Meine Briefe – ein Erlebensbericht

ein angefangener Brief mit schreibender Hand, daneben eine Rose, Schokolade und ein Glas Wasser

In der letzten Woche habe ich euch die Übung „Der nie geschriebene Brief“ vorgestellt.

Da ich euch mit meinen Briefen nicht beeinflussen wollte, habe ich diesen Beitrag geteilt. So erzähle ich euch erst jetzt wie es für mich war, diese Briefe vier Monate nach dem Tod meines Herzensmenschen zu schreiben. Falls ihr den Beitrag von letzter Woche noch nicht kennt, solltet ihr diesen bitte zunächst lesen.

Falls du die Übung noch machen möchtest lies diesen Teil bitte erst danach!

Wie war es bei mir

Super! Es floss wirklich ohne viel Nachdenken einfach aus mir raus. So habe ich auch keine 15 Minuten pro Brief gebraucht, sondern war deutlich vorher fertig. Und nein, ich habe keinerlei Erfahrungen mit solchen Übungen, aber diese war irgendwie genau meins.

Diese Aufgabe hat bei mir so einiges geklärt. Ich konnte manches loslassen und das Schreiben hat mich in meiner Dankbarkeit und Liebe gestärkt und ja, hat mir irgendwo auch Frieden und vor allem Mut zum weiter leben geschenkt.

Brief 1

Der Brief an den Verstorbenen war der Brief, der allen Teilnehmern am leichtesten gefallen ist. Bei mir reihten sich die „Warum-Fragen“ aneinander und ich war überrascht, wieviel mir da so spontan kam. Es ging dabei um konkrete Situationen/ Gefühle aus dem gemeinsamen Leben. Dieser Brief alleine war schon befreiend.

Brief 2

Der Brief aus Sicht des Verstorbenen. Auch dieser Brief floss so aus mir raus und war so ein Geschenk für mich, war vielleicht der Wertvollste von allen. Der zentrale Satz in diesem Brief: „Ich war wie ich war, aber ich habe dich immer geliebt“.
Es folgten der Ausdruck von Dankbarkeit und vor allem die Aufforderung mein Leben weiter zu leben. Und ja, das waren nicht meine Worte, das waren die Worte von Klaus! Ich danke dir dafür ❤️.

Brief 3

Auch dieser Brief hat sich für mich gelohnt, weil ich darin zu dem Ergebnis gekommen bin: mit der Wunschperson wäre mein Leben sicher leichter gewesen, aber irgendwie auch langweilig. Ohne Kampf hätten wir nicht das erreicht, was mein Mann und ich erreicht haben und nein, mit der Wunschperson wäre ich nicht glücklich geworden. Mein Mann war trotz seiner Fehler (ja sorry, er war genauso wenig perfekt wie ich) genau der Richtige für mich.

Brief 4

Der Brief aus neutraler Sicht. Für mich ebenfalls eine sehr gute Aufgabe. Hier habe ich mich so richtig tüchtig ausgeschimpft und mir den Kopf zurecht gerückt. Wunderbar, denn, wenn man das selber macht, tut es nicht weh sondern ist sehr befreiend und klärend.

Begeistert bin ich auch im Nachhinein noch von dem Schlusssatz meines Briefes, der mir damals auch ganz spontan kam und mir ganz viel Frieden geschenkt hat.

Der Brief: Was ich dir noch sagen wollte…

Schreiben hilft

Vielleicht habt ihr alle schon einmal gemerkt, dass es hilfreich ist, sich Dinge von der Seele zu schreiben. Mir hilft es auf jeden Fall und so habe ich hier ein schönes Heft liegen, das meine Tochter mir geschenkt hat und in das ich unregelmäßig schreibe, was mich in der Trauer belastet oder mir auch Positives begegnet ist.

Mehrfach habe ich auch schon an jemanden, der verstorben ist, einen letzten Brief geschrieben, um damit Abschied zu nehmen. Der Schreibprozess an sich tut mir jedes Mal gut. Es schließt sich die Überlegung an, was man dann damit macht.

Man kann den Brief an einen Verstorbenen danach aufbewahren und vielleicht später noch einmal lesen – man kann ihn und die Gedanken auch ganz bewusst loslassen. Dazu könnte man ein Ritual finden und den Brief vielleicht verbrennen, zerreissen und dann verstreuen, mit einem Luftballon aufsteigen lassen oder ihn sogar mit ins Grab geben.

