Sonntagsgeschichte Kapitel 62 – Unter dem Baum

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Sonntagsgeschichte Kapitel 62, Blogroman

Als Josephine nach Hause zurückkehrte, wurden sie und Sven bereits erwartet. Lucinda hockte auf der Blume am Fenster. Der Lilling kam ihr freudig entgegen geflogen, kaum dass sie die Tür geöffnet hatte. „Da seid ihr ja“, erklang ihre helle Stimme. „Lametta hat mich benachrichtigt, dass du sie zurück gelassen hast. Das war eine gute Idee von dir. So können wir erfahren, welche Rolle die kleine Marie in all dem spielt. Ich glaube ja, es ist ihre kindliche Phantasie, die alles für möglich hält. In ein paar Jahren wird sie alles vergessen haben, nicht mehr an Magie glauben und sich an den lieben Cousin erinnern, der ihr Geschichten erzählt hat. So ist es doch immer.“ Sie begleitete den letzten Satz mit einem tiefen Seufzer.

„Schön, dich zu sehen Lucinda“, kam Josephine zu Wort. „Wie kommt es, dass du schon Bescheid weißt?“

„Sagte ich doch, Lametta hat mich benachrichtigt. Daraufhin habe ich selbstverständlich Lore Bericht erstattet und deswegen bin ich hier. Sie möchte dich sehen, euch sehen“ ergänzte sie mit einem Blick auf Sven. Er nickte, obwohl ihn das alles noch verwirrte. Diese kleinen Schmetterlingswesen hatten offenbar bessere Möglichkeiten zu kommunizieren als Smartphones, Entfernungen schienen für sie ebenfalls keine Rolle zu spielen, schließlich war nicht viel Zeit vergangen, seit Josephine Lametta bei Marie zurück gelassen hatte. Kurz darauf hatten sie sich verabschiedet und waren her gekommen. Und doch wirkte Lucinda als warte sie bereits seit Stunden auf sie.

„Kommt, ab in den Garten mit euch. Ihr trefft Lore auf der anderen Seite.“

Josephine drehte sich zur Tür, während Sven einen Blick aus dem Fenster in den Garten warf, ob seine Großtante dort unten auf sie wartete? Wie konnte sie aus der Eifel so schnell her gelangen? Er ließ sich von Josephine an die Hand und mit zur Treppe nehmen. In Gedanken versunken folgte er ihr nach unten. Die andere Seite? Natürlich, die Anderswelt. Konnte man durch diese schneller reisen? Gab es Portale? Warum hatte er so wenig Ahnung von etwas, was offenbar Teil seiner Familiengeschichte war? Es war frustrierend und verwirrend.

„Bereit für den Übergang“, fragte Josephine, nachdem sie im Garten neben dem knorrigen Baum standen. Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß immer noch nicht wie.“

„Natürlich weißt du das“, sanft strich Josephine ihm über die Wange. „Entspann dich und folge mir.“

Sven war viel zu nervös, um sich zu entspannen. Das Herumgeflatter von Lucinda war dabei nicht hilfreich. „Kommt schon ihr Turteltäubchen. Schmatz, schmatz und ab mit euch.“ Josephine scheuchte sie mit einer Handbewegung fort wie ein lästiges Insekt. Sie gehorchte und löste sich augenblicklich in Luft auf. Dann küsste Josephine Sven, erst sanft, dann intensiver, als sie spürte, dass er sich doch entspannte.

Die Liebe ist der Schlüssel, erinnerte sich Sven. Mit Josephine würde er überall hingehen. Und genau das tat er.

„Ihr könnt dann jetzt aufhören zu Knutschen“, erklang erneut das nervige Schmetterlingsmädchen. Jegliche Entspannung löste sich bei Sven wieder auf und kaum hatte er sich von seiner Freundin gelöst, stand ihm seine Großtante gegenüber, doppelt. Einmal so wie er sie kannte mit grauem Haar und faltigem Gesicht, daneben ewig jung und wunderschön Loreley, ihre Seelengefährtin. Hinter den beiden stand sein Cousin Lukas und grinste ihn an.

