Sonntagsgeschichte Kapitel 18 – Zukunftssorgen

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Der Sommer verging. Der endgültige Abschied von der Schule mit all den Feierlichkeiten ging vorbei. Ein Sommer voller Treffen mit Freunden, Freunden, die Pläne für die Zukunft hatten, eine Ausbildung beginnen, studieren oder ins Ausland gehen. Nur Joesphine hatte keinen Plan, was für sie soweit in Ordnung gewesen wäre, wenn ihre Eltern nicht immer wieder nerven würden, sie solle sich langsam entscheiden.

Sie wusste es einfach nicht, sie wusste nur eins, sie liebte die Treffen mit Johanna, die sie regelmäßig zu Hause besuchte. Auch auf dem Drachenfels war sie erneut gewesen. Lametta, der Lilling leistete ihr jeden Abend Gesellschaft und erzählte märchenhafte Geschichten aus der Anderswelt. Auch dem Fuchsteufel war sie begegnet, doch er jagte ihr inzwischen weniger Angst ein, sie wusste inzwischen, wie sie sich vor ihm schützen konnte.

Es hätte alles so wunderbar sein können, wenn sie sich auf ihre Aufgabe hätte konzentrieren dürfen. Sie und Johanna waren die Verbindung zwischen den Welten und sie beide würden dafür sorgen, dass diese nicht abriss. Wie, das wussten sie noch nicht, aber Josephine spürte, dass sie gemeinsam stark sein würden.

Ihre Eltern hätten das nicht verstanden, wie auch. Doch verstand Josephine auch ihre Eltern?

Wenn sie ehrlich war, ja. Ihr war klar, dass sie einen Beruf brauchte, Geld verdienen und ihren Platz in der Welt finden musste. Das Problem war, sie war genau dabei, ihren Platz in der Welt zu finden, zwischen den Welten. Doch mit dieser wichtigen und geheimen Aufgabe konnte sie kein Geld verdienen, sich kein Essen, keine Kleidung kaufen und schon gar keine Wohnung mieten. Ja, das alles verstand Josephine, aber sie wusste keine Lösung.

Sollte sie sich an der Uni einschreiben? Halbherzig für etwas, dass sie nicht wirklich interessierte? Sie konnte sich vorstellen, zu studieren. Sie liebte es zu lesen, liebte es neues zu entdecken, aber es musste das richtige sein.  Es musste sie wirklich interessieren, begeistern, dann würde ihr das Lernen auch leicht fallen. Doch beim besten Willen konnte sie sich gerade nicht vorstellen, was das sein könnte.

Lametta flatterte auf Josephines Hand. “Du siehst traurig aus”, stellte sie fest.

“Ja”, seufzte das Mädchen, das verträumt am Fenster ihres Zimmers stand und in die Dunkelheit hinaus starrte. “Es gab mal wieder Streit mit meinen Eltern.  Es sei Anfang September. Ich hätte die Bewerbungsfristen der Universitäten verstreichen lassen, die Einschreibefristen liefen jetzt auch ab. Selbst für Restplätze sei es langsam zu spät. Ich fühle mich unter Druck gesetzt, eingeengt. Ich möchte frei sein, wollte reisen und die Welt sehen, wollte Zeit haben, meinen Weg zu finden.”

Beruhigend strich Lametta mit ihren Schmetterlingsflügeln über Josephines Hand.

“Ich bin ja froh, dass ich hier geblieben bin. Bin froh, dass ich dich und Johanna gefunden habe. Ich liebe all eure Geschichten, aber wie soll es mit mir in dieser Realität weiter gehen? Sag es keinem, aber langsam habe ich selbst Angst.”

“Du wirst deinen Weg finden. Du bist ein kluges Mädchen.” Ihr Abitur war mit einem Durchschnitt von 2,3 wirklich nicht schlecht gewesen, sie hätte nicht alles studieren können, aber Anwältin oder Ärztin wollte sie eh nicht werden.

Nur was dann?

“Du brauchst eine reale Aufgabe, die sollten wir doch für dich finden, meinst du nicht? Du bist nicht nur klug, sondern auch kreativ.”

Es klang so einfach, was Lametta sagte, doch wo sollte sie anfangen zu suchen? Sie hatte keine Ahnung. Im Buchladen hätte sie gerne gejobbt, aber da gab es leider aktuell keine Möglichkeit. Sie liebte Bücher, so wie alle Geschichten.

“Und du erzählst gerne welche, nicht wahr?” Ja, das erzählen von Geschichten liebte Josephine. Sie liebte Märchen und alte Sagen.

“Dann mach das doch.” Lametta strahlte sie an.

“Ich soll Geschichten erzählen?” Das war ein Thema, das Johanna ihr auch immer nahegelegt hatte. Die Geschichten durften nicht sterben! Manchmal erzählte Josephine im Kindergarten um die Ecke Geschichten. Angefangen hatte sie damit, als ihre zehn Jahre jüngere Schwester dort war. An schulfreien Tagen ging sie gerne mit in ihren alten Kindergarten und die Kinder liebten es sich im Kreis um sie herum zu setzen und ihrer Stimme zu lauschen. Sie war lange nicht mehr dort gewesen, hatte keine Zeit gehabt, weil sie für das Abitur hatte lernen müssen. Warum hatte sie nicht viel früher daran gedacht? Sie war zu sehr damit beschäftigt eine Lösung für die Zukunft zu finden. Was wäre, wenn sie sich die Zeit nehmen würde, ein Jahr, wie sie es immer vor hatte. Zeit für sich, die Kinder und Geschichten.

“Ja, Lametta. Du hast Recht. Ich könnte nicht nur in den Kindergarten gehen, auch ins Krankenhaus, vielleicht auch ins Altenheim. Es gibt viele Menschen, die vielleicht gerne Märchen und Sagen hören würden. Das könnte ein Weg sein, vielleicht sogar einer, der meinen Eltern gefällt.”

“Vielleicht sogar einer, der dir und Johanna weiter hilft”, flüsterte Lametta und erhob sich in die Luft. Ihre Flügel glitzerten im hereinfallenden Mondlicht. “Schlaf darüber, dann sehen wir morgen weiter.”

“Ein Jahr voller Märchen und Geschichten”, seufzte Josephine verträumt, dann lauschte sie Lamettas Gesang und begab sich ins Traumland.

***

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Kennt ihr diese quälenden Fragen des Lebens? “Was will ich werden?” An diesem Punkt steht jeder von uns doch mindestens einmal in seinem Leben.

Wie hast du deinen Weg gefunden?

Was glaubst du, wäre für Josephine ein guter Weg?

kleiner Komet (Stephanie)

Ich liebe Geschichten – fiktive wie Geschichten aus dem echten Leben.
Als kleiner Komet tauche ich ein in verschiedene Welten und erzähle euch von meinen Abenteuern.

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