Lebe lieber online

Die Geschichte wurde 2007 geschrieben und nicht an die Zeit angepasst, liest sich daher für den ein oder anderen Leser möglicherweise etwas merkwürdig. ICQ war damals das WhatsApp für den PC … und nein Maik hatte kein Smartphone dabei.

Die Geschichte hatte ich ursprünglich bei einer Zeitschrift eingereicht, wo sie wegen des “erhoben Zeigefingers” abgelehnt wurde. Bitte lest die Geschichte mit dem Humor, mit dem sie geschrieben wurde.

Jetzt aber viel Spaß mit der Geschichte!

(c) Stephanie Katharina Braun

***

Pralinen - Lebe lieber online

Wie ein Junkie auf Entzug stürzte Maik zur Tür herein, rannte durch den kurzen Flur seiner Einzimmerwohnung, stolperte über einen Berg Klamotten und landete auf dem harten Fußboden. In seinen Bauch drückten die spitzen Ecken einer DVD-Box. Eine Chipstüte knirschte unter seinem Bein, die letzten Reste verkrümelten sich.
Sein Arm streckte sich und erreichte den heiligen Knopf. Er drückte ihn, als hinge sein Leben davon ab. Das vertraute Lüftergeräusch des hochfahrenden PCs erklang. Erleichtert atmete er die muffige Luft in seinem Zimmer ein. Seit über einer Woche hatte er hier nicht mehr gelüftet. Es war eine Wohltat nach dem, was er vorhin erlebt hatte, nach so viel geballter frischer Luft, die er einfach nicht gewöhnt war.
„Was für ein Tag!“, fluchte er vor sich hin. „So ein verdammtes „Real Life“! Wer hat das eigentlich erfunden?“ Einige Klamotten hatten sich auf seinem PC-Sessel breit gemacht. Achtlos fegte er sie beiseite und ließ sich erleichtert niedersinken. Endlich war er wieder zurück.
Die kostbare Fracht, die Trophäe seines Ausfluges, die zuckersüße Verwandlung seines Bankkontos, die er die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, legte er neben sich auf dem Schreibtisch. Teuer war ihm diese Tüte zu stehen gekommen. Doch er war stark geblieben und hatte sie ohne mit der Wimper zu zucken bezahlt. Ein kurzer Gedanke, was er seinem Baby alles dafür hätte kaufen können, blitzte in seinem Geiste auf. Dann schob er seinen Einkauf beiseite, bis er ihn nicht mehr direkt vor Augen hatte und griff nach seiner Maus. Liebevoll, beinahe zärtlich wie ein Haustier, streichelte er sie.
Endlich hatte er das Tor zu seiner Welt in der Hand. Endlich konnte er heimkehren, heim in den Cyberspace.
Wie nach einer langen Reise, einer verdammt langen und gefährlichen Reise, betrachtete er den vertrauten heimischen Sonnenaufgang. Sein Hintergrundbild flackerte auf, ein Graustufenbild, unterbrochen von blutigem Rot, eine Szene aus seinem aktuellen Lieblingsgame.

Auch wenn es sich nicht so anfühlte, war es erst am Morgen desselben Tages gewesen, als der Horror seinen Anfang nahm.
An diesem Morgen, der viel zu früh begonnen hatte.
Nur dunkel erinnerte er sich daran, wie seine Freundin Cindy in aller Früh aus dem winzigen Bad gestürzt kam und verkündet hatte, dass es aus wäre mit ihnen.