„Schön euch beide zu sehen“, grüßte Lore sie und umarmte zuerst ihren Neffen, dann seine Freundin. Loreley nickte ihnen lediglich zu, aber schenkte ihnen ein herzliches Lächeln. Kein Wunder, dass sie damit unzählige Seeleute in den Tod getrieben hatte, dachte Sven bei sich. Doch bevor er darüber nachdenken konnte, wie es wohl seiner Großtante in jungen Jahren ergangen sein musste, wurden sie gebeten sich hinzusetzen. Im Gegensatz zu Josephines Garten befand sich hier eine gemütliche Sitzecke, ähnlich der auf der Aquilaburg, wo die Frauen beisammen gesessen hatten, an jenem Abend, als er alles erfahren hatte.

„Ihr habt eine Spur des Prinzen gefunden?“, fragte Loreley gerade heraus?

„Ob es wirklich eine Spur ist, weiß ich nicht, denn er ist verschwunden.“ Dann erzählte Josephine alles der Reihe nach, von Maries Zeichnung, dem Treffen auf dem Spielplatz und schließlich vom heutigen Nachmittag. Sie endete mit der Beschreibung des kleinen Steinkreises im Wald.

„Ich glaube, ich weiß, wo der ist“, sagte Lukas, der bisher schweigend dabei gesessen hatte. Dieser Karl könnte der Nachbar meiner Oma sein, direkt hinter ihrem Haus geht es in den Wald. Ich weiß, Karl ist kein seltener Name, aber er lebt dort mit seinem Lebensgefährten Peter und sie haben einen erwachsenen Sohn. Leider habe ich ihn nie getroffen. Wenn sie das wirklich sind, wäre es doch wirklich ärgerlich, dass ich ihn nie kennen gelernt habe. Karl und Peter kenne ich auch nicht, meine Oma erzählt nur hin und wieder von den hilfsbereiten Herren von neben an. Sie seien richtige Männer, betont sie immer wieder und könnten ordentlich anpacken, wenn es darum ginge eine neue Waschmaschine in den Keller zu tragen.“ Er verdrehte die Augen, als er die Einstellung seiner Oma zu ihren Nachbarn beschrieb.

„Es ist kein ungewöhnlicher Zufall“, erklärte Loreley. „Es ist magische Anziehungskraft. Wenn du dich an diesem Ort häufiger aufhältst und sich in der Nähe des Hauses ein magischer Ort wie dieser Steinkreis befindet, dann hat es den Prinzen dort hingezogen. Reine Magie, kein Zufall.“

„Wir sollten nachsehen“ entschied Lore, stand auf und streckte die Hände aus. Die anderen folgten ihr, sie nahmen einander an den Händen und Sven dachte noch: Keine Portale, einfache Teleportation, reine Magie, kein Zufall. Schon flimmerte die Luft um sie herum und sie befanden sich kurz darauf am Waldrand hinter einem Gartenzaun wieder.

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Sonntagsgeschichte Kapitel 54 – Angst

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Blogroman Sonntagsgeschichte 54

„Ein bisschen seltsam ist deine Mutter schon“, sagte Lametta, als sie in Joephines Zimmer kamen und sie sich aus ihrem Haar löste. „Vielleicht würde sie sich mit ihren mittelalterlichen Vorstellungen gut mit Schneewittchen verstehen.“

Josephine schaute irritiert, dann fing sie an zu lachen. „Wahrscheinlich hast du Recht.“

Es war seltsam wieder zu Hause zu sein. Es war nur ein Wochenende gewesen, nicht einmal weit weg, nur in der Eifel. Doch es hatte sich so viel verändert und es war eine Reise in eine andere Welt gewesen. So unrecht hatte ihre Mutter vielleicht gar nicht, wenn sie das Gefühl hatte Josephines Großeltern seien gewöhnlich gegenüber Opa Henry. Doch der Unterschied lag nicht darin, dass er auf der Aquilaburg lebte, vielmehr in seiner engen Verbindung zur Anderswelt und dem Zwergenkönig, der sein Seelengefährte war. Josephines Familie bestand ausschließlich aus Menschen. Dem war doch so, oder? Wie konnte es sein, dass in Svens Familie so viele Personen eine Verbindung zur Anderswelt hatten? Wäre es möglich …

