Warum sollte man sich ein verstaubtes altes Werk auf der Bühne ansehen?

Hamlet - Bonn University Shakespeare Company

Hamlet – Bonn University Shakespeare Company

Schiller, Goethe, Shakespeare – uralt, schwierig zu lesen, eine Qual für viele Schüler*innen.

Warum sollte man sich freiwillig damit auseinandersetzen? Und dann auch noch mit einem ganz harten Brocken wie Hamlet? Sogar im englischen Original, versteht doch kein Mensch, oder doch? Alles nur was für Verrückte, Intellektuelle Freaks oder Studierende der Anglistik … Ob die dann wiederum ganz freiwillig aus Vergnügen lesen oder ins Theater gehen?

Hat verstaubte Weltliteratur uns noch etwas zu sagen?

Ja, verdammt!

Es ist wahr, dass viele Klassiker schwieriger zu lesen sind. Als ich neulich ein Buch aus den 1970ern las, antikes Thema mit einem für mich wirklich merkwürdigen Schreibstil, an den ich mich bis zum Schluss nicht gewöhnt habe, habe ich mich gefragt, wie es wohl Menschen in den nächsten 30 bis 100 Jahren mit unserer aktuellen Literatur gehen wird? Selbst tue ich mich ja auch mit den Texten im Präsens schwer …

Aber lohnt es sich, die alten Schinken zu lesen?

Definitiv!

Nicht nur, um sich bewusst zu machen, wie schnell sich Sprache wandelt, auch die Geschichten selbst haben uns etwas zu erzählen. Sie erzählen uns etwas über die damalige Zeit und sie erzählen uns Geschichten, die auch für uns noch relevant sind.

Hamlet noch aktuell?

Hamlet, Prinz von Dänemark, sein Vater gestorben, getötet vom Onkel, der kurz nach der Beerdigung bereits Hamlets Mutter, Königin Gertrud ehelicht. Die Geschichte spielt zu einer Zeit, als Ehre noch durch tödliche Duelle wieder hergestellt werden konnte als Rache noch ehrenhaft war. Dies gilt heute nicht mehr, das dunkle Bedürfnis nach Rache bei erfolgter Ungerechtigkeit, ist uns jedoch geblieben. Wie sich dieser stellen? Hamlets innerster Kampf, seine Verzweiflung, gar Wahnsinn dürfte vielen nicht unbekannt sein, wenn auch hoffentlich der Vatermord.

Depressionen sind auch in unserer modernen aufgeklärten Gesellschaft ein dunkler Schatten zu dem nur wenige offen stehen können. Das Leben ist im Laufe der Zeit anders geworden, aber gewiss nicht leichter. Auch wenn es uns objektiv besser geht als zu Shakespeares Zeiten …

Ausführlicher zu dieser Fragen haben sich Regisseurin Anthea Petermann und Daniel Cerkasin, Darsteller des König Claudius, im Interview mit Bonn FM geäußert.

Shakespeare auf der Bühne

Schon öfter habe ich die Erfahrung gemacht, dass gerade Shakespeares Stücke für mich unheimlich gewinnen, wenn sie aufgeführt werden. Wenn die schwierige Sprache von Schauspielern gekonnt in Szene gesetzt wird. Wenn die Dramatik und die großen Gefühle der Figuren lebendig werden, dann fällt der Staub von den alten Werken ab!

Shakespeare im Original

Niemals! Niemals! Niemals!

Ich bin doch nicht verrückt. War ich doch die einzige meines Jahrgangs, die damals nach der zehnten Englisch abgewählt hatte.

Und doch habe ich es mir angetan, nicht gelesen, so weit kommt es noch. Aber auf der Bühne habe ich mir Hamlet auf Englisch angesehen, die originalen altertümlichen unverständlichen Dialoge, noch schlimmer endlose Monologe …

Warum?

Gute Frage, die Schuldige heißt Vanessa Basilio de Luca! Fangirlen ist echt nicht mein Ding, habe nicht mal eine Lieblingsband, kann Schauspieler nicht beim Namen nennen … Und doch gibt es diese eine Schauspielerin, die mich dazu gebracht hat, Hamlet auf Englisch zu besuchen. Zum ersten Mal erlebt habe ich sie auf der Lesung von “Palace of Glass“. Sie hat mich nachhaltig beeindruckt, noch bei der Lektüre des Romans hatte ich ihre Stimme im Kopf. Vanessa wurde zu meiner Rea. Auch im zweiten Band Palace of Silk hatte Rea noch immer ihr Gesicht. Dringend musste ich mich daher von ihrem schauspielerischen Talent überzeugen. In Fancies hatte sie lediglich eine kleine, wenn auch sehr überzeugende Rolle als verführerischer Kellner.

In Hamlet spielte sie Laertes und ich kann euch sagen: Vanessa Basilio des Luca ist großartig, hat eine unglaubliche Ausstrahlung und Bühnenpräsenz! Sie spielt Laertes nicht, sie wird zu Laertes, leidet, wütet und ist die fürsorgliche Schwester Ophelias (Lina Zubedi).

