Wahl des Bestatters – Vorsorge

Kaum ist der Angehörige verstorben, muss man schon die erste schwierige Entscheidung treffen:

Die Wahl des Bestatters

In diesem absoluten Ausnahmezustand erscheint das irgendwie unmöglich. Man kann jetzt nichts entscheiden. Da ist Gefühlschaos, da hat der Kopf keinen Raum. Man hat jetzt weder Kraft noch Zeit sich umzuhören. Eventuell erinnert man sich zwar an eine Beerdigung, die einen besonders berührt hat, überlegt den Bestatter zu nehmen, aber wer merkt sich den schon. So wird sicher oft einfach einer genommen, der in der Nähe ist.

Der persönliche Draht

Aber es geht hier nicht um irgendeinen formalen Akt, es geht darum, dass man einem fremden Menschen, das Liebste, das man gerade verloren hat, anvertraut. Es geht darum, dass dieser sorgsam und liebevoll mit dem Verstorbenen umgeht, dass dieser einem nicht einfach nur möglichst viel verkaufen will, sondern auf die persönlichen Wünsche eingeht und einem die größtmögliche Unterstützung in dieser schwierigen Situation gibt.

Ich denke, die meisten Bestatter leisten gute Arbeit und sind einfühlsam, aber ich habe auch schon anderes gehört.
Es ist daher auf jeden Fall hilfreich, wenn man sich schon im Vorfeld informiert! Und mit Vorfeld meine ich nicht, dann, wenn der Partner oder die Angehörige bereits krank ist. Denn während der Krankheit ist da vielleicht noch eher und viel mehr eine gewisse Scheu. Kontakt zum Bestatter aufnehmen, fühlt sich dann vielleicht irgendwie so nach Hoffnung aufgeben an.

Bestattungsvorsorge

Nein, die Bestatter sind nicht erst im Sterbefall für einen da, sondern offen und dankbar für Beratungstermine auch dann, wenn noch kein Sterbefall in Sicht ist. Das Stichwort ist hier „Bestattungsvorsorge“. Man kann sich nicht nur informieren, sondern sogar schon festlegen, was man in hoffentlich ferner Zukunft einmal möchte. Etwas wofür euere Angehörigen sicher dankbar sind. Es ist für diese hilfreich, wenn ihr klare Ansagen macht, wo und wie Ihr bestattet werden wollt.

Was aber auf jeden Fall Fakt ist, die Kosten bei den Bestattern sind sehr unterschiedlich. Es ist sicher gut zu wissen, was da so auf einen zu kommt. Eine Bestattung ist leider teuer. Es gibt Bestatter, die arbeiten mit einem Pauschalsatz, der den Standardsarg und die Grundversorgung beinhaltet. Ansonsten kann sich das schon schnell summieren. Von einer Bekannten habe ich gehört, dass sie sogar die Handschuhe der Sargträger extra bezahlen musste.

Vorgehen im Todesfall

Nachdem der Totenschein vorliegt, darf man sich noch Zeit zum Verabschieden lassen.
Danach geht es zunächst einmal darum, dass der Verstorbene abgeholt wird. Unabhängig davon ob es schon einen vorherigen Kontakt zu einem Bestatter gab, reicht hierzu oft ein Anruf.

Dabei kann der Zeitpunkt noch induviduell abgestimmt werden. Der Verstorbene evtl. noch über Nacht bei einem bleiben. Das persönliche Gespräch kann meist auch erst danach statt finden. Allerdings sind hier die folgenden Informationen schon wichtig: Wo wird der Verstorbene abgeholt? Kann man mit dem Sarg zum Verstorbenen (im Krankenhaus/Altenheim/Hospiz meist problemlos möglich) oder gibt es ein enges Treppenhaus?
Sollte eine Urnenbestattung geplant sein, gibt es hier ein erstes Einsparpotential. „Ich möchte bitte, dass mein Angehöriger mit dem Standardsarg abgeholt wird, da mein Angehöriger verbrannt werden soll“.
Die „Gestellung, Desinfektion und Reinigung des Überführungssarges, sowie die Erneuerung des Sarginnenausschlages“ hat mich 2018 Euro 109,– gekostet, was vermeidbar gewesen wäre, da mein Schwiegervater in einem Seniorenheim verstorben ist.

In einer Privatwohnung ist ein würdevoller Abtransport im Standardsarg allerdings nur selten und wenn überhaupt eher nur im Erdgeschoss möglich.

