Sonntagsgeschichte Kapitel 38 – Wahrheit

Dies ist das 38. Kapitel des Blogromans.

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Blogroman kleiner Komet Sonntagsgeschichte

„Es wird Zeit für die Wahrheit, meint ihr nicht auch?”, sagte Sven und schaute den drei Frauen der Reihe nach in die Augen. Zunächst seiner Schwester, dann seiner Großtante und zuletzt seiner Freundin, die auf seinem Schoß saß. Keine sagte etwas. Das Schweigen wurde unangenehm. Bis Josephine es nicht mehr aushielt, sie stand von Svens Schoß auf, drehte sich zu ihm um und begann endlich zu sprechen: „Erinnerst du dich an unseren Spaziergang am Rhein?“ Sven sah sie weiterhin erwartungsvoll an. Sie gingen oft am Rhein spazieren. Josephine holte tief Luft und setzte nochmal an. „Da waren die Hunde, einer hatte dich gebissen, danach warst du bei mir Zuhause und du hattest einen merkwürdigen Traum.“ Sven nickte. Er erinnerte sich, brauchte mehr Erklärungen. „Nun, also“, jetzt wurde es für Josephine schwierig. Sie hatte so oft versucht ihn von dem Thema abzulenken, ihn glauben lassen, er hätte nur einen Traum gehabt. Es war alles noch gar nicht lange her und doch fiel es ihr schwer, jetzt die Wahrheit zu sagen. Doch er hatte Recht, er hatte die Wahrheit verdient. Sie liebte ihn und nur gemeinsam konnten sie die offenen Fragen beantworten. „Erzähl es ihm,“ ermunterte Lore sie. Auch Jenny nickte ihr aufmunternd zu.

„Ok, also, der Hund, der dich gebissen hat, der war kein Hund. Naja und dein Traum, das war auch kein Traum, nehme ich an. Ja, du hast in meinem Bett geschlafen, wahrscheinlich hast du auch geträumt, aber du hast auch etwas erlebt, das unglaublich war.“ Verzweifelt blickte sie in Svens Augen, fand darin keinen Vorwurf. Er liebte sie, er vertraute ihr. Auch wenn sie ihm so viel verschwiegen hatte, seine Schwester und Tante belogen ihn schon viel länger. Seine Hand nach ihr ausstreckend, fragte er sanft: „Wie bin ich zu dir nach Hause gekommen?“ Das war die Frage gewesen, die sie ihm nie beantwortet hatte. Ihm war doch klar, dass sie ihn nicht alleine vom Rhein zu sich hätte bringen können, wenn er bewusstlos war. Natürlich wäre es viel sinnvoller gewesen einen Krankenwagen zu rufen. Sie hatte es nicht getan und er hatte aufgehört zu fragen.

„Wir haben eine Umweg genommen, einen, der nicht durch unsere Welt führt. Erinnerst du dich an unseren Kuss?“ Ein sanftes Steicheln über ihren Handrücken bestätigte, dass er sich erinnerte. Sie sollte weiter sprechen. „Ich weiß nicht wie es möglich war. Das ist eines der größten Rätsel an dieser Geschichte. Jedenfalls habe ich dich während unseres Kusses in die Anderswelt gebracht. Dort haben wir Johanna und Lametta getroffen.“

„Johanna sieht aus wie du, oder?“, fragte Sven. In seinem Traum, der ja nun doch keiner war, hatte er zwei Josephines gesehen und empfand dies verstörender als den Schmetterling mit Menschenkörper. Fantasierte er tatsächlich von zwei Mädchen? Reichte ihm Josephine nicht. Er liebte sie und wirklich erotisch war der Traum dann auch nicht gewesen, oder doch? Die zweite Josephine hatte ihn berührt, sein Bein untersucht. Dann war das Schmetterlingsmädchen dazu gekommen. Er schüttelte den Kopf, verließ seine Erinnerungen, er wollte jetzt die ganze Geschichte hören, endlich verstehen, was los war. Sein sehnlichster Wunsch war, zu hören, dass er nicht verrückt war. Denn all diese Bilder hatte er nicht zum ersten Mal gesehen.

