Bücherschrank – Oktoberbuch 2018

Meta und die ausser-ordentliche Tante ~ Sylvia Heinlein

Meta und die ausser-ordentliche Tante ~ Sylvia Heinlein

Mein Septemberbuch wurde mir ja freundlicherweise aus Bad Soden mitgebracht. Meine Eltern waren ein paar Tage unterwegs gewesen. Als sie mir ein Foto schickten auf dem das Cover von „Stadt des Schweigens“ zu sehen war, antwortete ich:

Das sieht gruselig aus.

Fürsorglich wie Eltern ja sind, brachten sie mir dann aus dem nächsten Ort, den sie besuchten eine Alternative mit, ein harmloses Kinderbuch aus dem Bad Kreuznacher Bücherschrank. Ob hinter dem Titel eine Anspielung steckte? Kann ich mir nicht vorstellen. 😉

Bücherschrank in Bad Kreuznach

Bücherschrank in Bad Kreuznach

Meta und die Ausser-ordentliche Tante

Meta hat einen furchtbaren Streit mit ihrer Mutter. Sie soll aufräumen, denn es ist Saubermachtag. Dabei hat sie doch gerade so eine schöne Räuberhöhle gebaut. Dort verkriecht sie sich, bis die Tante sie abholt und mit auf ihr Schiff und ein Abenteuer nimmt. Dort erzählt die Tante ihr von ihren eigenen Abenteuern, schenkt ihr ein Schwert und magischen Samen. Dann machen sie sich auf den Weg zu einem Drachen. Der Drache ist eine ordentliche Dame, die auf eine Lieferung Porzellan und Putzlappen wartet …

Ordnung ist das halbe Leben!

Was ein fürchterlicher Satz, doch für die Dame im Buch ist das ihr Lebensmotto. Leider kann sie die Frage, was die andere Hälfte des Lebens ist, nicht beantworten. Zum Glück können es Meta und die Tante:

Quatsch machen ist das andere halbe Leben!“

„Und leckres Essen und Abenteuer!“, rief die Tante.

Ungelesen in der Bücherei gestanden

Das Buch stammt offensichtlich aus der Stadtbücherei Bad Soden. Es sieht ziemlich ungelesen aus, wurde offensichtlich nicht aussortiert, weil es zu zerlesen war. Irgendwer hatte es offensichtlich zu Hause und damit begonnen das erste Bild anzumalen, das einzige sichtbare Zeichen dafür, dass ein Kind das Buch in der Hand hatte. Laut Katalognummer wurde es 1999 aufgenommen und 2014 aussortiert, vorne ist ein Stempel drin. Warum wollte das Buch niemand lesen?

Wir, meine Eltern und ich, vermuten es liegt am provokanten Titel und Klappentext, der sich zu offensichtlich an unordentliche Kinder richtet.

Vom Format her eignet sich das Buch für fortgeschrittene Erstleser und zum Vorlesen.

Dennoch lesenswert?

Definitiv! Das Abenteuer mit der Tante ist phantasievoll und amüsant. Die Botschaft lautet auch nicht: Du musst immer brav aufräumen. Stattdessen werden die verschiedenen Perspektiven gegenübergestellt, die putzwütige Dame und die Abenteuer-Tante, die sich vor dieser Frau gruselt.

Die Geschichte eignet sich wunderbar zum gemeinsamen Lesen, inspiriert vielleicht dazu Kompromisse zu finden zwischen Ordnungsliebe und Abenteuersehnsucht.


Meta und die ausser-ordentliche Tante
Sylvia Heinlein
Verlag Sauerländer, 1998
ISBN: 3-7941-4301-9

Bücherschrank – Das Maibuch 2018

… welches eigentlich das Aprilbuch gewesen wäre, aber dann wurde plötzlich ein neuer Bücherschrank in Bonn eröffnet. Dort musste ich hin und fand einen Schatz, der sofort gelesen werden wollte …

Bücherschrank am Gymnasium Rodenkirchen

Bücherschrank am Gymnasium Rodenkirchen

Die Suche nach dem Bücherschrank

Im April führte mich mein Weg zu Ikea in Köln-Godorf. Dort findet sich ein Bücherschrank, vielmehr Regal, das wusste ich, hatte ich dort doch bereits mein Februarbuch 2017 gefunden.