Wichtig: die Sterbeurkunde und der Personalausweis sollen meist direkt mitgegeben werden, evtl. auch schon die Krankenkassenkarte und das Familienstammbuch. Für die Abmeldung beim Standesamt sind je nach Lebenssituation unterschiedliche Papiere notwendig, über die der Bestatter dann informiert.

Erstgespräch

Das erste Gespräch kann dann sowohl Zuhause als auch beim Bestatter stattfinden. Doch auch dann müssen noch nicht alle Entscheidungen getroffen werden! Die erste wichtige Frage lautet:

Soll der Verstorbene noch aufgebahrt werden, weil es noch Angehörige gibt, die sich verabschieden möchten?

Weitere Fragen:

  • Form der Bestattung: Erd- oder Feuer?
  • Wird der Druck von Karten gewünscht?
  • Zeitungsanzeige?
  • Gibt es bereits eine Grabstätte, bereits eine Entscheidung wo bestattet werden soll?
  • War der Verstorbene Mitglied einer kirchlichen Gemeinschaft? Soll es eine Messe geben oder wird ein freier Trauerredner gewünscht?
  • Welche Formalitäten kann der Bestatter übernehmen? Abmeldung beim Standesamt, Kündigen von Versicherungen, Verträgen … In meinem Pauschalsatz war dieses enthalten, bitte nachfragen wie es ansonsten mit den Kosten aussieht.
  • Auswahl des Sarges/der Urne
  • Blumen, Dekoration, Bild des Verstorbenen

Die Gestaltung der Trauerfeier würde ich bei einem weiteren Termin besprechen und auch der Termin der Bestattung hat noch Zeit!

Zur Unterstützung bekommt man meist vom Bestatter noch eine Checkliste. Diese beinhaltet was alles wie und zu welchen Fristen zu erledigen ist, aber auch hier gilt: vieles hat Zeit. Die meisten – leider nicht alle – Vertragspartner reagieren im Todesfall kulant.

Sonderfall bei meinem Mann

Der gewünschte Bestattungsort ist nicht der frühere Wohnort, nicht der Ort des Versterbens. Bei uns lagen hier ungefähr 100 km dazwischen.

Wir haben uns dann einen Bestatter vor Ort entschieden, den ich bereits kannte und mit einem zweiten am Bestattungsort, den meine Tochter bereits kannte, zusammengearbeitet. Je nach Entfernung kann man aber auch alles in einer Hand lassen. Wegen der zeitnahen Abholung und der Erledigung der Formalitäten beim Standesamt, fanden wir den Bestatter vor Ort auf jeden Fall sinnvoller.

Anmerkung zu den Kosten

Vom Gefühl her, feilscht man natürlich nicht bei den Beerdigungskosten. Allerdings muss man auch nicht alles hinnehmen und darf ruhig mal nachfragen, wenn einem ein Posten zu teuer erscheint.
In der Regel bekommt man nach dem ersten Gespräch ein schriftliches Angebot, das der Bestatter dann unterschrieben zurück haben möchte. Dieses sollte man sich in Ruhe ansehen und kann hier gerne noch Änderungswünsche mitteilen. Ich hatte mir z.B. für die Bestattung meines Schwiegervaters ein großes gerahmtes Bild gewünscht, wie man es bei vielen Beerdigungen sieht. Im Kostenvoranschlag fand ich dann die folgenden Posten (2018):
Rahmung eines Fotos (6 Euro), Gestaltung und Dekoration einer Staffelei während der Trauerfeier, inklusive termingerechter Anlieferung (59 Euro). Und ja, hierbei hat sich alles in mir gesträubt. 65 Euro für das Aufstellen eines Fotos – nein. Ich war wohl die Erste, die dieses dann zurück genommen hat und mein Bestatter hat mir dann sogar angeboten, das ausnahmsweise kostenlos zu machen. Inzwischen hatte ich mich jedoch dagegen entschieden.

Die Dekoration, die sehr schön war und für die ich gerne 119 Euro bezahlt habe, hat ohne das Foto dann auch noch besser gewirkt.

