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Der Mensch hinter der Reihe „Tod und Trauer“

Wer bin ich?

Einiges habe ich hier bereits geschrieben als Weissewolke, der Oma, die beim Wohnmobilreisen viel Zeit zum Lesen hatte. Später als der Oma, die das Wohnmobil gegen einen Schrebergarten eingetauscht hat und jetzt schreibe ich hier zu einem neuen, ganz anderen Thema.

Meine Jugend

Geboren bin ich 1960 und sehr behütet in einem liebevollen Zuhause als mittlere von drei Geschwistern aufgewachsen. Meine Eltern waren mir ein Vorbild, besonders in ihrem großen sozialen Engagement, in das wir schon früh mit eingebunden waren.
Ich bin geprägt von Sätzen wie: „Wie es in dir aussieht geht keinen was an“ und „Solange der Kopf noch dran ist, kannst du auch arbeiten.“ Sätze, die ich lange beherzigt habe und die in vielen Lebenssituationen durchaus hilfreich waren. Inzwischen sehe und lebe ich das jedoch etwas anders.
Ich habe mein Abitur an einer katholischen Mädchenschule gemacht und gleich danach eine Ausbildung zur Hotelkauffrau in einem Schloss-Hotel in der Eifel begonnen.

Familiengründung und beruflicher Werdegang

Dort habe ich dann meinen Mann Klaus kennen gelernt und diesen drei Monate vor meinem 21. Geburtstag geheiratet. Ein Jahr später kam dann unsere Tochter – der kleine Komet – zur Welt und ich bin dann zunächst nicht mehr arbeiten gegangen, sondern habe die Zeit als Mutter genossen. Inzwischen hatten wir uns ein Reihenhaus gekauft, in dem wir 30 Jahre gelebt haben. Als unsere Tochter dann in den Kindergarten kam, habe ich mir ehrenamtliche Aufgaben gesucht und bin so eher zufällig in einem Altenpflegeheim gelandet.
Aus dem Ehrenamt ist dann irgendwann ein Halbtagsjob im sozialen Dienst geworden, den ich über 20 Jahre sehr engagiert und mit viel Freude ausgefüllt habe. Meine Tochter hat mir manches Mal vorgeworfen, dass mir meine Arbeit wichtiger wäre als sie, aber das stimmte natürlich nicht. Und wer sie kennt, weiß, dass ich nicht alles falsch gemacht haben kann ;-). Ich bin auf jeden Fall sehr stolz auf sie, auch wenn ich manchmal Angst habe, dass sie sich ein wenig viel aufbürdet….

Umgang mit dem Tod im Arbeitsalltag

Bei meiner Arbeit im Altenheim ist mir natürlich häufig der Tod begegnet, und da ich meine Leutchen wirklich gern hatte, war ich meist auch ehrlich traurig. Getröstet hat mich, dass die meisten den Tod herbeigesehnt haben, dass er für sie Erlösung war. Sterbebegleitung wurde für mich zum großen Thema. Ich habe hier viele Fortbildungen besucht und hatte später die Chance an einem Projekt mitzuarbeiten, in dem es um ein Gesamtkonzept Sterbekultur ging.
Ein*e sterbende*r Bewohner*in hatte für mich immer Vorrang vor allen anderen Angeboten und Aufgaben und es war mir wichtig – falls dieser es wünschte – auch beim Sterben dabei zu sein. Diese Momente habe ich jedes Mal als Geschenk empfunden.

Irgendwann habe ich begonnen, kleine Trauerandachten zu gestalten. Zum einen, um damit selbst ein Abschiedsritual zu haben, zum anderen um auch den Mitbewohnenden so einen Abschied zu ermöglichen, ihnen zu zeigen, dass sie mit dem Tod nicht einfach weg und vergessen sind.

