Vorstadtkrokodile, ein Klassiker, der noch immer lesenswert ist

Vorstadtkrokodile ~ Max von der Grün
Vorstadtkrokodile ~ Max von der Grün

Kurt sitzt im Rollstuhl, einem Rollstuhl von 1976, der schwer zu schieben ist. Bei ihm zu Hause gibt es kein Telefon. Seine Nachmittag verbringt er meist alleine zu Hause. Viele sehen in ihm nur einen Krüppel. Währenddessen treffen sich einige Jungs regelmäßig und nennen sich Krokodiler. Maria ist als einziges Mädchen mit dabei, aber nur, weil sie die Schwester des Anführers Olaf ist. Hannes ist ganz neu bei der Bande dabei, nachdem er die Mutprobe bestanden hat …

Der Sohn des Autors Max von der Grün sitzt ebenfalls im Rollstuhl. Ihm widmet er das Buch, in der Hoffnung anderen Kindern Mut zu machen, einem Kind im Rollstuhl zu helfen, ihm eine Chance zu geben, einander kennen zu lernen.

Es ist eine alte Geschichte, eine, die älter ist als ich. Doch der Kern der Geschichte ist noch immer brandaktuell. Es geht um das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Teil einer Gruppe zu sein, ob mit oder ohne offiziellen Namen. Gemeinsam ist man eben viel stärker als alleine und es ist nicht so langweilig. Dann ist da noch die Sache mit dem Jungen im Rollstuhl. Auch heute vierzig Jahre später haben viele noch Berührungsängste, denken der mit der Behinderung kann nicht mithalten, nicht mitspielen. Dabei sind die modernen Rollstühle unkomplizierter.

Nachdem die Kinder Kurt eine Chance gegeben und ihn kennen gelernt haben, legen sie ihre Berührungsängste ab, helfen ihm sogar beim pinkeln. Wenn man kein Problem daraus macht, ist da auch keines, stellen sie fest. Sie stellen ebenfalls fest, dass Kurt ein cooler Typ ist, der Dinge kann, die sie nicht können. Der Junge im Rollstuhl hat nämlich den Durchblick, ohne ihn würden sie in diesem Sommer, der recht öde ist, da ihre Familien sich alle keinen Urlaub leisten können, kein Abenteuer erleben.

Das Buch wird nun in einer vierten Klasse gelesen und ich bin sehr gespannt, wie die Kinder es finden werden. Ich bin mir sicher, dass sie so einiges komisch finden werden. Manche Begriffe müssen vielleicht geklärt werden. Es wird sie vielleicht ebenso wie mich irritieren, dass die Geschichte keine Kapitel hat. Doch ich hoffe auch, dass sie den Krimi darin spannend finden werden und wir die ein oder andere spannende Diskussion führen werden. Inklusion und Vorurteile sind wichtige Themen, die in dem Buch vorkommen.

Selbst die Neuverfilmung ist inzwischen so alt, wie die Kinder mit denen wir das Buch lesen. Sie stammt aus dem Jahre 2009. Damals war ich im Kino, ohne das Buch zu kennen. Tatsächlich hat es zehn Jahre gedauert, bis ich es nun gelesen habe.


Danke an J., der mir sein Buch ausgeliehen hat!

Vorstadtkrokodile
Max von der Grün
cbj Taschenbuch, 11. Auflage, 2006
erstmals erschienen 1976 im C. Bertelsmann Jugendbuch Verlag
ISBN: 9 783570216651

Theater mit Herz

Das Ensemble von "Lenoce und Lena" inklusives Theater - Bild: (c) Lebenshilfe Bonn/ Eugenia Brüse

Das Ensemble von „Lenoce und Lena“ inklusives Theater – Bild: (c) Lebenshilfe Bonn / Eugenis Brüse

Ich liebe Geschichten. Manch eine Geschichte berührt mich tief. Geschichten live auf der Bühne zu erleben ist jedes Mal ein wunderbares Erlebnis. Gestern erlebte ich eine Aufführung, die mich auf ganz andere Art tief berührt hat. Es war gar nicht so sehr die eigentliche Geschichte, die die Schauspieler erzählt haben. Es waren die Schauspieler und Schauspielerinnen selbst. Sie alle waren so unglaublich großartig und mit einer ganz besonderen Leidenschaft dabei. Wen diese wunderbare Aufführung von „Leonce und Lena“ im GOP Varieté Theater kalt gelassen hat, an demjenigen ist wirklich etwas vorbei gegangen.

Leonce und Lena

Leonce ist ein Prinz dessen Leben aus einer Menge Langeweile besteht. Er philosophiert über die Langeweile und die Idee, dass Menschen doch nur aus Langeweile lieben. Mit sich selbst und dem Leben ist er unzufrieden.

Ich bin ein Buch ohne Buchstaben.

Die Idee seines Vater, er solle Prinzessin Lena heiraten und König werden, missfällt ihm. Sämtliche Vorschläge von Valerio, etwas anders aus seinem Leben zu machen, schmettert er ab. Gemeinsam gehen sie fort.