Türknallend war sie aus seinem Leben verschwunden.
Maik war zusammengezuckt, nicht wegen ihrem Geschrei, an das hatte er sich in letzter Zeit gewöhnt, sondern wegen des Knallens der Tür. Aufgeatmet hatte er als sie weg war, sich umgedreht und weiter geschlafen.
Cindy hatte er im Chat kennen gelernt, mit ihr gemailt, Fotos ausgetauscht und sich schließlich getroffen. Sie gefiel ihm auf Anhieb. Gerne hatte er sich um ihren PC gekümmert, ihn aufgerüstet mit alten Teilen, die noch bei ihm im Regal lagen. Cindy liebte Musik und Filme. Stundenlang hatten sie zusammen in seinem Bett gelegen, Actionfilme gesehen oder einfach nur zu rockiger Musik geträumt. Wie glücklich war er noch vor vier Monaten gewesen, endlich eine Frau gefunden zu haben, die nicht auf Liebesschnulzen stand und ständig tanzen gehen wollte. Ihr zu Liebe war er sogar ab und zu aus seiner Wohnung raus und ins Kino gegangen, wo es ihm grundsätzlich auch gefiel, wenn nicht der ungewohnte Weg durch die frische Luft gewesen wäre. Die Atmosphäre auf der großen Leinwand war einfach besser, als auf seinem kleinen Fernseher. Wären da nur nicht die ganzen anderen popcornkauenden Kinobesucher, die an den spannendsten Stellen kreischen, lachen oder weinen mussten.
Doch selbst Cindy war leider eine Frau, wenn auch eine sehr attraktive, zärtliche und gefährlich verführerische. Sie war eine Frau. Eine Frau, die mehr wollte, als in seiner kleinen Wohnung hocken und Filme sehen. In letzter Zeit war sie immer seltener bei ihm gewesen, hatte sich mit Freundinnen in Bars getroffen, oder was auch immer getrieben. Maik wusste es nicht so genau, hatte ihr meistens nicht richtig zugehört, wenn sie es ihm sagte, falls sie es überhaupt sagte. Er hatte sich auch mit seinen Freunden getroffen, im Channel. Dazu ein gekühltes Bier, seine Lieblingsmusik laut aufgedreht und er war zufrieden. Maik verstand nicht, warum er für diesen Genuss seine vertrauten vier Wände verlassen sollte, um stattdessen in eine verrauchte Bar zu gehen, wo er auf sein Getränk warten musste und sie die falsche Musik spielten.
Außerdem hätte er dort nicht einmal seine Freunde treffen können, die alle viel zu weit weg wohnten, aber dank Internet quasi bei ihm zu Hause waren.
Immer öfter hatte Cindy sich aufgeregt, ihn angeschrieen, er solle aufräumen, putzen, lüften oder Wäsche waschen. Und das, obwohl noch nicht einmal Waschtag war.
Ungefähr alle zwei Wochen, kramte er die Klamotten in einen großen Wäschekorb und machte einen Trip in den Keller. Zum Glück war die Waschmaschine ein technisches Gerät, ein entfernter Verwandter seines Babys. So war der Umgang mit ihr ein Kinderspiel für Maik. Rein, was rein passte, weißes Pulver in die Schublade und anschalten. Etwa drei Stunden später, im Zweifel am nächsten Tag, alles wieder raus und in die nächste Maschine. Etwas Geduld haben und zuletzt wieder alles in den großen Korb und nach oben. Dort pflegte Maik dann den Korb in die Ecke zu stellen, das Fenster zu schließen, denn Kellerzeit war Lüftungszeit, und es sich auf seinem Schreibtischsessel bequem zu machen. Nach so einem Trip musste ein gutes Game einfach sein.
Jetzt, wo Cindy weg war, konnte er seine alten Rituale wieder ungestört durchführen.
Doch für den nächsten Kellertrip würde er sich noch ein paar Tage Zeit lassen, erst einmal brauchte er Erholung vom letzten Trip, der ihn zwar auch, aber nicht nur in den dunklen Keller geführt hatte.

