Netzwerken – Nach Online wieder in Präsenz

Netzwerken auf der Social Bar Bonn
Social Bar Bonn vom 13. Juni 2022, moderiert von Ute Lange, u.a. mit Saskia

Menschen kennen lernen geht doch am besten persönlich, von Angesicht mit Menschen mit Unterkörpern.

Diesen Ausdruck mit den Unterkörpern prägte Ute Lange auf der 60. Social Bar Bonn, die wieder in Präsenz stattfand. Die 61. Social Bar inspirierte mich zu diesem Beitrag. Warum ich dieses Narrativ nicht teile und was wir in Präsenz von Onlineevents beim Netzwerken lernen können, möchte ich euch gerne erzählen.

Ins Gespräch kommen auf Veranstaltungen

Es gibt Menschen, denen es leicht fällt auf andere zuzugehen, sie kennen zu lernen und diese Kontakte dann auch aufrecht zu halten. Ich gehöre nicht dazu. Schon als Kind war ich extrem schüchtern. Wenn das Setting stimmt, fällt es mir leichter. Zum Beispiel auf BarCamps, wo eine lockere Dutzatmosphäre herrscht und viele einfach auch sehr offen sind und es leichter fällt, in ein Gespräch zu kommen. Was mir hilft ist der zwanglose Beginn bei Häppchen an Stehtischen. Sich einfach dazustellen, freundlich „Hallo“ sagen und nach der Motivation fragen, mit der die Menschen hier sind. Viele fangen dann an zu erzählen. Auf einer Veranstaltung habe ich das mal als extrem anstrengend erlebt. Dann bleibt einem immer noch das Häppchen oder Wasserglas und ein freundliches Lächeln.

Netzwerken auf Online-Events

Online gibt es keine Stehtische an die man sich dazustellen kann. Man kann nicht einfach rumlaufen, lächeln und ein Gespräch anfangen. Das steckt vermutlich hinter dem einleitenden Narrativ, welches ich nicht teile.

In den Anfängen der Pandemie wurde am Ende vieler Online-Events gesagt, es sei schön gewesen, man vermisse aber die zwanglosen Gespräche in den Pausen und wünsche sich mehr Austausch. In den letzten Monaten wurde viel ausprobiert und ich habe inzwischen einige Events erlebt, die eine gute Mischung aus Vorträgen und Austausch bieten. Außerdem gibt es Veranstaltungen, die den Fokus auf den Austausch legen und hier habe ich bereits zu Beginn der Pandemie tolle Erfahrungen gemacht.

Das Gefühl von Nähe kann auch von Bildschirm zu Bildschirm entstehen. Oft hörte ich erstaunte Sätze, wie leicht es gewesen sei, sich zu öffnen, Persönliches mit völlig Fremden zu teilen.

Hilfreiche „Onlinetechniken“

Videokonferenztools haben die wunderbare Möglichkeit, es uns abzunehmen, aktiv auf Menschen zuzugehen. Wir werden einfach per Zufall zusammen gewürfelt. Seien es in Zoom die Breakout-Sessions oder „BlindDate-Tools“, die sich in verschiedene Konferenzsysteme integrieren lassen.

Was ich sehr zu schätzen gelernt habe ist mit einer Impulsfrage in die zufälligen Kleingruppen geschickt zu werden. Statt „was machst du“ und „woher kommst du“, gab es ein Thema, über das wir sprechen konnten. So entstanden oft tiefsinnige Gespräche mit Menschen über die man nicht viel wusste. Das habe ich als sehr angenehm empfunden. Manchmal bin ich auch Menschen begegnet, bei denen ich gemerkt habe, die ticken auf einer völlig anderen Wellenlänge als ich, das passt nicht gut, was aber kein Problem war, denn die Zeit ist ja begrenzt. So wird einem auch abgenommen, sich höflich zu verabschieden. Man wird einfach wieder zurück in den Hauptraum katapultiert. Manchmal ist das auch echt brutal.

