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Ich kann das doch …

Eigentlich sollte der Artikel heißen: „Ich kann das nicht“, doch dann wollte ich euch doch lieber die positive Botschaft vermitteln.

Bei allen Trauernden kommt sicher häufiger das Gefühl auf, nicht mehr zu können, nicht mehr zu wollen, das alles nicht mehr aushalten und ertragen zu können. Wir fühlen uns hilflos, schaffen oft simple Dinge nicht, die uns unter normalen Umständen keine Probleme gemacht hätten. Oft überfordert uns der Alltag und wir denken verzweifelt: „Ich kann das nicht!“

Banale Kleinigkeiten

Da sind zunächst einmal die vielen Kleinigkeiten, die der/die Partner-/in uns abgenommen hat, für die er verantwortlich war und die wir jetzt übernehmen müssen.

Das war die 14-tägigen Fernsehzeitung, für die mein Mann verantwortlich war und an die ich anfangs so gar nicht gedacht habe.
Beim ersten Brötchen, das ich durchgeschnitten habe, kamen mir die Tränen. Nie mehr wird Klaus mir mein Brötchen teilen. Das hat er immer für mich übernommen, da ich sehr gut darin war, mich dabei in die Hand zu schneiden ;-).

Mein erstes großes Problem

Soweit ich mich erinnere, war ich zum ersten Mal so richtig verzweifelt, als ich Wasser in die Heizung nachfüllen musste. Ja, Klaus hatte mir das gezeigt, ich hatte das auch schonmal gemacht, aber an dem Tag habe ich einfach nur den Keller geflutet und das nicht hinbekommen. Ich konnte und wollte das nicht und als auch der dritte Versuch am nächsten Tag erfolglos war, habe ich tatsächlich unseren Installateur damit beauftragt.

Kleinere Probleme

Immer wieder werden uns Situationen begegnen, wo wir uns überfordert fühlen. Ich bin dann sehr schnell verzweifelt in Tränen ausgebrochen. Habe mich einfach nur hilflos, schutzlos und unendlich alleine gefühlt.

Zum Beispiel war da das Fahrrad, in das ich keine Luft bekommen habe, bei dem ich nicht geschafft habe einen einfachen Tachometer zu installieren.

Ich wollte nicht die Verantwortung für alles, wollte nicht alles können müssen, wollte meinen Mann zurück.

Man ist in der Zeit der Trauer ja auch besonders dünnhäutig, braucht schon soviel Kraft um durch die Trauerzeit zu kommen, da ist für die praktischen Dinge oft keine Kraft mehr da. Daher nimmt uns Vieles auch einfach mehr mit, als unter normalen Umständen. Diese Verzweiflung ist vollkommen normal!

Warum schreibe ich das gerade jetzt?

Ja, es sind schon unglaubliche 21 Monate vergangen seit dem Tod von Klaus. An sich geht es mir inzwischen relativ gut und ich bin angekommen in meinem neuen Leben, habe meinen Alltag neu erfunden. Und doch überrollt mich immer mal wieder eine Trauerwelle, rufen Kleinigkeiten, den Schmerz plötzlich und unerwartet wieder hervor.

Gerade hatte ich wieder so eine Situation, in der mich einfach nur hilflos gefühlt habe und nicht in der Lage war, eine Entscheidung zu treffen. An sich völlig absurd. Die Wohnung hier, habe ich nach einmal drüber schlafen gemietet, unser Haus auch relativ kurz entschlossen verkauft, aber jetzt konnte ich keine Entscheidung fällen, dabei ging es nur um ein Fahrrad!

Da Klaus schon länger krank war hatten wir uns vor 8 Jahen E-Bikes gekauft. Nun hatte über den Winter mein Akku seinen Geist aufgegeben. Bin ich schuld oder ist es normaler Verschleiss? Klaus hätte die im Winter bestimmt nochmal geladen, also wahrscheinlich Beides …

Ein neues Akku sollte nun über 600,– Euro kosten, das war mir einfach zu teuer, vor allem da mein Rad auch so ein paar Macken hat. Ja, es gibt auch günstigere NoName-Alternativen, aber da das Richtige zu finden, damit bin ich schlichtweg überfordert. Die Möglichkeit das Akkus zu reparieren, hätte mir im Zuge der Nachhaltigkeit auch gefallen, aber auch das war mir einfach zu kompliziert. Das konnte ich nicht.
Tagelang habe ich mich gequält und gelitten, um mich dann endlich zu entscheiden, lieber ein normales Fahrrad zu wollen.

Ich kann kein Fahrrad kaufen

Wenigstens eine Entscheidung war gefallen. Doch nun kam das Gefühl, einfach kein Fahrrad kaufen zu können – nicht ohne Klaus. Zu dem Händler bei dem wir immer gemeinsam waren, konnte ich einfach nicht hin. Schon bei dem Gedanken daran, kamen mir die Tränen.

Doch wohin dann? Ich habe es versucht, doch ich konnte einfach in keinen Fahrradladen gehen. Da waren wir doch zuletzt noch gemeinsam, als Klaus körperlich schon sehr abgebaut hatte und daher einen E-Scooter Probe gefahren ist.

Aber ich will doch ein Fahrrad. Wieder Trauer und Verzweiflung und auch ein gehöriges Stück Wut über meine Hilflosigkeit.

Was tun in solchen Situationen?

Nichts erzwingen, aushalten, abwarten.

Der Partner ist nicht mehr da, also muss man irgendwie dadurch. Das Problem muss gelöst werden. (Ok, in diesem Fall hätte es auch die Option gegeben, das Fahrradfahren einfach zu vergessen und statt dessen zu laufen oder den Bus zu nehmen, aber es gibt schon einige Wege, bei denen ein Rad für mich einfach die bessere Alternative ist).

Natürlich kann man um Hilfe fragen. Beim Auffüllen der Heizung wäre das nicht das große Problem gewesen, habe ich, als es dann noch einmal notwendig war, auch geschafft. Doch auch das ist nicht leicht – mir fällt das sogar richtig schwer. Ich will es alleine schaffen und habe zum Glück inzwischen feststellen dürfen, dass man mit seinen Aufgaben wächst.

Bei manchen Sachen, wie hier bei mir mit dem Fahrrad, hilft das Warten auf den richtigen Moment. Der Moment war bei mir gekommen als das Wetter einfach so schön geworden ist, dass die Sehnsucht nach einem Rad, die Angst/Hilflosigkeit verdrängt hat. Plötzlich konnte ich ohne jede Scheu ganz selbstbewusst in ein kleines Fahrradgeschäft gehen und mich beraten lassen. Ich habe dann sogar noch zwei weitere Läden geschafft und hatte sogar Spass dabei.

Und ja, ich habe mir ganz alleine ein Fahrrad gekauft und es sogar geschafft meinen geliebten Sattel (dafür musste ich meinen Keller einmal komplett umräumen um an die Werkzeugkiste zu kommen) von meinem alten Fahrrad abzuschrauben. Ja, ich habe jetzt wieder ein funktionierendes Fahrrad und bin glücklich.
Wieder ein Problem erfolgreich gelöst.

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