Bestatter leisten mehr

Ganz wichtig, die Arbeit des Bestatters endet nicht mit der Beerdigung. Ein guter Bestatter ist danach auch noch für einen da. So lautete nach dem Tod meines Mannes das Angebot: Sie können uns jeder Zeit anrufen, wenn Sie einfach nur jemanden zum Reden brauchen. Als ich einmal noch telefonisch etwas wissen wollte und die Mitarbeiterin merkte, dass es mir in diesem Moment so überhaupt nicht gut ging, kam sofort das Angebot: „Ich kann gerne kurz bei Ihnen vorbei kommen.“

Auch lange danach gibt es teilweise noch besondere Angebote. Hierzu zählen Trauergespräche, jährliche Trauermessen oder besondere Rituale. Hier gab es bei unserem Bestatter, das jährliche Setzen von Bäumen auf einem Friedhof.

4. Buchvorschlag

Larissas Vermächtnis ~ Katrin Biber
Larissas Vermächtnis ~ Katrin Biber

Heute möchte ich euch nicht nur ein besonderes Buch, sondern vor allem einen besonderen Menschen vorstellen.

Katrin Biber, Katy vom Seelensport(R). Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich sie bei mehreren Zoomtreffen live erleben durfte. Katy ist ein so sympathischer Mensch, den man einfach bewundern muss. Sie hat einen sehr traumatischen Schicksalsschlag überwunden und dadurch etwas völlig Neues kreiert, den Seelensport. Damit hat sie ihr Leben völlig neu gestaltet.

Zum Buch

Es ist kein Sachbuch mit Ratschlägen, sondern ein Erlebens- oder vielleicht trifft es das eher – ein Überlebensbericht.

2013 verschwindet Katrin´s Schwester Larissa auf dem Heimweg von einer Party spurlos. Nach Zeit der Ungewissheit stellt sich heraus, dass sie ermordet worden ist, ermordet von ihrem damaligen Freund. Katrin erzählt offen und ehrlich über diese Zeit, lässt uns teilhaben an diesem schrecklichen Jahr, lässt uns teilhaben an ihrem Weg zurück ins Leben.

Es folgt eine lange, schmerzvolle Zeit für Katrin und ihre Familie. Irgendwann fragt sie sich, was ihre lebenslustige Schwester in ihrer Situation wohl getan hätte. Also zieht Katrin ihre Sportschuhe an und beginnt, ihrer Trauer mit Bewegung zu begegnen – es wirkt!

Katrin Biber, Larissas Vermächtnis, aus dem Klappentext

In diesem Buch geht es um ihre Gefühle, ihren Schmerz, ihre Schuldgefühle und ihren Umgang damit. Doch es geht nicht nur um Katrin. Wir lernen auch die Eltern und Geschwister kennen und es gibt auch Rückblicke auf die Vergangenheit wie z.B. auf die Krebserkrankung der Mutter.

Das Buch ist zwar ein bißchen geschrieben wie ein Roman, was die Lesbarkeit erleichtert, aber man ist sich zu jedem Moment der schrecklichen Wahrheit, die dahinter steckt, bewusst.

Kann man so etwas als Trauernde lesen?

Von vielen Trauernden höre ich, dass sie gar nicht mehr lesen können. Sie können in Büchern keine Liebe, keinen Tod, keine Krankheiten ertragen und das macht eine Buchsuche natürlich sehr schwierig.
Doch die Trauer ist doch eh da, wir können ihr doch so oder so nicht entfliehen. Warum also nicht ein Buch lesen darüber, wie eine andere Frau den Weg der Trauer gegangen ist?

Ich sage also: „Ja“, aber man sollte schon gut in sich hinein fühlen, ob man das möchte und kann und vor allem, wann der richtige Zeitpunkt für dieses Buch ist.

Man fühlt sehr intensiv mit Katy mit und ja, ich hatte einige Male Tränen in den Augen. Man findet sich wieder in ihren Gefühlen der Verzweiflung, des Schmerzes. Fühlt sich verbunden mit ihr und dadurch auch irgendwie getröstet, fühlt sich nicht mehr so alleine in seinem Schmerz.
Man wird angeregt durch Katys Weg und kann auch aus ihren Fehlern, zu denen sie ebenfalls offen steht, lernen.

Dazu kam bei mir auch wieder ein Gefühl von Dankbarkeit, das sich bei mir oft einstellt, wenn ich die Geschichten von anderen Trauernden höre. Ja, man kann Schicksalsschläge nicht werten, aber es tröstet mich immer, wenn ich merke, dass andere viel Schlimmeres durchgemacht haben als ich. Auch, wenn der Verlust des geliebten Partners an sich natürlich schlimm genug ist.