Im Chatroulette gibt es meist keine Frage. Da die andere Person sich aber ebenfalls bewusst für das Tool entschieden hat, wissen wir immerhin schon mal, dass sie ebenfalls Interesse hat, jemanden kennen zu lernen. Hier passt es oft gut mit Vorstellungsfragen zu starten oder direkt zu fragen, wie das Event gefällt, welche Themen besonders interessant waren oder welche Sessions das Gegenüber besucht hat.

Eine andere Alternative sind offene Räume, die oft Kaffeeküchen genannt werden. Diese sind ein Angebot für offenen Austausch, analog zu Präsenzveranstaltungen. Je nach Tool befindet man sich direkt in einer Videokonferenz (z.B. Link zu einem Zoom-Raum) oder bewegt sich aktiv auf eine Gruppe zu (z.B. in Wonder.Me), die bereits zusammen steht. Es kann dabei Vor- und Nachteile haben, wenn man sieht, wer dort bereits „zusammensteht“.

Wenn man weiß, mit wem man gerne ins Gespräch kommen möchte, gibt es sowohl online, als auch in Präsenz Möglichkeiten aufeinander zuzugehen. Mir geht es in diesem Beitrag eher um die Variante, einfach mal neue interessante Menschen kennen zu lernen.

61. Social Bar im Makerspace

Nachdem ich beim letzten Mal knapp pünktlich gekommen bin, gehörte ich diesmal zu den ersten vor Ort. Nur ein bekanntes Gesicht war neben den Organisator*innen vor Ort. Wir unterhielten uns und suchten uns einen Platz. Nach und nach füllte sich der Raum, wir kamen auch mit anderen ins Gespräch, alles ganz entspannt.

Dann kam der Moment der Pause „Ihr habt jetzt Zeit zum Netzwerken“.

Ich sah mich im Raum um. Es war voll geworden. Viele Menschen auf engem Raum fühlt sich für mich noch komisch an. Schnell sammelte sich eine Gruppe am kleinen Snack-Buffet. Ein vollkommen normales Verhalten auf Veranstaltungen, sich ein Getränk zu holen und dort ins Gespräch zu kommen. Mir war es dort zu voll und ich blieb erstmal sitzen.

Dann stellte ich fest, dass die schüchterne Stephanie zurück war. Hatte ich zu Anfang noch ganz ungezwungen mit den Menschen geplaudert, die dazu gekommen waren, fiel es mir jetzt schwer, ein Gespräch anzufangen. Ich war alleine in einer großen Gruppe Menschen. Das fühlte sich nicht unangenehm an, war ok.

Dann kam jemand auf mich zu, wir begannen zu plaudern und plötzlich waren wir zu viert. Das war schön und interessant. Die Schüchternheit blieb und ich hielt mich im Gespräch eher zurück, ebenso im Gespräch auf dem Bahnsteig. Ich fühlte mich klein und unbedeutend. Dabei war das Gespräch, dass die anderen führten sehr interessant, hin und wieder stellte ich eine Frage.

Als ich abends wieder Zuhause war, dachte ich darüber nach, was ich erlebt und beobachtet hatte. Viele hatten das Bedürfnis mit bestimmten Personen ein Gespräch zu beginnen, gingen gezielt auf diese zu. Einige sprachen einfach ein wenig mit denen, mit denen sie zufällig zusammen standen. Anderen fiel es schwerer.

Learnings

Natürlich könnten Veranstalter*innen sich Gedanken machen, was wir aus den Onlineangeboten lernen können. Sich kreative Angebote für Schüchterne ausdenken, um Netzwerken zu erleichtern. Ich glaube das wird es auch auf dem ein oder anderen Event geben.

Welche Strategien können wir im freien Netzwerken nutzen?

Dazustellen

Die eingangs erwähnte, dazustellen und freundlich Lächeln Methode kann ich auf jeden Fall empfehlen. Ein freundliches „Darf ich mich dazustellen?“ beginnt ein Gespräch oder hilft zumindest dabei, sich nicht unwohl zu fühlen. Dies ist besonders leicht, wenn es darum geht sich um Stehtische zu gruppieren, um einen Teller, ein Glas oder eine Kaffeetasse abzustellen. Wenn es passt, bring dich ins Gespräch ein. Manchmal beziehen die anderen dich auch ein.

