Sonntagsgeschichte – Kapitel 69 Die Entscheidung

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Blogroman Sonntagsgeschichte Kapitel 69

„Ich bin so weit!“, verkündete Sarah lautstark. Schwungvoll war sie dabei von ihrem Stuhl aufgesprungen und zog die Aufmerksamkeit aller bei Tisch auf sich. Löffel fielen in die Suppenteller. „Ich werde hinaus gehen in eure Welt. Ich werde Lars finden!“

Josephine berührte sie sanft am Arm, wollte sie zurück auf den Stuhl ziehen, aber Sarah reagierte nicht. Sie blickte einmal in die Tischrunde, sah jeden einzelnen ernst an und blieb schließlich bei Lore hängen. Sie musste überzeugt werden, die ältere Dame war in den letzten Tagen ihre Lehrerin gewesen. Sie hatte ihr alles über die Menschenwelt beigebracht, sie gelehrt mit Technik umzugehen, womit sie sich selbst schwer tat. Auch die Sprechweise der jungen Leute war nicht ganz ihr Fachgebiet. Doch in vielen anderen Bereichen war sie ihr eine große Hilfe gewesen. Lukas hatte ihr das kleine Zaubergerät besorgt, dass sie seither immer bei sich trug. Er nannte es Handy. Darin steckte unendlich viel Wissen und sie konnte immer und überall mit ihm reden. Sie würde ihm jetzt gerne eine Nachricht schicken, würde ihm sagen, dass sie käme. Doch erst musste sie Lore überzeugen.

„Es ist zu früh!“, sagte diese. Lore blieb ruhig, betonte jedes Wort einzelnen. Sie schenkte Sarah einen liebevollen Blick und fuhr fort, als spräche sie mit einem Kleinkind. „Du hast lange geschlafen, viel verpasst. Ich verstehe deine Sehnsucht, deine Verzweiflung. Doch du bist noch nicht so weit, gib dir noch ein wenig Zeit.“

„Wir haben keine Zeit!“ Sarahs Stimme wurde lauter, zorniger, aber auch flehender. „Lars war die ganze Zeit in Lukas Nähe, aber jetzt ist er verschwunden. Nur ich kann ihn finden!“

„Loreley hat seine magische Spur …“, warf Lore ein.

„Sie wird verblassen, je länger wir hier diskutieren“, ihr kamen die Tränen, aber sie blieb stehen, wollte stark bleiben, ihren Willen durchsetzen. Sie war Schneewittchen, kein kleines bockiges Kind.

„Unser Plan ist noch nicht fertig“, wechselte Lore die Strategie.

„Dann machen wir ihn fertig“, forderte Sarah und sah hilfesuchend die Geschwister Sven und Jenny an. „Wenn ich nicht bei Lukas wohnen kann, dann vielleicht bei Josephine?“ Dabei wandte sie den Kopf und blickte auf die neben ihr sitzende herab.

„Ähm“, stotterte diese, nahm ihre Hand runter, die noch immer auf Sarahs Arm gelegen hatte und starrte sie überrascht an. Lore seufzte und begann zu erklären, was sie sich bisher überlegt hatten. Sarah entspannte sich und setzte sich endlich wieder hin. Hoffnungsvoll richtete sie ihren Blick auf Josephine, die Lore interessiert zuhörte:

„Wir haben uns überlegt, Sarah als Studentin aus dem Ausland auszugeben. Das würde darüber hinwegtäuschen, dass sie sich manchmal merkwürdig ausdrückt. Die Idee war, dass Lukas sie als Gast aufnimmt. Er hat bei seinen Eltern bereits angefragt, was sie davon halten und sie haben abgelehnt. Beide arbeiten sehr viel und hätten keine Zeit, sich um einen Gast zu kümmern. Das ist ja irgendwie einleuchtend, aber das war für uns auch Teil des Planes, je weniger Zeit sie mit Sarah verbrächten, desto mehr Zeit bliebe ihr, sich an unsere Lebensweise zu gewöhnen ohne aufzufallen. Lukas hat noch nicht aufgegeben, aber die Chancen stehen schlecht, dass sie sich überreden lassen, vor allem kurzfristig jemanden aufzunehmen. Das ist eh das Problem, wie erklären wir jemandem, dass Sarah so kurzfristig ein Zuhause benötigt?“