Cindy war noch einmal mit einer Tasche zurück gekommen. Wie ein Schatzsucher hatte sie den Boden abgesucht. Maiks Kleidungsstücke, DVDs, CDs, Bücher und anderes wirbelten durch die Luft. „Verflucht mein schönes Kleid! Ob ich das je wieder hinkriege!“ Sie zog einen zerknitterten Stofffetzen hervor und wedelte ihm damit vor der Nase herum. Das nicht mehr zu erkennende Kleid verschwand in der Tasche. Cindy verschwand leider nicht. Sie wühlte weiter und richtete ein gewaltiges Durcheinander an.
Dabei ließ sie ihre ganze Wut an Maik aus, warf ihm gleichzeitig Kleidungsstücke und Vorwürfe an den Kopf.
„Du fauler Sack! Es scheint dich ja gar nicht zu stören, dass ich dich verlasse! Einfach weiter gepennt hast du! Unfassbar!“
Das schrille Gekreische ließ sich einfach nicht mehr ausblenden. Das wurde sogar Maik zu viel. Um ihr zu entkommen, war Maik aufgestanden, hatte sich eine Hose und ein Shirt aus dem Chaos gefischt und seine Wohnung verlassen.
Er hatte einfach nicht nachgedacht, er hatte nur weg gewollt von der schreienden Cindy.
Wenn er geahnt hätte welchen Gefahren er sich aussetzen würde, wäre er besser unter seine Bettdecke gekrochen oder hätte sich unter der scheußlich nassen Dusche versteckt.
Die Begegnung im Treppenhaus hätte ihm eine Warnung sein müssen, die Alte von unten nervte ihn jedes Mal, wenn sie sich trafen. Erzählte Uninteressantes oder fragte ihn gar aus. Maik konnte nicht sagen, welche dieser beiden Eigenarten schlimmer war. „Ach guten Tag. Sie habe ich ja lange nicht mehr gesehen, wollen sie auch ein wenig spazieren gehen. Es ist herrlich draußen. Oder suchen sie sich endlich Arbeit? Was war denn bloß vorhin mit der jungen Dame los? Beinahe umgerannt hätte sie mich im Treppenhaus. Ach so eine hübsche junge Frau.“ Abschätzend hatte sie ihn gemustert und sich auch ihren nächsten Kommentar nicht verkniffen. „Ich verstehe gar nicht, wie es so ein nettes Mädchen mit einem wie Ihnen aushält.“ Kopfschüttelnd war sie ein paar Schritte weitergegangen, hatte sich dann aber noch einmal zu ihm umgedreht. „Hätten sie nicht einen Moment Zeit? Wissen sie mein Sohn, der ja immer kommt und mir hilft, er ist krank. So musste ich alleine einkaufen. Jetzt steht die Wasserkiste im Auto. Ich kann ja nicht mehr, wissen sie, mein Rücken. Ich trage dann immer vier Flaschen einzeln. Wenn sie vielleicht so nett wären? Wissen sie, mein Sohn, der …“
Bevor die Alte ihm die ganze Krankheitsgeschichte von ihrem Sohn erzählt hatte, beeilte Maik sich zu fragen, wo denn das Auto geparkt wäre. Der Geschichte konnte er auf diese Weise nicht entfliehen, denn sie erzählte ihm auf dem Weg zum Auto in aller Ausführlichkeit von der schrecklichen Erkältung ihres Sohnes und gab ihm reichlich Tipps, wie er selbst sich davor schützen konnte. Entweder waren ihre Tipps nicht so gut, oder ihr Sohn besaß eine beneidenswerte Fähigkeit dieses Geschwätz auszublenden, denn offenbar war er ja nun trotzdem krank, oder er brauchte einfach mal ein wenig Ruhe vor seiner Mutter, was Maik sehr gut hätte verstehen können.
Als er aus dem Haus trat, blendete ihn die Sonne entsetzlich. Wie blind lief er neben seiner Nachbarin her, ihrem Geschwätz als Wegweiser folgend.
Langsam gewöhnten seine Augen sich an das ungewohnte helle Licht. Fröhlich plaudernd lief die Alte neben ihm her, schön langsam, denn sie konnte ja nicht mehr so schnell.