„Ja, das tut sie. Sie lebt in der Anderswelt und sie hat dir gemeinsam mit Lametta geholfen. Lametta, sie sieht aus wie ein Schmetterling“ Mit einem Nicken deutete ihr Sven an, dass er genau wusste, wer diese Lametta war. „Sie hat uns zu mir nach Hause begleitet und dich geheilt. Das hatte sie Wochen zuvor für mich auch getan.“

„Und was hat mich gebissen?“

„Es war ein Fuchsteufel, ein Wesen der Anderswelt, gefangen in unserer. Er verfolgt mich seit unserer Party in der Rheinaue.“

Endlich war es raus. Die Geschichte hatte noch Lücken, vor allem eine Menge Fragezeichen, auf die Josephine selbst gerne Antworten hätte. Doch die große Mauer des Schweigens zwischen ihr und Sven war gefallen. Ihm ging es wir ihr, er zog sie an der Hand, die er schon eine Weile hielt,  sanft zurück auf seinen Schoß. Sie kuschelte sich an ihn und sie küssten einander, ein Kuss voller Liebe und Vertrauen.

Als sich die beiden nach einer Weile wieder voneinander lösten, wandte sich Sven an seine Schwester und Großtante: „Und was habt ihr beide mit der ganzen Sache zu tun?“

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Sonntagsgeschichte Kapitel 22 – Die anderen Seite

Dies ist das 22. Kapitel des Blogromans.

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Josephine hielt Sven fest im Arm. Er war schwach, dennoch erwiderte er ihren Kuss. Seine Augen waren geschlossen und so nahm er das Flimmern um sie herum nicht wahr, auch nicht die sich verändernde Landschaft. Statt des befestigten Rheinufers mit geplatteten Gehwegen, befanden sie sich nun auf natürlichen Auen, umgeben vom Grün der Natur.

Josephine strich ihm sanft über die Wange und löste langsam ihre Lippen von seinen.

„Josephine“, erklang eine besorgte Stimme. „Was machst du, was macht ihr denn hier?“

Johanna kam in ihrer menschlichen Gestalt angelaufen und blieb neben dem Paar stehen. Sven starrte die junge Frau überrascht an. Sie war das Ebenbild seiner Freundin, er hatte nicht gewusst, dass sie eine Zwillingsschwester hatte. Dann nahm er die Umgebung wahr, erkannte, dass er nicht mehr ganz bei sich war und fiel tatsächlich in Ohnmacht.

Er war zu schwer für Josephine, so dass sie seinen Sturz nur abfedern, aber nicht verhindern konnte.

„Was ist mit ihm passiert“, erkundigte sich Johanna.

„Er wurde vom Fuchsteufel gebissen“, erklärte Josephine mit zitternder Stimme. Sie kniete neben ihrem Freund, mühte sich, ihn zu wecken, aber Johanna hielt sie zurück. „Lass ihn, so ist es leichter für ihn.“

Entsetzt drehte Josephine sich zu ihrer Schwester um. Wie konnte sie so etwas sagen. Johanna lächelte und deutete auf Lametta. Josephine hatte die kleine Schmetterlingsfee noch gar nicht bemerkt. Sie versorgte bereits die Wunde, heilte Sven, so wie sie vor einigen Wochen auch Josephine geheilt hatte. Sie ließ sich von Johanna fortziehen, nahm auf einem Baumstamm Platz und erzählte vom Angriff des Fuchsteufels am Rheinufer.

„Das heißt, auch unter  Menschen bist du nicht mehr sicher“, überlegte Johanna. „Es waren ja nicht viele vor Ort. Bei uns war das Wetter auch nicht so schön, wie hier.“

„Verstehe“, nickte Johanna. „Aber er hat jetzt auch Gefährten, sagst du? Gewöhnliche Hunde?“

„So sahen sie zumindest aus.“

Wieder nickte Johanna und schwieg eine Weile überlegend.

„Wie konntest du ihn herbringen?“

Zerknirscht sah Josephine ihrer Schwester in die Augen: „Es tut mir leid, ich wusste mir keinen anderen Rat. Er war so schwach, das Gift schien bei ihm viel schlimmer zu wirken, als bei mir. Ich hatte Angst und das Flimmern zuvor hatte mir Hoffnung gemacht, dass es funktionieren könnte.“

„Nein, das meine ich nicht. Natürlich sehen wir es nicht gern, wenn wahllos Menschen bei uns auftauchen. Es geht mir aber eher darum, wie du es geschafft hast. Eigentlich hättest du das gar nicht können dürfen. Du bist doch ein Mensch. Welches Flimmern zuvor meinst du?“

Josephine berichtete, dass sie und Sven sich kurz vor dem Angriff geküsst hatten, eigentlich sogar bis zum Angriff. Bereits da hatte es um sie herum geflimmert, als würden die Welten miteinander verschmelzen …

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Sonntagsgeschichte Kapitel 14 – Das Ritual

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Der liegende Baumstamm auf dem Josephine saß war bequem. Sie trank erneut einen Schluck des süßen Elfenweines und lauschte Johannas Geschichte.

