körpergröße annehmen ließ. „Mein Freund“, sprach Opa Henry seinen Seelengefährten mit ruhiger Stimme an. Langsam ging er mit offenen Armen auf den König zu. Josephine und die beiden Jungs hielten sich noch zurück. Sie begutachtete den Eingang zur Mine und fragte sich erneut, ob dies der Ort war, den sie bei ihrem ersten Kontakt mit der Anderswelt von der Rheinaue aus gesehen hatte. Doch sie war damals zu verwirrt gewesen, um sich Details zu merken. Einige Zwerge mit ihrem Werkzeug hatte sie damals gesehen. Heute stand nur einer hier und war offenbar gewillt, sie nicht durchzulassen. Sven legte ihr seinen Arm um die Schultern, während Lukas zu ihrer linken, nervös an seinen Fingernägeln zu kauen begann. Sie nahm seine rechte Hand und er drückte sie dankbar. Schließlich ging es hier um das Glück seiner Seelengefährtin.

Wer war eigentlich Lars Seelengefährte? Sven sah ihm zum Verwechseln ähnlich, aber bedeutete das, dass sie eine Verbindung hatten? Als sie im Wald waren schien Sven nichts gespürt zu haben. Er hatte keine Reaktion gezeigt, außer der Überraschung, wie sie alle, schien nicht magisch angezogen worden zu sein, weder von der Stelle, an dem sein Seelengefährte versteinert stand, noch von ihm selbst. Konnte es einen anderen Grund für die Ähnlichkeit geben?

Was war mit der kleinen Marie? Sie schien eine starke Verbindung zu ihrem viel älteren Adoptiv-Cousin zu haben und in ihm Schneewittchens Prinzen zu sehen. Lag das nur an seinen Geschichten und ihrer kindlichen Phantasie? Es erschien Josephine so viel plausibler.

Sven riss sie aus ihren Gedanken, weil er zu zittern begann. Sie sah ihn überrascht an, erkannte seinen starren Blick und folgte diesem. Ein weiterer Zwerg war aus der Mine getreten. Er sah aus wie Lars, in kleiner. War Lars zu seiner Zwergengestalt zurück gekehrt? Hatte Sarah ihr nicht erzählt, dass ihr Prinz gar nicht so klein wie die anderen Zwerge war, vielmehr menschlich wirkte?

Dann war da auch noch Svens Reaktion, ein beinahe magisches zittern hatte ihn ergriffen und wie in Trance ging er auf den Zwerg zu. Josephine hatte er los gelassen und sie verfolgte gespannt, was passieren würde. Auch der Zwerg kam auf Sven zu und sie trafen sich in der Mitte des Weges zwischen ihnen, so dass sie beinahe direkt neben Opa Henry und seinem Seelengefährten stehen blieben.

„Das ist doch verrückt“, flüsterte Lukas Josephine zu. Diese nickte nur, den Blick starr auf die Szene vor sich gerichtet. Beide bleiben als stumme Beobachter stehen.

„Darf ich euch meinen Sohn Fundin vorstellen. Er ist der Zwillingsbruder von Lars, wie ihr meinen Sohn Lundin nennt.“ Fundin deutete eine höfliche Verbeugung an, wobei er seinen Kopf leicht senkte, dann aber wieder Sven anstarrte. „Bisher hat er sich von der Menschenwelt fern gehalten. Das Schicksal seines Bruders hat ihn schwer getroffen. Wie ich sehe, hat ihn das beinahe um die Begegnung mit seinem Seelengefährten gebracht.“

Also waren sie tatsächlich Seelengefährten. Josephine und Lukas drückten gleichzeitig vor Aufregung ihre Hände, dass es beinahe schmerzte. Doch sie waren zu aufgeregt, um den Schmerz zu spüren. „Du siehst selbst“, begann Henry erneut zu sprechen. Erst jetzt merkte Josephine, dass sie das vorherige Gespräch zwischen Herny und dem Zwergenkönig verpasst hatte. „Die Verbindung zwischen zwei Seelengefährten ist stark. Nicht nur diese, auch die zwischen zwei Liebenden ist es. Deswegen hatte ich dir meinen Enkel Sven und seine Freundin Josephine mitgebracht.“ Der Zwergenkönig lachte tief und fies: „Diese Freundin, die dort mit einem anderen Händchen hält?“

„Ich bin Lukas, der Seelengefährte Schneewittchens und in ihrem Namen fordere ich euch auf, eurem Sohn frei entscheiden zu lassen, wohin er gehen mag. Sarah leidet sehr und ich mit ihr. Josephine hier liebt nur meinen Cousin und auch ich hege nichts als Freundschaft für sie. Sie steht mir lediglich bei, denn es erfordert viel Kraft, hier ruhig zu stehen, während es mich drängt eure Miene zu stürmen, um Lars zu Sarah zurück zu bringen.“

Diese Worte erlösten Sven von seinem Bann und er starrte seinen Cousin überrascht an. So eine leidenschaftliche Rede hatte er noch nie von dem sonst eher zurückhaltenden jungen Mann gehört.