Hör bei der Vorstellungsrunde zu

Oft sitzen wir bei der Vorstellungsrunde und gehen im Kopf durch, was wir gleich sagen wollen. Verwende nicht zu viel Energie darauf, hör lieber zu. Wer könnte interessant für ein Gespräch sein? Auf diese Person gehst du später zu. Vielleicht kannst du das Gespräch auch mit einem Anknüpfungspunkt aus der Vorstellungsrunde eröffnen Was hat dich neugierig gemacht? Welche Gemeinsamkeit hast du vielleicht entdeckt?

Räumliche Nähe

Niemand beamt dich in Präsenz in eine virtuelle Kleingruppe. Wohin tragen dich deine Füße? Zum Bufett? Zu einem interessanten Objekt im Raum? Lächle und sag freundlich „Hallo“ zu der Person, die neben dir steht.

Ihr habt beide eine Gemeinsamkeit, ihr seid auf derselben Veranstaltung. Damit kannst du ein Gespräch anfangen, ebenso mit dem, was ihr bereits gehört habt. Es gibt gemeinsame Themen, jetzt hast du die Chance, dich darüber mit jemandem auszutauschen. Auch wenn es keine Impulsfrage gibt.

Fragen

Als ich abends so darüber nachsann, warum es mir so schwer gefallen war, selbst ein Gespräch anzufangen, wurden mir zwei Dinge bewusst. Ich war in ein altes Verhaltensmuster zurück gefallen, schüchtern abzuwarten und mich am Rand aufzuhalten, wo ich mich wohl fühlte.

Dann schalt ich mich selbst, nicht für das Aufhalten am Rand, das hatte auch viel mit der Pandemie zu tun, die ja noch nicht weg ist.

Stell Fragen, dass ist deine Kernkompetenz.

Mein Vorwurf an mich selbst.

Online Netzwerken mit Impulsfragen ist so wunderbar einfach gewesen? Dann stell gute Fragen! Stell Fragen zum Kontext in dem ihr euch befindet. Wie hast du das erlebt? Was denkst du darüber? Aus der Antwort ergibt sich eine weiter Frage oder du bekommst eine Frage zurück. Schon bist du mitten im Gespräch.

Netzwerken

Egal in welchem Kontext wir uns befinden. Wenn wir freundliche Signale aussenden, können wir mit anderen Menschen in ein Gespräch kommen. Das mag schwer fallen, geht aber sicher nicht nur dir so. Ich war dankbar, als ich auf der Social Bar angesprochen wurde. Vielleicht machst du jemanden eine Freude, wenn du ein Gespräch beginnst.

Irgendwann im Gespräch können Kontaktdaten ausgetauscht werden. Man vernetzt sich meist über Social Media. Hier habe ich eine Veränderung weg von Twitter beobachtet. Viele sind an LinkedIn interessiert, Instagram funktioniert auch ganz gut. Oder es wird die klassische Visitenkarte wird ausgetauscht.

Was dann folgt ist ein anderes Thema, denn beim Netzwerken geht es nicht nur darum Kontakte zu sammeln, sondern auch in Kontakt zu bleiben. Dabei gibt es dann ganz andere Herausforderungen.

Was hilft dir ins Gespräch zu kommen? Wie gelingt es dir, Kontakte zu knüpfen und diese auszubauen?
Wie fällt es dir leichter in Kontakt mit anderen zu kommen, in Präsenz oder Online, frei oder mit Impulsfragen?

Sonntagsgeschichte Kapitel 34 – unangenehme Fragen

Dies ist das 34. Kapitel des Blogromans.