Er hatte gewusst, wie grausam die Welt draußen sein konnte, doch trotzdem war er wieder hinaus gegangen, als die Wasserkiste glücklich im Keller verstaut war.
Doch ein merkwürdiger innerer Antrieb jagte ihn ins Abenteuer Real Life, als wäre die alte Dame noch nicht abenteuerlich genug gewesen.
Die Autos hupten und Bremsen kreischten, als er die vierspurige Straße überquerte.
Ein blaues U-Bahn Schild lud ihn in den Untergrund ein. Das Zwielicht schien verlockend, doch grelle Neonröhren erhellten inzwischen auch dieses.
Dennoch war es viel besser, als das grausame Sonnenlicht.
Ein übelaussehender Kerl in verdreckten und zerrissenen Klamotten sprach ihn an und erzählte ihm seine traurige Lebensgeschichte, während er gelassen neben Maik her schlenderte. „Hast du nicht ein bisschen Kleingeld für etwas zu essen.“
Verwundert drehte Maik sich zu ihm um. „Sehe ich etwa so aus, als ob ich Kleingeld bei mir hätte?“
Diese Antwort hatte der Kerl offenbar noch nicht zu hören bekommen, denn er war irritiert stehen geblieben.
Maik hatte aber wirklich kein Kleingeld, wozu brauchte er Bares? Er hatte seine Kreditkarte, sogar bei seinem Pizzaservice hatte er ein Onlinekonto, von dem seine Bestellungen abgebucht wurden. Trinkgeld? Das nahm der Bote nicht, stattdessen hockte er ab und an bei Maik, um ein neues Game zu testen oder sich einen Rat für seinen eigenen PC zu holen.
Nein, eine Kreditkarte war unersetzlich und viel praktischer als Kleingeld.
Falls ihm die hier unten jemand klauen wollte, würde die Bank sie ihm schneller sperren, als der Dieb sie anwenden konnte. Ganz bequem bekäme er dann eine neue nach Hause geschickt, sein Bargeld würde er nie wieder sehen.
Die Auslagen einer Bäckerei erinnerten ihn an ein leichtes Hungergefühl. Er orderte sich ein paar Donuts. Dummerweise konnte er die nicht mit Karte bezahlen und so ging er hungrig weiter durch den Untergrund.
Ziellos fuhr er mit der Rolltreppe weiter hinunter, als gerade eine U-Bahn hielt. Ohne nachzudenken stieg Maik ein, nicht einmal die Richtung wusste er, wohin sie fahren würde.
Er hockte sich auf einen der Sitze und schaute zum Fenster hinaus, die Dunkelheit dort draußen gefiel ihm. Endlich konnte er ein wenig entspannen. Doch bereits an der nächsten Haltestelle stieg ein wohlbeleibter, nach Alkohol und Schweiß stinkender Mann ein und setzte sich neben ihn, oder vielmehr halb auf ihn. Da wurde Maik schmerzlich bewusst, warum er so selten U-Bahn fuhr und überhaupt diese Welt hier draußen mied.
Trotzdem blieb er sitzen, es wäre auch zu schwierig gewesen, sich an den Fleischmassen vorbei zur Tür zu drängen.
Drei Haltestellen weiter stiegen ein paar uniformierte Gestalten ein. Einer von denen wollte Maiks Fahrkarte sehen, die er natürlich nicht hatte. Dunkel erinnerte er sich, dass er so etwas an einem Automaten hätte kaufen sollen. Jetzt war es zu spät. Aussteigen sollte er mit den Beamten.
Am Bahnsteig schrieben sie seine Daten auf und teilten ihm mit, dass er in den nächsten Tagen eine Anzeige wegen Schwarzfahrens im Briefkasten haben würde, die er dann unverzüglich zu bezahlen habe.
Maik nickte und hoffte, er würde nicht vergessen, den Briefkasten zu leeren, aber die Beamten hatten sich geweigert ihm eine E-Mail zu schreiben. Es musste per Post sein und um weiteren Ärger zu vermeiden, würde Maik sich das wohl merken müssen und beim nächsten Kellertrip darauf achten, diesen Brief aus dem Altpapier zu fischen, das sich für gewöhnlich in seinem Briefkasten ansammelte.
Allein auf dem Bahnsteig zurückgelassen fuhr Maik mit der Rolltreppe nach oben und fand sich in der Innenstadt wieder.

In die farblose Menschenmasse eintauchend, überquerte er die nächste Ampel. Es war ein Trip in eine unbekannte völlig andere Umgebung. Ziellos wanderte er an den bunten Schaufenster entlang.
Leute eilten an ihm vorbei, rempelten ihn an und übersäten ihn gewiss mit blauen Flecken.
Jemand drückte ihm einen Zettel in die Hand, Gutschein für eine Probezeit in einem Fitness-Studio. „Sehe ich so aus, als ob ich das nötig hätte?“, rief er dem Verteiler nach, doch der hörte ihn nicht mehr, sondern verteilte weiter munter seine Flyer.
Maik reichte seinen der nächsten fülligen Dame weiter. „Sie können das gewiss besser gebrauchen“, sagte er höflich.
Ziellos trieb es ihn durch die Straßen.
Die bunte Reklame eines Kaufhauses lud ihn ein einzutreten.
Ein junger Mann bot ihm Käse zum probieren an. Endlich konnte er sein Hungergefühl ein wenig stillen und das sogar gratis. Welch angenehme Überraschung.
Eine freundliche junge Dame bot ihm verschiedene Düfte zum probieren an. Dummerweise wollte sie, dass er auch eines davon kaufte, woran er aber kein Interesse hatte.
Wenigstens duftete er nun frauenbetörender, wenn denn die gut gebaute Verkäuferin Recht hatte. Maik fuhr mit der Rolltreppe ins Untergeschoss und stolperte, weil er nicht bemerkt hatte, wie diese endete.
Die verschiedenen Waren mit Desinteresse betrachtend, dabei darauf achtend, nicht mit einem der gestressten Kunden zusammen zu stoßen, setzte er seine abenteuerliche Reise durch das Kaufhaus fort.