„Das ist doch kein Problem“, warf Jenny ein. „Ihr erzählt, dass sie die Gastfamilie wechseln muss, weil es in ihrer alten Probleme gab. Noch besser, einer ihrer Gasteltern ist krank geworden, nein die Großmutter. Sie müssen sich um die Großmutter kümmern, sie aufnehmen und benötigen den Platz, das Zimmer, in dem Sarah untergebracht ist.“

Lore überlegte eine Weile, dann nickte sie ergeben. Sarah jauchzte bereits vor Freude, dass sie es geschafft hätte. Doch Lores Blick bremste sie. „Die Geschichte klingt gut, aber wir brauchen noch eine Familie für dich. Das ist leider alles nicht so einfach.“

Für eine Weile schwiegen alle, dachten nach. Schließlich stand Josephine auf. „Ich rufe meine Eltern an“, sagte sie und ehe jemand etwas einwenden konnte, hatte sie den Raum auch schon verlassen.

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Sonntagsgeschichte Kapitel 64 – Taxifahrt zur Aquilaburg

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Sonntagsgeschichte Kapitel 64 Blogroman

Jenny erklärte sich bereit, die Gestrandeten einzusammeln. „Ich hatte eh vor zur Aquilaburg zu fahren“, sagte sie ihrem Bruder gegenüber am Telefon. „Eigentlich wollte ich morgen hin, aber wir können auch heute noch fahren, wobei es schon recht spät ist. Weißt du was, ich pack mir ein paar Klamotten ein und bleibe über Nacht. Überleg mal, wo ich dich und deine Freundin am besten absetzen kann, nochmal über den Rhein mag ich eigentlich nicht fahren. Soll ich dir was mitbringen?“

Sven überlegte kurz, er hatte sein Portmonaie, Handy und seinen Hausschlüssel. „Nein, danke. Komm uns abholen und ich bespreche mit Josephine, wo du uns absetzen kannst.“

„Bis gleich, Brüderchen.“

Eine Stunde später fuhr Jenny in ihrem kleinen roten Flitzer vor, eine Reisetasche im Kofferraum, ein Grinsen im Gesicht. „Wer hat ein Taxi zur Aquilaburg bestellt?“

„Wir“, ihre Tante umarmte sie herzlich.

„Dann mal rein mit euch“, forderte Jenny sie auf. Lukas schloss die Haustür ab, versteckte den Ersatzschlüssel wieder und quetschte sich zu Sven und Josephine auf die Rückbank. Er würde mit zurück zur Burg fahren, wo er her gekommen war. Entgegen seiner großen Ankündigung, seine Eltern kämen erst spät nach Hause, war er froh, dass sie nun fuhren und er sich wirklich keine Erklärung mehr überlegen musste. Beim Teetrinken war er nervöser gewesen, als er es sich hatte anmerken lassen. Akribisch hatte er alles wieder aufgeräumt, damit seine Eltern sich nicht wundern würden.

„Wo darf es denn hingehen …“, fragte Jenny ihren Bruder. „Setz uns einfach …“, antwortete er, aber Josephine hörte gar nicht mehr zu. Sie hatte den Kopf an Svens Schulter gelegt und döste ein, sobald Jenny den Motor gestartet hatte. Als sie ein wenig später wieder wach wurde, diskutierten Lore und Jenny vorne gerade eifrig über Jennys Krähenschwarm. Sie warf einen besorgten Blick aus dem Fenster, aber am Himmel war nichts zu sehen. Die Autobahnschilder verrieten ihr, dass sie gleich in Bonn sein würden. Sie fühlte sich schläfrig, so richtig geschlafen hatte sie nicht, viel Zeit konnte auch nicht vergangen sein. Ihre Blase drückte ein wenig, nach so viel Tee heute.