Dank der Buchschrankfinder-App von Tobi (Lesestunden) suchte ich die Gegend ab und plante den Bücherschrank „Vor dem Café an der Wachsfabrik“ aufzusuchen. Doch er war nicht zu finden … Kein Café, kein Schrank. Habe mich wahrscheinlich zu dumm angestellt. Falls ihr Hinweise habt, gerne her damit, es gibt weitere Buchschrankmonate, weitere Fahrten zu Ikea …

Irgendwann gab ich auf und besuchte den Bücherschrank vor dem Gymnasium Rodenkirchen.

Es war doch recht interessant, welche Auswahl sich so vor einer Schule findet, nämlich in etwa dieselbe, wie in anderen Bücherschränken. Die ein oder andere offensichtliche „Schullektüre“ deutet darauf hin, dass der Schrank auch von Schülern, zumindest fürs Einstellen von Büchern, die sie loswerden wollen, genutzt wird. Jugenbücher oder Young Adult, wie es heute so schön heißt, sind mir nicht wirklich begegnet.

Trotzdem wurde ich fündig (dank Daggis Buch-Challenge suche ich ja aktuell gezielt in den Bücherschränken, für ihre kniffligen Aufgaben).

Das Buch ist auch bereits weit gereist, gehörte einst zum Bestand der Stadtbücherei von Königsbrunn. Eine Adresse mit Telefonnummer in Milano-Iltalia ist ebenfalls handschriftlich am Ende des Buches vermerkt. Es scheint eine Empfehlung für ein Café gewesen zu sein, inzwischen befindet sich dort keines mehr. Ob das Buch bereits in Mailand war? Es hat auf jeden Fall schon viel erlebt.

Gute alte Krimis

Ich war noch recht jung, als ich den Bücherschrank meines Opas öffnen und seine Bücher lesen durfte. Es war eine große Glasvitrine, voll mit Opas Büchern. Er überlegte lange und gab mir dann meinen ersten Krimi. Immer wieder fragte er mich, ob das Buch auch wirklich was für mich sei. Es war spannend. Im Sessel sitzend versuchte ich den Fall zu lösen, versagte kläglich, aber genoss es sehr mit Opa zusammen zu lesen. Kein Kinderbuch, sondern ein Buch für Erwachsene.

Es blieb nicht bei dem einen Krimi, ich las einige von Opas Büchern, nicht nur die alten. Er ließ mich John Grisham entdecken. Doch irgendwann entdeckte ich Fantasy und las keine Krimis mehr …

Doch vor einiger Zeit habe ich bereits einen Krimi über einen Bücherschrank entdeckt, einen alten, der auch in Opas Schrank hätte stehen können. Diesmal ist es ein Krimi, der bereits 1968 veröffentlicht wurde, geschrieben von Frank Arnau, der damals bereits 74 Jahre alt war, also deutlich vor meinem Opa geboren ist.

Das faszinierende an einem alten Krimi ist, dass die Welt noch so völlig anders tickt. Das Digitale in der Geschichte war ein Tonbandgerät oder ein Telefon, bei dem unbemerkt mitgehört wird. Oberinspektor Brewer muss für seine Ermittlungen zahlreiche Orte aufsuchen, Gespräche führen und auch die Forensik arbeitet noch vollkommen anders. Es gibt keine DNA-Analysen, aber auf der anderen Seite werde ich beeindruckt, welche Informationen aus einem getragenen Pelzmantel gezogen werden.

Das verbrannte Gesicht - Frank Arnau

Das verbrannte Gesicht – Frank Arnau

Das verbrannte Gesicht

Es handelt sich um einen klassischen Krimi mit Mordfall. Allerdings ist der Mord zu Beginn noch gar nicht geschehen. Eine junge Frau, die ihrer Tante an der Garderobe des Theaters ausgeholfen hat kommt spät noch auf die New Yorker Wache um dem Chef der Mordkommission von ihrem Erlebnis zu berichten. Alles begann damit, dass Laureen Kenneth sich den kostbaren Pelzmantel einer Theaterbesucherin angelegt hatte …

Blödsinniger Klappentext

Auf dem Klappentext steht tatsächlich:

Oberinspektor Brewer von der New Yorker Mordkommission hörte sich ihren nächtlichen Bericht zwar an, nahm die Sache aber nicht ganz ernst.