Dann schlug das Schicksal unerbittlich zu. Es kam in Gestalt einer unglaublichen Frau. Sie war die Königin der Pralinentheke, playmatetauglich, mit einem magischen Lächeln, dass ihn in ihren Bann zog.
Maik blieb vor der Theke stehen und starrte die Frau an, als hätte er eine wie sie noch nie gesehen.
Aber doch, das hatte er, der Schatten der Erinnerung fiel über ihn.
Sie war nur eine verfluchte Real-Life-Tussi.
Sie war gewiss noch schlimmer als Cindy, die ja immerhin ab und zu mal chattete. Ob sie noch einmal etwas mit einem aus dem Netz anfangen würde?
Eine interessante Frage, deren Antwort Maik im Grunde aber egal war.
Er kannte solche Weiber, attraktiv, (ein-) gebildet, aber Null Ahnung von Technik, deren krönendes Wissen darin gipfelte, eine modere Registrierkasse bedienen zu können. Ja früher war er oft mit Solchen ausgegangen, damals als er noch zur Schule ging und gezwungen war sich durch die Welt zu bewegen. Für alles was diese Tussis nicht verstehen, haben sie auch kein Verständnis. Doch ihr hatte er es zeigen wollen, ihr hatte er klar gemacht, was ein echter Gamer ist. Ganz dumm dreingeschaut hatte sie, die Pralienentante.

„Es ist vorbei Maik!“, beruhigte er sich selbst und loggte sich in den Channel ein.
„Hey, wir haben dich schon vermisst, die andern haben mich auch schon alle nach dir gefragt. Ist grad keiner da, essen, duschen und son Kram, weißte. Was isn mit dir? Du warst den ganzen Nachmittag nicht on“, las Maik die besorgte Begrüßung von Junkie84.
„Oh Mann. Jetzt ist die Welt wieder in Ordnung. Ich bin wieder bei euch. Das war ein Trip heute. Meine Tussi hat mich verlassen weißt du. Da bin ich raus.“
„Raus? Meinst du das echt, raus, da draußen?“
„Jep, ich war da draußen – an der stinkenden frischen Luft. Mann, das war laut sag ich dir. Boah, das brauche ich so schnell nicht wieder!“
Die Fenster in seinem Messanger blinkten auf. Seine Freunde fragten, wo er den ganzen Tag gesteckt hatte. Erst Junkie84, dann würden auch die andern von seinem unglaublichen Abenteuer zu hören bekommen.
Aus Gewohnheit öffnete er mehrere Seiten in seinem Browser.
Bunte Bilder beim Bestellshop für DVDs blinkten ihm entgegen. „Du bist pleite“, ermahnte er sich selbst und schloss die Seite wieder. Er warf der Tüte auf seinem Schreibtisch einen verächtlichen Blick zu. Doch, es hatte sich gelohnt.
Die nächste Seite ließ sein Herz schneller schlagen. Vor lauter Aufregung hatte er es beinahe vergessen, er musste sich noch das neue Game bestellen. Nach dem Einkauf heute, musste das einfach sein. Damit war sein Geld doch vernünftig angelegt. Diesmal hatte er es noch nicht einmal vorbestellt gehabt. Geduldig hatte er die Bugreports abgewartet. Die Kritiken waren sehr gut und ein Blick ins richtige Forum zeigte ihm, dass inzwischen ein Patch draußen war, der die schlimmsten Bugs erfolgreich behob und offenbar nicht jede Menge neue einbaute.
Er bestellte das Spiel. Es war eine Wohltat wie leicht das war, so völlig anders, als im Kaufhaus.
„Ey Mann, das mit deiner Freundin tut mir echt leid“, schrieb Junkie84.
„Das muss es nicht. Die Alte hat tierisch genervt, die wollte ständig, dass ich mit ihr raus gehe. Na ja, mal ins Kino. Das habe ich ja gemacht. Was hat die blöde Kuh da zu meckern? Ich war jedes Mal heilfroh wieder hier zu sein. Sie war eifersüchtig auf mein Baby, weißt du. Sie versteht nicht, was mir die Kiste bedeutet.“
Ein paar Klicks und Maiks Lieblingspizza war bestellt, schön scharf mit extra Peperoni. Cindy hätte die nie gegessen, sie bestellte meist eh einen Salat, achtete auf ihre Figur. Wobei Maik zugegeben musste, dass sie dies sehr erfolgreich tat. So lange er nicht auf die Pizza verzichten musste, sollte es ihm egal sein. „Jetzt ist es sowieso egal“, dachte er bei sich. „Sie ist weg.“
In einer halben Stunde würde der Pizzabote an seiner Tür klingeln, sein bester Freund, neben dem Kerl, der ihm seine sonstigen Internetbestellungen lieferte, den er aber frühestens morgen wieder erwarten konnte. Gedankenverloren griff er in die Tüte. Der Inhalt durfte ja nicht verkommen. Zartbittere Schokolade ließ er sich auf der Zunge zergehen und war angenehm überrascht.