„Worüber grübelst du denn so viel?“, fragte Lametta, die um sie herum schwirrte. Die lange Zeit, die Josphine mit ihren Eltern verbracht hatte, konnte das Lilling-Mädchen sich nicht bewegen. Das Leben als Haarspange behagte ihr nicht. Doch sie nahm ihre Aufgabe als Beschützerin ernst. Außerhalb der Mauern der Aquilaburg zu sein bedeutete auch außerhalb des mächtigen Schutzwalls, dem Henry und Lore dort errichtet hatten. Zuhause hatte sie sich bisher sicher gefühlt, doch wusste sie genau, dass der Fuchsteufel ihr jederzeit wieder auflauern konnte, um die Drachenschuppe zu bekommen.

„Warum ist mein Leben so kompliziert?“, fragte sie Lametta. „Ist es gar nicht“, lachte diese. „Es ist nur nicht langweilig.“ Dabei drehte sie ein paar Loopings in der Luft und landete schließlich auf Josephines angewinkeltem Knie. „Menschen, die mit der Anderswelt in Berührung kommen, leben niemals ein langweiliges Leben. Oder möchtest du das?“

„Ich weiß es nicht“, seufzte sie und betrachtete die zarten Schmetterlingsflügel. „Es gibt so viel wunderbares zu entdecken, aber auch so viele Gefahren. Ich glaube, ich habe Angst.“ Lametta blickte sie fragend an.

„Angst vor dem Fuchsteufel. Angst zu versagen. Es ist einfach zu viel, zu viele Fragen, zu wenige Antworten.“

„Du bist ungeduldig“, erklärte Lametta mit bestimmter Stimme. „Und du bist unsicher, was aus dir werden soll.“ Josephine nickte. Das traf es ganz gut. Doch Lametta war noch nicht fertig. „Wenn du Johanna nie begegnet hättest, wie sähe dein Leben jetzt aus? Hättest du dich für ein Studium oder eine Ausbildung entschieden? Wüsstest du, wie du dein Leben gestalten solltest? Hättest du weniger Angst?“

Das tat weh, denn es war die Wahrheit. Es war die Ungewissheit der Zukunft, die sie ängstigte. Mit oder ohne Magie, sie wusste nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst war, wusste sie es dank Johanna ein wenig besser. Sie hatte eine Aufgabe, auch wenn ihr noch nicht ganz klar war welche. Die Verbindung zur Anderswelt musste gehalten werden und es war ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Magie der Geschichten nicht verloren ging. Sie war nicht allein. Lametta war bei ihr, ihre Seelengefährtin Johanna und nun auch Sven, der allerdings noch weniger verstand als sie. Josephine legte sich hin, kuschelte sich in ihre Kissen und griff nach ihrem Handy, um mit Sven zu schreiben.

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Sonntagsgeschichte Kapitel 48 – Erwachen

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Sonntagsgeschichte Kapitel 48 Erwachen Blogroman

Schneewittchen erwachte – ungeküsst. Sie blickte in ein fremdes Gesicht, spürte eine fremde Hand auf ihrem Arm. „Lass mich los“, hauchte sie. Ihre Stimme war schwach. Er verstand sie, löste den Griff, aber starrte sie weiterhin an. Sie löste ihren Blick von ihm und blickte in ein anderes Gesicht, ein vertrauteres. Es war ein wenig wie ein Blick in einen Spiegel in dem etwas nicht stimmt. Das Gesicht war wie das ihre, das Haar jedoch so kurz und er war ein er. Es war, als blickte sie in das Gesicht ihres männlichen Zwillings. Sie blickten einander in die Augen. Er lächelte. Sie ebenfalls, auch das fiel ihr nicht leicht. Ihr Gesicht fühlte sich starr an. Was stimmte nicht mit ihr? Die Aufmerksamkeit nach innen wendend spürte sie ihren Körper, spürte wie sie auf einem harten Untergrund lag. Langsam bewegte sie ihre Finge, ihre Zehen. Alles war so steif, die Muskeln hart, beinahe steinern. Langsam setzte sie sich auf. Der Fremde, der sie bereits zuvor angefasst hatte, legte einen Hand auf ihren Rücken, um ihr zu helfen. Sie wehrte sich nicht.