„Wir können nochmal in der Bibliothek recherchieren, vielleicht finden wir dort einen hilfreichen Hinweis“, schlug Lore gerade vor. Josephine, der die Augen schon wieder zufielen, sah die wunderschöne Bibliothek vor sich. Dort war sie auch eingeschlafen, erinnerte sie sich. Sie setzte sich auf, beugte sich leicht nach vorne und fragte: „Lore, meinst du ich finde in der Bibliothek auch etwas über den Fuchsteufel?“

Beim Tee hatten sie Lukas und Lore in aller Ausführlichkeit die Geschichte erzählt, wie Sven zum ersten Mal die Anderswelt betreten hatte. Über Schneewittchen hatte sie den Fuchsteufel verdrängt. Doch seine Bedrohung war noch immer real, sofern sie sich nicht in Menschenmengen aufhielt. Je mehr sie über ihn herausfand, desto besser konnte sie sich vor ihm schützen. Das Problem vielleicht endgültig lösen, so wie Jenny es mit ihrem Vogelschwarm vorhatte.

„Wenn nicht dort, wo dann“, entgegnete Lore.

„Nimmst du uns mit?“, bat sie Jenny. Ohne eine Antwort abzuwarten kuschelte sie sich erneut an Svens Schulter.

Jenny warf einen kritischen Blick auf die Uhr, dann einen fragenden Blick über den Rückspiegel ihrem Bruder zu. „Soll ich?“

„Nimm uns mit, dann brauchst du auch keinen Umweg zu fahren“, entgegnete er.

„Gut“, sagte Jenny, setzte den Blinker und wechselte die Spur. „Gerade noch rechtzeitig, dann fahren wir eben direkt auf die A 565 und ab in die Eifel. Ich fahre heute allerdings nicht mehr zurück.“

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Sonntagsgeschichte Kapitel 62 – Unter dem Baum

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Sonntagsgeschichte Kapitel 62, Blogroman

Als Josephine nach Hause zurückkehrte, wurden sie und Sven bereits erwartet. Lucinda hockte auf der Blume am Fenster. Der Lilling kam ihr freudig entgegen geflogen, kaum dass sie die Tür geöffnet hatte. „Da seid ihr ja“, erklang ihre helle Stimme. „Lametta hat mich benachrichtigt, dass du sie zurück gelassen hast. Das war eine gute Idee von dir. So können wir erfahren, welche Rolle die kleine Marie in all dem spielt. Ich glaube ja, es ist ihre kindliche Phantasie, die alles für möglich hält. In ein paar Jahren wird sie alles vergessen haben, nicht mehr an Magie glauben und sich an den lieben Cousin erinnern, der ihr Geschichten erzählt hat. So ist es doch immer.“ Sie begleitete den letzten Satz mit einem tiefen Seufzer.

„Schön, dich zu sehen Lucinda“, kam Josephine zu Wort. „Wie kommt es, dass du schon Bescheid weißt?“

„Sagte ich doch, Lametta hat mich benachrichtigt. Daraufhin habe ich selbstverständlich Lore Bericht erstattet und deswegen bin ich hier. Sie möchte dich sehen, euch sehen“ ergänzte sie mit einem Blick auf Sven. Er nickte, obwohl ihn das alles noch verwirrte. Diese kleinen Schmetterlingswesen hatten offenbar bessere Möglichkeiten zu kommunizieren als Smartphones, Entfernungen schienen für sie ebenfalls keine Rolle zu spielen, schließlich war nicht viel Zeit vergangen, seit Josephine Lametta bei Marie zurück gelassen hatte. Kurz darauf hatten sie sich verabschiedet und waren her gekommen. Und doch wirkte Lucinda als warte sie bereits seit Stunden auf sie.