„Du wagst es“, donnerte der Zwergenkönig los und Opa Henry beeilte sich beschwichtigend auf ihn einzuwirken. „Magst du uns nicht in deine Stube bitten und wir reden in Ruhe bei einem guten Tropfen über alles?“

Der Zwerg stieß einige unverständliche Flüche aus.

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Sonntagsgeschichte Kapitel 64 – Taxifahrt zur Aquilaburg

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Sonntagsgeschichte Kapitel 64 Blogroman

Jenny erklärte sich bereit, die Gestrandeten einzusammeln. „Ich hatte eh vor zur Aquilaburg zu fahren“, sagte sie ihrem Bruder gegenüber am Telefon. „Eigentlich wollte ich morgen hin, aber wir können auch heute noch fahren, wobei es schon recht spät ist. Weißt du was, ich pack mir ein paar Klamotten ein und bleibe über Nacht. Überleg mal, wo ich dich und deine Freundin am besten absetzen kann, nochmal über den Rhein mag ich eigentlich nicht fahren. Soll ich dir was mitbringen?“

Sven überlegte kurz, er hatte sein Portmonaie, Handy und seinen Hausschlüssel. „Nein, danke. Komm uns abholen und ich bespreche mit Josephine, wo du uns absetzen kannst.“

„Bis gleich, Brüderchen.“

Eine Stunde später fuhr Jenny in ihrem kleinen roten Flitzer vor, eine Reisetasche im Kofferraum, ein Grinsen im Gesicht. „Wer hat ein Taxi zur Aquilaburg bestellt?“

„Wir“, ihre Tante umarmte sie herzlich.

„Dann mal rein mit euch“, forderte Jenny sie auf. Lukas schloss die Haustür ab, versteckte den Ersatzschlüssel wieder und quetschte sich zu Sven und Josephine auf die Rückbank. Er würde mit zurück zur Burg fahren, wo er her gekommen war. Entgegen seiner großen Ankündigung, seine Eltern kämen erst spät nach Hause, war er froh, dass sie nun fuhren und er sich wirklich keine Erklärung mehr überlegen musste. Beim Teetrinken war er nervöser gewesen, als er es sich hatte anmerken lassen. Akribisch hatte er alles wieder aufgeräumt, damit seine Eltern sich nicht wundern würden.

„Wo darf es denn hingehen …“, fragte Jenny ihren Bruder. „Setz uns einfach …“, antwortete er, aber Josephine hörte gar nicht mehr zu. Sie hatte den Kopf an Svens Schulter gelegt und döste ein, sobald Jenny den Motor gestartet hatte. Als sie ein wenig später wieder wach wurde, diskutierten Lore und Jenny vorne gerade eifrig über Jennys Krähenschwarm. Sie warf einen besorgten Blick aus dem Fenster, aber am Himmel war nichts zu sehen. Die Autobahnschilder verrieten ihr, dass sie gleich in Bonn sein würden. Sie fühlte sich schläfrig, so richtig geschlafen hatte sie nicht, viel Zeit konnte auch nicht vergangen sein. Ihre Blase drückte ein wenig, nach so viel Tee heute.

„Wir können nochmal in der Bibliothek recherchieren, vielleicht finden wir dort einen hilfreichen Hinweis“, schlug Lore gerade vor. Josephine, der die Augen schon wieder zufielen, sah die wunderschöne Bibliothek vor sich. Dort war sie auch eingeschlafen, erinnerte sie sich. Sie setzte sich auf, beugte sich leicht nach vorne und fragte: „Lore, meinst du ich finde in der Bibliothek auch etwas über den Fuchsteufel?“

Beim Tee hatten sie Lukas und Lore in aller Ausführlichkeit die Geschichte erzählt, wie Sven zum ersten Mal die Anderswelt betreten hatte. Über Schneewittchen hatte sie den Fuchsteufel verdrängt. Doch seine Bedrohung war noch immer real, sofern sie sich nicht in Menschenmengen aufhielt. Je mehr sie über ihn herausfand, desto besser konnte sie sich vor ihm schützen. Das Problem vielleicht endgültig lösen, so wie Jenny es mit ihrem Vogelschwarm vorhatte.