Als sie saß, blickte sie sich um. Da waren noch mehr Menschen, weitere fremde Gesichter, ein älterer Herr und eine junge Frau. Niemand sprach, alle starrten sie an. Eine ältere Frau kam herbei und reichte ihr ein fremdartiges Gefäß mit einer Flüssigkeit. „Trink Schneewittchen, das wird dir helfen. Hab keine Angst, wir werden dir alles erklären. Ganz langsam.“ Diese Frau war ihr fremd und zugleich vertraut. Ihre Stimme war so angenehm beruhigend. Sie nahm einen Schluck Wasser. Sie spürte, wie die Flüssigkeit durch ihren Mund in ihren Körper rann. Es tat so gut. Sie nahm einen weiteren Schluck. „Langsam“, ermahnte sie die freundliche Frau, die sich nun neben sie setzte. „Lass dir Zeit, du hast sehr lange geschlafen.“

Geschlafen, ja sie hatte geschlafen. Nun war sie wach. Doch wo sie war, das wusste sie nicht. Es war dunkel. Am Himmel leuchteten Sterne, sie war also draußen. Warum hatte sie draußen geschlafen und nicht in der Hütte? Der Blick in den Himmel kam ihr fremd vor, sie war nicht einmal in der Nähe der Zwergenhütte. Doch wo war sie dann? Wo waren die Zwerge? Sie trank weiter und blickte sich um. Ein leiser Schrei, kräftiger als ihre ersten Worte, aber doch noch leise und brüchig, entkam ihrer Kehle. Die Zwerge. Sie waren hier. Waren sie es? Sie wollte aufspringen, zu ihnen eilen, wäre beinahe gestürzt, wenn die freundliche Frau nicht nach ihrem Arm gegriffen hätte. Der Mann mit ihrem Gesicht war auf einmal an ihrer anderen Seite, legte sich ihren Arm um und sagte: „Hör auf Tante Lore, mach langsam. Ich verstehe auch nicht, was hier gerade passiert, aber ich bin sicher, für dich ist das alles noch verwirrender. Ich bin Lukas.“ Sie lächelte, ein Mensch, ein Name. Zwei Namen, Lore und Lukas. Die beiden hielten sie, während ihre Beine sich an das Stehen gewöhnten. Sie blickte die anderen auffordernd an und sie stellten sich ebenfalls vor. Henry, Sven und Josephine. Eine weitere junge Frau war da, die sie bisher nicht gesehen hatte. Sie stellte sich als Jenny vor.

Je länger sie abwechselnd in die Gesichter der Menschen blickte, desto sicherer war sie sich, dass von ihnen keine Gefahr ausging. „Setz dich wieder“, forderte Henry sie auf. „Dann versuchen wir dir alles zu erklären, so gut wir können.“ Sich noch immer schwach fühlend, folgte sie seinem Rat. Lukas und Lore blieben an ihrer Seite. Jenny kam auf sie zu und reichte ihr eine Platte. Darauf lagen Brot und fremd wirkende Speisen. „Als Lucinda uns berichtete, dass du erwacht bist, dachten wir, du bist bestimmt hungrig.“ Schneewittchen lächelte sie dankbar an. Ein kleines zartes Wesen flog herbei und setzte sich auf ihr Knie. Das kleine Lilling-Mädchen war für Schneewittchen ein vertrauter Anblick. Vorsichtig probierte sie von den Speisen. Es schmeckte köstlich.

„Was ist mit meinen Freunden?“, fragte Schneewittchen.

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Sonntagsgeschichte Kapitel 38 – Wahrheit

Dies ist das 38. Kapitel des Blogromans.