Das erste Kapitel findest du hier, du kannst auch von Kapitel zu Kapitel blättern.

letztes Kapitel

Nach dem Hauptgang standen einige Familienmitglieder auf, setzen sich um und suchten das Gespräch. Jenny verschwand ebenfalls, um mit einem attraktiven Cousin zu plaudern. Da legte sich eine schwere Hand auf Josephines Schulter. „So, Mädchen, dann erzähl dem Onkel mal ein bisschen was von dir.“ Er blickte sie von Jennys Platz aus erwartungsvoll an. Während sie sich ihm zuwandte, gab Sven ihr von hinten die benötigte Erklärung über den unerwarteten Gesprächspartner. „Onkel Herbert, wie nett, dass du dich zu uns gesellst.“ Der Onkel lächelte seinem Neffen zu und erwiderte mit einem merkwürdigen Unterton: „Ich muss doch deine neue Freundin kennen lernen und sehen, ob sie gut genug für dich ist.“ Sven lachte und fragte frech: „Wer hat dich denn geprüft, bevor du Tante Mathilde geheiratet hast?“

„Zu schade, dass deine Tante Mathilde heute nicht mehr bei uns sein kann.“ Der Onkel setzte ein trauriges Gesicht auf, das nicht wirklich traurig wirkte. Erst später verstand Josephine diese Reaktion, als Sven ihr erklärte, dass Onkel Herbert das Geld seiner Frau mehr geliebt hatte, als ihre Person. Dabei sei die Schwester von Svens Vater eine sehr warmherzige und auch sehr beliebte Frau gewesen, bis sie mit Mitte vierzig plötzlich erkrankte. Die Aussicht, dass sie die Aquilaburg mit den angrenzenden Ländereien erben würde, hatte ihm gut gefallen. Nun, da der Vater seine Tochter überlebt hatte und sich auch noch bester Gesundheit erfreute, war der kinderlose Witwer aus der Erbfolge ausgenommen. „Ja, der Krebs ist schon eine böse Sache. Aber nun zu dir, junge Dame.“ Er tätschelte Josephine vertraulich das Knie. Sie zuckte zurück und rückte näher an Sven, der ihr liebevoll den Arm um die Schulter legte. „Josephine hat genau wie ich dieses Jahr ihr Abitur gemacht.“ Der Onkel nickte zufrieden. „Eine gute Bildung ist heute ein wichtiger Grundstein für die Zukunft. Und welches Fach wirst du studieren?“, fragte er neugierig weiter. „Ich werde dieses Jahr noch nicht studieren“, erklärte Josephine freundlich. Noch immer nervten sie die Fragen nach ihren Zukunftsplänen. Sie war zufrieden mit ihrer aktuellen Situation, erholte sich von ihrem Lernstress und das würde auch gut klappen, käme nicht immer von verschiedenen Seiten Kritik an ihrer Entscheidung. „So, so“, brummelte Herbert. „Was machst du denn dann? Faulenzen?“
„Nein“, erwiderte sie bestimmt. „Ich engagiere mich ehrenamtlich in einem Kindergarten.“
„So, so.“ Schon wieder. Josephine unterdrückte einen Seufzer, konnte sich ein Augenrollen aber nicht verkneifen. Er sah es nicht und fuhr mit seinem Verhör fort. „Und wovon lebst du dann? Ehrenamt ist ja gut und schön, aber es macht nicht satt.“ Wie oft hatte sie das in letzter Zeit schon gehört? Sie wusste es nicht. Dabei war es gar nicht mehr so ungewöhnlich, nach dem Abitur, ein Jahr Pause zu machen. Wäre sie ins Ausland gegangen, hätten das alle mehr akzeptiert, als ihre Tätigkeit im Kindergarten vorzulesen. Über ihre Treffen mit Johanna in der Anderswelt konnte sie Herbert schlecht berichten. Mit Lore könnte sie vielleicht darüber sprechen, wenn es ihr gelang, sie einen Moment alleine zu erwischen. Heute Abend würde Jenny dabei sein. Sie ließ den Blick auf der Suche nach Svens Schwester durch den Saal wandern. War der attraktive junge Mann wirklich ihr Cousin? Sie schienen sich auf jeden Fall bestens zu verstehen.

