Klassiker 25 von 50: Candide

Candide oder der Optimismus ~Voltaire
Candide oder der Optimismus ~Voltaire

Dann habe nun auch ich die Hälfte der Challenge erreicht, nach über 4 Jahren … Für die andere Hälfte bleibt mir bis zur Mainacht 2021.

Candide oder der Optimismus

Was für ein schöner Titel. Ich freute mich auf ein positives kleines Büchlein, dachte, ich könnte es mal eben lesen. Aber nein, es war ganz furchtbar. 30 kurze Kapitel hat das Buch auf 159 Seiten und ich schaffte maximal zwei am Stück.

Der Anfang mutet etwas biblisch an, es ist Candides Verbannung aus dem Paradis, dem Schloss seines Onkels. Was hat er getan? Welche Frucht begehrt? Kunigunde.

Es beginnt eine abenteuerliche Reise durch Europa und nach Übersee, getrieben von äußeren Faktoren und der inneren Sehnsucht nach der wunderschönen Kunigunde.

Warum schlimm zu lesen?

Entgegen dem Titel, der Optimismus in sich trägt, läuft in der Geschichte so ziemlich alles schlecht für Candide, aber auch die anderen Figuren. Wir befinden uns zu Voltaires Zeiten, im 18. Jahrhundert, der Zeit der Aufklärung. Ja, es waren andere Zeiten, aber ist es deswegen leichter zu lesen, wenn Vergewaltigung von Frauen als normal angesehen wird? Ich könnte mir vorstellen, dass die Darstellung von Voltaire für die damalige Zeit krass war. Das er es überhaupt thematisiert hat und vielleicht sogar damit darauf hinwies, dass diese vermeintliche Normalität nicht in Ordnung ist. Er legt den Frauen die Worte in den Mund, sie hätten Glück gehabt und der Weg einer Frau scheint zwangsläufig in einer Form von Prostitution zu enden. Selbstbestimmung scheint unmöglich.

Es gelten nicht nur sexuelle Übergriffe gegen Frauen als normal, auch hübsche Jungs werden beispielsweise von der Kirche gerne gesehen. So wurde Kunigundes Bruder halbtot gefunden und gepflegt. Er schilder sich selbst als hübschen Bengel, der jeden Tag hübscher wurde.

Kein Wunder also, dass der ehrwürdige Pater Croust, der Prior des Hauses, in heftigster Zuneigung zu mir entbrannte. Er steckte mich ins Novizengewand.

Candide, Volitaire, Seite 65

Zwischenfazit

Candide ist ein furchtbarer Mensch. Nach gut der Hälfte der Geschichte bin ich mir sicher, dass ich ihm ein tragisches Ende wünsche.

Voltaire ein Philosoph

Es ist nicht einfach ein gesellschaftskritischer Roman, denn die zynische Kritik bezieht sich nicht auf eine Gesellschaft. Candide bereist verschiedene Länder Europas, sowie Südamerika. Er kommt mit Menschen verschiedener Gruppierungen zusammen und letztendlich zeigt sich: Die Menschheit ist schlecht und Geld reagiert die Welt.

Bei Candide läuft so einiges schief, so ziemlich alles, was schief laufen kann und doch geht es irgendwie immer weiter, er kommt auch mit Mord davon …

An seiner Seite hat er immer wieder unterschiedliche Wegbegleiter, die unterschiedliche Auffassungen vertreten. So erfahren wir verschiedene Perspektiven aus Voltaires Zeitalter, dem 18. Jahrhundert, welches er stark als Philosoph der Aufklärung geprägt hat. Es sind auch viele Kleriker darunter.

Ein früher Wegbegleiter, Pangloss, vertrat den Gedanken des Optimismus.
Als ihn Cacambo später fragt, was Optimismus sei, antwortet Candide:

das ist die Sucht, alles gut zu finden, wenn es einem schlecht geht.