„Kommt, ab in den Garten mit euch. Ihr trefft Lore auf der anderen Seite.“

Josephine drehte sich zur Tür, während Sven einen Blick aus dem Fenster in den Garten warf, ob seine Großtante dort unten auf sie wartete? Wie konnte sie aus der Eifel so schnell her gelangen? Er ließ sich von Josephine an die Hand und mit zur Treppe nehmen. In Gedanken versunken folgte er ihr nach unten. Die andere Seite? Natürlich, die Anderswelt. Konnte man durch diese schneller reisen? Gab es Portale? Warum hatte er so wenig Ahnung von etwas, was offenbar Teil seiner Familiengeschichte war? Es war frustrierend und verwirrend.

„Bereit für den Übergang“, fragte Josephine, nachdem sie im Garten neben dem knorrigen Baum standen. Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß immer noch nicht wie.“

„Natürlich weißt du das“, sanft strich Josephine ihm über die Wange. „Entspann dich und folge mir.“

Sven war viel zu nervös, um sich zu entspannen. Das Herumgeflatter von Lucinda war dabei nicht hilfreich. „Kommt schon ihr Turteltäubchen. Schmatz, schmatz und ab mit euch.“ Josephine scheuchte sie mit einer Handbewegung fort wie ein lästiges Insekt. Sie gehorchte und löste sich augenblicklich in Luft auf. Dann küsste Josephine Sven, erst sanft, dann intensiver, als sie spürte, dass er sich doch entspannte.

Die Liebe ist der Schlüssel, erinnerte sich Sven. Mit Josephine würde er überall hingehen. Und genau das tat er.

„Ihr könnt dann jetzt aufhören zu Knutschen“, erklang erneut das nervige Schmetterlingsmädchen. Jegliche Entspannung löste sich bei Sven wieder auf und kaum hatte er sich von seiner Freundin gelöst, stand ihm seine Großtante gegenüber, doppelt. Einmal so wie er sie kannte mit grauem Haar und faltigem Gesicht, daneben ewig jung und wunderschön Loreley, ihre Seelengefährtin. Hinter den beiden stand sein Cousin Lukas und grinste ihn an.

„Schön euch beide zu sehen“, grüßte Lore sie und umarmte zuerst ihren Neffen, dann seine Freundin. Loreley nickte ihnen lediglich zu, aber schenkte ihnen ein herzliches Lächeln. Kein Wunder, dass sie damit unzählige Seeleute in den Tod getrieben hatte, dachte Sven bei sich. Doch bevor er darüber nachdenken konnte, wie es wohl seiner Großtante in jungen Jahren ergangen sein musste, wurden sie gebeten sich hinzusetzen. Im Gegensatz zu Josephines Garten befand sich hier eine gemütliche Sitzecke, ähnlich der auf der Aquilaburg, wo die Frauen beisammen gesessen hatten, an jenem Abend, als er alles erfahren hatte.

„Ihr habt eine Spur des Prinzen gefunden?“, fragte Loreley gerade heraus?

„Ob es wirklich eine Spur ist, weiß ich nicht, denn er ist verschwunden.“ Dann erzählte Josephine alles der Reihe nach, von Maries Zeichnung, dem Treffen auf dem Spielplatz und schließlich vom heutigen Nachmittag. Sie endete mit der Beschreibung des kleinen Steinkreises im Wald.