„Wenn nicht dort, wo dann“, entgegnete Lore.

„Nimmst du uns mit?“, bat sie Jenny. Ohne eine Antwort abzuwarten kuschelte sie sich erneut an Svens Schulter.

Jenny warf einen kritischen Blick auf die Uhr, dann einen fragenden Blick über den Rückspiegel ihrem Bruder zu. „Soll ich?“

„Nimm uns mit, dann brauchst du auch keinen Umweg zu fahren“, entgegnete er.

„Gut“, sagte Jenny, setzte den Blinker und wechselte die Spur. „Gerade noch rechtzeitig, dann fahren wir eben direkt auf die A 565 und ab in die Eifel. Ich fahre heute allerdings nicht mehr zurück.“

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Sonntagsgeschichte Kapitel 62 – Unter dem Baum

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Sonntagsgeschichte Kapitel 62, Blogroman

Als Josephine nach Hause zurückkehrte, wurden sie und Sven bereits erwartet. Lucinda hockte auf der Blume am Fenster. Der Lilling kam ihr freudig entgegen geflogen, kaum dass sie die Tür geöffnet hatte. „Da seid ihr ja“, erklang ihre helle Stimme. „Lametta hat mich benachrichtigt, dass du sie zurück gelassen hast. Das war eine gute Idee von dir. So können wir erfahren, welche Rolle die kleine Marie in all dem spielt. Ich glaube ja, es ist ihre kindliche Phantasie, die alles für möglich hält. In ein paar Jahren wird sie alles vergessen haben, nicht mehr an Magie glauben und sich an den lieben Cousin erinnern, der ihr Geschichten erzählt hat. So ist es doch immer.“ Sie begleitete den letzten Satz mit einem tiefen Seufzer.

„Schön, dich zu sehen Lucinda“, kam Josephine zu Wort. „Wie kommt es, dass du schon Bescheid weißt?“

„Sagte ich doch, Lametta hat mich benachrichtigt. Daraufhin habe ich selbstverständlich Lore Bericht erstattet und deswegen bin ich hier. Sie möchte dich sehen, euch sehen“ ergänzte sie mit einem Blick auf Sven. Er nickte, obwohl ihn das alles noch verwirrte. Diese kleinen Schmetterlingswesen hatten offenbar bessere Möglichkeiten zu kommunizieren als Smartphones, Entfernungen schienen für sie ebenfalls keine Rolle zu spielen, schließlich war nicht viel Zeit vergangen, seit Josephine Lametta bei Marie zurück gelassen hatte. Kurz darauf hatten sie sich verabschiedet und waren her gekommen. Und doch wirkte Lucinda als warte sie bereits seit Stunden auf sie.

„Kommt, ab in den Garten mit euch. Ihr trefft Lore auf der anderen Seite.“

Josephine drehte sich zur Tür, während Sven einen Blick aus dem Fenster in den Garten warf, ob seine Großtante dort unten auf sie wartete? Wie konnte sie aus der Eifel so schnell her gelangen? Er ließ sich von Josephine an die Hand und mit zur Treppe nehmen. In Gedanken versunken folgte er ihr nach unten. Die andere Seite? Natürlich, die Anderswelt. Konnte man durch diese schneller reisen? Gab es Portale? Warum hatte er so wenig Ahnung von etwas, was offenbar Teil seiner Familiengeschichte war? Es war frustrierend und verwirrend.

„Bereit für den Übergang“, fragte Josephine, nachdem sie im Garten neben dem knorrigen Baum standen. Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß immer noch nicht wie.“

„Natürlich weißt du das“, sanft strich Josephine ihm über die Wange. „Entspann dich und folge mir.“

Sven war viel zu nervös, um sich zu entspannen. Das Herumgeflatter von Lucinda war dabei nicht hilfreich. „Kommt schon ihr Turteltäubchen. Schmatz, schmatz und ab mit euch.“ Josephine scheuchte sie mit einer Handbewegung fort wie ein lästiges Insekt. Sie gehorchte und löste sich augenblicklich in Luft auf. Dann küsste Josephine Sven, erst sanft, dann intensiver, als sie spürte, dass er sich doch entspannte.

Die Liebe ist der Schlüssel, erinnerte sich Sven. Mit Josephine würde er überall hingehen. Und genau das tat er.