Erste Begegnungen mit dem Tod

Der Tod ist mir aber schon viel früher prägend begegnet, als in der Grundschule ein Schulfreund vom Dach eines Hochhauses gesprungen und gestorben ist.
Es gab keine Anzeichen, keinen Abschiedsbrief, aber seither hatte ich das Bedürfnis irgendwo runter zu springen. Das war dann auch der eigentliche Auslöser, warum ich mich mit 50 per Tandemsprung aus einem fliegenden Flugzeug gestürzt habe.

Dann ist in meiner Jugend mein Großonkel Theo, ein nahes Familienmitglied, gestorben und hier hat mich sehr lange das schlechte Gewissen gequält. Denn eigentlich hatte ich ihn ja noch einmal besuchen wollen …

Es folgte als junge Mutter mein heißgeliebter Opa und einige Jahre später meine Oma. Hier war ich die letzten Tage unterstützend dabei und gemeinsam mit meiner Mutter auch beim letzten Atemzug.

Prägend war auch der plötzliche Herz-Tod des Zwillingsbruders meines Vaters. Hier nicht so sehr der Tod an sich, sondern die Tatsache, dass mein Vater damit zunächst nicht umgehen konnte, krank wurde und sogar in eine psychiatrische Klinik musste.

Kinderwunsch

Prägend war auch der unerfüllte Wunsch nach weiteren Kindern. Aber nach zwei Fehlgeburten und zwei Eileiterschwangerschaften, musste ich mich schmerzlich damit abfinden, keine weiteren Kinder bekommen zu können. Lange konnte ich kein Baby auf den Arm nehmen ohne zu weinen. Ich bin auf wenig Verständnis gestossen und ich habe Sätze gehasst wie: „Das passiert in der frühen Schwangerschaft, ist ganz normal“ und „Sei froh, dass du eine gesunde Tochter hast“. Ich fand es furchtbar, dass meine „Kinder“ einfach nur als Müll entsorgt worden sind und war einfach nur unendlich traurig. Zum Glück gibt es da heutzutage andere Möglichkeiten.

Getröstet wurde ich dann dadurch, dass ich sehr früh Oma werden durfte und ja, ich war und bin das mit Leidenschaft. Die gemeinsamen Urlaube mit den Kindern waren für mich und meinen Mann die absoluten Highlights.

Umbruch in meinem Leben

2016 kam dann der Abschied von der Arbeit, von unserem Haus und der Umzug ins Ruhrgebiet zu meinen Schwiegereltern. Da mein Schwiegervater Demenz hatte, brauchte meine Schwiegermutter unsere Unterstützung. Im Januar 2019 ist dann aber sie unerwartet an einem Herzinfarkt gestorben und ich habe Schwiegervater quasi „geerbt“. Er hat es versucht, aber er konnte es in der Wohnung, in der er mit seiner Frau gelebt hatte, nicht mehr aushalten. Da war für ihn überall seine Lore und so ist er freiwillig – obwohl ich mich schwer damit tat – in ein Altenheim gezogen und das hat auch relativ gut geklappt. Ich war täglich bei ihm und habe ihn dann auch im Sterben intensiv begleitet. Im Dezember 2019 ist er dann in meinem Beisein friedlich eingeschlafen.

Gleich darauf ging es meinem Mann, der bereits seit zehn Jahren unter einer chronischen Darmkrankheit litt, deutlich schlechter und bei einer Kontroll-Darmspiegelung bekamen wir dann im März 2020 die Diagnose: Darmkrebs, gestreut in Leber, Bauchfell und Lymphknoten, keine Heilung möglich. Empfohlen aber palliative Chemo und so begannen 15 Monate voller Trauer, Tränen, Hoffnung, voller Schmerz, aber auch voller Leben und voller Liebe. Noch knapp zwei Wochen vor seinem Tod sind wir zu einem kurzen 5-tägigen Urlaub aufgebrochen. Damit hat er seine letzten Kräfte verbraucht und ist dann einige Tage später im Beisein seiner Familie Zuhause verstorben.

Seit 17.6.2020 ist mein Familienstand jetzt also Witwe.