Allerdings habe ich etwas länger zum Lesen dieses Buches gebraucht. Es ist zwar sehr spannend geschrieben, aber es fühlte sich für mich besser an, es in mehreren größeren Abschnitten zu lesen.

Fazit

Auch wenn eine traurige Realität dahinter steckt, ein wunderbares und vor allem mutmachendes Buch. Es ist toll geschrieben und es ist so berührend, wenn Katy mit uns ihre Tagebucheinträge teilt. Mir hat es trotz der Tränen gut getan es zu lesen und ich habe einige Anregungen mitgenommen.
Danke Katy.

Katrin Biber
Larissas Vermächtnis
Piper Verlag
ISBN 978-3-492-31588-3

Trauer als Freund

zwei Bänke vor einem Haus an einer Brücke

Ich kann gar nicht mehr sagen, wer mir diesen Gedanken, die Trauer als Freund zu betrachten, in den Kopf gepflanzt hat. Zunächst erschien er mir auch völlig abwegig.
Aber nein, lasst ihn mal sacken und vielleicht kommt dann auch ihr mit mir zu dem Schluss, doch, der Gedanke hat etwas …

Kampf gegen die Trauer

In der ersten Zeit habe ich mich gegen die Trauer gewehrt. Ich bin ja ich, ich bin stark, ich schaffe das. Ich habe mich ja auch in der Theorie schon mit dem Thema befasst, ich habe ja schon die 15 Monate während der Krankheit meines Mannes getrauert. Nun ist genug.
Ich hatte nach dieser langen Zeit der Krankheit einfach nur Sehnsucht nach normalem Leben, aber die blöde Trauer war da, obwohl ich sie nicht wollte und so habe ich sie als Feind bekämpft.
Ein Kampf, den ich so natürlich nicht gewinnen konnte.

Es stellt sich auch die Frage, ob diese Art von Tapferkeit wirklich ein Zeichen von Stärke ist, oder zeigt es nicht viel mehr Größe, wenn man ehrlich zu seinen Gefühlen steht.

Die Trauer als Freund annehmen

Mir hat dieser Gedanke dann tatsächlich geholfen.
Verholfen zu mehr Ehrlichkeit – mir und auch anderen gegenüber – und vor allem natürlich zur Annahme meiner Situation, zur Änderung meiner Einstellung hierzu.

Ich war so naiv. Da wir eine lange Zeit des Abschiednehmens hatten („Vorweggenommene Trauer“) habe ich mir wirklich eingebildet, dass das meine Trauerzeit auf ein paar Wochen verkürzen würde. Das haben wir auch so in einem Seminar in der Theorie mal diskutiert und beschlossen …
Dadurch, dass die ersten Wochen auch gut liefen, hat mich das in dieser Annahme noch bestärkt.
Heute sage ich, nein, die Trauerzeit ist genauso lang, aber sie ist sicher anders als bei jemanden, der einen plötzlichen Tod verarbeiten muss. Anders sicher vor allem in Bezug auf die Heftigkeit.

Da ist die Trauer also sowieso und wenn ich hier mal aus dem Gelassenheitsgebet zitieren darf:

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.

Gelassenheitsgebet, Reinhold Niebuhr

Nur, weil wir sie nicht wollen, geht sie nicht weg und Dinge/Situationen, die wir nicht ändern können, müssen wir annehmen, zu denen können wir dann nur die Einstellung ändern. Genau darum geht es hier.
Mach dir deinen Feind zum Freund.

Was hat sich verändert?

So banal das klingt, ich habe Kraft gespart, Kraft, die man in dieser Zeit ja dringend braucht.
Und es war noch mehr. Es geht nicht nur darum, nicht mehr gegen die Trauer anzukämpfen, sondern man soll sie ja sogar als Freund betrachten und ja, das geht und tut tatsächlich gut.
So habe ich die Liebe zwischen meinem Mann und mir wieder bewusster gespürt und mich tröstend in sie hüllen können.
Doch es ist ein Gedanke, den man zwischenzeitlich immer mal wieder vergisst, den man sich häufiger wieder ins Bewusstsein rufen sollte, der deshalb vielleicht sogar an die Wand gepinnt gehört.

Wieso kann Trauer Freund sein?

