Sprache, Freundschaft und Schokolade

Sprichst du Schokolade ~ Cas Lester
Sprichst du Schokolade ~ Cas Lester

Ich habe ein schönes Kinderbuch gelesen. Ein Buch über Freundschaft und Eifersucht. Ein Buch über Sprachschwierigkeiten und Integration. Es steckt so viel Gutes drin in „Sprichst du Schokolade“ von Cas Laster.

Freundschaft

Freunde zu finden ist ein wichtiges Thema in der Kindheit. Freundschaften verändern sich im Laufe der Zeit und werden zunehmend komplexer. Genügt bei Kleinkindern noch die reine Verfügbarkeit von anderen Kleinkindern, spielen gemeinsame Interessen mit zunehmendem Alter eine wichtigere Rolle.

Für mich besteht ein Unterschied zwischen Freundschaft und Beziehung darin, dass ich einen Partner habe, den ich liebe, aber in meinem Herzen Platz für viele Freunde habe. Als Kind hatte ich auch mal eine beste Freundin und habe mich tatsächlich auch mal von der Frage stressen lassen, wer denn nun die beste Freundin ist. Das war damals in der Grundschule. Heute würde ich niemanden mehr als beste Freundin bezeichnen, aber es gibt durchaus mehrere Menschen in meinem Leben, die ich gerne treffe und mich freue sie zu sehen.

Josie steht genau an dem Punkt. Ihre bisher beste Freundin Lily verbringt mehr Zeit mit anderen Mädchen und sie fühlt sich ausgeschlossen. Sie mag die anderen auch nicht besonders. Dann kommt ein neues Mädchen in die Klasse und setzt sich neben sie, Nadima.

Neubeginn in einem fremden Land

Nadima ist mit ihrer Familie aus Syrien geflüchtet. Ihr kleiner Bruder war erst zwei Jahre alt. Sie ist nun in einem fremden Land, in dem sie die Sprache nicht spricht. Sie hat viel Schlimmes erlebt, in Syrien und auf der Flucht. Das Thema wird im Buch sensibel behandelt. Es wird deutlich, dass die Angst noch immer eine große Rolle in ihrem Leben spielt. Sie sorgt sich um ihre Familie, die noch in Syrien ist. Auch wenn sie selbst nun in Sicherheit ist, kann Vieles ihre Ängste aktivieren, ein Feuerwerk sich zum Beispiel wie Bomben anhören und ihr große Angst machen.

Josie gelingt es Nadima kennen zu lernen. Sie nutzt dafür Emojis, um zu fragen, ob sie Schokolade mag. Nadima versteht ihre Frage und antwortet ebenfalls mit Emojis. Diese beginnende Kommunikation wird mit Hilfe von Gesten und digitalen Übersetzungen weiter entwickelt. Eine schöne Idee, wie ich finde.

Einige haben an dem Buch kritisiert, dass der Begriff „Schokolade“ negativ konnotiert ist, wenn er mit Menschen mit dunklerer Hautfarbe in Verbindung gebracht wird. Dies habe ich beim Lesen so nicht empfunden, weil es wirklich nur um die Süßigkeit geht. Es wäre sensibler gewesen eine andere Nascherei zu wählen. Allerdings bin ich nicht sicher, welche andere Süßigkeit es sowohl als Emoji gibt, als auch in England und Syrien beliebt ist.

Missverständnisse

Auch Mädchen, die dieselbe Sprache sprechen, sprechen nicht unbedingt dieselbe Sprache. Sie meinen zu wissen, was die andere denkt, denken weiter, verhärten die Fronten.
Misstrauen und Missverständnisse verhindern ein wirkliches Kennenlernen. Auf wackliger Basis wird entschieden, wer eben keine Freundin ist.
Das Leben eines Teenager-Mädchens ist kompliziert.

Man kann niemanden dazu zwingen, mit einem befreundet zu sein, nicht wahr?

