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Krankheit als Chance

Sonnenblume

Mein Mann im Umgang mit Krankheit

Mein Mann war zumindest in einer Hinsicht ein ganz spezieller Mensch. Er war mit seinem Körper eins und konnte dessen Signale gut verstehen. Das bedeutet nicht, dass er ständig zum Arzt gerannt wäre, ganz im Gegenteil, aber als 1990 seine chronische Darmkrankheit (CU) festgestellt wurde und es ihm richtig dreckig ging, hat er sich relativ schnell damit abgefunden. Sein großes Glück im Unglück war, dass er selbst gespürt hat, was er seinem Körper zumuten konnte und was nicht. Vor allem in Bezug auf Ernährung. Keiner hat es verstanden – auch ich nicht – dass er bereits nach dem ersten Bissen gespürt hat, „das bekommt mir nicht“.

Und er hat gespürt, wenn halt gerade nichts mehr ging. Sein Satz wurde: „Man hat mir den Stecker gezogen“ und dann hat er Pause gemacht bis die Energie wieder aufgeladen war. Wenn Auftanken nicht ging, konnte er aber seinen Körper auch zwingen, so lange zu funktionieren, wie es gerade sein musste …

Auch als im März 2020 dann die Diagnose: „Darmkrebs, unheilbar, da bereits gestreut“ kam, hat er diese sehr schnell angenommen und mit den Worten: „Ich schaffe das“, den Kampf für mehr Lebenszeit und vor allem möglichst lange Zeit mit Lebensqualität aufgenommen und so dem Tod noch 15 Monate abgetrotzt.

Und ich?

Auch ich bin ein Mensch, der annimmt, was nicht zu ändern ist. Aber in dieser Situation, war mein Mann viel tapferer als ich. Wir haben die Diagnose knallhart mit deutlichen Worten im Krankenhaus bekommen. Er musste einige Tage später am Darm operiert werden und dann noch eine Woche im Krankenhaus bleiben. Ich habe eigentlich Zuhause nur geheult, wusste kaum die einstündigen Busfahrten zu ihm zu überstehen. Konnte das zwar annehmen, weil es ja eh nicht zu ändern war, aber wirklich verkraften konnte ich das nicht. Auch wenn ich am Krankenbett und gegenüber meiner Tochter dann scheinbar tapfer war, gefühlt sein musste.

Warum dann Krankheit als Chance?

Weil die Diagnose der Beginn von 15 ganz besonderen Monaten war. Wir waren 38 Jahre verheiratet und wir hatten eine gute Ehe, aber es hatte sich der Alltag, die Gewohnheit breit gemacht. Mein Mann war eh nicht der Typ für viel Zärtlichkeit und gefühlvolle Worte, aber in diesen letzten Monaten hat er mir so sehr seine Liebe gezeigt, dass diese Monate zwar unendlich schwer, aber auch unendlich kostbar waren. Auch ich habe mich natürlich um meinen Mann und für ihn gesorgt, aber sein Anteil an Sorge war eindeutig größer. Er hat die ganze Zeit so versucht, es für mich leicht zu machen, dass mir bei dem Gedanken daran gerade wieder die Tränen in den Augen stehen.

Das schönste Geschenk

Als der Palliativarzt zu seinem ersten Besuch bei uns war, wurde mein Mann nach seiner größten Sorge gefragt und der Arzt hatte so etwas wie „Angst vor Schmerzen, Angst vor dem Sterben“ oder Ähnliches erwartet. Aber nicht bei meinem Mann.

Von ihm kam der Satz:

„Meine größte Sorge ist, dass meine Frau sich nach meinem Tod verkriecht.“

Und diese Sorge um mich hat ihn bis ins Sterben begleitet. Einen Tag vor seinem Tod wollte er unbedingt aufstehen um mir mit dem Auto noch meinen Lieblingssaft zu kaufen. Sogar eine Stunde vorher, hat er die Sorge um mich noch ein letztes Mal zum Ausdruck gebracht und erst nach einem erneuten Versichern, dass ich das schaffen werde, konnte er dann wohl endlich loslassen.

Rückblick

Es waren 15 absolut harte Monate, in denen ich viel geweint und gelitten habe. Aber es waren auch Monate mit ganz viel Nähe, ganz viel Liebe, ganz viel Gemeinsamkeit. Mit Sorgen umeinander, liebevollem behutsamen Umgang, Weinen miteinander und vielen Gesprächen zu dem, was noch zu regeln und zu klären war.

Im Nachhinein kam dann auch die Wehmut, wie viele Jahre wir eigentlich verschenkt hatten – ohne diese Nähe.

Und auch uns als Familie hat diese Zeit noch näher zusammen rücken lassen. Ich fand es wunderbar, dass meine Tochter und meine Enkelinnen mich in der schweren Zeit unterstützen und bei mir sein konnten, dass wir gerade die erste Zeit der Trauer mit Lachen und Weinen gemeinsam durchstehen konnten.
Und auch das, was mein Bruder in dieser Zeit für mich getan hat, war etwas ganz Besonderes und werde ich ihm nie vergessen.

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