Das ist Blödsinn, denn er geht der Sache umgehend nach, stellt Fragen und bemüht sich darum, herauszufinden, wer die beteiligten Menschen sind und wo der Mord geschehen soll. Er ist allerdings realistisch und weiß, dass es nahezu unmöglich ist, den Mord zu verhindern. Laut Klappentext glaubt er der jungen Frau erst, als er die Leichte gefunden hat …

Das bezweifle ich, denn bereits zuvor im ersten Gespräch mit Collins, dem Chef des Polizeilabors, freut er sich darüber, dass dessen Erkenntnisse zu der Geschichte von Laureen passen.

Fazit

Es war schön, mal wieder einen alten Krimi zu lesen. Es hat mir Spaß gemacht und Erinnerungen geweckt. Das Buch selbst ist keine dringende Leseempfehlung, quält euch nicht mit der Suche.

Ich mag mein Projekt Bücherschrank. Das Buch wandert in den nächsten Tagen in einen anderen, welchen weiß ich noch nicht, aber ich bin gespannt, welche Überraschung mich dann erwartet.

 

Das verbrannte Gesicht

Frank Arnau

Ullstein Verlag

Bücherschrank – Das Märzbuch 2018

Es wurde ein wenig eng im März

März 2018 war bei mir ein turbulenter Monat und das hat gute Gründe:

Meine Tochter wurde erwachsen und das musste gefeiert werden. Am 19.3. war ich exakt mein halbes Leben Mama …

Am 28. März habe ich mir das Buch dann endlich in einem Bonner Bücherschrank besorgt. Da ich inzwischen in ziemlich vielen Bponner Bücherschränken gewesen bin, versuche ich diese aktuell zu vermeiden, damit sie mir in genau solchen Situationen noch zur Verfügung stehen. Mein Ziel ist es, jeden Monat möglichst einen neuen Bücherschrank aufzusuchen. Daher bin ich auch sehr froh darüber, dass wir hier in Bonn und Umgebung so viele zur Auswahl haben.

Inzwischen entdecke ich auch immer mehr Lokale mit Bücherregalen, bin aber unsicher, ob diese dem gleichen Prinzip des Tauschens  unterliegen. In einem ist mir auch noch ein Rätsel, ob ich mit meinen kurzen Armen überhaupt an die Bücher dran komme … werde ich klären und beim nächsten Besuch ein Buch zum Tausch dabei haben …

Der Bücherschrank

Auf Twitter habe ich ein kleines Rätsel veranstaltet, dass leider nicht gelöst werden konnte:

Die Auflösung: Mein Märzbuch stammt aus der Brüser Berger Bücherbox.

Brüser Berger Bücherbox, Bonn

Brüser Berger Bücherbox, Bonn

Mal ein großes Lob an die Nutzer und Verantwortlichen der Brüser Berger Bücherbox. Der Schrank ist unglaublich ordentlich, dabei auch gut befüllt!

In dem Buch lagen zwei Fotos.

Ich werde diese Fotos noch eine Weile aufheben. Falls Dir diese Fotos gehören und Du sie gerne wieder haben möchtest, kannst Du Dich gerne bei mir melden! Schreib mir eine Mail an braun (at) kleiner-komet.de oder schreib mich auf meinen Social Media Kanälen an.

Nacht - Elena Melodia

Nacht – Elena Melodia

Nacht

Mein Plan war eine der schwierigeren Aufgaben von Daggis Buchchallenge mit dem Märzbuch zu lösen. Doch das blaue Buch in der obersten Reihe sprang mir sofort ins Auge. Der Schutzumschlag mitsamt Klappentext fehlte, es durfte trotzdem mit.

Eine kleine Recherche ergab, es klingt sehr interessant, aber auch ein wenig unheimlich …

Es war tatsächlich auch ein wenig unheimlich, aber auf eine sanfte, für mich gut aushaltbare Art.

In „Nacht“ von Elena Melodia geschehen mehrere brutale Morde, die von der 17-Jährigen Alma vorausgeahnt werden. Alma, ihre Familie und ihre Freundinnen haben alle eine gut durchdachte Persönlichkeit. Jede einzelne Figur hat ihr eigenes Schicksal. Dabei geht es um ernste Themen, die nicht verharmlost oder romantisiert werden. Es geht dabei um sehr unterschiedliche Themen, die belasten, aber über die man eben nicht mit jedem sprechen kann. Darunter fallen häufige Probleme, wie beispielsweise Magersucht, aber auch außergewöhnlichere. Dieses nicht darüber sprechen können, vor allem nicht mit den Eltern, wird ebenfalls thematisiert. Auch Almas eigene Erfahrungen und ihr Umgang damit lesen wir aus ihrer Ich-Perspektive. Sie selbst ist überzeugt, kein Trauma erlitten zu haben. Sie lässt uns aber auch wissen, inwiefern es ihr nicht gut geht.