„Was machen denn deine Eltern“, nahm Onkel Herbert sein Verhör erneut auf. Doch da griff Sven ein: „Das geht dich wirklich nichts an“, wies er seinen Onkel zurecht. Dieser empörte sich, er würde doch lediglich freundliche Konversation betreiben und die junge Dame an der Seite seines Neffen kennen lernen. Jenny kehrte am Arm des Cousin zurück. Den Onkel ignorierend stellte sie Josephine dem Jungen vor. „Das hier ist Lukas. Er ist der Sohn von …, ach vergiss die komplizierte Familienstruktur. Großtante Lore, die dir gegenüber sitzt, ist seine Großmutter, was ihn zu einem entfernten Cousin von mir macht. In unserer Kindheit waren wir die ungleichen Zwillinge, ein Alter, aber ansonsten völlig verschieden.“ Das stimmte, seine Verwandtschaft mit Lore war eindeutig, noch deutlicher die Ähnlichkeit mit der jungen blonden Version der älteren Dame, die Josephine durch den Flimmerschein gesehen hatte. Sie versuchte auch Lukas durch den Flimmer zu sehen, doch er veränderte sich nicht. Er beugte sich zu ihr hinunter, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. „Du kannst blinzeln, wie du willst, an mir ist alles echt, kein Schein, kein Flimmer.“ Zwinkernd richtete er sich wieder auf und amüsierte sich über ihr überraschtes Gesicht. „Der Nachtisch kommt, wir sehen uns heute Abend, wenn wir mit Großmutter hinaus gehen.“

Verblüfft starrte Josephine ihm nach. Jenny hatte Herbert von ihrem Platz verscheucht und stieß Josephine belustigt an. „Lukas sieht schon verdammt gut aus, was?“, flüsterte sie. „Pass bloß auf, dass mein Brüderchen nicht eifersüchtig wird, wenn du ihm so nachstarrst.“

Josephine wurde rot und drehte sich wieder um. Ihre Reaktion wurde zum Glück nicht bemerkt, da alle vom Nachtisch abgelenkt waren, der gerade serviert wurde: Schokoladencréme mit frischen Früchten.

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nächstes Kapitel

Sonntagsgeschichte Kapitel 33 – Familie

Dies ist das 33. Kapitel des Blogromans.

Das erste Kapitel findest du hier, du kannst auch von Kapitel zu Kapitel blättern.

letztes Kapitel

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Lächeln, Namen hören, Hände schütteln, Namen wieder vergessen. So ließ Josephine sich von Sven durch den Saal führen, seiner Familie als seine neue Freundin vorstellen. Sie hasste es, lächelte tapfer weiter und vergaß alle Namen wieder. Endlich durfte sie Platz nehmen. Zwischen Sven und seiner Schwester Jenny fühlte sie sich wohler. So waren sie wenige Stunden zuvor im Auto hier angekommen. Es fühlte sich für sie an, als wäre die Ankunft schon ewig her. Allein der Gang durch den Saal hatte sich ewig angefühlt. Dabei hatte sie nur etwa 20 Personen kennen gelernt. Morgen zu den großen Feier würden noch viel mehr Gäste anreisen. Ein Herr in schwarzem Frack bot ihr Wein an. Die Auswahl überforderte sie und so blieb sie lieber bei Wasser. Noch immer fühlte sie sich ein wenig benebelt vom Schlaf in der Bibliothek, konnte sich nicht erinnern, eingeschlafen zu sein.