Nur wer liebt, kann schmerzhaft verlieren. Nur wer geliebt hat, kann unter dem Verlust leiden. Nur wer die Liebe kannte, kann so richtig von Herzen trauern. So gesehen ist der Schmerz/die Trauer auch ein Geschenk, ein Zeichen der besonderen Verbindung; ein Zeichen, dass diese nicht mit dem Tod abgebrochen, sondern noch immer da ist.
Mit dem Gedanken kann sich die Trauer gaaanz langsam in ein Gefühl der dankbaren Erinnerung wandeln.

Trauer ist auch ein Geschenk, weil sie zeigt, dass wir noch leben, dass wir noch Gefühle haben, dass wir diese zeigen und teilen können. Sie ist ein Geschenk, weil sie Raum für neue Gemeinschaften schenkt durch das Kennenlernen von anderen Betroffenen, denen man viel schneller nahe kommt als sonst Menschen im „normalen“ Leben.
Vielleicht ist sie ja auch ein Gefühl, das uns schützt, uns ein Stück weit abschirmt, das uns hilft von den anderen Toleranz zu fordern und zu bekommen …

Trauer als Freund. Dieser Gedanke ist natürlich kein Wundermittel, das den Schmerz wegzaubert. Freundschaft baut sich auch ganz zart und langsam auf. Erst ist da nur der Gedanke, dass jemand nett ist und man sich vielleicht vorstellen kann, dass sich hier eine Freundschaft entwickeln könnte, dann wird da langsam mehr daraus, begleitet von Rückschlägen.

Ganz wichtig noch der Gedanke: auch mit einem Freund darf man zanken ;-). Somit sind Ausbrüche der Wut, der Verzweiflung, des Wehrens natürlich vollkommen normal und in Ordnung.

Enden möchte ich heute mit einem wie ich finde wunderschönen und hierzu passenden Zitat von Anselm Grün:

In meinen Wunden wachsen die Perlen. Sie können in mir aber nur entstehen, wenn ich mich mit meinen Wunden aussöhne. Wenn ich die Zähne zusammenbeiße, um meine Wunden krampfhaft zu verschließen, kann darin nichts wachsen. …

Aus meinen Wunden wachsen Perlen, Pater Dr. Anselm Grün; der vollständige Text findet sich hier

Palliativbetreuung

Der Laacher Engel

Wortbedeutung

Viele zucken zusammen, wenn sie das Wort „palliativ“ hören, weil man natürlich sofort an Tod und Sterben denkt.

Ja, es stimmt, wer eine palliative Betreuung in Anspruch nehmen muss, hat eine unheilbare Diagnose.
Palliativ hat aber an sich eine positive Bedeutung.

Palliativ leitet sich von lateinisch pallium „Mantel“ ab und bedeutet wörtlich „ummantelnd“. Ist das nicht ein wunderbarer Gedanke? Den schwer Kranken zu „ummanteln“, einzuhüllen in Hilfe, Schutz, Geborgenheit?

Die Palliativtherapie ist eine Therapie, die nicht auf Heilung abzielt sondern Symptome lindert. Sie kann beginnen sobald man eine Diagnose „unheilbar“ hat. So kann sie auch schon bei der palliativen Chemotherapie unterstützen und helfen die Nebenwirkungen zu lindern.

Sie dient letztendlich der Verbesserung der Lebensqualität und ist dabei ganz nah beim Patienten. Es geht zum Beispiel um die gemeinsame Überlegung, wieviel Schmerzmittel genommen werden sollte. Auf sich verändernde Situationen kann schnell reagiert werden. Meist ist es eine Kombination aus Palliativarzt und Palliativdienst. Somit wird dann eine 24-Stunden-Erreichbarkeit möglich.
Glaubt mir, auch wenn ich mich zunächst gescheut habe da nachts anzurufen, es ist ein so beruhigendes Gefühl es zu können …

Der Weg dahin

Eigentlich einfach – sofern man den Betroffenen vom Nutzen überzeugen kann, was sicher zunächst einmal eine echte Herausforderung ist. Ich habe es mit dem Begriff „Ummanteln“ geschafft.

Bedingung ist zunächst die Diagnose einer unheilbaren Krankheit mit einer begrenzten Lebenszeit. Für den Besuch beim Palliativarzt braucht man dann „nur“ eine Überweisung vom Hausarzt. „Nur“ ist gut, denn unser Hausarzt war dagegen, hielt so gar nichts vom Palliativdienst. „Da kommen dann nur irgendwelche Frauen, die helfen Ihnen auch nicht weiter.“
Doch ich war hartnäckig und so hat er sie uns dann doch ausgestellt.