Die Geschichte wird im Präsens erzählt, eine Schreibweise, die mich bisher eher gestört hat, aber zu dieser Geschichte tatsächlich sehr gut passt und die in meinen Augen sehr gut umgesetzt wurde. Der Schreibstil ist insgesamt sehr flüssig und mitreißend. Leider kann ich nicht beurteilen, wie viel davon der Autorin Elena Melodia und wie viel der Übersetzerin Karin Diemerling anzurechnen ist. Für mich las es sich insgesamt richtig gut!

Italienische Reihe

„Nacht“ ist der Auftakt einer Reihe, was leider bedeutet, dass die Geschichte nicht zu Ende erzählt ist und bei mir noch eine Menge Fragen offen sind.  Band 2 bis 5 sind im Original auf italienisch erschienen. Leider verstehe ich kein italienisch und werde somit niemals erfahren, wie die Geschichte weiter geht …

Melie ist bereits vor 6 Jahren der Frage nachgegangen, wie es mit der Übersetzung des zweiten Teils aussieht und teilt auf Lovelybooks die Antwort des Verlages, dass es keine weiteren Übersetzungen geben wird.

Auf Büchertreff findet ihr eine Übersicht zur Reihe.

Ist es Euch auch schon mal passiert, dass eine Reihe nicht weiter übersetzt wurde und in einer Sprache geschrieben wurde, die Ihr nicht versteht? Der Moment dieser Erkenntnis hat mich tatsächlich kurzfristig sehr geärgert.

Fazit

Ein wirklich tolles Buch, habe es mit Spannung gelesen.

Aber lass lieber die Finger davon, wenn du kein Italienisch kannst!


Nacht
Elena Melodia
aus dem Italienischen von Karin Diemerling
PAN-Verlag, 2011
Originaltitel: Buio, bei Fazi, 2009
ISBN: 978-3-426-288333-2

Bücherschrank – Februarbuch 2018

Der Bücherschrank

Im Februar führte mein Weg mich auf die andere Rheinseite, nach Bad Honnef zur Confiserie Coppeneur. Im Gespräch mit Jasmin Coppeneur haben wir auch über die Idee von Soledad Sichert (Bonntouren) gesprochen bei Coppeneuer einen offenen Bücherschrank aufzustellen. Ich unterstütze diese Idee!

Die gemütliche Sitzecke lädt dazu ein in Büchern zu stöbern.

Schokolade und Tee bei Coppeneur, der Manufraktur für Lebensfreude

Schokolade und Tee bei Coppeneur, der Manufraktur für Lebensfreude

Auf dem Heimweg habe ich einen kurzen Halt in Königswinter gemacht und den Bücherschrank am Marktplatz aufgesucht, wo ich mein Februarbuch gefunden habe.

Bücherschrank in Königswinter auf dem Marktplatz

Bücherschrank in Königswinter auf dem Marktplatz

Frauenbild

„Die Zeit der Leoniden“ von Christine Brückner ist erstmals 1966 erschienen und erzählt die Lebensgeschichte einer Frau, die 1933 junge Mutter zweier Töchter war. Es ist die Geschichte ihrer Ehe, ihrer Liebschaft, ihrer Sexualität, ihres Lebens.

Es ist eine Geschichte, die mir verdeutlicht, wie Ehe damals in der Generation meiner Ur-Großeltern sein konnte, wie wenig die Liebe eine Rolle spielen musste. Das habe ich gewusst, dennoch fällt es mir schwer nachzuempfinden, wie wenig diese Frau eine Persönlichkeit entwickeln konnte, wie wenig sie SIE sein durfte. Es machte für sie gar keinen Sinn eine eigene Meinung zu entwickeln.

Doch als Witwe wandelt sie sich, beginnt spät eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Kurz vor ihrem Tod hält sie Rückschau auf ihr Leben und nimmt uns Leser dabei mit.