Sprichst du Schokolade, Seite 203

Das Buch wurde mir vom Verlag über NetGalley zur Verfügung gestellt. Link zur Verlagsseite mit Leseprobe

Sprichst du Schokolade
Cas Lester
illustriert von Kate Forrester
übersetzt von Christine Spindler
ars Edition, 2018
ISBN: 978-3-8458-2735-3

Sonntagsgeschichte Kapitel 57 – Der Hinweis

Das erste Kapitel findest du hier, du kannst auch von Kapitel zu Kapitel blättern.

letztes Kapitel

Sonntaggeschichte Kapitel 57 - Blogroman

„Hast du sie denn nicht gefragt“, erkundigte Sven sich bereits zum fünften Mal. Josephine war direkt nach dem Kindergarten zu ihm gefahren und nun saßen sie bei ihm im Garten und grübelten über Maries Zeichnung. „Nein ich habe sie nicht gefragt. Du glaubst doch nicht wirklich, dass eine Fünfjährige Schneewittchens Prinzen kennt. Selbst wenn sie mit der Anderswelt verbunden ist, ist sie noch zu klein, um diese Verbindung zu kennen.“

„Das stimmt so nicht“, mischte sich Jenny ein. „Du verstehst die Verbindung erst viel später und kannst bewusst die Anderswelt betreten. Doch am intensivsten ist die Verbindung tatsächlich in der frühen Kindheit. Erinnerst du dich, wie ich euch damals alle mit meinen Feengeschichten in den Wahnsinn getrieben habe, Sven?“ Ihr Bruder nickte. Niemand hatte Jenny damals ernst genommen, es ihrer blühenden Phantasie zugeschrieben. Er selbst hatte nicht mehr daran gedacht, bis sie es erwähnte. Aus der heutigen Perspektive glaubte er ihr. Sie hatte wirklich mit Feen gespielt. Damals hatte er kaum zugehört, weil er sich mehr für Dinosaurier als für Feen interessiert hatte.

„Es kann also sein, dass Marie eine Verbindung zur Anderswelt hat. Vielleicht hat sie den Prinzen getroffen. Wir müssen mit ihr reden“, beharrte Jenny. „Vielleicht kennt sie aber auch Sven“, wehrte Josephine ab. Sie wollte die Kleine nicht hineinziehen. „Ich kenne keine Marie“, erklärte Sven entschieden. „Ihr müsst euch ja gar nicht persönlich kennen. Es reicht doch, wenn sie dich vom Sehen kennt.“

Jenny schüttelte den Kopf: „Warum sollte sie jemanden so detailliert zeichnen, den sie nur vom Sehen kennt? Entweder ist das hier ein riesiger Zufall, was ich ganz ehrlich für sehr unwahrscheinlich halte oder sie hat jemanden gezeichnet, den sie kennt und für passend hält, Schneewittchens Prinz zu sein.“

„Schatz, ich verstehe, dass du dich um die kleine Marie sorgst. Doch sie ist unsere einzige Spur. Wir müssen mit ihr sprechen. Der Zufall ist doch eindeutig zu groß, als dass da nicht was dran wäre.“ Dabei streichelte er liebevoll ihre Hand.

Josephine dachte eine Weile nach, dann traf sie eine Entscheidung. „Lasst uns doch einfach mal beim Spielplatz vorbei gehen. Vielleicht ist Marie ja auch dort. Ich würde gerne wissen, wie sie auf Sven reagiert. Wenn du sie siehst, erkennst du sie vielleicht wieder. Ihr wohnt ja auch nicht so weit weg vom Kindergarten.“

***

nächstes Kapitel

Es ist Freitag … Kindheitserinnerungen

Klein-Stephanie mit Oma Lore
Klein-Stephanie mit Oma Lore

Heute ist Freitag und früher war der Freitag unser Tag.

Freitags nach der Schule habt ihr mich abgeholt. Dafür seid ihr 100 km gefahren. Gemeinsam sind wir weitere knapp 50 km bis nach Bad Neuenahr ins Schwimmbad gefahren. Jede Woche, wenn nichts dazwischenkam. Ich durfte eine Freundin mitbringen. Abends habt ihr uns wieder nach Hause gebracht. Anschließend seid ihr selbst wieder die 100 km nach Hause gefahren.

Viele haben euch dafür für verrückt gehalten. Das war mir egal. Wir hatten viel Spaß an unseren Freitagen. Irgendwann hat es aufgehört. Das lag wahrscheinlich an mir … Pubertät und so …

Heute ist Freitag. Heute fahre ich die Strecke.