„Ich glaube, ich weiß, wo der ist“, sagte Lukas, der bisher schweigend dabei gesessen hatte. Dieser Karl könnte der Nachbar meiner Oma sein, direkt hinter ihrem Haus geht es in den Wald. Ich weiß, Karl ist kein seltener Name, aber er lebt dort mit seinem Lebensgefährten Peter und sie haben einen erwachsenen Sohn. Leider habe ich ihn nie getroffen. Wenn sie das wirklich sind, wäre es doch wirklich ärgerlich, dass ich ihn nie kennen gelernt habe. Karl und Peter kenne ich auch nicht, meine Oma erzählt nur hin und wieder von den hilfsbereiten Herren von neben an. Sie seien richtige Männer, betont sie immer wieder und könnten ordentlich anpacken, wenn es darum ginge eine neue Waschmaschine in den Keller zu tragen.“ Er verdrehte die Augen, als er die Einstellung seiner Oma zu ihren Nachbarn beschrieb.

„Es ist kein ungewöhnlicher Zufall“, erklärte Loreley. „Es ist magische Anziehungskraft. Wenn du dich an diesem Ort häufiger aufhältst und sich in der Nähe des Hauses ein magischer Ort wie dieser Steinkreis befindet, dann hat es den Prinzen dort hingezogen. Reine Magie, kein Zufall.“

„Wir sollten nachsehen“ entschied Lore, stand auf und streckte die Hände aus. Die anderen folgten ihr, sie nahmen einander an den Händen und Sven dachte noch: Keine Portale, einfache Teleportation, reine Magie, kein Zufall. Schon flimmerte die Luft um sie herum und sie befanden sich kurz darauf am Waldrand hinter einem Gartenzaun wieder.

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Sonntagsgeschichte Kapitel 51 – Schneewittchens Familie

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Blogroman Sonntagsgeschichte Kapitel 51

Nach dem Frühstück versammelten sie sich noch einmal im Steingarten. Auch bei Tageslicht waren die Ereignisse des Vorabends noch immer unglaublich. Das steinerne Bett Schneewittchens war nun leer. Es wurde nach wie vor umringt von sieben stummen Zwergen. Sie waren noch immer aus Stein, der Zauber hatte sich nicht gelöst. Schneewittchen ging von einem zum nächsten, stricht ihnen über die steinernen Bärte und vergoss für jeden eine Träne. „Ihr habt das für mich getan. Ihr habt darauf vertraut mit mir zu erwachen. Ich habe euch enttäuscht“, sprach sie und setzte sich auf die steinerne Plattform. Dann blickte sie reihum in die Gesichter, die sie umgaben. Lore lächelte ihr aufmunternd zu. Sie vertraute der Frau, die in dieser Nacht nicht von ihrer Seite gewichen war, sie wie eine Mutter versorgt hatte. Sie war ihr vertraut, obwohl sie sich kaum kannten. Sie war eine Nachfahrin der Familie ihrer Mutter. Lore gab ihr die Sicherheit, die sie brauchte, nachdem sie in dieser fremden Umgebung erwacht war.

Neben Lore stand der freundliche Burgherr. Sie erkannte in ihm den Zwergenkönig, auch wenn er deutlich größer, jedoch für einen Menschen recht klein war. Bisher hatten sie kaum Gelegenheit gehabt ihn näher kennen zu lernen. Er wirkte freundlich und gab ihr das Gefühl, dass ihr innerhalb seiner Burgmauern nichts passieren konnte.

Ihr Blick wanderte weiter zu den jüngeren Menschen, zunächst zu Jenny, die ihr einige Kleidungsstücke überlassen hatte. Daneben stand Josephine, die nicht zur Familie gehörte und offenbar die Freundin des jungen Mannes war, der sie so sehr verwirrte. Er hieß Sven, war aber nicht der, der er zu sein schien. Auch er war größer, menschlicher. Sie wusste, er war nicht derjenige, der sie zuletzt so tief berührt und in ihren Träumen stets begleitet hatte. Er sei verschwunden, hatte Lore ihr erklärt. Niemand hatte den Zwergenprinzen seit jenem Tage mehr gesehen, an dem er sie versteinert hatte. Gemeinsam mit ihrem Vater und den sieben treuen Zwergen war sie auf diese Burg gebracht worden. Heim zu ihrer Familie. Nun da sie erwacht war, lebte keiner der Menschen von damals mehr. Stattdessen hatte sie eine neue Familie und Sven war ein Teil ihrer Familie. Doch ihr Herz wollte das nicht begreifen. Es schmerzte sie sehr, ihn anzusehen, noch mehr zu sehen, wie diese Frau ihm die Hand hielt.