In Oberhausen war es so, dass die Palliativärzte entsprechend dem Wohngebiet eingeteilt waren und so hatte ich schnell, den für uns Zuständigen herausgefunden. Der Erstkontakt am Telefon war gut. Ich habe kurzfristig einen Termin bekommen und durfte auch zum Erstgespräch alleine kommen. Ich bin so froh, dass ich das gemacht habe. Bitte wagt diesen Schritt in einer vergleichbaren Situation.

Der Arzt hat sich für mich viel Zeit genommen. Dann hat er mich mit dem Satz geschockt: „Ich komme dann heute Nachmittag bei Ihnen vorbei.“ Puuh, an sich toll, aber mein Mann war ja noch gar nicht so wirklich überzeugt. Wäre er damit einverstanden? Der Arzt nahm mir die Bedenken, in dem er sinngemäß äußerte als Freund zu kommen. Mein Mann würde gar nicht merken, dass ein Arzt da sei.

Der erste Besuch

Mein Mann war dann tatsächlich mit dem Arztbesuch einverstanden und zum Glück waren die beiden tatsächlich gleich auf der selben Wellenlänge. Sie haben sich gut über alles Mögliche unterhalten und nur so nebenbei floss das Medizinische ein.

Und dann kam dieser Moment, den ich niemals vergessen werde. Der schönste Liebesbeweis, den mein Mann mir je gemacht hat und ja, ich habe das in einem anderen Artikel auch schon drin, weil es mich einfach so unendlich bewegt hat und auch immer noch bewegt.
Der Arzt fragt meinen Mann nach seiner größten Sorge und erwartete sicher so etwas wie: Angst vor dem Sterben, große Schmerzen oder Pflegebedürftigkeit. Aber nicht bei meinem Mann! Seine größte Sorge galt mir ♥.

„Ich habe Angst, dass meine Frau sich nach meinem Tod verkriecht.“

Liebesbeweis und Aufgabe zugleich. Auch jetzt habe ich wieder Gänsehaut.

Der weitere Verlauf

Da es meinem Mann noch relativ gut ging, kam der Arzt zunächst einmal in der Woche. Mein Mann hat von Wohnmobilreisen erzählt und ja, er kam als Freund und als Arzt. Wir haben hierbei etwas über Schafzucht gelernt.
Immer stand die Lebensqualität im Vordergrund und hier konnte er wirklich helfen, zum Beispiel was die Nebenwirkungen der Chemo betraf. Er konnte die Angst vor Schmerzmedikamenten und die Scheu vor Morphium nehmen. Vor allem konnte er gut beraten und unterstützen, als mein Mann die Chemo dann abbrechen wollte und auch abgebrochen hat.

Sein Besuch galt aber auch mir. Er hat auch mich mitbetreut, gefragt wie es mir geht, ob ich Hilfe bräuchte. Er war es dann auch, der mir den Kontakt zum ambulanten Hozpizdienst empfohlen hat. So habe ich eine sehr nette Dame gefunden, bei der ich meine Sorgen und Nöten los werden konnte. Durch Corona leider nur telefonisch.

Der Palliativdienst

Als sich der Zustand meines Mannes verschlechtert hat, wurde der Palliativdienst eingeschaltet. Dieser kam dann zunächst zweimal die Woche.
Der Palliativdienst ist aber bitte nicht mit einem Pflegedienst zu verwechseln. Dieser ist eher Bindeglied zwischen Arzt und Patient. Er kommt, um den Zustand und Bedarf zu erfragen und diesen dann an den behandelnden Arzt weiterzuleiten. Er übernimmt auf Wunsch den medizinischen Teil der Versorgung wie Verbandswechsel, Dekubitusversorgung, Morphiumspritzen setzen oder Pflaster wechseln.
Hiermit ist dann auch der 24-Stunden-Kontakt gewährleistet.

Am Ende kam der Palliativdienst dann einmal täglich und zusätzlich bei Bedarf. Am Ende des Leidensweges meines Mannes habe ich dies auch tatsächlich mal nachts in Anspruch nehmen müssen.