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Blogroman kleiner Komet Sonntagsgeschichte

„Es wird Zeit für die Wahrheit, meint ihr nicht auch?”, sagte Sven und schaute den drei Frauen der Reihe nach in die Augen. Zunächst seiner Schwester, dann seiner Großtante und zuletzt seiner Freundin, die auf seinem Schoß saß. Keine sagte etwas. Das Schweigen wurde unangenehm. Bis Josephine es nicht mehr aushielt, sie stand von Svens Schoß auf, drehte sich zu ihm um und begann endlich zu sprechen: „Erinnerst du dich an unseren Spaziergang am Rhein?“ Sven sah sie weiterhin erwartungsvoll an. Sie gingen oft am Rhein spazieren. Josephine holte tief Luft und setzte nochmal an. „Da waren die Hunde, einer hatte dich gebissen, danach warst du bei mir Zuhause und du hattest einen merkwürdigen Traum.“ Sven nickte. Er erinnerte sich, brauchte mehr Erklärungen. „Nun, also“, jetzt wurde es für Josephine schwierig. Sie hatte so oft versucht ihn von dem Thema abzulenken, ihn glauben lassen, er hätte nur einen Traum gehabt. Es war alles noch gar nicht lange her und doch fiel es ihr schwer, jetzt die Wahrheit zu sagen. Doch er hatte Recht, er hatte die Wahrheit verdient. Sie liebte ihn und nur gemeinsam konnten sie die offenen Fragen beantworten. „Erzähl es ihm,“ ermunterte Lore sie. Auch Jenny nickte ihr aufmunternd zu.

„Ok, also, der Hund, der dich gebissen hat, der war kein Hund. Naja und dein Traum, das war auch kein Traum, nehme ich an. Ja, du hast in meinem Bett geschlafen, wahrscheinlich hast du auch geträumt, aber du hast auch etwas erlebt, das unglaublich war.“ Verzweifelt blickte sie in Svens Augen, fand darin keinen Vorwurf. Er liebte sie, er vertraute ihr. Auch wenn sie ihm so viel verschwiegen hatte, seine Schwester und Tante belogen ihn schon viel länger. Seine Hand nach ihr ausstreckend, fragte er sanft: „Wie bin ich zu dir nach Hause gekommen?“ Das war die Frage gewesen, die sie ihm nie beantwortet hatte. Ihm war doch klar, dass sie ihn nicht alleine vom Rhein zu sich hätte bringen können, wenn er bewusstlos war. Natürlich wäre es viel sinnvoller gewesen einen Krankenwagen zu rufen. Sie hatte es nicht getan und er hatte aufgehört zu fragen.

„Wir haben eine Umweg genommen, einen, der nicht durch unsere Welt führt. Erinnerst du dich an unseren Kuss?“ Ein sanftes Steicheln über ihren Handrücken bestätigte, dass er sich erinnerte. Sie sollte weiter sprechen. „Ich weiß nicht wie es möglich war. Das ist eines der größten Rätsel an dieser Geschichte. Jedenfalls habe ich dich während unseres Kusses in die Anderswelt gebracht. Dort haben wir Johanna und Lametta getroffen.“

„Johanna sieht aus wie du, oder?“, fragte Sven. In seinem Traum, der ja nun doch keiner war, hatte er zwei Josephines gesehen und empfand dies verstörender als den Schmetterling mit Menschenkörper. Fantasierte er tatsächlich von zwei Mädchen? Reichte ihm Josephine nicht. Er liebte sie und wirklich erotisch war der Traum dann auch nicht gewesen, oder doch? Die zweite Josephine hatte ihn berührt, sein Bein untersucht. Dann war das Schmetterlingsmädchen dazu gekommen. Er schüttelte den Kopf, verließ seine Erinnerungen, er wollte jetzt die ganze Geschichte hören, endlich verstehen, was los war. Sein sehnlichster Wunsch war, zu hören, dass er nicht verrückt war. Denn all diese Bilder hatte er nicht zum ersten Mal gesehen.