„Mach dir nichts draus, die wenigsten Tussis haben Ahnung von PCs. Deswegen habe ich ja auch keine, die nerven doch eh nur rum. Aber was zum Teufel hast du da draußen getrieben? Und wie hast du es bloß überlebt?“
„Gar nicht. Mein Geist sitzt hier.“ Grinsend starrte er auf den Bildschirm, ja der Witz war ihm gelungen. Das fand auch Junkie 84.
„Muahahaha“ Doch hätte der selbst sich so gut geschlagen da draußen? Hätte Junkie nicht viel früher den Schwanz eingezogen und wäre heim gerannt?
Fünfundzwanzig neue Mails lagen im Posteingang. So viele fand er für gewöhnlich nicht einmal nach ein paar Stunden Schlaf. Wie lange war er fort gewesen?
Zehn Mails waren bloß mehr oder weniger interessante Newsletter, drei Mails von Cindys Freundinnen mit wüsten Beschimpfungen, wie er vermutete. Alles wurde ungelesen gelöscht.
Die anderen zwölf waren viel wichtiger. Drei Vermisstenanzeigen von seinen Freunden, die offenbar das ganze Cyberspace nach ihm abgesucht hatten, sogar einen Foreneintrag hatte er dazu gefunden mit der Diskussion, woran er eventuell erkrankt und vom PC verbannt worden sei.
Neun Mails waren von besonderem Interesse für ihn, denn sie galten seinem Onlineservice.
Neue Anfragen für die Gestaltung von Homepages, Hilfe beim Einrichten von Webservern, oder allgemeinen PC-Problemen.
Maik war ein Mann für alles, was sich von seinem heimischen Rechner aus erledigen ließ. Und er war gefragt, seine Page war gut besucht und seine Kunden waren ihm besonders wegen seines schnellen und kompetenten Services sehr treu. Einer Band, die sich immer wieder gerne neu definierte, hatte er inzwischen die dritte Seite gestaltet.
Es war wirklich ein Segen für ihn, dass er zum Arbeiten nicht seine Wohnung verlassen musste. Auch Junkie84, blieb in der Regel drinnen hocken, doch Arbeit hatte er keine. Maik hatte versucht, ihn in sein Business einzubeziehen, aber Junkie war einfach nicht fit genug, um die Seiten zu gestalten. Und als er ihn die Kunden, bei ihren technischen Problemen hatte beraten lassen, war er zwar kompetent, aber derart unfreundlich gewesen, dass auch diese Aufgabe für ihn nicht das Richtige war. Er konnte leider nicht die nötige Geduld aufbringen, wenn einer seine Erklärungen nicht sofort verstand. Allerdings war das bei seiner von Fachausdrücken gespickten Sprache kein Wunder. Aber Junkie84 war ein guter Freund, mit dem Maik gerne chattete und unheimlich viel Spaß hatte.