Ihr gegenüber saß eine ältere Dame, die ihr freundlich zulächelte. Josephine nahm sich die Zeit, sie genauer in Augenschein zu nehmen. Wer die freundliche Dame war, wusste sie nicht mehr. Sie war schlank und trug ein elegantes fliederfarbenes Spitzenkleid. Ihr Haar war silbern und noch erstaunlich dicht. Das Alter war schwer zu schätzen, einige Falten zeichneten ihre Lebenserfahrung. Eine Strähne fiel ihr ins Gesicht, während das restliche Haar zu einem dicken Zopf um ihren Kopf gewunden war. Die Dame wandte den Kopf zur Seite und Josephine erkannte die Haarspange. War es überhaupt eine Spange? „Lametta“, hauchte sie überrascht, blickte genauer hin und erkannte, dass die Spange ihrer kleinen Lilling-Freundin nur sehr ähnlich sah, aber doch nur eine Spange war. Da zwinkerte ihr die Spange zu und grinste frech. Doch keine Spange, sondern ein Lilling. „Lucinda, mein Name, erfreut dich kennen zu lernen.“ Bemüht nicht weiter zu starren, erwiderte Josephine den Gruß. „Ich bin Josephine, es freut mich Deine Bekanntschaft zu machen.“ Da wandte sich die Dame ihr wieder zu. „Namen kann ich mir auch schlecht merken. Ich bin erfreut über deine Tischgesellschaft. Lore, mein Name, die Schwester des Grafen. Jüngere Schwester, will ich meinen.“ Sie zwinkerte und strich sich durch das Haar. Dabei berührte sie Lucinda, die ihr sanft auf den Finger klopfte. Beide zwinkerten sie Josephine zu. Dann begann Lore ihr noch einmal die Familienmitglieder bei Tisch vorzustellen, doch das Mädchen hörte schon gar nicht mehr zu.

Lore hatte die Situation gerettet. Wie hatte sie umgeben von so vielen mit einem Lilling sprechen können? Doch noch viel spannender war die Frage, wer war Lore und in welcher Verbindung stand sie zur Anderswelt. Ob sie ihr weiter helfen konnte? Kannte Svens Großvater möglicherweise auch die Anderswelt? Hatte er ebenfalls eine Verbindung und in ihr etwas erkannt? So viele Fragen, aber das Abendessen war ein sehr schlechter Zeitpunkt, um sie zu stellen. Sie lächelte Lore zu, versuchte ihr aufmerksam zuzuhören, was ihr leidlich gelang. Die Luft um die ältere Dame flimmerte. Josephine erblickte durch den Schleier eine junge Frau mit langem blonden Haar. Das fliederfarbene Kleid blieb, Lucinda saß noch immer wie eine Haarspange auf dem blonden Haar. Josephine blinzelte und sah erneut Lore vor sich sitzen. „Es wäre mir eine Freude, wenn du mich nach dem Essen kurz an die frische Luft begleiten würdest, mein Kind. Jeden Abend gehe ich vor dem Schlafen noch einmal hinaus. Heute wäre mir nach ein wenig Gesellschaft dabei.“

„Sehr gerne“, freute sich Josephine über die sich bietende Gelegenheit. „Oh, Tante Lore, ich begleite euch beide sehr gerne“, mischte sich Jenny in das Gespräch ein. Lore nickte und als Jenny sich bereits wieder einem anderen Gespräch widmete warf sie Josephine einen verschwörerischen Blick zu. Sie würde eine andere Gelegenheit finden, in Ruhe zu sprechen.

***

nächstes Kapitel

Loslassen und nicht zu schnell urteilen

House of Ghosts - Pension des Grauens - Frank M. Reifenberg

House of Ghosts – Pension des Grauens – Frank M. Reifenberg

Im dritten Band der „House of Ghosts“ Reihe von Frank M. Reifenberg ist eine Menge los. Aus der uralten Villa hat Mellis Mutter eine Pension gezaubert und die Eröffnung steht kurz bevor.

Lebendige Gäste …

Zur Eröffnung werden auch bereits die ersten Gäste erwartet. Gäste, die in der Pension übernachten und Gäste aus dem Dorf, um die Eröffnung zu feiern. Bereits am Tag vor der Eröffnung reist Professor Schnöcks an. Sein Forschungsgebiet: Geister und Spukgeschichten.

Das macht Melli und ihren Freund Hotte natürlich nervös, hüten die beiden doch ein Geheimnis, von dem nicht einmal Mellis Familie etwas weiß …

… und verstorbene Gäste

Kaum ist der Geisterforscher zu Besuch, tauchen auch zahlreiche Geister im Hause auf … Wie sollen Hotte und Melli so das Geheimnis bewahren? Wie können sie den Forscher aufhalten?