Dagegen sind ihre Töchter ganz anders, haben andere Ansprüche und ein anderes Selbstbewusstsein. Dennoch unterscheiden sie sich noch stark von heutigen Frauen meiner Generation, mit all ihren individuellen Unterschieden.

Ihr verstorbener Ehemann Professor Bertram dagegen ist eine erschreckende Figur, ein Mann den ein Herzinfarkt davor rettete an die Front zu gehen, ihn auch davor bewahrte, weitere Vorlesungen an der Universität zu halten und sich tiefer im nationalsozialistischen Gedankengut zu verstricken. Dennoch musste er sich nach dem Krieg wegen seiner Zugehörigkeit zum NS-Dozentenbund verantworten.

Es erscheint mir wichtig, hin und wieder Geschichten aus dem 20. Jahrhundert zu lesen, Geschichten aus einer anderen Zeit, die aber noch gar nicht all zu lange her ist. Geschichten aus einer Zeit, die unsere Mitmenschen noch erlebt haben. Es hilft einiges zu verstehen, es hilft dankbar zu sein, für das, was sich verändert hat. Es zeigt auch, wie schnell sich die Welt und unsere Gesellschaft verändert, denn all das ist noch nicht lange her.

Die Zeit der Leoniden - Christine Brückner

Die Zeit der Leoniden – Christine Brückner

Schreibstil

Christine Brückner nutzt ein interessantes Stilelement, wenn man es überhaupt als solches bezeichnen darf.

Sie beginnt ihre Geschichte im Präsens:

Der Knopf, den sie in ihrer Manteltasche trägt, ist aus graugelbem Horn und hat vier Einstechlöcher.

So begleiten wir die Hauptfigur in der Gegenwart, durch ihre Erinnerungen, die entsprechend in den Vergangenheitsformen erzählt werden. Es ist schlicht, dennoch für mich erwähnenswert, weil ich Schwierigkeiten mit modernen Romanen im Präsens habe, denn diese bleiben konsequent im Präsens, auch wenn es manchmal etwas haarig wird.

Allerdings stolpere ich auch hier ab und an und frage mich, wann wir uns gerade befinden, es ist schlicht ungewohnt über so viele Zeitphasen hinweg zu lesen und dann auch noch in einer, in der ich nie gelebt habe.

Was mich auf jeden Fall stutzen lässt ist das „Ich“, dass hin und wieder auftaucht, denn eigentlich ist das Buch doch in einer Personalen Erzählperspektive geschrieben, ist Wiebe dann das „Ich“?

Fazit

Das Büchlein hat nur 155 Seiten, dennoch war es keine kurze Lektüre.

Die Geschichte war für mich nicht leicht zu lesen, stilistisch und inhaltlich, aber sehr wertvoll!

Es ist mein zweites Buch von Christine Brückner, auch das erste war keine leichte Lektüre.  Es lohnt sich, ihre Werke zu lesen, über ihre Schulter einen Blick auf diese Zeit zu werfen.

Das Buch geht bei nächster Gelegenheit an einen Freund.

Ende

Am beeindruckendsten fasst das finale Zitat aus der Kurzgeschichte von Bert Brecht die Geschichte zusammen. Ob es die erwähnte Anthologie wirklich gibt, oder sie nur Teil der Geschichte ist? Ich weiß es nicht, es ist mir nicht wichtig.

Das Zitat ist bedeutungsschwer und deswegen möchte ich auch meinen Beitrag mit diesen Worten beschließen und euch ein wenig inspirieren über die Vergangenheit nachzudenken, vielleicht auch noch einmal nachzufragen, so lange es möglich ist.

Genau betrachtet lebte sie hintereinander zwei Leben. Das eine, erste, als Tochter und Mutter, und das zweite einfach als Frau B., eine alleinstehende Person ohne Verpflichtungen und mit bescheidenen, aber ausreichenden Mitteln. Das erste Leben dauerte etwa sechs Jahrzehnte, das zweite nicht mehr als zwei Jahre.


Die Zeit der Leoniden
Christine Brückner
Ullstein, 1980, (c) 1966
ISBN: 3 548 02887 X

 

Bücherschrank – Das Novemberbuch 2017

englischer Bücherschrank in Frankfurt a.M., Standplatz vor dem englischen Theater

Der Bücherschrank

Im November stand ein Vorstellungsgespräch in Frankfurt an. Es lief gut, dazu erzähle ich euch bald mehr, versprochen.