Der nie geschriebene Brief

Bei einem Trauerseminar habe ich die folgende hilfreiche Übung kennen gelernt. Die Seminarleiterin Simone Osteroth nannte diese „Der nie geschriebene Brief“ und ja, es geht um die nie gesagten Worte.

Der Grundgedanke

Es geht darum, etwas aufzuarbeiten, was noch zwischen dir und der verstorbenen Person steht. Das soll dann aber nicht nur aus der eigenen sondern auch aus Sicht der verstorbenen Person betrachtet werden. Hier geht es also zusätzlich zu der befreienden Wirkung des Schreibens an sich vor allem um den Perspektivwechsel.

Wenn ich mir die eigentliche Aufgabenstellung heute noch einmal ansehe, würde ich sie heute anders interpretieren. Wie ich es für mich umgesetzt habe, stelle ich euch hier vor.

Beim Schreiben kommt natürlich wieder viel hoch und es ist völlig normal, wenn hierbei die Tränen fliessen. Lasst es zu und nehmt es so an, wie es kommt. Vielleicht rufen diese Briefe aber auch positive Gefühle hervor und bringen euch sogar zum Lachen. Alles ist möglich.

Geht aber bitte behutsam daran. Solltest du merken, es tut dir gerade nicht gut, brich ab. Diese Übung soll dir ja helfen und nicht zusätzlich runterziehen. Spüre, wann der richtige Moment dafür da ist.
Mir hat sie auf jeden Fall sehr sehr gut getan.

Die Aufgabe

Es geht darum in einem Zeitfenster von jeweils maximal 15 Minuten unmittelbar hintereinander vier Briefe zu schreiben. Rein intuitiv, ohne viel zu denken; einfach loslassen, was einem auf der Seele brennt, das rauslassen, was man dem anderen nie gesagt hat, aber jetzt noch gerne sagen oder fragen würde.

Brief 1

richtet sich an den Verstorbenen in direkter Anrede. Hier geht es darum, über Gedanken zu schreiben, die man diesem nie anvertraut hat. Ihm jetzt zu sagen, wie man sich in manchen Situationen gefühlt hat. Ehrlich und direkt.

Brief 2

Wir schreiben nun auf unseren ersten Brief eine Antwort aus Sicht des Herzensmenschen. Hier findet also der erste Perspektivwechsel statt. Hierbei braucht man nicht nur auf das antworten, was uns in Brief 1 bedrückt hat, kann dieses noch ergänzen mit dem, was der Verstorbene uns vielleicht noch gerne gesagt hätte.

Brief 3

geht an die Wunschperson. Wir stellen uns nun also den Verstorbenen als den perfekten Menschen vor und übertragen die Situation von Brief 1. Diese wäre dann natürlich anders verlaufen, weil der pefekte Mensch anders reagiert hätte – vielleicht hätte es die beschriebene Situation dann so gar nicht gegeben. Auch hier geht es dann um unsere Gefühle dabei.

Brief 4

geht an die emotionale Person aus Brief 1 und wird geschrieben aus Sicht einer neutralen Person. Diese Person ist also so ein wenig Schiedsrichter, muss aber nicht vorsichtig sein, sondern darf uns schon ordentlich den Kopf zurechtrücken.

Vorbereitung

Such dir einen passenden Ort, an dem du dich wohl fühlst. Nimm dir einen Lieblingsstift, schönes Papier und vergiss die Taschentücher nicht. Für hinterher oder nebenbei vielleicht ein paar Riegel Schokolade, Gummibärchen oder was du gerne magst und denk auch an ein Getränk.
Bei mir war die Gier nach Schokolade im Anschluss an diese Übung riesig. Zum Glück war die Seminarleiterin auch hierauf vorbereitet :-).

Nur Mut

Es klingt vielleicht erst einmal furchtbar aufwendig, vier Briefe zu schreiben und dafür eine Stunde zu investieren, aber diese Stunde ist so wertvoll, ist ein Geschenk, das du dir machst! Es lohnt sich. Ich nehme schonmal vorweg, dass ich früher fertig war und mir die Zeit überhaupt nicht lang vorkam.

Fang einfach an!
Wie immer du es durchführst, ist es richtig, ist es dein Weg.

Ausblick

Da ich dich mit meinen Briefen nicht beeinflussen will, habe ich diesen Beitrag hier geteilt. So erzähle ich erst nächste Woche, wie es für mich war diese Briefe zu schreiben.

Diese Übung kann unabhängig von der Trauer auf andere Lebenssituationen übertragen und wiederholt werden. Mit zeitlichem Abstand ist das Thema vielleicht anders …