Inszenierung von Hamlet

Im Sommer 2018 präsentiert die Bonn University Shakespeare Company auf der Bühne Brotfabrik Bonn Beuel Hamlet. Original englische Dialoge in einem stilvollen modernen Setting. Eine schlichte Bühnenausstattung, wirklich coole Kostüme, mit musikalischer Untermalung, bekannte Songs, so wie gesungene Zeilen des Stückes. Schaut euch unbedingt mal bei Facebook oder Instagram (Ellie aka Hamlet, Vanessa aka Laertes) Fotos zur Aufführung an.

Ein Highlight der Aufführung waren die Projektionen: Eine war schön morbide skuril, rot verlaufende Farbe, die schließlich durch schwarze ersetzt wurde. Es wirkte auf mich wie sich ausbreitendes Blut, das Schwarz als ausbreitendes Gift. Shakespeare scheint eine besondere Beziehung zu Giften gehabt zu haben, sie spielen in einigen Werken eine Rolle.

Eine andere Projektion zeigte den Geist des verstorbenen Königs, der zunächst von den Wächtern/ Ghostbuster entdeckt wird. Diese Rollen wurden mit großer Leidenschaft und Dramatik von Laura Ollech und Lisa Pohlers (Hauptrolle in Fancies) gespielt.

Der Geist des Königs, gekleidet in sein elegantes Gewand, ganz in blau von Kopf bis Fuß, wurden gespielt von Marc Erlhöfer. Seine Darstellung war äußerst überzeugend, vermochte er es mit kleinen Gesten zu beeindrucken. Ein lediglich lockender Finger, der Hamlet zu ihm kommen ließ, hatte Gänsehaut-Potential!

Gänsehaut-Potential hatte auch der Tanz, der Teil der Theateraufführung innerhalb des Stückes ist. Teil der Dance-Crew waren Christine Lehnen und Ina Habermann, auf die ich mich persönlich ebenfalls sehr gefreut habe. Bei Fancies saßen sie als Regisseurinnen selbst mit im Publikum, nun standen sie mit auf der Bühne. Der Tanz symbolisierte die Vergiftung des Königs, die Inszenierung der wahren Tat des derzeitigen König Claudius (Daniel Cerkasin). Laura Quintus hatte als Lucianus nur einen kurzen Auftritt, dafür einen, der tief unter die Haut ging.

Einen ebenfalls kurzen Auftritt hatten die beiden Totengräber, gespielt von Jean Lavalette und Benedikt Kunz. Dem Programmheft entnehme ich, dass Benni nun stolz darauf ist, sagen zu können, er sei nun “hinter, vor, über und UNTER der Bühne” dabei gewesen. Sie haben deutlich gemacht, dass man auch dem Tod mit Humor begegnen kann. Eine auflockernd erheiternd schöne Szene!

… bevor das Drama seinen Lauf nimmt …

… und die beiden Stars des Abends sich im finalen Kampf gegenüber stehen: Hamlet, verkörpert von Elli Lewerenz, Autorin von Fancies, und Laertes, the one and only Vanessa Basilio de Luca. An dieser Stelle war ich froh, dass ich zur Vorbereitung zwar Hamlet gelesen, aber den letzten Akt nicht mehr ganz geschafft hatte. So fieberte ich gespannt beim Fechtkampf mit, dessen Training ich bereits via Vanessas Instastorys verfolgt hatte.

Ein wirklich wahres Ende ist der Tod und so enden auch Hamlet und Laertes, indem sie stilvoll sterben. Hamlet übrigens in stilvollen rosa Einhornsocken!

Alle anderen Schauspieler und Schauspielerinnen waren ebenfalls großartig!! Ein Lob geht ebenfalls an die Regisseurin Anthea Petermann und die Crew hinter den Kulissen, ohne die eine solche Aufführung nicht möglich wäre!

Die Aufführung dauerte ohne Pause ca. drei Stunden, daher kann ich mich hier nur auf einige wenige Szenen beschränken. Für all den Rest müsst ihr schon selbst ins Theater gehen! Es gab ein paar Kürzungen, eine komplette Hamlet-Aufführung kommt auf ca. 4 Stunden.

Bis zum 14. Juli 2018 habt ihr noch die Gelegenheit, Hamlet auf der Bühne der Brotfabrik in Bonn Beuel zu sehen. Falls ihr es nicht mehr schafft, besucht das nächste Stück. Es lohnt sich das Ensemble live zu erleben!

Ich komme definitiv wieder, auch wenn Ihr auf Englisch spielt und ich nicht alles verstehe!

kleiner Komet (Stephanie)

kleiner Komet (Stephanie)

Ich liebe Geschichten - fiktive wie Geschichten aus dem echten Leben. Als kleiner Komet tauche ich ein in verschiedene Welten und erzähle euch von meinen Abenteuern.

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