Gemeinsam mit meinem Mann und unseren zwei Töchtern, euren Ur-Enkelinnen fahre ich diese 100 km. Wir fahren nicht zu euch nach Hause, wie ich es früher so oft getan habe. Nicht dorthin, wo ich meine Ferien verbrachte. In die Wohnung mit dem Wintergarten und dem kleinen Fernseher auf dem ich so viele Filme und Serien gesehen habe, während Manfred mir so viele Stuten mit Nutella geschmiert hatte. Zuhause durfte ich abends keine Nutellabrote essen, aber bei euch war das etwas vollkommen anderes. Bei Großeltern gelten eben andere Regeln.

Ihr wart nie Oma und Opa, ihr wart Lore und Manfred. Später einfach nur MuH, wie ihr selbst Karten und Geschenke unterschrieben habt. Manfred und Hannelore. Für Oma und Opa wart ihr zu jung, habt ihr gesagt. Ja, ihr wart immer meine jungen Großeltern, doch irgendwann seit auch ihr älter geworden. Doch irgendwie habe ich euch nie als „alt“ gesehen, schließlich wart ihr irgendwann, die jungen Ur-Großeltern.

Wie haben aber nicht nur fern gesehen und Brote gegessen. Wir sind oft an den See gefahren, spazieren gegangen und Manfred hat mir ausmalen beigebracht. Es ging nicht nur darum, die Linien nicht zu übermalen, er zeigte mir, wie ich den Stift halten musste, damit gleichmäßige Flächen entstehen. Später wurden Manfred und ich zu Architekten. Lore schüttelte regelmäßig den Kopf über uns, aber wir waren ein gutes Team. Wir planten ein Nurdachhaus. Alles sollte in einen Raum, keine Wände, alles offen, nur die Toilette etwas diskreter. Endlose Diskussionen, zahlreiche Zeichnungen. Zur Umsetzung kam es nie, aber das hat uns nicht gestört.

Es ist Freitag und es wird Zeit Abschied zu nehmen.

Bereits Anfang des Jahres ging Lore von uns und bezog ihr neues Zuhause im Kolumbarium, eine alte entweihte Kirche mit offenem Dach, beinahe ein Nurdachhaus mit zahlreichen Nischen. Heute wird auch Manfred in seiner Urne seinen Platz in der Nische am Fenster bekommen. Dann seid ihr zwei wieder vereint, an dem Ort, an dem Manfred damals in den Kindergarten ging und eine Menge Blödsinn angestellt hat.

Heute ist Freitag. Das ist unser Tag und ich erinnere mich gerne zurück an viele glückliche Freitage und eine Menge Blödsinn.

Mit Freude Lernen – ein paar Tipps zum Schulanfang

Auswahl Erstlesebücher

Für zahlreiche Kinder war heute der erste Schultag (NRW). Mit klopfendem Herzen und einer Schultüte bewaffnet sind sie in einen neuen Lebensabschnitt gestartet. Eltern begleiten sie mit Hoffnungen, Sorgen und Erwartungen. Der erste Tag ist etwas Besonderes, alles ist neu und fremd. Werden die Lehrer und die anderen Kinder nett sein? Wird man neue Freunde finden? Der Alltag in der Schule ist vollkommen anders als im Kindergarten. Die Erwartungen der Kinder sind hier unterschiedlich, ebenso ihr Wissen über die Schule. Wer Geschwister hat, weiß meist ziemlich gut Bescheid, was einen erwartet. Genau wie die Kinder, haben auch die Eltern unterschiedliche Erwartungen.

Alle haben eins gemeinsam: Die Hoffnung auf eine gute Zeit!

Tipp 1: Neugier zulassen und fördern

Eine der besten, manchmal auch nervigen Eigenschaften von Kindern, ist ihre Neugier. Kinder sind Entdecker, haben eine Menge Fragen über die Welt und wollen viel wissen. Manche stellen sie lautstark, andere schweigen lieber. Einige erhalten geduldige Antworten, andere werden weggeschickt.

Neugier ist der beste Lehrmeister. Etwas wissen wollen, etwas ausprobieren, etwas lernen wollen. So macht lernen Freude. Es macht einfach Sinn, denn es ist ein ganz natürlicher Vorgang. Es beginnt mit einer interessanten Frage, worauf das Finden der Antwort folgt. Gelingt es, Kinder für Themen zu begeistern, kann Lernen sehr viel Spaß machen.

Warum soll lernen Spaß machen?

Ganz einfach: so funktioniert es. Jede Erfahrung, dir wir machen, wird von unserem Gehirn verarbeitet. Alles, was positiv bewertet ist, wird leichter gemerkt. Je mehr Freude und Interesse im Spiel ist, desto stärker sind die Gedächtnisspuren, die die neuen Informationen im Gehirn hinterlassen.