Nach dem Gespräch machte ich einen Plan für die Rückfahrt und suchte den nächstgelegenen Bücherschrank auf, nur ein kleiner Umweg zum Frankfurter Hauptbahnhof.

Der Schrank steht am Englischen Theater. Dabei hatte ich mir nichts weiter gedacht. Doch der Schrank steht nicht nur vor dem Theater, es ist auch ein „englischer Bücherschrank“ unter Patenschaft des Theaters. Weitere interessante Informationen stehen in diesem Beitrag der Frankfurter Rundschau vom 25.10.2013.

In diesem Schrank ist noch viel Platz! Falls ihr zufällig in der Nähe wohnt und euch von englischen Bücher befreien wollt, die in eurem Regal einstauben, wäre das eine gute Möglichkeit, sie frei zu lassen.

Tja, so stand ich also vor diesem Schrank, überraschend konfrontiert mit wunderbaren Schätzen in englischer Sprache. Diesmal überließ ich nichts dem Zufall, ich stöberte, vergessen war der enge Zeitplan, den Zug habe ich trotzdem noch erreicht.

Als ich dann meinen kleinen Schatz in den Händen hielt, überkam mich das ungute Gefühl dem Schrank nichts gutes zurück geben zu können. In meiner Tasche befand sich das Tauschbuch in deutscher Sprache, ein Buch ohne besondere literarische Ansprüche. Einfach eins zu nehmen, ohne etwas zurück zu lassen, erschien mir auch falsch. Ein freundlicher Passant bestärkte mich darin, dass es in Ordnung sei ein deutschsprachiges Buch in den Schrank zu legen und so tauschte ich.

Animal Farm – George Orwell

Animal Farm

Auf meiner Klassiker-Liste findet sich auch George Orwell, allerdings nicht seine politische Fabel „Animal Farm“.

Für die Geschichte selbst habe ich lange gebraucht, obwohl es nur 118 Seiten sind. Nein, es lag nicht an der englische Sprache, es lag am Thema und der Tiefe.

George Orwell hat mich nachdenklich und auch traurig gestimmt.

Es beginnt mit einer Idee, der Idee einer Welt ohne Menschen: Die Tiere leben in Freiheit und versorgen sich selbst. Sie alle sind gleich und niemand tötet den anderen. Diese Idee entsteht auf einer kleinen englischen Farm. Die Tiere versammeln sich, diskutieren, singen und es kommt zu einer Revolution …

Die Farmtiere vertreiben erfolgreich den Bauer und werden zur „Animal Farm“. Sobald sie für alles selbst verantwortlich sind, müssen sie einen neuen Weg finden, ihr Leben zu gestalten …

Die Ziele hätten erreicht werden können, alle hätten gleich und glücklich sein können, wie es der Plan war, oder?

Doch es kommt alles anders, die Politik der Tiere dreht sich um Macht, Propaganda und die ursprünglichen Regeln wandeln sich immer stärker …

ALL ANIMALS ARE EQUAL

BUT SOME ANIMALS ARE MORE EQUAL THAN OTHERS

Fazit

„Animal Farm“ erschien 1945 und ist immer noch sehr aktuell. Der Gedanke, etwas ändern zu wollen, die Welt zu verbessern ist erst einmal eine gute Idee. Doch dann gibt es viele Fallstricke, unerwartete Probleme und Versuchungen …

Die Geschichte, die George Orwell über die Tiere erzählt, klingt vertraut, vertraut aus der Historie, aber auch vertraut aus der heutigen Zeit. Dabei denke ich sowohl an kleine, aber auch große Beispiele.

Ideale, Engagement, Macht, Politik und Menschlichkeit – Lassen sich diese Begriffe vereinen?

Oder ist alles nur Image, Macht und Propaganda?

Kann es eine faire Gleichheit im politischen Sinne geben? Können überhaupt alle Interessen miteinander vereint werden?

 

Wie können wir uns im Dschungel der unendlich vielen Informationen eine politische Meinung bilden, die tatsächlich unsere eigene ist?

Was können wir selbst tun?

George Orwell gibt keine Antworten auf diese Frage, aber er inspiriert dazu, nachzudenken.


Animal Farm
George Orwell, 1945
gelesen in einer Ausgabe von 1951
Penguin Books