Loslassen

Mit dem Tod endet das Leben. Diese Endgültigkeit ist schwer zu fassen. Was danach geschieht, weiß niemand. Je nach Glauben, haben wir eventuell bestimmte Vorstellungen. Nur über eines gibt es Gewissheit: Der Tod ist ein endgültiger Abschied vom Leben. Manche Menschen wissen bereits, dass sie sterben werden, wenn sie schwer krank sind. Sie haben die Möglichkeit sich zu verabschieden und auf den Tod vorzubereiten. Dies kann schön und hilfreich sein, aber auch Angst machen. Viele sagen, es soll bitte schnell gehen und ohne Vorwarnung passieren. Ich hatte selbst bereits zwei Mal die Gelegenheit mich zu verabschieden. Einmal war es ein definitiver Abschied, der Tod trat in der darauffolgenden Nacht ein. Es war ein ergreifender Moment, den ich für immer in Erinnerung behalte. Beim zweiten Abschied schwang noch ein Hauch von Hoffnung auf ein Wiedersehen mit. Als ich zwei Tage später vom Tod erfuhr, war ich einfach nur glücklich darüber, noch hingefahren zu sein.

Loslassen müssen wir auf beiden Seiten, derjenige, der geht und diejenigen, die zurück bleiben. Es ist kein schönes und vor allem kein leichtes Thema. Dennoch ein Thema, das zum Leben dazu gehört. Auch Kinder sind vor dem Tod nicht beschützt. Auch sie müssen erleben, wie Menschen aus der Familie oder Bekannte sterben, verstehen und Abschied nehmen.

Die „House of Ghosts“ Reihe befasst sich mit einer guten Distanz mit dem Thema Tod und dem Loslassen. Die Geister sind keine geliebten Verwandten, geistern schon lange umher, auf der Suche nach Erlösung. Etwas hält sie noch zurück, erlaubt es ihnen noch nicht los zu lassen und hinüber zu gehen. Melli, gerade mal elf Jahre alt, hilft den Geistern und auch den Lesern und Leserinnen dabei den Tod zu akzeptieren.

Urteile nicht vorschnell

Herr Schnöcks brauchte genau eine Zehntelsekunde, um mich von drei Dingen zu überzeugen: Er mochte mich nicht, ich mochte ihn nicht und mit ihm stimmte etwas nicht.

Die Szene ist sehr überzeugend geschrieben. Auch ich mochte den komischen Professor nicht, stufte ihn als Bedrohung für Melli ein. Ein schnelles Urteil, aber auch ein gerechtfertigtes? Die nächsten Seiten scheinen das zu bestätigen …

In meinem letzten Beitrag zum zweiten Band erwähnte ich, dass Melli einen Gegenspieler habe. In vielen Geschichten gibt es ganz klassischen den Protagonisten und den Antagonisten. Gut und Böse treten gegeneinander an und meist gewinnt das Gute …

Im dritten Band der Reihe erfahren wir mehr über den Antagonisten der Geschichte, lernen zu verstehen, warum er sich so verhält, wie er es tut …

Urteile nicht vorschnell. Lerne andere Menschen erst einmal kennen. Höre ihre Geschichte an und entscheide dann, ob du sie magst. Eine schöne Lektion, nicht nur für Kinder!

Fazit

„House of Ghosts“ ist eine tolle Kinderbuch-Reihe, die ernste Themen unterhaltsam und spannend behandelt. Man kann, muss aber nichts daraus lernen. Es gibt keinen erhobenen Zeigefinger, keine Belehrungen. Frank M. Reifenberg erzählt eine spannende Geschichte über mutige Kinder, die sich einer abenteuerlichen Herausforderung stellen.

Lesenswert!

Reihenfolge

  1. Das verflixte Vermächtnis
  2. Der aus der Kälte kam
  3. Pension des Grauens

Die Geschichte scheint mir mit dem dritten Band abgeschlossen zu sein.


Das Buch wurde mir freundlicherweise von arsEdition über NetGalley zur Verfügung gestellt.

House of Ghosts – Pension des Grauens
Frank M. Reifenberg
arsEdition
176 Seiten
ISBN: 978-3-8458-2720-9
Erschienen am 23.04.2018