„Ihr könnt dann jetzt aufhören zu Knutschen“, erklang erneut das nervige Schmetterlingsmädchen. Jegliche Entspannung löste sich bei Sven wieder auf und kaum hatte er sich von seiner Freundin gelöst, stand ihm seine Großtante gegenüber, doppelt. Einmal so wie er sie kannte mit grauem Haar und faltigem Gesicht, daneben ewig jung und wunderschön Loreley, ihre Seelengefährtin. Hinter den beiden stand sein Cousin Lukas und grinste ihn an.

„Schön euch beide zu sehen“, grüßte Lore sie und umarmte zuerst ihren Neffen, dann seine Freundin. Loreley nickte ihnen lediglich zu, aber schenkte ihnen ein herzliches Lächeln. Kein Wunder, dass sie damit unzählige Seeleute in den Tod getrieben hatte, dachte Sven bei sich. Doch bevor er darüber nachdenken konnte, wie es wohl seiner Großtante in jungen Jahren ergangen sein musste, wurden sie gebeten sich hinzusetzen. Im Gegensatz zu Josephines Garten befand sich hier eine gemütliche Sitzecke, ähnlich der auf der Aquilaburg, wo die Frauen beisammen gesessen hatten, an jenem Abend, als er alles erfahren hatte.

„Ihr habt eine Spur des Prinzen gefunden?“, fragte Loreley gerade heraus?

„Ob es wirklich eine Spur ist, weiß ich nicht, denn er ist verschwunden.“ Dann erzählte Josephine alles der Reihe nach, von Maries Zeichnung, dem Treffen auf dem Spielplatz und schließlich vom heutigen Nachmittag. Sie endete mit der Beschreibung des kleinen Steinkreises im Wald.

„Ich glaube, ich weiß, wo der ist“, sagte Lukas, der bisher schweigend dabei gesessen hatte. Dieser Karl könnte der Nachbar meiner Oma sein, direkt hinter ihrem Haus geht es in den Wald. Ich weiß, Karl ist kein seltener Name, aber er lebt dort mit seinem Lebensgefährten Peter und sie haben einen erwachsenen Sohn. Leider habe ich ihn nie getroffen. Wenn sie das wirklich sind, wäre es doch wirklich ärgerlich, dass ich ihn nie kennen gelernt habe. Karl und Peter kenne ich auch nicht, meine Oma erzählt nur hin und wieder von den hilfsbereiten Herren von neben an. Sie seien richtige Männer, betont sie immer wieder und könnten ordentlich anpacken, wenn es darum ginge eine neue Waschmaschine in den Keller zu tragen.“ Er verdrehte die Augen, als er die Einstellung seiner Oma zu ihren Nachbarn beschrieb.

„Es ist kein ungewöhnlicher Zufall“, erklärte Loreley. „Es ist magische Anziehungskraft. Wenn du dich an diesem Ort häufiger aufhältst und sich in der Nähe des Hauses ein magischer Ort wie dieser Steinkreis befindet, dann hat es den Prinzen dort hingezogen. Reine Magie, kein Zufall.“

„Wir sollten nachsehen“ entschied Lore, stand auf und streckte die Hände aus. Die anderen folgten ihr, sie nahmen einander an den Händen und Sven dachte noch: Keine Portale, einfache Teleportation, reine Magie, kein Zufall. Schon flimmerte die Luft um sie herum und sie befanden sich kurz darauf am Waldrand hinter einem Gartenzaun wieder.

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Sonntagsgeschichte Kapitel 49 – Ernüchterung

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Blogroman Sonntagsgeschichte

„So viel habe ich doch wirklich nicht getrunken“, stöhnte Lukas und stützte sich auf Sven. Immer wieder kniff er die Augen zusammen, öffnete sie und starrte auf die lebendig gewordene Steinfigur vor ihm. Sie saß aufrecht und aß. Immer wieder fragte sie nach ihre Freunden. Er blickte sich um, die sieben Zwerge, die im Kreis um sie herum gestellt waren, standen noch versteinert da. Was war hier los?