Candide, Voltaire, Seite 90

Dann trifft Candide auf einen Gelehrten, der die Ansicht, die Welt sei aufs beste „physisch und moralisch eingerichtet, ganz und gar nicht teilt. Es laufe alles schief:

Keiner hierzulande weiß seine Aufgabe in der Gesellschaft; keiner weiß, wie er seinen Rang, seinem Stand gerechnet wird; keiner weiß, was er tut, und keiner, was er tun soll.

Candide, Voltaire, Seite 111

Und zunehmend häufiger stellen die Figuren sich die Frage: ‚Was ist das schlimmste Schicksal?, ‚ oder ‚Ist doch alles wunderbar?‘

Vielleicht sollten wir ab und an hinterfragen nach was wir streben und ob es wirklich das ist,was wir uns sehnlichst wünschen.

Wenn Lucifer aus der Serie fragen würde: „Was wünschst du dir wirklich?“, weißt du, was deine Antwort wäre?

Fazit

So furchtbar ich die Lektüre der ersten Hälfte fand, um so klarer wurde mir in der zweiten, um was es hier möglicherweise geht. Ich wünschte ich könnte Candide noch besser in den historischen Kontext einordnen, so geht es mir bei nahezu allen Klassikern. Ich weiß schlicht zu wenig …

Es ist ein wertvolles Buch, vielleicht nicht nur für die damalige Zeit. Wenn auch heute schwer lesbar, insbesondere auch in den Begrifflichkeiten und Verhaltensweisen gegenüber PoC oder Juden.

Das Ende hat mir gut gefallen, es passte zu der Geschichte und hat dem Buch eine klare Aussage gegeben.

Aber wir müssen unseren Garten bestellen.

Candide, Voltaire, Seite 159, letzter Satz

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Candide oder der Optimismus
Voltaire
Marix Verlag, 2012
ISBN: 3865392695

14. Buch: Der Name der Rose, Umberto Eco

Der Name der Rose – Umberto Eco

Mein Exemplar von „Der Name der Rose“ von Umberto Eco ist dick und unhandlich, aber es fühlt sich wenigstens vom Papier her sehr gut an. Beim ersten Durchblättern stelle ich fest: oh, es geht nur um eine einzige Woche. Schön gleich vorne „Dramatis Personae“ – in Büchern mit vielen Personen blättere ich doch schon mal zurück und suche wer das denn jetzt nochmal war. Seite 7-29 finde ich Vorwort, Anmerkung, Prolog und dann erst geht es los mit dem ersten Tag.

Zum Inhalt

Dem Ende meines sündigen Lebens nahe, ergraut wie die Welt… in dieser Zelle meines geliebten Klosters zu Melk, hebe ich nunmehr an, diesem Pergament die denkwürdigen und entsetzlichen Ereignisse anzuvertrauen, deren Zeuge zu werden mir in meiner Jugend einst widerfuhr.

Es geht um eine Woche im Jahr 1327. Er (der Erzähler) war damals ein blutjunger Benediktiner-Novize, den sein Vater (ein Baron) mit nach Italien nahm um die erwartete Kaiserkrönung in Rom zu erleben. Dort wurde er dann aber in die Obhut eines gelehrten Franziskaners, des Bruders William von Baskervile gegeben und er wurde sein Adlatus und sein Schüler zugleich. Mit ihm gemeinsam hat er die geschilderte Woche in „einer stolzen Benediktiner-Abtei an den Hängen des Apennin“  erlebt.

Bruder William ist als Sondergesandter des Kaisers unterwegs um in der Abtei ein Gespräch zwischen Abgesandten des Kaisers, des Papstes und einigen Mönchsorden zu wichtigen Fragen der Kirche vorzubereiten. Der erste Tag beginnt mit der Ankunft und Bruder Williams, ein ehemaliger Inquisitor, erstem Beweis seiner Scharfsichtigkeit.

Er wird vom Abt gebeten einen mysteriösen Todesfall aufzuklären, dem noch weitere folgen werden.

Gleichzeitig geht es aber auch um die Diskussion entscheidender Fragen der Kirche.