„Einst waren unsere Welten eng verbunden. Für uns war es beinahe so, als wären sie eins. Nur ihr Menschen kamt selten zu uns herüber. Manchmal jedoch kam der eine oder andere zu Besuch, die meisten blieben, einige kehrten zurück. Sie erzählten Geschichten, die ihnen niemand glaubte. Doch die Geschichten wurden weiter erzählt. Einige von ihnen kennst du sicher, sonst hättest du beim Elfenwein nicht erst gezögert.“ Josephine nickte, denn genau das war ihr durch den Kopf gegangen, Warnungen aus Geschichten, aus Märchen und Legenden.

„Wir kamen zu euch, besuchten euch, beschenkten euch oder spielten auch so manchen Streich. Ihr beschenktet uns auf eure Weise, denn ihr erzähltet unsere Geschichte. Eure Geschichten sind unser Lebenselexir, die Verbindung zwischen den Welten. Doch dann änderte sich alles. Die Geschichten wurden nicht mehr erzählt, sie wurden auf Papier gebannt. Sie waren nicht mehr lebendig, änderten sich nicht mehr. Die Verbindung zwischen den Welten wurde schwächer.

Manche von uns blieben in euer Welt, süchtig nach der Nähe zu euren Geschichten. Nur noch wenige waren in der Lage zwischen den Welten zu wandeln. Nur die stärksten von uns, vermögen es noch heute.“

Fragend sah Josephine in Johannas goldgelbe Augen. Sie nickte bestätigend, dass sie selbst zu den stärksten Wesen zählte. Zu gerne hätte Josephine gewusst, warum sie einander so ähnlich sahen, doch sie war noch nicht bereit für diese Antwort. Es war zu früh für diese Frage.

Johanna lächelte ihr aufmunternd zu. „Ich bin froh, dich gefunden zu haben Schwester und ich verspreche dir, dass du es verstehen wirst. Jetzt bitte ich dich, mir zu vertrauen und dich auf das Ritual einzulassen. Es verstärkt unsere natürliche Verbindung und erleichtert mir den Übergang in deine Welt. Für dich war es nicht leicht zu mir zu kommen. Bleibst du umgeben von anderen Menschen ist es sicherer für dich. Doch werden deine Freunde nicht regelmäßig mit dir Ausflüge zum Drachenfels unternehmen wollen, damit wir uns sehen können.“

Den Gedanken an die Bedrohung durch den Fuchsteufel, der hinter ihrer Drachenschuppe her war, verschob sie schnell wieder. So langsam wurde aber auch deutlich, wie wertvoll dieses Artefakt für ihn war. Die Vorstellung regelmäßig ihre Freunde darum zu bitten, mit ihr zum Drachenfels zu fahren, amüsierte sie. Angi und ihre Liebe zu den Fischen kam ihr in den Sinn. Gab es eigentlich Dauerkarten im Sealife? Basti war immer für Ausflüge zu begeistern, aber irgendwann würde er Fragen stellen, Fragen auf die sie ihm keine Antwort geben konnte. Und Sven? Es war schön, dass er heute mit dabei war.

Während Josephine ihren eigenen Gedanken nachging hatte Johanna einiges vorbereitet. Ein kleines Feuer brannte und auf dem Baumstumpf lagen mehrere Gegenstände bereit: Kräuter, eine Phiole mit einer Flüssigkeit, eine hübsche Tonschale und eine altmodisch wirkende Klinge. Beim Anblick der Klinge weiteten sich Josephines Augen.