Sie wandte den Blick ab. In den Augen des anderen jungen Mannes fand sie Ruhe und das Gefühl von Sicherheit kehrte zu ihr zurück. Es war als spiegelte sie sich selbst in seinem Blick. Er war so schön, wie eitel der Gedanke doch war. Sah er doch aus, wie ihr Zwilling mit kurzem Haar. Seine Gesichtszüge waren ein wenig männlicher, als die ihren und doch noch weich, nicht hart und kantig. Nicht den Hauch eines Flaums zeigte sich in seinem Gesicht. Ob er noch zu jung für einen Bart war?

Er kam zu ihr. „Ich bin selbst noch völlig verwirrt“, sagte er. „Doch für dich muss es alles noch schlimmer sein, schließlich sind wir für dich alle fremd.“ Sie nickte und fühlte sich verstanden. Lore hatte ihr erzählt, dass Lukas erst in dieser Nacht von der Anderswelt erfahren hatte, auch dass sie es ihm zu verdanken hatte, dass sie erwacht war. Er war ihr Seelengefährte. Die Wahrheit dieser Aussage war für sie spürbar, was es bedeutete lag noch im Unklaren.

Eine Weile langen schwiegen wieder alle. Es war kein unangenehmes Schweigen, sondern ein Beisammensein, dass sich für jeden einzelnen gut anfühlte. Zu viele Fragen waren offen, Fragen, die nicht einfach zu beantworten waren. Das brauchte Zeit.

Henry räusperte sich, blickte ebenfalls in die Runde, wie es Schneewittchen getan hatte und sprach die Worte, die diesen gemeinsamen Moment beenden würden:

„Liebe Familie, es wird Zeit Abschied zu nehmen. Lore hat mit Schneewittchen bereits besprochen, dass sie hier bei uns wohnen wird. Es gibt vieles, was sie erfahren und lernen muss, sowohl über unsere als auch über die Anderswelt. Ihr alle habt euer Leben außerhalb dieser Mauern in das ihr nun zurück kehren werdet. Wir bleiben in Kontakt und sehen uns bald wieder, um gemeinsam die vielen offenen Fragen zu klären. Lore und ich bleiben hier und helfen Schneewittchen dabei, sich zurecht zu finden. So schwer es euch auch fällt, insbesondere dir Lukas, es muss sein. Morgen hast du wieder Schule. Ich hoffe, Jenny und Johanna werden dir und Sven helfen mit dem neuen Wissen zurecht zu kommen. Vergesst niemals, ihr seid nicht allein!“

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Sonntagsgeschichte Kapitel 48 – Erwachen

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Sonntagsgeschichte Kapitel 48 Erwachen Blogroman

Schneewittchen erwachte – ungeküsst. Sie blickte in ein fremdes Gesicht, spürte eine fremde Hand auf ihrem Arm. „Lass mich los“, hauchte sie. Ihre Stimme war schwach. Er verstand sie, löste den Griff, aber starrte sie weiterhin an. Sie löste ihren Blick von ihm und blickte in ein anderes Gesicht, ein vertrauteres. Es war ein wenig wie ein Blick in einen Spiegel in dem etwas nicht stimmt. Das Gesicht war wie das ihre, das Haar jedoch so kurz und er war ein er. Es war, als blickte sie in das Gesicht ihres männlichen Zwillings. Sie blickten einander in die Augen. Er lächelte. Sie ebenfalls, auch das fiel ihr nicht leicht. Ihr Gesicht fühlte sich starr an. Was stimmte nicht mit ihr? Die Aufmerksamkeit nach innen wendend spürte sie ihren Körper, spürte wie sie auf einem harten Untergrund lag. Langsam bewegte sie ihre Finge, ihre Zehen. Alles war so steif, die Muskeln hart, beinahe steinern. Langsam setzte sie sich auf. Der Fremde, der sie bereits zuvor angefasst hatte, legte einen Hand auf ihren Rücken, um ihr zu helfen. Sie wehrte sich nicht.

