Voller Vorfreude rührte Charlotte ihre Milch. Immer wieder prüfte sie das Thermometer, es durfte nicht zu heiß werden. Neben dem Herd lag ihr Tablet mit den Anweisungen für ihr Urlaubsrojekt.
„Was treibst du denn da Mama?“, fragte Teenietochter Laura, die sich am Kühlschrank bediente und schon wieder aus der Küche verschwunden war, bevor sie antworten konnte.
Während sie gerade das Bruch-Molkegemisch unterrührte tauchte ihre zweite Tochter Johanna auf. „Wo isn mein neues Top?“
„Hattest du es in die Wäsche getan?“
„Auf die Badewanne.“
„Entweder liegt es dann noch da oder wenn du Glück hast, hat es auf magische Weise seinen Weg in die Wäsche gefunden.“
„Ja und?“
„Na, falls die Magie gewirkt hat, könnte es wo sein?“
Das entnervte Stöhnen von Johanna übersetzte sie für sich: „Falls du liebe Mama, mein Top gewaschen hast, wo kann ich es dann finden, ich habe gerade keine Idee?“
„Schau mal in der Waschküche.“
Mit einem erneuten Brummeln, dass sie wahlweise als „Danke liebe Mama“ oder auch als „Warum hast du es nicht auf mein Bett gelegt?“, verstehen konnte, verschwand auch dieses Kind.
Sommerferien mit Teenagern waren etwas schönes. „Lass dich nicht stressen“, ermunterte sie sich selbst und konzentrierte sich auf ihr Projekt. Ein Schritt nach dem anderen und dann könnten sie bald alle gemeinsam das Ergebnis genießen.
Schritt für Schritt folgte sie der Anleitung, drei weitere Male kamen ihre Töchter mit verschiedenen Kleinigkeiten in die Küche, aber Charlotte ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie war im Urlaubsmodus.
Endlich war es geschafft, jetzt musste die Maße einfach in Ruhe im Salzbald lagern. Sie legte ein Handtuch auf die Schüssel. Bevor sie diese in den kühlen Keller räumen konnte, wurde es trubelig.
Reiner kam von der Arbeit nach Hause, gestresst, denn es hatte Gründe, warum er als einziger keinen Urlaub hatte. „Von wegen Sommerloch“, schimpfte er auch heute.
„Chil mal“, riet Laura ihm, die mit ihrem Handy auf der Treppe saß.
Mit Johanna stieß er am oberen Treppenabsatz zusammen. „Ey“, meckerte sie, während er sie anfuhr: „Pass doch auf.“
„Selber.“
Ganz unrecht hatte sie damit nicht, befand Charlotte, die sich aus der Küche in den Flur bewegt hatte, bereit zu deeskalieren. Oben knallte eine Tür und ein Teenie kam die Treppe heruntergeeilt. Offenbar hatte sie ihr Top gefuden.
„Schuhe?“
„Wahrscheinlich da, wo du sie selbst hingestellt hast“, sprach Laura aus, was Charlotte dachte und sich wohlweißlich verkniff zu sagen.
„Boah Lala!“
Charlotte ging einen Schritt zurück in Richtung Küche. Dazwischen gehen oder ausweichen waren ihre Optionen. Seit die Töchter ihr beide über den Kopf gewachsen waren und die jeweiligen Hormoncocktails unkontrolliert aufeinanderprallten, wich sie möglichen Explosionen lieber erst einmal aus, bevor sie dazwischen ging. Selbst atmete sie tief ein, um weiterhin Ruhe zu bewahren.
Johanna fand ihre Schuhe in der Kammer, zog sie an und ging zur Tür. Dabei wurde sie von zwei Seiten beobachtet, ihrer Schwester, die noch immer auf der Treppe saß, und ihrer Mutter, am Türrahmen zur Küche gelehnt.
„Wo geht es hin?“, fragte Charlotte.
„Michelle.“
„Und wann kommst du wieder?“
„Mal sehen.“
„Spätestens um 22 Uhr bist du wieder hier.“
„Mal sehen.“
„Johanna! Meld dich bitte, wenn was ist.“
„Ja, ja.“
Von oben meldete sich Reiner zu Wort: „Nix ja ja. Du bist um 22 Uhr zu Hause, wie deine Mutter sagt und wenn was sein sollte, rufst du an.“
„Ciao“, sagte Johanna und weg war sie.
„Was machst du da eigentlich?“, wandte Charlotte sich an ihre andere Tochter.
„Handy“, kam die wenig informative Antwort. Das Gerät hatte sie in der Hand, aber üblicherweise saß sie dabei nicht auf der Treppe und scheinbar interessierte sie sich mehr für das, was vor dem Fenster passierte.
Charlotte versuchte noch eine Weile mit Laura ins Gespräch zu kommen. Vergeblich.