„Das Ritual erfordert kein Blut“, beruhigte Johanna sie schnell. Erstaunlich, wie schnell sie auf Josephines Gedanken reagierte. „Kannst du meine Gedanken lesen?“, fragte sie vorsichtig. „Nein, nur die, die dir auf die Stirn geschrieben stehen. Du hast die Klinge so besorgt angeschaut. Meine Gabe ist es, besonders aufmerksam zu sein. Hinzu kommt unsere Verbindung, da reagiere ich besonders sensibel auf deine Signale. Ich hoffe, dass ist dir nicht unangenehm. Es ist im Grunde nichts anderes, als die Fähigkeit zur Empathie bei den Menschen.“

„Es ist ungewöhnlich, aber angenehm. Wir Menschen sind meistens zu sehr mit uns selbst beschäftigt, um kleine Signale der anderen wahrzunehmen“, überlegte Josephine.

„Mit der Klinge möchte ich dir eine Haarsträhne abschneiden. Wir können gerne eine tief liegende im Nackenbereich nehmen, dann wird es niemand bemerken. Wäre das in Ordnung für dich? Anschließend darfst du mir auch eine abschneiden.“

Eine Haarsträhne abtrennen war eine weitaus angenehmere Variante als ein Blutopfer für ein magisches Ritual zu erbringen. Erleichtert löste Josephine ihren Zopf, raffte das Deckhaar, drehte es ein und bot der Drachenschwester den Nacken dar. Sanft griff Johanna nach einer Strähne und schnitt sie mit der scharfen Klinge ab. Anschließend reichte sie Josephine die Klinge und drehte ihr den Rücken zu.

Schließlich teilte Johanna von beiden Strähnen einen Teil ab, verband diese zu einem Strang, so dass sie schließlich drei rote Stränge zur Verfügung hatte, einen aus dem Haar von Josephine, einen aus ihrem eigenen und einen gemischten. Sie waren nicht voneinander zu unterscheiden. Rasch flocht sie einen dünnen Zopf daraus und legte das Haar in die Schale. Sie gab Kräuter hinzu und goss ein wenig Flüssigkeit darüber.

„Bist du bereit“, fragte sie Josephine und sah ihr dabei tief in die Augen. Diese wusste noch immer nicht, was geschehen würde, aber sie vertraute ihrer Schwester und nickte.

„Gut, dann nimm meine Hände, wenn ich die Schale in das Feuer gestellt habe. Schließe deine Auge, öffne deine Seele und singe im Geiste mit mir den Ritualgesang. Sorge dich nicht, wenn du die Worte nicht verstehst, sei einfach offen für den Zauber.“

Josephine war bereit. Sie hockten sich auf den Boden, das Feuer in der Mitte. Ihre Arme bildeten einen Kreis um die Schale in den Flammen. Noch einmal blickten sie einander tief in die Augen, schlossen sie beide und Johanna begann zu singen. Noch nie hatte Josephine sich einem anderen Menschen so nahe gefühlt wie in diesem Moment. Sie spürte Johanna, konnte aber nicht bestimmen, wo sie selbst endete und Johanna begann. Sie waren eins. Sang wirklich nur Johanna, oder sang sie mit?

Der Gesang endete. Ganz sanft löste Johanna die Verbindung. Es fiel Josephine schwer los zu lassen. Sie wollte nicht, wollte, dass es hielt.

„Es ist vollbracht“, vernahm sie Johannas Stimme. Doch sie sprach nicht laut, sie sprach in ihren Gedanken. Vorsichtig blinzelte Josephine. Das Feuer war erloschen. Die Schale stand in der Asche. Darin lagen zwei Ringe, rote Ringe aus ihrer beider Haar. Johanna griff nach ihnen, nahm sie aus der Schale. Einen streifte sie Josephine über den Ringfinger der rechten Hand. Er fühlte sich gar nicht heiß an, obwohl er eben noch in einer Schale im Feuer gelegen hatte. Den anderen steckte sich Johanna selbst an den Finger. Nach einer Phiole greifend sagte sie: „Deinen werden wir unsichtbar machen, damit du nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf dich ziehst. Für deine Kette reicht die Magie des Elexirs nicht, aber du kannst sie verborgen tragen und für den Unwissenden ist sie einfach ein hübsches Schmuckstück.