Von hinten legte sich eine Hand auf seine Schulter. „Komm“, sagte eine liebliche Stimme und die Hand zog ihn sanft. Lukas ließ sich mitziehen, drehte sich um und sah in ein fremdes und zugleich vertrautes Gesicht. Diese Frau hätte seine Großtante sein können, in sehr viel jünger. Wow, war sie schön, dachte er. Sie lächelte und reichte ihm etwas zu trinken. Wie in Trance nahm er den Becher, trank und spürte wie sich die Nebel schlagartig lichteten. Wie viel Wein er getrunken hatte, wusste er nicht, aber jetzt war er nüchtern. Allerdings zweifelte er das an, als er sich umblickte. Außer der schönen Frau, war niemand da, auch die Steinfiguren und Schneewittchen waren verschwunden. „Setz dich, ich werde dir alles erklären.“

„Wo sind die anderen hin oder soll ich besser fragen, wo bin ich?“

„Du bist ein kluger Junge, die anderen sind noch immer genau da, wo wir sie zurück gelassen haben. Ich habe dich mit hinüber in die Anderswelt genommen, nachdem ich deine Verwirrung gesehen habe. Zwei verwirrte Wesen auf einmal ist etwas viel. Überlassen wir den anderen Schneewittchen und ich kümmere mich ein wenig um dich.“ Irgendwie war diese Stimme magisch beruhigend oder es lag an dem Getränk, dass ihn so ernüchtert hat. Noch immer verstand Lukas nicht, was los war, nahm die Informationen, die so wenig Sinn ergaben, allerdings gelassen auf. Die Frau machte eine Handbewegung und die Luft vor ihnen begann zu flimmern. Wie durch ein Fenster erblickte er seine Familie, die noch immer das erwachte Schneewittchen umringten und mit ihr sprachen. Das flimmernde Fenster verschwand wieder und sie waren allein.

„Ich bin Loreley“, stellte die schöne Stimme sich ihm vor. Dabei lächelte sie weiterhin und nickte. „Ja, die Loreley, die du aus der Sage kennst, nicht ganz so grausam, aber meine Stimme ist tatsächlich magisch.“ Lukas nickte, das spürte er. „Deine Großtante Lore ist meine Seelengefährtin, daher siehst du auch die Ähnlichkeit zwischen uns. Dein Großvater, Jenny, Sven und seine Freundin Josephine haben ebenfalls Seelengefährten. Sven hat genau wie du jetzt gerade erst alles erfahren. Bei ihm ist die Geschichte noch viel komplizierter, denn sein Seelengefährte ist verschollen. Es ist ein großes Glück, dass er die Verbindung zur Anderswelt gefunden hat, das verdanken wir der Liebe. Jetzt soll es aber um dich und deine Seelengefährtin gehen.“

Lukas musste lachen. Schon so lange hatte er das Gefühl, dass in seiner Familie etwas vor sich ging, hatte sich ausgemalt sein Großvater wäre der Vorsitzende einer Geheimgesellschaft und nun war es so weit. Jenny, Sven und er gehörten dazu. Die nächste Generation.

„Die Steinfigur ist also lebendig und meine Seelenverwandte? Entschuldige Loreley, sie ist wunderschön. Du bist wunderschön. Offenbar wirkt auch die Magie deiner Stimme bei mir und doch … Also ganz ehrlich. Ich meine … ähm …“ Lukas fehlten die Worte, zu erklären, was ihn da gerade beschäftigte.

Doch das übernatürliche Wesen verstand ihn auch so. Sanft legte sie ihm eine Hand an die Wange. „Ich weiß, dass du meinem Charme niemals erliegen würdest Lukas. Das brauchst du auch nicht. Es geht hier auch ganz und gar nicht darum, dass du Schneewittchens Prinz sein sollst. Den gibt es nämlich, nun ja, eigentlich zumindest, denn er ist verschwunden. Er ist Svens Seelengefährte. Auch seine Aufgabe ist es nicht, sich in Schneewittchen zu verlieben. Das wäre auch ein übles Ende für unsere Geschichte. Meinst du nicht auch? War es doch Josephines Liebe, die ihn zu uns geführt hat. Schneewittchen und du, ihr seid Seelengefährten. Ihr habt eine besondere Verbindung zueinander und auch zwischen euch gibt es eine unverkennbare Ähnlichkeit. Schon amüsant, dass wir sie nie gesehen haben, all die Jahre. Als Kind hast du mit Sven und Jenny so viel Zeit bei den Steinen verbracht und niemandem ist aufgefallen, dass ihr dasselbe Gesicht habt. Alle haben wir so lange darauf gehofft, dass Jenny ihre Seelengefährtin sein würde, dass es in ihrer Macht stünde, sie endlich zu erwecken. Wie beschränkt wir doch alle waren. Um so schöner, dass du nun bei uns bist und Schneewittchen erwacht. Ich erzähle dir jetzt ihre Geschichte und dann kehren wir zu den anderen zurück.“

Lukas war einverstanden, sie hätte ihm alles erzählen können.

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