Mein Eindruck

Zunächst war da ein „Na, ja“. Ein alter Mann beschreibt eine Woche in seinem Leben und das so detailliert, dass es einfach unrealistisch ist. So kann sich kein Mensch erinnern … In diesem Buch finden sich viele lateinische Passagen, die zwar größtenteils im Anhang übersetzt werden, aber dieses ständige hin und her blättern ist schon lästig. Und dann sind da diese gruseligen Geschichten aus der Kirche wie die von missbrauchten Nonnen, deren Babys nach der Geburt regelrecht zerfetzt worden sind… Teilweise habe ich mich wirklich gefragt, ob ich mich jetzt schämen muss, katholisch zu sein.

Aber dann packt es mich doch.

Bruder William ist einfach eine Persönlichkeit mit faszinierender Logik und auch unser alternder Erzähler kommt ehrlich und sympathisch rüber. Besonders als er auch seine Jugendsünde gesteht, die das Ganze etwas auflockert und die detaillierte Schilderung von Menschenfressern in den Hintergrund drängt.

Interessant sind auch die entscheidenden Fragen, die ich mir bisher noch nie über die Kirche gestellt habe. „Hat Jesus gelacht?“ oder „Hatte Jesus Besitz?“

Natürlich sind die Morde am Ende aufgeklärt und das Mordmotiv ist etwas überraschend, genau wie das Ende überhaupt.

Zwischendurch hab ich immer wieder über den Titel nachgedacht, aber da musste ich bis zum Schlusssatz warten.

Fazit

Es ist ein absolut lesenswertes Buch. Wer gut Latein kann, hat aber sicher noch mehr Freude daran.

Adventskalender 2016 – 24. Türchen

Es ist so weit, Heiligabend ist da.

Ich wünsche euch allen ein schönes Fest!

Geht ihr Heilig Abend in die Kirche?

Ganz ehrlich – ich bin kein frommer Kirchgänger. Doch tatsächlich gehe ich Weihnachten sehr gerne zum Krippenspiel.

Inzwischen habe ich die Weihnachtsgeschichte schon in vielen Variationen gesehen und es ist eine Geschichte, die ich mir auch immer wieder gerne vorspielen lasse.

Geschichten aus der Bibel lassen viel Spielraum für Interpretationen, teilweise sehr unterschiedliche, teilweise sehr negative, die sich dann in kirchlichen Dogmen niederschlagen. Es ist schön, wenn Menschen Trost oder Hilfe in der Bibel finden.

Heute möchte ich meine liebste Interpretation der Weihnachtsgeschichte mit euch teilen:

Ein besonderer Mensch muss nicht als König geboren werden. Ein besonderer Mensch kann ganz unscheinbar in einem einfachen Haus geboren werden. Er muss nicht reich sein oder Macht per Geburtsrecht besitzen. So ergeht es dem kleinen Jesuskind aus der Weihnachtsgeschichte, dass in einem Stall zur Welt kommt und dessen Wiege eine Futterkrippe ist.

Im Umkehrschluss kann das aber auch bedeuten, dass jeder einzelne von uns, ein besonderer Mensch ist.

Wenn ihr die Analogie des göttlichen Sohnes als Gegenargument ins Feld führen wollt: Sind wir nicht alle Gottes Kinder?

Jeder einzelne von uns ist etwas besonderes.

Jeder einzelne hat Fähigkeiten, die andere nicht haben.

Jeder einzelne von uns beeinflusst seine Mitmenschen, so funktionieren wir als soziale Wesen.

In jedem einzelnen von uns steckt das Potential, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Denn das kann nicht ein Präsident/ König oder Bundeskanzler erreichen.

Das können wir nur gemeinsam als Menschen erreichen, indem wir Menschen sind, die füreinander da sind!

In diesem Sinne freue ich mich heute darauf, Zeit mit meiner Familie zu verbringen, mit Menschen, die mir ganz besonders wichtig sind.

Frohe Weihnachten euch allen!

Frohe Weihnachten 2016

Frohe Weihnachten 2016