„Ja, das tut sie. Sie lebt in der Anderswelt und sie hat dir gemeinsam mit Lametta geholfen. Lametta, sie sieht aus wie ein Schmetterling“ Mit einem Nicken deutete ihr Sven an, dass er genau wusste, wer diese Lametta war. „Sie hat uns zu mir nach Hause begleitet und dich geheilt. Das hatte sie Wochen zuvor für mich auch getan.“

„Und was hat mich gebissen?“

„Es war ein Fuchsteufel, ein Wesen der Anderswelt, gefangen in unserer. Er verfolgt mich seit unserer Party in der Rheinaue.“

Endlich war es raus. Die Geschichte hatte noch Lücken, vor allem eine Menge Fragezeichen, auf die Josephine selbst gerne Antworten hätte. Doch die große Mauer des Schweigens zwischen ihr und Sven war gefallen. Ihm ging es wir ihr, er zog sie an der Hand, die er schon eine Weile hielt,  sanft zurück auf seinen Schoß. Sie kuschelte sich an ihn und sie küssten einander, ein Kuss voller Liebe und Vertrauen.

Als sich die beiden nach einer Weile wieder voneinander lösten, wandte sich Sven an seine Schwester und Großtante: „Und was habt ihr beide mit der ganzen Sache zu tun?“

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Sonntagsgeschichte Kapitel 36 – Geheimnisse im Mondschein

Dies ist das 36. Kapitel des Blogromans.

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„Du hast Lucinda direkt erkannt“, begann Lore endlich das Gespräch. „Nur, wer mit der Anderswelt verbunden ist, kann auch ihre Geschöpfe sehen. Ich sehe, du hast deine Seelenschwester bereits getroffen.“ Sie deutete auf den Ring an Josephines Finger. Überrascht strich sie darüber. Bisher hatte niemand sie auf diesen Ring, den Johanna in einem Ritual auf dem Drachenfels aus ihrer beider Haaren gemacht hatte, erwähnt. Dies ließ für sie nur den Schluss zu, dass er für andere unsichtbar war. Doch was sagte Lore, wer mit der Anderswelt verbunden ist, erkennt ihre Geschöpfe. Dasselbe gilt wohl auch für magische Gegenstände. „Ja, auch ich habe eine Lilling-Freundin. Sie hat mich einst mit ihren Tränen geheilt. Ein Fuchsteufel hatte mich gebissen.“ Jenny stöhnte auf: „Erzähl uns deine Geschichte“, forderte sie freundlich. Josephine zögerte. Konnte sie den beiden vertrauen? Im Grunde kannten sie sich doch erst seit heute, so lieb Jenny auch zu ihr gewesen war, sie gleich wie eine Schwester behandelt hatte, nachdem ihr Bruder sie einander vorgestellt hatten. Das alles könnte auch eine fiese Falle sein. Zögernd strich sie über ihren Ring. ‚Johanna‘, dachte sie stumm. ‚Was soll ich nur tun?‘ Dabei blinzelte sie und nahm ihre Drachenschwester auf der anderen Seite kurz wahr. Sie nickte ihr aufmunternd zu. Dabei stand sie hinter Lore, die ihr erneut in der Gestalt einer jungen blonden Frau gegenüber saß.

„In Ordnung“, seufzte sie. „Vielleicht könnt ihr mir helfen, die vielen Fragen zu beantworten, die ich noch habe. Jenny, hast du die Krähen gesehen, die dem Auto gefolgt sind?“

„Klar“, nickte Svens Schwester. „Diese Krähen sind für mich wahrscheinlich das, was für dich der Fuchsteufel ist. Immer wieder lauern sie mir auf und wollen mein Amulett stehlen.“ Sie zog eine Kette unter ihrem Shirt hervor. Ein Eisenherz hing an einem Lederband. Josephine erkannte es als magischen Gegenstand der Anderswelt. Sie selbst trug eine Schuppe Johannas an einer Kette. Dann begann sie zu erzählen, berichtete von ihrem ersten Treffen mit Johanna am Rhein, als sie mit ihren Freunden zusammen feierte, dem Biss des Fuchsteufels, der anschließend immer wieder auftauchte. Sie fasste die zahlreichen Treffen mit Johanna zusammen und erklärte, dass sie, je mehr sie erfuhr, nur noch mehr Fragen hatte. Dann erinnerte sie sich an das kürzliche Ereignis, als der Fuchsteufel sie und Sven am Rhein angegriffen hatte. Bisher war sie in Begleitung anderer sicher gewesen. Warum es diesmal anders gewesen war und sie anschließend Sven in die Anderswelt retten konnte, war noch immer ungeklärt. Johanna war dies ein Rätsel gewesen, eines das sie bisher nicht lösen hatten können. Daher stellte sie Svens Familie nun eine Frage, anstatt weiter zu sprechen.