Unser Engel

Ich habe bewusst einen Engel für das Foto gewählt, weil uns mit diesem Arzt in dieser ach so schweren Zeit ein Engel begegnet ist. Ja, es klingt kitschig, aber unser Arzt war einfach ein Engel, war ein ganz besonderer Mensch. Wir waren ihm als Menschen wichtig. Er hat alles angesprochen und auch die Überlegung „Hospiz“ in den Raum gestellt. Für viele sicher auch eine Erleichterung, wenn dieses von neutraler Seite angesprochen wird. Er ist unserem Weg gefolgt, hat Hinweise gegeben, aber nicht diskutiert. Er hat die Entscheidung, in kein Krankenhaus mehr zu wollen sofort akzeptiert und ist auch sehr einfühlsam mit dem Thema Morphium umgegangen. Mein Mann hat Schmerzmittel zunächst völlig abgelehnt, aber durch ihn dann doch gemerkt, dass diese zur Lebensqualität beitragen.

Schön war auch seine Aussage, dass er uns nicht beim Sterben sondern beim Leben helfen wolle. Sein Ziel war die Lebensqualität bis zum letzten Moment zu erhalten. Er sprach auch von einer Statistik, dass Menschen, die palliativ gut versorgt werden, länger leben als andere und vor allem auch länger leben wollen.

Als es meinem Mann immer schlechter ging, ist er sogar von sich aus an einem Feiertag gekommen. Sogar als er eigentlich bereits seit ein paar Stunden Urlaub hatte, war er noch ein letztes Mal bei uns.
Bei der Verabschiedung hat er dann angedeutet, dass wir uns wohl nicht mehr sehen würden. Er hat mich eingeladen, ich dürfe auch jeder Zeit nach dem Tod von Klaus in seine Praxis kommen, wenn ich das Bedürfnis hätte nochmal reden zu wollen.

Und obwohl dieser Arzt soviel macht, dass die Zeit am Tag eigentlich nie ausreichen kann, möchte er, dass Patienten so früh wie möglich und nicht erst dann, wenn die letzten Wochen beginnen, Kontakt zu ihm aufnehmen. Je besser er den Patienten kennt, um so besser kann er natürlich am Ende helfen.

Ich wünsche allen, die diese Art Hilfe suchen müssen, dass sie ebenfalls auf so einen engagierten und empathischen Arzt treffen. Auch die Mitarbeiter vom Palliativdienst kann ich alle nur loben. Besonders der Pfleger, der die letzten Tage mit uns durchgestanden hat, war mir so eine große moralische, ermotionale und praktische Unterstützung.
Danke.

Auf der Suche nach Begeisterung

Zurück ins Leben finden

absolute Begeisterung, damals habe ich mir mutig einen Traum erfüllt

Wie es zu diesem Beitrag kam

Kennt ihr das, wenn eine harmlose Frage euch im Nachhinein aufwühlt und ganz viel in Bewegung setzt?
So ist es mir gegangen als ich mich am Sonntag vor einer Woche mit einer neuen Bekannten in einem Lokal an der Sieg zum Essen getroffen habe. Wir hatten eine gute Zeit zusammen, obwohl wir ganz unterschiedliche Typen sind. Ich bin eher die Stille und so hat sie, was mir sehr angenehm war, viel Spannendes erzählt. Um dann auch etwas mehr von mir zu erfahren, kam dann irgendwann von ihr die Frage: „Und was kann dich so begeistern?“

Meine Begeisterung

Und ja, ich konnte etwas nennen. Trotz meiner immer noch vorhandenen Trauer gibt es sie wieder, die Begeisterung in meinem Leben. Wow. Welch ein Geschenk, wenn man sich das so richtig bewusst macht.

Meine Begeisterung gilt dem Singen, dem Gospelchor, indem ich seit Mitte Juni bin und in dem ich mich schon richtig Zuhause fühle. Ganz oft trällere ich jetzt vor mich hin und ja, ich übe auch ganz bewusst außerhalb der Proben, habe sogar darüber nachgedacht Unterricht zu nehmen. Allerdings schrecken mich die Preise von 60-80 Euro die Stunde schon sehr ab.

Begeistert bin ich auch von meinem neuen Ehrenamt, bei dem ich ein Flüchtlingskind im dritten Schuljahr betreue. Ich helfe ihr derzeit einmal in der Woche, die Lücken bei Deutsch und Rechnen aufzuholen.

Ein nachdenklicher Abend

Das Thema Begeisterung ist dann den ganzen restlichen Abend noch durch meinen Kopf geschwirrt.
Was war man früher leicht zu begeistern. Doch irgendwann im Alltag – nicht erst in der Zeit der Trauer – ist bei mir viel von dieser Fähigkeit verloren gegangen. So traurig eigentlich.

