Sonntagsgeschichte Kapitel 36 – Geheimnisse im Mondschein

Dies ist das 36. Kapitel des Blogromans.

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„Du hast Lucinda direkt erkannt“, begann Lore endlich das Gespräch. „Nur, wer mit der Anderswelt verbunden ist, kann auch ihre Geschöpfe sehen. Ich sehe, du hast deine Seelenschwester bereits getroffen.“ Sie deutete auf den Ring an Josephines Finger. Überrascht strich sie darüber. Bisher hatte niemand sie auf diesen Ring, den Johanna in einem Ritual auf dem Drachenfels aus ihrer beider Haaren gemacht hatte, erwähnt. Dies ließ für sie nur den Schluss zu, dass er für andere unsichtbar war. Doch was sagte Lore, wer mit der Anderswelt verbunden ist, erkennt ihre Geschöpfe. Dasselbe gilt wohl auch für magische Gegenstände. „Ja, auch ich habe eine Lilling-Freundin. Sie hat mich einst mit ihren Tränen geheilt. Ein Fuchsteufel hatte mich gebissen.“ Jenny stöhnte auf: „Erzähl uns deine Geschichte“, forderte sie freundlich. Josephine zögerte. Konnte sie den beiden vertrauen? Im Grunde kannten sie sich doch erst seit heute, so lieb Jenny auch zu ihr gewesen war, sie gleich wie eine Schwester behandelt hatte, nachdem ihr Bruder sie einander vorgestellt hatten. Das alles könnte auch eine fiese Falle sein. Zögernd strich sie über ihren Ring. ‚Johanna‘, dachte sie stumm. ‚Was soll ich nur tun?‘ Dabei blinzelte sie und nahm ihre Drachenschwester auf der anderen Seite kurz wahr. Sie nickte ihr aufmunternd zu. Dabei stand sie hinter Lore, die ihr erneut in der Gestalt einer jungen blonden Frau gegenüber saß.

„In Ordnung“, seufzte sie. „Vielleicht könnt ihr mir helfen, die vielen Fragen zu beantworten, die ich noch habe. Jenny, hast du die Krähen gesehen, die dem Auto gefolgt sind?“

„Klar“, nickte Svens Schwester. „Diese Krähen sind für mich wahrscheinlich das, was für dich der Fuchsteufel ist. Immer wieder lauern sie mir auf und wollen mein Amulett stehlen.“ Sie zog eine Kette unter ihrem Shirt hervor. Ein Eisenherz hing an einem Lederband. Josephine erkannte es als magischen Gegenstand der Anderswelt. Sie selbst trug eine Schuppe Johannas an einer Kette. Dann begann sie zu erzählen, berichtete von ihrem ersten Treffen mit Johanna am Rhein, als sie mit ihren Freunden zusammen feierte, dem Biss des Fuchsteufels, der anschließend immer wieder auftauchte. Sie fasste die zahlreichen Treffen mit Johanna zusammen und erklärte, dass sie, je mehr sie erfuhr, nur noch mehr Fragen hatte. Dann erinnerte sie sich an das kürzliche Ereignis, als der Fuchsteufel sie und Sven am Rhein angegriffen hatte. Bisher war sie in Begleitung anderer sicher gewesen. Warum es diesmal anders gewesen war und sie anschließend Sven in die Anderswelt retten konnte, war noch immer ungeklärt. Johanna war dies ein Rätsel gewesen, eines das sie bisher nicht lösen hatten können. Daher stellte sie Svens Familie nun eine Frage, anstatt weiter zu sprechen.

„Warum darf Sven von all dem nichts erfahren?“

Jenny und Lore warfen sich einen Blick zu, den Josephine nicht zu deuten vermochte. Dann begann Jenny zu erklären: „Er ist nicht wie wir. Er hat keine Verbindung.“ Hatte sie gehofft, das würde genügen, starrte Josephine sie immer noch erwartungsvoll an. Lore übernahm die Erklärung: „Du weißt sicher bereits, dass es sehr selten geworden ist, dass Menschen noch eine Verbindung zur Anderswelt haben. In unserer Familie ist es ungewöhnlich häufig. Ich habe sie, Jenny und auch mein Bruder hat eine Verbindung. Wer eine Seelenverbindung hat, wird spätestens mit 18 Jahren von seinem Seelengefährten gefunden und kontaktiert. Sven ist in diesem Sommer bereits 19 Jahre alt geworden. Sein Zeitfenster ist geschlossen, er hat keinen Seelengefährten, keine Verbindung. Wir hatten es gehofft. Wären erneut zwei Geschwister verbunden gewesen, hätte es die Bindung unserer Welten gestärkt. So aber …“ Sie seufzte und hielt kurz inne. „Nun, es ist faszinierend, dass Sven dich zu uns geführt hat. Wer weiß, was das bedeutet. Doch auch wenn es schwer für dich ist, so muss das alles unser Geheimnis bleiben.“

„Aber“, setze Josephine gleich an und wurde sofort von Jenny unterbrochen: „Natürlich liebst du Sven und vertraust ihm. Hey, ich bin seine Schwester und hüte dieses Geheimnis seit ungefähr drei Jahren vor ihm. Glaub mir, ich weiß, wie schwer das ist. Er ist mein Bruder! Wir verbringen viel Zeit miteinander, auch noch seit ich bereits ausgezogen bin. Früher haben wir über alles gesprochen.“ Dabei warf sie Josephine einen unsicheren Blick zu. Diese verstand, Sven hatte also mit seiner Schwester auch so einiges über sie besprochen. Sie wurde rot. „Mach dir keine Sorgen, nicht zu viele Details. Aber du verstehst, warum du mir so vertraut bist? Ich wollte dich schon so lange unbedingt kennen lernen.“ Sanft nahm Jenny Josephines Hand. „Ich mag dich wirklich gern und helfe dir dabei, dass diese Sache keine Problem für eure Beziehung wird.“