Währenddessen ist auch Prinzessin Lena unglücklich. Warum sollte sie einen Prinzen heiraten, den sie nicht einmal kennt? Sie möchte jemanden heiraten, den sie auch liebt. So ergreift auch sie die Flucht vor der Hochzeit, gemeinsam mit ihrer hochschwangeren Gouvernante …

Es kommt alles, wie es kommen muss: Eine Begegnung … Alles mit einer unglaublichen Leidenschaft von der inklusiven Schauspielgruppe inszeniert.

Theater Inklusiv

Das Ensemble der Laienschauspielgruppe „17:30“ ist inklusiv. Das bedeutet die Mehrzahl der Mitglieder hat eine Behinderung. Es gab große und kleinere Rollen. Der Zusammenhalt der Gruppe war sichtbar, gegenseitige dezente Unterstützung auf der Bühne.

Jeder einzelne von ihnen hat einfach alles gegeben an diesem Abend! Wir haben sehr viel gelacht und mit Leonce und Lena mitgefühlt. Auch mit dem König, der eine solche Ausstrahlung hatte, dass er die Bühne bereits ausfüllte, bevor er überhaupt das Wort ergriffen hatte. Alle anderen Rollen hatten ihren ganz besonderen Auftritt.  Es gab zwischen der Haupthandlung zahlreiche kleine Szenen, liebevoll inszeniert und großartig gespielt. Während Henrik, der Schauspieler von Leonce bereits seit fünf Jahren Theater spielt, war es für die Schauspielerin der Lena, Antonia, der erste (bzw. gestern zweite) große Auftritt. Mir wurde erzählt, sie habe im letzten Jahr beim „Froschkönig“ im Publikum gesessen und sich gewünscht, im nächsten Jahr dabei zu sein. Es macht mich sehr glücklich, dass ihr Wunsch in Erfüllung gegangen ist und ich ihre Freude darüber miterleben durfte.

Das Publikum

Nicht nur die Truppe auf der Bühne war inklusiv, auch das Publikum. Mehrere Bewohner der Wohngruppen der Lebenshilfe waren mit ihren Betreuern im Publikum.  Dazwischen Ehrengäste und andere Theaterbesucher.

Die Atmosphäre im Publikum war ebenfalls besonders. Noch relativ zu Beginn hörte ich eine Stimme, leise, aber klar vernehmlich:

Darf ich applaudieren.

Gerne hätte ich geantwortet: Du darfst immer applaudieren, wenn es dir gefällt.

Später gab es eine Szene in der der Wechsel von Nacht und Tag visualisiert wurde, indem erst ein Mond und anschließend eine Sonne über die Bühne getragen wurde. Während der Mond über die Bühne getragen wurde, stimmte eine Stimme ein Schlaflied an. Nur kurz, aber sehr passend!

Frei von jeglicher Ettikette war das GOP-Theater von ungefilterten Gefühlen erfüllt, auf der Bühne und im Publikum. Es war ein Ping-Pong-Spiel zwischen dem Ensemble und uns. Am deutlichsten sichtbar wurde dies beim Finale. Während die Schauspielgruppe auf der Bühne sich verbeugte und unseren wohlverdienten Applaus genoss. Ganz besonders der Schauspielerin der Lena sah man an, wie glücklich sie war. Sie strahlte und streckte stolz die Arme in die Luft. Es war ihr Abend, der Abend der inklusiven Schauspielgruppe und unser aller Abend, die wir mit dabei sein durften.

Ganz großes Theater!

Projekt Theater Inklusiv

Das inklusive Theater ist ein Projekt der Lebenshilfe Bonn unter der Organisation von Marion Frohn. Ein Jahr hat die Gruppe zusammen unter der Leitung von Regisseurin Katharina Weishaupt geprobt. Gefördert wurde das Projekt von der Aktion Mensch und unterstützt vom GOP Varieté Theater durch das Bereitstellen der Bühne, nicht nur für die beiden Aufführungen, sondern auch für die Proben. Eine wunderbare Kooperation! Das Theater verfügt über einige barrierefreie Sitzplätze. Eine Fortsetzung im nächsten Jahr wird es hoffentlich geben. Mein Eindruck war, dass die Beteiligten auf jeden Fall alle Lust dazu haben.

Die Lebenshilfe Bonn zeigt wunderbar anschaulich, zu was Menschen mit einer Behinderung fähig sind. Eine solche Aufführung ist für mich gelebte Inklusion deluxe. Auch in vielen anderen Aktionen zeigt die Lebenshilfe Bonn deutlich, dass es ihnen nicht darum geht in Wohngruppen Behinderte zu verwahren. Es geht um Menschen, Menschen, die ihr Leben leben und dies mit großer Freude tun.

Danke an all die wunderbaren Menschen, die diesen Abend ermöglicht haben: die Schauspielgruppe und ihr Background-Team, ehrenamtliche Helfer, Geldgeber und alle anderen Beteiligten. Danke, liebe Ute, dass du mich mitgenommen hast!

Ich wünsche mir mehr solche Projekte!