Ich bin sehr froh über diese Frage, die mir bewusst gemacht hat, dass sich die Begeisterung und die Freude vorsichtig, langsam, fast unbemerkt wieder in mein Leben geschlichen haben.

Doch da ist sicher noch mehr. Im Moment bin ich auf der Suche nach weiteren ehrenamtlichen Aufgaben.
Sollte ich nicht lieber suchen, was mir gut tut, statt nur danach zu suchen, wo ich mich für andere engagieren kann? Darf oder sollte ich nicht erst einmal Balsam für meine Seele finden, damit ich dann offen bin für andere Aufgaben und vor allem die Kraft dazu habe? Erst einmal wieder lernen, mich selbst zu lieben und ja, auch mein neues Leben?

Auf der Suche nach Begeistrung. Jetzt steht mir ja eigentlich die Welt offen. Da ist doch jetzt eine völlig neue Freiheit und auch wenn es eine Freiheit ist, die ich nie wollte, kann ich sie doch nutzen und ihr etwas Positives abgewinnen, etwas Neues ausprobieren.

Motivierende Unterstützung

Der Kalenderspruch von Sonntag:

Du kannst mit einer einzigen Entscheidung deine eigene Legende erschaffen.

Lars Amend, IT´S ALL GOODIES 2021

Abends höre ich dann eine neue CD und ja, auch diese Lieder passen zum Thema Kraft, Neubeginn, Freude. Siegfried Fietz sang darüber, dass er mir Kraft wünscht, mich selbst zu entfalten und Stärke, den Ängsten entgegenzuhalten.

Konkretere Gedanken

Was hat mich früher begeistert? Woran kann ich wieder anknüpfen? Was hat mich schon immer mal gereizt und wozu hatte ich nie die Gelegenheit es zu tun?

Gar nicht so einfach. Da kommt mir zwar einiges in den Sinn, doch ganz schnell kommt diese böse Wörtchen „aber“. Ich hab ja doch kein Talent, bin zu alt dafür, wozu das Ganze, das geht doch nicht …

Durch den Kopf schwirren mir Gedanken wie Studieren, Tanzen, Sport, Nähen, Basteln, Malen, ein Instrument lernen, Theaterspielen, Fotografieren …

Möglichkeiten gibt es also genug, entscheiden muss ich mich ganz alleine.

Ich habe viel recheriert und auch einiges gefunden, aber am Abend und am Tag danach war die ganze Euphorie dann auch ganz schnell wieder verschwunden.
Woher soll ich die Energie, die Kraft nehmen? Ja, ich habe unglaublich viel geschafft und bin auch stolz darauf, doch immer noch strengt mich Vieles einfach ein.
Vielleicht bin ich innerlich doch noch nicht so ganz bereit, um aus dem Überlebensmodus in den Begeisterungsmodus umzusteigen. Vielleicht sollte ich die Begeisterung erst einmal in den kleinen Dingen suchen, erst einmal mit dem weiter machen, was ich schon auf den Weg gebracht habe.

Vier Tage später, Donnerstag

Ich fühle mich erlöst, befreit. Die Suche nach Begeisterung hat zwar noch zu keinem weiteren konkreten Resultat geführt, aber ich spüre heute am Chortag, die Begeisterung viel intensiver. Wow, sogar zwei Chorschwestern haben mir angeboten, mich bei dem Gewitterwetter abzuholen und im Auto mitzunehmen. Und abends als ich nach Hause komme, fühle ich mich zum ersten Mal wieder unbeschwert und glücklich. Wow, welch ein Gefühl, auch jetzt im Nachhinein. Gänsehaut.

„Und was begeistert dich so?“ Diese Frage hat mir irgendwie den Anstoss gegeben, mir meine Begeisterung zu erlauben. Ja, es darf mir wieder gut gehen, auch, wenn immer mal wieder die Tränen kommen, die Sehnsucht nach Klaus mich traurig macht.

Doch, ja, das Leben hat mich wieder. Der Weg durch die Trauer ist sicher noch nicht zu Ende, aber ich bin auf einem guten Weg.

Und eines weiß ich genau, Klaus freut sich über meine Begeisterung, freut sich über jeden glücklichen Moment, den ich erleben darf. Die Liebe bleibt. ♥️