Wenn die Neugier geweckt ist, braucht es nur noch die richtigen Materialien und verständliche Antworten. Dies ist in unserem Schulsystem mit großen Klassen nicht immer möglich. Doch genau hier können Eltern unterstützen! Lasst Fragen zu, auch wenn ein mehrfach aufeinanderfolgendes Warum nervt. Signalisiert, dass es grundsätzlich in Ordnung ist Fragen zu stellen. Dann ist es auch kein Problem, mal zu sagen: „Darüber sprechen wir ein anderes Mal.“

Tipp 2: Höre zu, zeig Interesse

Hört euren Kindern zu, wenn sie etwas zu erzählen haben. Nicht alle Themen in der Schule sind gleich spannend, aber bei der großen Themenvielfalt dürfte für jeden irgendwann auch was Spannendes dabei sein. Wer etwas mit Interesse gelernt hat, mag sein Wissen vielleicht auch mit anderen teilen.

5 Gründe, neugierigen Lernen zu zuhören:

  1. Du zeigst deinem Kind, dass es dir wichtig ist und du es als Schulkind ernst nimmst.
  2. Vertiefen sich die Gedächtnisspuren und das Gelernte wird besser behalten.
  3. Ergeben sich vielleicht weitere Fragen, denen freiwillig weiter nachgegangen wird, vielleicht gemeinsam.
  4. Bleibt die Freude am Lernen erhalten.
  5. Du könntest selbst noch etwas lernen.

Nur eine Bitte: Dränge dein Kind nicht, etwas zu erzählen. „Wie war es in der Schule“ kann eine ebenso nervige Frage sein, wie das kindliche „Warum?“. Hier gilt es sensibel den richtigen Weg für jedes Kind zu finden.

Tipp 3: Lernen für den Alltag

Lesen, Schreiben und Rechnen sind Fähigkeiten, die wir in unserem täglichen Leben brauchen. Daher ist es sinnvoll, die Kinder diese Fähigkeiten auch außerhalb der Schule anwenden zu lassen. Zählen, rechen und schreiben. Dazu ergeben sich vielfältige Möglichkeiten, ohne spezielle Fördermaterialien in die Hand zu nehmen. Nutzt sie!

Der Klassiker der Schreibaufgabe ist den Einkaufszettel oder eine kurze Notiz schreiben zu lassen. Inzwischen machen viele das am Smartphone. Ist ein Schulanfänger im Haus, ist es sinnvoll altmodische Notizzettel wieder im Alltag zu nutzen. Jede geschriebene Notiz ist ein Erfolg. Jedes geschriebene Wort, das wichtig ist und nicht bloß eine Hausaufgabe, verleiht dem Schreiben lernen Sinn.

Wird von digitalen Notizzetteln auf Papier umgestellt, ist es wichtig mit dem Kind zu besprechen, warum dies gemacht wird. Welcher Sinn dahinter steckt, so dass das Kind helfen kann. Natürlich könnte das Kind auch die Apps bedienen, ein Smartphone ist dem Kind sicher nicht fremd. Doch gerade beim Schreiben lernen ist es wichtig aktiv mit der Hand zu und frei von kreativer Autokorrektur zu schreiben.

Tipp 3: Lesefreude

Bücher endlich selbst lesen zu können, kann ein großartiges Gefühl sein. Die beste Grundvoraussetzung für dieses Gefühl ist ein vertrauter Umgang mit Büchern. Gemeinsam Bücher anschauen, vorlesen, Geschichten entdecken. All das macht Lust, selbst lesen zu können. Eltern, die selbst lesen, sind Vorbilder, die zeigen: Lesen macht Spaß. Ein Kind, dass etwas tun kann, was die Eltern häufig machen, fühlt sich groß, ein bisschen erwachsen.

Lesen lernen ist eine komplexe Angelegenheit, die manchen schneller, anderen langsamer gelingt. Es braucht Zeit und viel Geduld. Hilfreich ist es hier anstatt „Wir müssen noch lesen üben“ zu sagen: „Lass uns ein wenig zusammen lesen“. Es gibt ein unglaublich vielfältiges Angebot an Erstlesebüchern. Geschichten zu den verschiedensten Themen. Büchereien bieten hier auch eine gute Auswahl an. Große klar erkennbare Buchstaben, kleine Abschnitte und bunte Bilder. Ein Buch muss dazu einladen, die Geschichte zu entdecken.