Reiner kam frisch geduscht wieder runter: „Lottchen, ich weiß wir wollte heute Abend grillen, aber ich bin echt zu müden. Lass uns doch was bestellen oder magst du noch kochen?“
Das mochte sie sicherlich nicht. „Und das Fleisch?“
„Machen wir morgen, da ist ja Wochenende.“
„Und du hast da auch wirklich frei?“
„So gut wie.“
Was genau das bedeutete, erläuterte er nicht. Stattdessen ging er an ihr vorbei, ins Wohnzimmer und kam mit einigen Flyern wieder zurück in den Flur: „Laura, was magst du essen?“
Sie wandte sich kurz vom Fenster ab, sah auf die Flyer in der Hand ihres Vaters und wählte einen aus. Charlotte beobachtete die Dikussion, blieb in ihrem Türrahmen stehen und wartete auf die Frage: „Das übliche für dich?“ Er hielt den Flyer vom Thai-Imbiss in die Höhe. Sie nickte und Rainer bestellte über sein Handy.
Laura sah wieder aus dem Fenster, dabei erinnerte sie Charlotte an ihre eigene Oma, die hatte das stundenlang gekonnt, im Lehnstuhl am niedrigen Fenster zur Straße sitzen und hinaus schauen. Ihre Tochter hatte es sich auf der Treppe gemütlich gemacht. Von dort bekam sie den Trubel im Haus mit und irgendetwas interessantes schien es auch draußen zu geben.
Als Charlotte sich neben sie hockte, verstand sie auch was. Die Enkelin der Nachbarin war zu Besuch. Sie spielte mit ihrer Großmutter Federball im Garten neben dem Haus.
„Geh doch rüber“, schlug Charlotte vor.
„Mama!“
„Was denn? Ihr habt doch früher auch schon zusammen gespielt.“
„Da waren wir Kinder.“
„Okay.“
Das war der Moment, in dem sie besser schwieg. Warum musste mit Hormonen alles immer so kompliziert sein? Sie atemete tief durch und sagte sich selbst, dass es auch wieder besser würde.
„Essen kommt in einer halben Stunde“, erklärte Reiner, „ich schau fern, hoffe das stört euch nicht?“
„Passt schon“, sagte Laura und widmete sich wieder ihrer Beobachtung. Charlotte blieb neben ihr sitzen.
„Nele wirkt ganz schön erwachsen.“
„Hmm hmm“, machte Laura und da war ein interessanter Unterton, den sie von ihrer Tochter nicht kannte. Interessant, dachte sie sich, schwieg aber. Das schaffte sie etwas zwei Minuten. „Vielleicht macht ihr ja die Tage mal etwas zusammen, sie bleibt bestimmt eine Weile.
„Mama!“
„War ja nur ein Vorschlag.“ Besser sie würde sie in Ruhe lassen. Stattdessen ging sie ins Wohnzimmer, setzte sich zu ihrem Mann aufs Sofa. „Was schaust du?“
Er stoppte die Sendung, deutete auf den Fernseher, wo sie lesen konnte, dass er sich eine Doku über Skandinavien ansah. „Interessant“, sagte sie. „Da könnten wir auch mal hin, was meinst du.“
„Hmm hmm“, machte er und es klang völlig anders als Laura eben. Genervter und der verträumte Unterton fehlte völlig. Besser in Ruhe lassen, dachte sich Charlotte. Sie könnte ja schon mal den Tisch decken, falls die brummelnde Familie denn bereit wäre, mit ihr zusammen zu essen.
In dem Moment, wo der Lieferdienst kam, war sie es allerdings, die am Esstisch fehlte. Ihr Bruder hatte angerufen, wegen einer Krise mit den Eltern. Er ließ sich nicht abwimmeln und wiederholte immer wieder dieselbe Argumentation, als hätten sie die Situation nicht schon mehrfach durchgesprochen. Sie hatte längst verstanden, dass es ihrem Bruder nur darum ging, sich bei ihr aufzuregen, weil die Eltern ihm nicht zuhörten.
„Max ich …“, versuchte sie es noch einmal, aber er ließ sie nicht zu Wort kommen und erzählte etwas vom heutigen Gespräch mit dem Vater, was er noch nicht erwähnt hatte. Charlotte gab auf, ging mit dem Handy zurück ins Esszimmer, wo Laura und Reiner tatsächlich zusammen am Tisch saßen. Er mit Blick Richtung Fernseher, sie mit Blick aus dem Fenster. Charlotte deutete auf ihre Box. Beide sahen sie kurz an, nickten und keiner hielt sie auf, als sie mit ihrem Essen wieder den Raum verließ. Sie setzte sich an den Küchentisch und begann zu essen, während sie ihren Bruder über Lautsprecher reden ließ.
Alles wird gut, versprach sie sich.
Es wurde 22 Uhr 30 und Johanna war immer noch nicht da. „Soll ich sie mal anrufen?“, fragte Charlotte ihren Mann. Er sah auf die Uhr und schlug vor, noch fünf Minuten zu warten. Laura hatte vor einer Weile das Interesse am Fenster verloren und war in ihrem Zimmer verschwunden. Charlotte hatte sich erneut aufs Sofa gesetzt und sie sahen sich zusammen eine Krimi-Serie an.
Zehn Minuten später gab es noch immer kein Lebenszeichen der Tochter. „Na, dann schreib ihr halt. Wir haben 22 Uhr gesagt“, meinte Reiner.
