Blick auf die große Brücke zu Rouen ~ Camille Pissarro, Kunsthalle Karlsruhe

Blick auf die große Brücke zu Rouen bei Regenstimmung ~ Camille Pissarro, 1896 Kunsthalle Karlsruhe

Ich trug meinen langen schwarzen Mantel und war sehr aufgeregt als ich meinen Fuß auf die Bücke setze. Es war so weit! Heute, an diesem Dienstagmorgen würde ich zum ersten Mal die Brücke überqueren. Lange hatte ich dem Tag entgegengefiebert, den Geschichten meiner Brüder gelauscht. Drüben auf der anderen Seite war das Leben ein anderes.

Hier in der Stadt kannte ich die Wege rund um unser Haus, kannte die Menschen, die nebenan wohnten. Ich kannte die Händler am Flussufer.

Drüben sollte alles anders sein. Dort lebte das einfache Volk, dort würde ich nicht hingehen. Niemals, hatte meine Mutter gesagt. Meine Brüder gingen oft mit Vater über die Brücke. Sie trieben Handel mit den Handwerkern und brachte Dinge mit, die mich begeisterten. Manchmal waren sie tagelang fort, gar Wochen und dann kam der eine Tag, der Tag an dem nur einer meiner Brüder zurück kehrte, ohne Vater, ohne Kutsche, ohne Waren.

Meine Mutter war verzweifelt gewesen. Tagelang weinte sie, kam nicht mehr aus ihrem Zimmer, aß nichts mehr, bis sie immer schwächer wurde. Eine Tante kam und half so gut sie konnte. Doch viel konnte sie nicht mehr tun.

Die Beisetzung meiner Mutter ist nun drei Tage her. An der Hand meiner Tante gehe ich nun über die Brücke. So lange hatte ich mich danach gesehnt, vor Neugier. Ich hatte wissen wollen, wie das Leben auf der anderen Seite der Brücke so sein möge.

Und nun gehe ich Schritt für Schritt in ein neues Leben. Ob ich jemals wieder zurück kehren werde?

„Sieh nicht zurück, mein Kind“, sagt meine Tante.

Ich drücke ihre Hand fester und gehe weiter, ein Schritt nach dem anderen. Da sind so viele Menschen, die mit uns über die Brücke gehen, als wäre es das alltäglichste überhaupt. Niemand ahnt, dass es für mich das erste Mal ist und möglicherweise auch das letzte.

***

Diese Geschichte entstand während der Kreativzeit am Mittag vom 24. Februar 2024. Ich habe diese selbst angeleitet und die Inspiration aus der Gruppe genutzt. Von der Entwicklung der Geschichte war ich selbst überwältigt, das war nicht geplant. Als meine Figur den Fuß auf die Brücke setzte, ahnte ich nicht, was geschehen war. 

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