Eine schöne Methode zur Lesemotivation kann sein, dass die Kinder ein kleines Stück lesen, was anfangs harte Arbeit bedeutet und anschließend Mama oder Papa ein Stück übernehmen, bei dem einfach entspannt zugehört werden kann. Hierzu gibt es eine eigene Buchreihe „Erst ich ein Stück dann du“, aber das kann auch mit jeder anderen Geschichte so gemacht werden.

Wichtig ist es, sich eine schöne Geschichte zu erlesen, Erfolge zu erleben und Freude am lesen zu entwickeln. Das wünsche ich jedem einzelnen Kind! Auch für Eltern können das sehr schöne gemeinsame Momente werden. Für Kathi ist ihr erstes eigenes selbst gelesenes Buch eine besondere Kindheitserinnerung, ebenso das Buch „Zaubern mit der Zahlenfee“, welches im Text Bilder zum mitlesen enthält.

Tipp 5: Gelassenheit

Der wahrscheinlich wichtigste Tipp für Eltern: Geh gelassen an das Thema Schule. Am ersten Schultag muss sich noch niemand für einen Studiengang bewerben und der Doktortitel ist noch eine Utopie. Es muss auch nicht jeder studieren oder gar ein Abitur machen. Ein Irrglaube, der sich in vielen Elternköpfen festgesetzt hat, dass ausschließlich so, ein gutes Leben möglich sei. Ein guter Realschulabschluss kann mehr wert sein, als ein schlechtes Abitur. Nicht jedes Kind kann und will sich noch weiter mit Theorien plagen und ein Studium beginnen. Eine praxisnahe Berufsausbildung ist möglicherweise der idealere Weg zu einem zufriedenen Leben. Dafür ist es am ersten Schultag aber definitiv zu früh, das zeigt sich im Laufe der Schulzeit.

Kinder sind noch immer Kinder und das sollen sie bitte noch so lange wir möglich sein.

Sie sollen Blödsinn machen, Fehler machen dürfen und durch Erfahrungen lernen. Entwicklung braucht Freiraum. Der Ernst des Lebens beginnt nicht mit der Schule, dafür ist später noch Zeit!

In diesem Sinne wünsche ich allen Kindern, ihren Eltern und Lehrern, einen guten Start in der Schule! 

Früher war „alles besser“ und vor allem anders

Das Haus in der Spielstraße

Das Haus in der Spielstraße

Es war einmal ein kleines Mädchen. Sie wuchs in einer Reihenhaussiedlung mit Spielstraße auf. Ihre Familie gehörte zur ersten Generation, die in diese Straße zog. So ergab es sich, dass viele Kinder in einem ähnlichen Alter auf derselben Straße wohnten. Die Kinder waren sehr verschiedenen, aber das stört kleine Kinder nicht. Sie spielen trotzdem zusammen.

Es wurde viel Zeit draußen verbracht. Man fuhr Rollschuh, spielte mit dem Ball, sprang Springseil, malte mit Kreide oder spielte fangen und verstecken. Es gab ein klar definiertes Gebiet in dem man sich aufhalten durfte, in Rufweite bleiben hieß das. Man wohnte eng beieinander und so galten dieselben Regeln für alle, zumindest fast. Der Kaugummiautomat befand sich hinter der Grenze, aber nicht für alle …

So vergingen die Tage, Woche, Monate, Jahre. Die Kinder wurden älter und änderten sich. Interessen änderten sich und Freundschaften außerhalb der Straße wurden geschlossen.

Das kleine Mädchen entdeckte etwas neues für sich: die Welt der Bücher. Es wurden schnell sehr viele Bücher, denn die alten Bücher von Mama und Papa wurden hervorgeholt und ins Regal gestellt. Sie verbrachte immer mehr Zeit drinnen, wurde zum Stubenhocker und war zufrieden damit. Irgendwann merkte sie, dass der Winter vorbei und während es draußen wieder schön war, die anderen weiterhin draußen spielten. Sollte sie raus gehen?

Ab und zu, aber immer seltener, das war nicht mehr ihre Welt. Natürlich gab es immer mal Streit zwischen den Kindern der Spielstraße, aber es gab keinen finalen bösen Streit, der ihre Freundschaft beendet hätte, es endete einfach.

