Ich bin eine gute Therapeutin, aber eine miserable Freundin.
Auf einmal war da dieser Satz in meinem Kopf und ich habe mich mies gefühlt. Gefolgt wurde dieser von einem Haufen weiterer destruktiver Gedanken.
Bis ich die Stopptaste gedrückt habe.
Was ist der Unterschied?
Diese Frage hat mich gleich auf eine zweite Erkenntnis gebracht, wenn ich eine gute Therapeutin bin, kann ich das doch nutzen.
Zum einen für mich selbst, zum anderen aber auch für die Freundschaft.
Im Beratungs oder Therapiekontext gibt es klare Rahmenstrukturen. Die Einseitigkeit ist klar gegeben, kein Geben und Nehmen, es geht um die andere Person. Und in diesem Kontext fühle ich mich wohl und sicher. Ich kann frei arbeiten, empathisch sein, mitschwingen, ohne das es an meinen Kräften zehrt.
Warum ist das in einem freundschaftlichen Gespräch anders? Was ist hier anders?
Erwartungen
Was wird von mir erwartet? Ein Gefühl von Rund um die Uhr Service. Ich soll mich melden, ich soll anrufen, einfach mal vorbeikommen. Die letzten beiden Dinge werden nie passieren. Und ich möchte auch nicht, dass sie umgekehrt passieren. Steh bitte niemals vor meiner Tür und sage fröhlich „Überraschung“ und erwarte dann, dass ich mich freue.
Egal wie lieb ich dich habe, ich wäre restlos überfodert. Ich habe das einmal erlebt. Ich schätze die Idee dahinter. Genießen konnte ich es nicht. So sehr sie sich bemüht hat, den Stress raus zu nehmen, es hat nicht funktioniert, nicht für mich.
Auftragsklärung
Wenn es mit meinen Klient*innen hakt, ist der beste Rat für mich, nochmal zurück in die Auftragsklärug zu gehen.
Dieser Gedanke kam mir eben.
Ja super, dachte ich. Ich kann doch mit Freund*innen keine Auftragsklärung machen.
Kann ich nicht?
Kann ich wohl.
Und witzig, genau darüber habe ich schon mit vielen Klient*innen gesprochen.
Mir hat mal jemand von Rotwein und Blaumann-Kommunikation erzählt und diese Idee ist soooo genial.
Welche Art von Gespräch führen wir gerade? Soll ich dir einfach beistehen und zuhören? Das wäre Rotwein-Kommunikation. Oder geht es darum, dass ich helfen soll ein Problem zu lösen. Dann wäre es eine Blaumann-Kommunikation.
Jetzt ist mein persönliches Problem nicht die Frage, ob es um Beistehen oder Helfen geht.
Wenn Freundschaften entstehen finde ich mich regelmäßig in einem Ungleichgewicht wieder. In einem für andere da sein. Das kann ich gut, ich kann beistehen und helfen Lösungen zu finden. Diese Fähigkeiten machen mich zu einer großartigen Therapeutin. (habe ich das gerade wirklich geschrieben? Wow! Ich lasse es stehen und schreibe das an mich selbst, damit ich es stehen lasse – das spätere Ich hadert beim Überarbeiten genau damit und akzeptiert die Ansage.)
Also wenn ich quasi Auftragsklärung für Freundschaften mit meinen Klient*innen herausarbeite, dann darf ich auch für mich mal schauen, was ich brauche.
Klarheit über den Kontext
Freundschaft ist keine Therapie. Freundschaft ist geben und nehmen und ich darf auch von mir erzählen.
Wenn ich im Gespräch unsichtbar werde, entsteht eine Schieflage.
Und doch darf es wie eine Wippe sein. Jetzt geht es um sie, dann wieder um mich. Miteinander Wippen wenn das Gewicht der Personen unterschiedlich ist, funktioniert, indem die Person, die unten ist, sich mit den Füßen abstößt.
Ideal ist also, wenn wir ungefährt ein gleiches Gewicht haben, um miteinander zu wippen. Eine ideale Freundin hat also ein ähnliches Bedürfnis sich mitzuteilen wie ich. Dann können wir gut geben und nehmen.
Wie damals auf dem Spielplatz ist das im Leben nicht so. Auf dem Spielplatz konnte man mit der Physik spielen, wer schwerer ist rutscht weiter nach vorne.
Als Kind war ich immer die leichte. Das bin ich aktuell definitiv nicht.
Ich darf mir also vorstellen, dass ich auf der Wippe unten sitze und auch hoch möchte. Dazu muss ich mich abstoßen. Also einen Impuls geben, etwas tun oder sagen.
Bedürfnisse kommunizieren.
Dann gerät die Wippe wieder ins Schwingen.
Bedürfnisse kommunizieren habe ich während meiner Weiterbildung geübt.
Der zweite Punkt ist Grenzen setzen, wenn es zu viel wird.
Eine Therapiesitzung endet, während freundschaftlicher Kontakt rund um die Uhr statt finden kann.
Ich darf klar kommunizieren, wie ich es oben geschrieben habe, dass ich bitte nicht mit spontanen Besuchen überfallen werden möchte. Ebenso klar kann ich sagen, dass jemand diese Erwartung an mich nicht richten braucht, die könnte ich nie erfüllen.
Das Schöne bei Freundschaften ist doch, dass wir da keineswegs monogam sein brauchen. Also können wir mit verschiedenen Menschen einen unterschiedlichen Umgang pflegen und wenn es darum geht für eine Freundin da zu sein, dann bin ich nicht die einzige Person, die für diese gerade da ist. Ich bin nicht verantwortlich.
Wenn ich gut auf mich achte, darf ich den alten Satz „Freundschaften sind mir zu anstrengend“ hinter mir lassen, mich leichter auf Menschen einlassen. Miteinander Wippen, mal mit Leichtigkeit, mal mit Schwere, denn das Leben ist nicht immer leicht.
Gute Freundschaften kommen gemeinsam durch schwierige Zeiten.
Was ist für dich Freundschaft?
Und was ist für dich eine gute Verbindung? Im Oktober lade ich ein zum Monat der Verbindung.
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