Als sie saß, blickte sie sich um. Da waren noch mehr Menschen, weitere fremde Gesichter, ein älterer Herr und eine junge Frau. Niemand sprach, alle starrten sie an. Eine ältere Frau kam herbei und reichte ihr ein fremdartiges Gefäß mit einer Flüssigkeit. „Trink Schneewittchen, das wird dir helfen. Hab keine Angst, wir werden dir alles erklären. Ganz langsam.“ Diese Frau war ihr fremd und zugleich vertraut. Ihre Stimme war so angenehm beruhigend. Sie nahm einen Schluck Wasser. Sie spürte, wie die Flüssigkeit durch ihren Mund in ihren Körper rann. Es tat so gut. Sie nahm einen weiteren Schluck. „Langsam“, ermahnte sie die freundliche Frau, die sich nun neben sie setzte. „Lass dir Zeit, du hast sehr lange geschlafen.“

Geschlafen, ja sie hatte geschlafen. Nun war sie wach. Doch wo sie war, das wusste sie nicht. Es war dunkel. Am Himmel leuchteten Sterne, sie war also draußen. Warum hatte sie draußen geschlafen und nicht in der Hütte? Der Blick in den Himmel kam ihr fremd vor, sie war nicht einmal in der Nähe der Zwergenhütte. Doch wo war sie dann? Wo waren die Zwerge? Sie trank weiter und blickte sich um. Ein leiser Schrei, kräftiger als ihre ersten Worte, aber doch noch leise und brüchig, entkam ihrer Kehle. Die Zwerge. Sie waren hier. Waren sie es? Sie wollte aufspringen, zu ihnen eilen, wäre beinahe gestürzt, wenn die freundliche Frau nicht nach ihrem Arm gegriffen hätte. Der Mann mit ihrem Gesicht war auf einmal an ihrer anderen Seite, legte sich ihren Arm um und sagte: „Hör auf Tante Lore, mach langsam. Ich verstehe auch nicht, was hier gerade passiert, aber ich bin sicher, für dich ist das alles noch verwirrender. Ich bin Lukas.“ Sie lächelte, ein Mensch, ein Name. Zwei Namen, Lore und Lukas. Die beiden hielten sie, während ihre Beine sich an das Stehen gewöhnten. Sie blickte die anderen auffordernd an und sie stellten sich ebenfalls vor. Henry, Sven und Josephine. Eine weitere junge Frau war da, die sie bisher nicht gesehen hatte. Sie stellte sich als Jenny vor.

Je länger sie abwechselnd in die Gesichter der Menschen blickte, desto sicherer war sie sich, dass von ihnen keine Gefahr ausging. „Setz dich wieder“, forderte Henry sie auf. „Dann versuchen wir dir alles zu erklären, so gut wir können.“ Sich noch immer schwach fühlend, folgte sie seinem Rat. Lukas und Lore blieben an ihrer Seite. Jenny kam auf sie zu und reichte ihr eine Platte. Darauf lagen Brot und fremd wirkende Speisen. „Als Lucinda uns berichtete, dass du erwacht bist, dachten wir, du bist bestimmt hungrig.“ Schneewittchen lächelte sie dankbar an. Ein kleines zartes Wesen flog herbei und setzte sich auf ihr Knie. Das kleine Lilling-Mädchen war für Schneewittchen ein vertrauter Anblick. Vorsichtig probierte sie von den Speisen. Es schmeckte köstlich.

„Was ist mit meinen Freunden?“, fragte Schneewittchen.

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