Noch lange spielte eine kleine Gruppe draußen am Ende der Spielstraße. Es kamen andere Kinder dazu. Sie hatten Spaß beim Rollerhockey. Das Mädchen wäre gerne mal wieder mit nach draußen gegangen, hatte aber keine Rollerblades und den Anschluss verloren. Jahre später erfuhr sie, dass ein Mädchen von der Straße nicht nur Rollerhockey gespielt hat. Irgendwann muss sie mit Eishockey angefangen haben, denn sie hatte es in den Nationalkader für Olympia geschafft. Sie schaute das Spiel im Fernsehen, verstand nichts und starrte nur auf die Rückennummern, um einen Blick auf die Freundin aus Kindheitstagen zu erhaschen.

Als das Mädchen Anfang 20 war, traf sie einen der Freunde wieder. Sie erkannte ihn im ersten Moment nicht, es war viel Zeit vergangen und der Anlass ein trauriger. Es war die Beerdigung einer gemeinsamen Freundin, viel zu früh verstorben.

Inzwischen wohnen auch die Eltern der Kinder alle nicht mehr auf der Spielstraße. Die Häuser sind verkauft, andere Kinder spielen dort. Vielleicht spielen sie dieselben Spiele wie in den 80ern, fahren Inliner, satt Rollschuhe.

Die Kinder von damals kannten keine Smartphones. Sie kannten aber Fernseher und eines der Kinder hatte sogar ein Premiere-Abo (Vorgänger von Sky und das Netflix der 80er). Denn auch auf der Spielstraße schien nicht immer die Sonne, man verbrachte auch Zeit drinnen und dort spielte man nicht immer kreativ mit pädagogisch wertvollem Spielzeug.

Auch draußen wurde sich nicht immer sportlich betätigt, manchmal hockte man auch einfach nur beisammen, quatschte oder spielte Spiele, bei denen man sich nicht bewegen musste. Und gar nicht so selten langweilte man sich gemeinsam. regelmäßig kam das Mädchen von gegenüber klingeln, dann war man schon mal zu zweit. Und dann? Dann war da die Frage, was machen wir jetzt. Auf diese Frage gab es nicht immer eine Antwort, aber eine klare Regel, wer zuerst gefragt hat, muss nicht antworten.

Aus dem Mädchen von damals, dem Stubenhocker und Bücherwurm ist ein kleiner Komet geworden. Auch heute triffst du sie eher selten beim Sport oder in der Disko an. Draußen unterwegs hat sie immer ein Buch dabei.

Inzwischen ist ihre Welt viel größer geworden als die kleine Spielstraße von damals mit dem Kaugummiautomaten hinter der Grenze. Die Welt ist grenzenlos und die Menschen um sie herum so vielfältig. Was wäre gewesen, wenn das kleine Mädchen von damals schon früher Zugang zum Internet gehabt hätte, Kontakt zu anderen Bücherwürmern?

Heute gibt es diese Möglichkeiten und Eltern sehnen sich zurück nach der behüteten Spielstraße. Vielleicht müssen Eltern etwas ähnliches machen, wie die Eltern damals, als die Kinder in Rufweite spielten. So könnten sie ihre Kinder „in Rufweite“ durch das Netz begleiten und die Grenzen nach und nach erweitern. Zunächst gemeinsam, dann im Beisein. Nach und nach alleine mit klaren Regeln, welche Apps genutzt und welche Seiten besucht werden dürfen.

Was ist mit ausreichend Bewegung? Das Mädchen von der Spielstraße hatte kein Smartphone, nur Bücher, die sie von der Bewegung abhielten. Das andere Mädchen, das es zu Olympia geschafft hat, hätte ihren Weg zum Sport auch in der heutigen Zeit gefunden. Lange stillsitzen war nicht ihr Ding und sie hatte viel Spaß an Bewegung.

Heute ist alles gar nicht so anders, es gibt mehr Möglichkeiten!

Das Mädchen und ihre Bücher (leider schlechte Qualität, da von einem Papierbild abfotografiert)


Diese Erinnerungen beruhen auf wahren Erlebnissen, sind etwas überspitzt dargestellt und die Erinnerungen eventuell etwas verzerrt.

Sollte einer der Freunde von der Spielstraße dies lesen, seid herzlich gegrüßt, ich habe euch alle noch in guter Erinnerung!!!