Das tat Charlotte und bekam sogar eine Antwort: „Gleich“
Sie zeigte Reiner das Handy. „Ne, so geht das nicht“, stöhnte er, nahm sein eigenes Handy und schrieb: „22 Uhr war die Ansage und du hältst dich gefälligst daran.“
„Geht nich“
Charlotte seufzte, dazu war es inzwischen zu spät. „Mach dich bitte auf den Heimweg“, schrieb sie stattdessen.
Ein Augen verdrehender Emoji tauchte kurz hintereinander bei beiden Eltern auf.
Gegen 23 Uhr kam Johanna nach Hause. „Ach ne, hab ich mir doch gedacht. Wenn ihr zusammen auf dem Sofa sitzt, braucht ihr mir doch nicht beide zu schreiben.“
„Du bist spät“, mahnte Reiner seine Tochter.
„Ich bin heil zu Hause, darum geht es doch, oder?“
„Bitte halte dich an Absprachen.“
„Bin da, gehe schlafen. Nacht.“
„Das ist nicht okay!“, schimpfte Rainer, aber seine Tochter befand sich bereits auf dem Weg nach oben.
Charlotte war zu müde, sie wäre gerne schon vor einer Weile schlafen gegangen. „Ich leg mich auch hin. Kommst du mit?“
„Ich mag noch nicht“, antwortete ihr Mann und so ging sie alleine nach oben.
Ein typischer Tag, dachte Charlotte, als sie sich die Zähne putzte. Sie spuckte aus, wusch sich das Gesicht und wünschte sich, dass sie morgen alle zusammen friedlich grillen würden.
Dann ging sie schlafen.
„Mama!“, schrie Laura.
„Boah wie eklig“, erklang Johannas Stimme.
Charlotte rieb sich die Augen. Es war Samstag Morgen, warum waren ihre Teenietöchter bereits wach? Die andere Betthälfte war leer. Hatte sie als einzige ausgeschlafen? Sie hörte die Klospülung, dann Schritte im Flur. „Was ist denn da unten los?“, rief Rainer.
„Komm runter, Papa!“, rief Johanna.
„Das ist unfassbar!“, ergänzte Laura.
Jetzt war auch Charlotte neugierig und stand auf.
„Ach du Schande“, sagte Reiner gerade, der vor ihr unten angekommen war. „Mach mal das Fenster auf, Johanna.“
Als Charlotte die Küche betrat standen alle drei nebeneinander und sahen ihr mit fragendem und entsetztem Blick entgegen.
Sie roch es auch, es stank bestialisch. „Oh nein!“, rief sie selbst aus.
„Was hast du getan?“, fragte Reiner besorgt.
„Käse.“
„Käse?!“, riefen alle drei im Chor. Schön, wenn sie sich mal alle einig waren.
„Ich wollte Käse machen.“
„Stinkekäse?“, fragte Laura.
„Eigentlich nicht“, gab Charlotte zu und kam näher. Auf der Theke am Fenster stand die Schüssel mit dem Salzbad, inzwischen in der Morgensonne. Diese hatte sie in den kühlen Keller bringen wollen und vergessen …
„Verflucht“, sagte sie und hielt sich die Nase zu.
„Ein Fall für die Tonne?“, schlug Laura vor.
Ehe Charlotte antworten konnte, griff Johanna nach der Schüssel. „Nur der Inhalt oder alles?“
„Alles“, entschied Rainer, „und sei vorsichtig, dass nichts explodiert.
„Mein schöner hausgemachter Käse“, seufzte Charlotte unglücklich.
„Das ist echt Käse, Schatz“, sagte Reiner und nahm sie in den Arm. „Was haltet ihr davon, wenn wir heute auswärts frühstücken?“
Damit waren alle einverstanden. Auch Johanna, die von der Mülltonne zurück kam.
„Mission completed“, verkündte sie.
Diese Kurzgeschichte entstand in der Blognacht bei Anna Koschinski zu dem Impuls „Hausgemachter Käse“. Meine erste Assoziation galt dem köstlichen eingelegten Käse, den ich in Prag gegessen habe und seitdem unbedingt mal selbst einlegen wollte … (siehe Foto). Dann befasste ich mich mit der sinnbildlichen Bedeutung und es wurde dann sowohl als auch, eine käsige Kurzgeschichte
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Huiuiui, so viel Alltag, so viel Käse – und klar, in deiner Geschichte ist auch meine Geschichte, liebe diese Effekte. Das ist ein schönes Format, solltest du viel öfter schreiben, finde ich.
Danke, dass du trotz der späten Stunden die Community bereicherst. Danke, dass wir verbunden sind. Danke, dass du da bist. Schön, dass es dich gibt.
Anna
Danke für deine lieben Worte. Ich komme immer wieder gerne zu dir in die Blognacht.
Eine Kurzgeschichte habe ich schon lange nicht mehr geschrieben und es hat Spaß gemacht.
Vor allem die Freiheit hat gut getan, sie einfach zu veröffentlichen. Schöner Kontrast zu meinem langwierigen Überarbeiten der Romanprojekte derzeit.