„Warum darf Sven von all dem nichts erfahren?“

Jenny und Lore warfen sich einen Blick zu, den Josephine nicht zu deuten vermochte. Dann begann Jenny zu erklären: „Er ist nicht wie wir. Er hat keine Verbindung.“ Hatte sie gehofft, das würde genügen, starrte Josephine sie immer noch erwartungsvoll an. Lore übernahm die Erklärung: „Du weißt sicher bereits, dass es sehr selten geworden ist, dass Menschen noch eine Verbindung zur Anderswelt haben. In unserer Familie ist es ungewöhnlich häufig. Ich habe sie, Jenny und auch mein Bruder hat eine Verbindung. Wer eine Seelenverbindung hat, wird spätestens mit 18 Jahren von seinem Seelengefährten gefunden und kontaktiert. Sven ist in diesem Sommer bereits 19 Jahre alt geworden. Sein Zeitfenster ist geschlossen, er hat keinen Seelengefährten, keine Verbindung. Wir hatten es gehofft. Wären erneut zwei Geschwister verbunden gewesen, hätte es die Bindung unserer Welten gestärkt. So aber …“ Sie seufzte und hielt kurz inne. „Nun, es ist faszinierend, dass Sven dich zu uns geführt hat. Wer weiß, was das bedeutet. Doch auch wenn es schwer für dich ist, so muss das alles unser Geheimnis bleiben.“

„Aber“, setze Josephine gleich an und wurde sofort von Jenny unterbrochen: „Natürlich liebst du Sven und vertraust ihm. Hey, ich bin seine Schwester und hüte dieses Geheimnis seit ungefähr drei Jahren vor ihm. Glaub mir, ich weiß, wie schwer das ist. Er ist mein Bruder! Wir verbringen viel Zeit miteinander, auch noch seit ich bereits ausgezogen bin. Früher haben wir über alles gesprochen.“ Dabei warf sie Josephine einen unsicheren Blick zu. Diese verstand, Sven hatte also mit seiner Schwester auch so einiges über sie besprochen. Sie wurde rot. „Mach dir keine Sorgen, nicht zu viele Details. Aber du verstehst, warum du mir so vertraut bist? Ich wollte dich schon so lange unbedingt kennen lernen.“ Sanft nahm Jenny Josephines Hand. „Ich mag dich wirklich gern und helfe dir dabei, dass diese Sache keine Problem für eure Beziehung wird.“

Erneut setze Josephine zu einem „Aber“ an. Diesmal ergriff Lore das Wort und betonte eindringlich: „Es ist wirklich wichtig. Die Grenzen sind so labil, dass die Existenz der Anderswelt vor den Nicht-Sehenden geheim gehalten werden muss. Stell dir vor, was es bedeuten würde, wenn Menschen, die die Magie nicht begreifen und die Wesen nicht sehen könnten, davon erfahren würden. Einige würden sich danach sehnen, diese Macht zu missbrauchen.“

Jetzt war es Jenny, die zu einem „Aber“ ansetzte. „Sven würde niemals …“

„Natürlich würde dein Bruder das nicht“, stimmte Lore zu. „Doch unsere Regeln sind streng einzuhalten, denn wenn wir einmal beginnen Ausnahmen zu machen, zieht dies weitere nach sich. Vertrauen ist ein kostbares Gut, das manche zu leichtfertig verschenken.“

Während Jenny unzufrieden seufzte, nutze Josephine endlich die Gelegenheit ihren Aber-Satz zu vervollständigen, verzichtete diesmal auf ein widersprechendes Einleitungswort und legte die Fakten auf den Tisch: „Sven war bereits in der Anderswelt.“

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