Erneut setze Josephine zu einem „Aber“ an. Diesmal ergriff Lore das Wort und betonte eindringlich: „Es ist wirklich wichtig. Die Grenzen sind so labil, dass die Existenz der Anderswelt vor den Nicht-Sehenden geheim gehalten werden muss. Stell dir vor, was es bedeuten würde, wenn Menschen, die die Magie nicht begreifen und die Wesen nicht sehen könnten, davon erfahren würden. Einige würden sich danach sehnen, diese Macht zu missbrauchen.“

Jetzt war es Jenny, die zu einem „Aber“ ansetzte. „Sven würde niemals …“

„Natürlich würde dein Bruder das nicht“, stimmte Lore zu. „Doch unsere Regeln sind streng einzuhalten, denn wenn wir einmal beginnen Ausnahmen zu machen, zieht dies weitere nach sich. Vertrauen ist ein kostbares Gut, das manche zu leichtfertig verschenken.“

Während Jenny unzufrieden seufzte, nutze Josephine endlich die Gelegenheit ihren Aber-Satz zu vervollständigen, verzichtete diesmal auf ein widersprechendes Einleitungswort und legte die Fakten auf den Tisch: „Sven war bereits in der Anderswelt.“

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Sonntagsgeschichte Kapitel 35 – Jennys Plan

Dies ist das 35. Kapitel des Blogromans.

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Jenny nahm Josephine nach dem Nachtisch bei der Hand und stand auf. Nichts ahnend ließ sie sich mitziehen. Als sie den Saal verlassen hatten, fragte Josephine: „Was hast du vor?“ Jenny grinste: „Wir Mädels gehen zur Toilette.“ Es war eigentlich nicht Josephines Art, gemeinsam mit anderen Mädels die Toilette aufzusuchen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass sie sich auf der Aquilaburg nicht auskannte und nun auch ein gewisses Bedürfnis bei sich spürte, hatte sie nichts dagegen.

Als sie beim Waschbecken wieder aufeinander trafen, prüfte Jenny kurz, ob sie wirklich allein waren, dann begann sie mit einem verschwörerischen Blick mit geheimnisvoller Stimme endlich zu reden: „Sven hat dir garantiert versprochen, dich an diesem Wochenende nicht allein zu lassen.“ Josephine nickte. „Dachte ich mir, so ist mein Bruder, aber Großvater hat es bereits geschafft, dich ihm zu entführen und mir ist es soeben auch gelungen.“ Sie grinste. Josephine stellte sich gerade ebenfalls vor, wie Sven seine Schwester und Freundin zur Toilette begleitete. Nein, besser nicht. „Gut, also wird uns das nachher auch gelingen. Das ist ganz simpel, du musst nur eben Bescheid wissen und mitspielen. Also, Lukas wird Sven nachher bitten mit in den Herrensalon zu kommen, auf eine Zigarre und einen Whisky. Es geht eher um eine antiquierte Familientradition unter den Männern, eine Zigarre wird Sven sicher nicht rauchen. Dir zu Liebe wird er das Angebot ablehnen. Ermuntere ihn, sag entweder, du seist müde oder auch die Wahrheit, dass du bereits mit mir in den Garten gehen wolltest. Allerdings wird er sicher viel lieber mit dir den Sonnenuntergang sehen wollen, als Männergespräche führen. Ist eigentlich nicht so sein Ding. Mein’s auch nicht, denn im Grunde werden wir Frauen schon lange nicht mehr von der Tradition ausgeschlossen, so altmodisch ist unsere Familie nämlich nicht, bevor du das denkst. Doch was würdest du wählen, ein Abend in einem Rauchersalon oder an der frischen Luft?“ Sie ließ Josephine keine Zeit zu antworten. „Eben, also gehst du mit uns nach draußen und Lukas nimmt Sven mit, der Großvater den Gefallen sicher tun wird, wenn er von dir ein klares Signal bekommt, dass du ihn nicht brauchst. Alles klar?“

Gar nichts war Josephine klar, aber so langsam wunderte sie an diesem Ort nichts mehr. Kurz ließ sie sich ablenken, als ihr aus dem Wasserhahn zwei Augen entgegen blicken, nur ganz kurz zwinkerten, dann waren sie auch schon wieder verschwunden.

„Dann lass uns mal zurück gehen“, verkündete Jenny fröhlich. „Ja, ich weiß, du hast Fragen. Erklären wir dir alles später, aber ohne Sven. Nur du, ich und Großtante Lore.“

Jennys Plan ging auf und so saß Josephine später mit Jenny und ihrer Großtante im Garten. Sie waren durch ein kleines Heckenlabyrinth gegangen und hatten es sich in einer schmiedeeisernen Sitzgruppe bequem gemacht. Lore hatte Kissen für sie drei mitgebracht und Jenny zauberte eine Flasche Rotwein und drei Gläser aus dem Korb hervor. Während sie die Gläser füllte, verkündete sie verschwörerisch: „Sven weiß nichts und braucht auch nichts zu erfahren.“ Was Sven tatsächlich alles nicht wusste, Jenny und Lore dagegen schon, wurde Josephine im Laufe eines äußerst ungewöhnlichen Abends bei lieblich-fruchtigem Rotwein klar. Ihre kleine Damenrunde wurde ergänzt von Lucinda und bald darauf auch einigen ihrer Schwestern … Hätte Josephine nicht bereits zuvor Bekanntschaft mir Lametta gemacht, hätte sie die Erscheinung der Schmetterlingsfeenwesen, den Lillingen, wie sie sich selbst nannten, auf den Rotwein geschoben.

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