Josephine nickte und starrte auf ihre Hand. Der Ring war noch zu sehen. „Für dich bleibt er sichtbar. Du kannst es aber im Spiegel prüfen, für andere ist er verschwunden.“

Blick vom Drachenfels auf das Siebengebirge

***

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Sonntagsgeschichte Kapitel 13 – Das Abenteuer beginnt

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Josephine war müde nach dem langen Tag, aber überzeugt davon nicht schlafen zu können. Doch kaum lag sie in ihrem Bett, erstellte sie noch schnell eine Chat-Gruppe mit den Namen „Königswinter, in die sie Basti, Sven und Angi einlud, reichte es nur noch für einen kurzen Text: „Treffen uns morgen früh um 10 Uhr am Konrad-Adenauer-Platz.“ Schon vernahm sie die sanfte Melodie von Lametta und war eingeschlafen.

In dieser Nacht schlief Josephine tief und wachte am nächsten Morgen erholt auf. Endlich war es so weit, heute würde sie endlich ihr Versprechen einlösen und nach Königswinter fahren. Sorgen brauchte sie sich auch keine machen. Vor dem Fuchsteufel war sie geschützt, wenn ihre Freunde dabei waren. Um mit Johanna zu sprechen, musste sie nur einen kurzen Moment möglichst alleine sein, so dass sie verschwinden konnte. Was sie dann wohl erwarten würde? Sie hatte keine Ahnung und genau das verursachte ihre Aufregung.

Sie würde endlich erfahren, was es mit all den Ereignissen auf sich hatte.

Die Fahrt nach Königswinter verbrachte Josephine schweigend, was aber nicht schlimm war. Angi hatte einen Kater und schlief in der Straßenbahn, den Kopf an ihre Schulter gelegt. Sarah übernahm die Unterhaltung der Jungs. Sven kommentierte das Geplapper mit Grimassen, während Basti brav zuhörte und ihr kurze Antworten gab, wenn sie ihren Redeschwall erwartungsvoll unterbrach.

In Königswinter angekommen, kam es zu einer kurzen Diskussion, was zuerst gemacht werden sollte. Sarah hielt gar nichts davon, dass sie auf einen Berg klettern sollte. Dazu trug sie auch nicht das passende Schuhwerk. Angi wollte unbedingt ins Sealife Center, die Fische besuchen.

Fieberhaft überlegte Josephine, wie sie ihre Freunde zum Drachenfels lenken könnte. Natürlich gönnte sie Angi die Fische, aber Johanna so nahe zu sein, aber noch nicht zu treffen, machte sie nahezu wahnsinnig. Sven war ihre Rettung: „Das Wetter ist aktuell noch schön. Es ist trocken, aber nicht heiß“, setzte er an. Basti nickte direkt zustimmend. Die letzten Tage waren tatsächlich wenig sommerlich gewesen. Es hatte häufig geregnet. „Lasst uns doch erst mal auf den Drachenfels gehen. Die Aussicht von oben, ist es wirklich wert, Sarah. Und wenn einer in diesen Schuhen auf einen Berg steigen kann, dann doch wohl du. Später können wir uns dann immer noch den Fischen widmen.“ Sven lächelte erst Sarah, dann Angi aufmunternd zu und keine widersprach ihm. Josephine atmete erleichtert auf und Basti sagte: „Dann ist es beschlossen. Auf geht´s.“

Die kleine Gruppe suchte sich ihren Weg durch die Gassen von Königswinter. Angi wurde wieder wacher, die frische Luft tat ihr gut und sie liebte den Drachenfels. Auf einmal packte sie Sarah an der Hand und lief los: „Komm, du musst dir die Esel ansehen.“ Sven und Basti folgten den Mädchen lachend und Josephine ließ sich zurück fallen. Eine bessere Gelegenheit würde sie nicht bekommen. Manchmal tat Angi einfach das richtige, ohne zu wissen warum. Danke, sandte Josephine ihrer Freundin in Gedanken hinterher und sah sich um.

Dort, direkt neben dem Eingang zur Drachenfelsbahn stand eine junge Frau. Es war wie ein Blick in den Spiegel, als Josephine auf Johanna zuging. Sie lächelten einander an. Josephine konnte ihren Blick kaum von Johannas goldgelben Augen lösen, dennoch nahm sie wahr, wie die Luft hinter dem Mädchen flimmerte und der kleine Bahnhof verschwand. Sie waren allein.

„Willkommen Schwester“, sprach Johanna und nahm sie in eine kurze aber herzliche Umarmung. „Lass uns nach oben fliegen.“ Kaum ausgesprochen verwandelte Johanna sich bereits und Josephine stieg auf ihren Rücken.