„Hey ich bin echt raus da, raus in die Stadt unter echte Menschen; ist mir nicht leicht gefallen, Mann. Nun ich bin dann irgendwann da rein, in dieses große Dings, wo man so viel kaufen kann. Als würdest du durchs Netz wandeln, gruselig Alter.
Da stand ne Tussi hinter und starrte mich an: ‚Was hast du denn hier zu suchen?’ Ich sag’s dir, genau das hat sie gedacht. Der hab ich’s gezeigt.
Ey, die wollte Pralinen verkaufen, diese kleinen süßen Verführungen.
Nun bin ich zu der hin. Voll krass gebildet wie ich bin, laber ich die an: ‚Schon Noah bekam von Gott den Auftrag: Nimm zwei von jeder Sorte.’ Das ist son Typ aus der Bibel, weißt du. Meine Oma hat mir früher immer so Geschichten erzählt. Noah ist cool. Der hat ein Schiff gebaut und war somit glaube ich der erste Weltumsegler. Seine Besatzung war ein ganzer Zoo.
Ich habe mir also diese Tante mal vorgenommen.
Ey, das Gesicht hättest du sehen sollen. Ich glaub die kannte die Geschichte gar nicht. Auf jeden Fall hat sie es gemacht, hat mir von jeder Sorte zwei eingepackt.“
Er konnte es sehen, zwischen den Buchstaben auf seinem Bildschirm, wie Junkie84 der Mund vor Staunen aufklappte und nicht mehr zuging, da hätten eine Menge Pralinen rein gepasst.
„Echt krass.“
„Na ja, die blöde Theke, war etwas größer als ich gedacht hatte. Die ging noch leicht um die Ecke. Aber auch Noah hatte selbst die kleinsten Tiere auf sein Schiff genommen und so machte ich keinen Rückzieher. Du weißt ich verliere nur ungern ein Game.
Und das war eine kurze, aber siegreiche Schlacht. Und das Gesicht der Alten war es echt wert, Mann. Das hat die noch nie erlebt. Naja, wie oft verläuft sich einer wie ich in ihre Feinkostabteilung? Außerdem bin ich eben auch einmalig. Lol.
Also ich ganz lässig, geb der meine Karte, bezahle die megamäßige Summe und kehre mit etwa fünf Kilo Pralinen heim. Denn diese Krönung meines Ausfluges hat mir dann doch gereicht.
Boah bin ich froh wieder hier zu sein. So schnell geh ich da bestimmt nicht mehr raus. Das ist mir zu teuer und vor allem zu stressig.“
„Kann ich gut verstehen Alter. Ich mache das ja grundsätzlich nicht.“

Wie Recht Junkie84 damit hatte, das wusste nun auch Maik. Er griff nach der Tüte und schob sich noch eine der Pralinen in den Mund. Er biss auf knusprige Schokolade und dann füllte sich sein Mund mit einer alkoholischen Flüssigkeit. „Gar nicht übel“, dachte er bei sich und griff nach der nächsten.
Eine Flirtseite öffnete sich auf seinem Bildschirm. Wie von selbst tippten seine Finger:
„Intelligenter gut aussehender Kerl, Anfang Zwanzig sucht ein hübsches, zärtliches Mädel für gewisse Stunden. Verständnis für ein Onlineleben erforderlich.“
Er setzte seine ICQ-Nummer darunter und grinste in sich hinein. Diesmal würde es gewiss die Richtige sein.

Es klingelte, der Pizzabote brachte ihm sein Futter. Mit dem Karton kehrte er zu seinem Computer zurück und machte es sich bequem.
„So und jetzt erst mal eine Runde zocken und den ganzen Stress vergessen!“

(c) Stephanie Katharina Braun

kleiner Komet (Stephanie)

kleiner Komet (Stephanie)

Ich liebe Geschichten - fiktive wie Geschichten aus dem echten Leben. Als kleiner Komet tauche ich ein in verschiedene Welten und erzähle euch von meinen Abenteuern.

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