Sie flogen. Es war ein unglaubliches Gefühl über den vertrauten Berg zu fliegen, der doch so fremd schien. Für einen kurzen Augenblick vergaß Josephine ihre Grübeleien und Fragen, die sie den Weg hierher begleitet hatte. Sie fühlte sich frei und glücklich. Leider war der Flug viel zu kurz, da landete Johanna und verwandelte sich wieder, sobald Josephine von ihrem Rücken gerutscht war. Sie sah sich um, hinab ins Tal, hinab auf den Rhein. Sie erwartete keine Häuser zu sehen, nur unberührte Natur. Doch so war es nicht. Dort unten standen Häuser, vereinzelt und fremd wirkend. Hier lebten Menschen, dachte sie überrascht. Menschen oder vielleicht auch andere Wesen?

Johanna legte ihr die Hand sanft auf die Schulter: „Ich liebe die Aussicht von hier oben auch, egal in welcher Welt, es ist beeindruckend. Komm, wir setzen uns.“ Sie deutete auf zwei Baumstämme, die neben einem Stumpf lagen. Auf diesen stellte Johanna zwei Becher und goss etwas zu trinken ein. „Elfenwein, aber keine Sorge, du wirst zurück kehren können.“ Sie zwinkerte. Josephine erinnerte sich an zahlreiche Geschichten, die davor warnten, niemals und unter gar keinen Umständen bei den Elfen etwas zu essen oder zu trinken.

„Die Warnung ist nicht unberechtigt, aber ich bin keine Elfe, also droht dir keine Gefahr.“ Diese Erklärung klang plausibel, so wenig logisch die Situation auch zu sein schien. Sie setzte sich und nahm einen Schluck. Es war süß und fruchtig. Auch wenn es Wein genannt wurde, verspürte sie keine berauschende Wirkung. Erwartungsvoll sah sie Johanna an. Da waren so viele Fragen, wo hätte sie anfangen sollen. Dieser Moment war so überwältigend. Sie saß auf einem Baumstamm auf dem Drachenfels und trank mit ihrer Drachenschwester Elfenwein. In welches Märchen war sie da nur geraten? Eine Träne lief ihr über die Wange. Nein, sie war nicht traurig, sie war glücklich, verwirrt. Es waren zu viele Gefühle auf einmal.

„Du hast viele Fragen Josephine, das verstehe ich“, begann Johanna das Gespräch. „Mir geht es wie dir, ich würde dir am liebsten alle auf einmal beantworten, doch das wird nicht möglich sein. Die Zeit bei uns vergeht anders. Es ist dir möglich, dich einige Zeit bei mir aufzuhalten und unbemerkt zurück zu kehren. Das ist wichtig für dich. Für deinen Körper ist der Aufenthalt bei uns ungefährlich, denn du bist ein Teil unserer Welt. Allerdings wird der Tag für dich länger, wenn du zwischen den Welten wandelst. Die Schuppe, die ich dir beim letzten Mal geschenkt habe, soll dich schützen. Deine Energie ist begrenzt, aber du wirst dich daran gewöhnen und mit der Zeit auch länger bei mir verweilen können. Achte auf die Warnsignale der Schuppe. Sobald sie beginnt wärmer zu werden, wird es Zeit für dich zurück zu kehren. Sie ist Teil unserer Verbindung zueinander.“

Instinktiv griff Josephine nach der Drachenschuppe, die sie an einer Kette um den Hals trug. Nach ihrer letzten Begegnung war sie einfach da gewesen. Auf keinen Fall würde sie sich wieder von diesem Anhänger trennen, auch wenn der Fuchsteufel hinter ihm her war. Ohne das volle Ausmaß der Magie zu kennen, war dieser Anhänger für sie zu einem wertvollen Besitz geworden. Eine magische Fähigkeit hatte sie bereits mit Hilfe von Lametta, dem Lilling entdeckt. Die Drachenschuppe besaß heilende Kräfte und hatte das Gift des Fuchsteufels aus der Bisswunde gezogen.

„Noch ist sie kalt, uns bleibt noch Zeit“, sprach sie leise. Ihre Stimme versagte und sie trank noch einen Schluck vom Elfenwein.

„Ja und das ist auch gut so. Ich möchte dir noch so vieles erzählen und wenn du bereit bist, das Ritual durchführen, welches unsere Verbindung stärkt und mir ermöglicht, mich auch bei dir in Bonn zu verwandeln.“

***

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